Was
macht einen guten Kriegsfilm aus? Die Tatsache, dass er möglichst
detailliert darzustellen vermag, wie der Krieg wirklich war und ist?
Wenn der Film dazu noch das Prädikat "Anti-Kriegsfilm"
verdient, denkt man als Kinogänger vielleicht an ein Beispiel
jüngerer Zeit: "Der Soldat James Ryan". Wer erinnert
sich nicht an die ersten 30 Minuten, in denen uns - oft in Großaufnahme
- gezeigt wurde, wie sich amerikanische und deutsche Soldaten gegenseitig
die Köpfe einschießen? Zweifellos: "Der Soldat James
Ryan" ist ein guter Film. Aber muss ein Film, der dem Zuschauer
die Sinnlosigkeit und Kälte des Krieges vorführen soll,
zwangsläufig in allen Einzelheiten die Grausamkeiten einer Schlacht
zeigen? Das berühmteste Gegenbeispiel ist David Leans "Die
Brücke am Kwai".
Im Jahr 1943 sollen britische Kriegsgefangene für die Japaner
eine Brücke über den Fluss Kwai bauen. Diese Brücke
ist so wichtig, weil sie die geplante Eisenbahn-Linie zwischen Bangkok
und Rangun, im heutigen Birma, verbinden wird.
Nun führt der englische Kommandant Nicholson (Alec Guinness,
"Doktor Schiwago", "Krieg der Sterne") seine
Leute in das Lager des japanischen Kommandanten Saito (Sessue Hayakawa).
Saito ist dafür verantwortlich, die Brücke binnen weniger
Monate fertig zu stellen. Dafür verlangt er von seinen Gefangenen,
dass sie mit vollem Einsatz arbeiten - auch die Offiziere. Doch
hier treffen die beiden Kommandanten erstmals aufeinander: Nicholson
beruft sich auf die Genfer Konvention, die es verbietet, gefangenen
Offizieren körperliche Arbeiten aufzubürden. Saito dagegen
fühlt sich dem nicht verpflichtet, da Japan der Konvention
damals nicht zugestimmt hatte. Der erste Akt eines Zweikampfes sondergleichen
beginnt.
"Die Brücke am Kwai" verzichtet fast gänzlich
auf Elemente des typischen Kriegskinos: Schießereien und blutige
Kampfeinlagen sind hier Mangelware - und dennoch ist der Film ein
einziger Konflikt. Hier treffen zwei Männer aus verschiedenen
Kulturkreisen aufeinander. Sie mögen sich nicht, sie haben
völlig unterschiedliche Auffassungen, und trotzdem sind sie
aufeinander angewiesen. Auf den zweiten Blick wird aber deutlich,
dass sie sich sehr ähnlich sind; und genau das ist es, was
diese Beziehung so eindrucksvoll macht.
Da ist Saito, der stolze und mächtige Kommandant der Japaner.
Er ist durch das hierarchische Denken seiner japanischen Heimat
geprägt: Stolz, Ehre und Würde sind ihm das Wichtigste
im Leben. Wie die meisten Japaner im zweiten Weltkrieg verachtet
er die Engländer im Lager, da sie sich gefangen nehmen ließen,
anstatt Selbstmord zu begehen. Sessue Hayakawa spielt die Rolle
dieses Mannes, der die Briten mit traditionellem Samurai-Schwert
empfängt, eindrucksvoll. 1957 war er als bester Nebendarsteller
für den Oscar nominiert, war aber von all den Nominierten dieses
Films der einzige, der letztendlich keine Trophäe in Händen
hielt.
Sein britischer Gegenüber, Alec Guinness alias Colonel Nicholson,
heimste den begehrten Oscar als bester Hauptdarsteller ein. Seine
Leistung hier trug entscheidenden Anteil daran, dass Guinness in
späteren Jahren als Epitom des stolzen Engländers angesehen
wurde, eine Identifikation, mit dem britschen Empire, die ihm schließlich
den Ritterschlag der Königin einbrachte. Ein echter Gentleman,
stolz, mit guten Manieren versehen, aber auch dominant und mit dem
nötigen Durchsetzungsvermögen.
Nicholson und Saito bestehen auf ihren Positionen; sie sind Dickköpfe,
wie sie im Buche stehen. Dazu passt auch, dass jeder den anderen
als "verrückt" bezeichnet. Beide fühlen sich
im Recht, denken keine Sekunde daran, auf den anderen zuzugehen.
Der britische Militär-Arzt Clipton (James Donald) fragt sich
nicht ohne Grund: "Sind sie beide verrückt, oder werde
ich verrückt? Oder ist es die Sonne?" Die Kommandanten
wollen nicht ihr Gesicht verlieren - es geht nur noch um das Prinzip.
Selbst als Nicholson schon drei Tage in grausamer Einzelhaft verkommt,
besteht er auf seiner Forderung, die Offiziere nicht an der Arbeit
mitwirken zu lassen.
Doch während es Saito neben seinem Stolz anfangs darum geht,
Arbeitskräfte für den Brückenbau zu gewinnen, denkt
Nicholson an etwas anderes: Wie kann die Moral der Truppe auch in
Gefangenschaft aufrecht erhalten werden? Wie können die Männer
ihren Status als Soldaten bewahren? Nicholson möchte seine
Einheit nicht zu Sklaven werden lassen, und so setzt er alles daran,
den Japanern die britische Überlegenheit zu demonstrieren.
Dies ist ein Hauptanliegen des Films. Wie schafft man es in solch
einer Hölle, Mensch zu bleiben? Die Sonne brennt unerbittlich,
die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, und jeden
Tag versuchen die japanischen Besatzer die Gefangenen aufs Neue
zu erniedrigen. "Die Brücke am Kwai" zeigt, wie Menschen
in dieser Ausnahmesituation des Krieges denken, wie sie leben, mit
was für Gedanken sie sich herum schlagen. Der wichtigste Punkt
ist aber die Würde. Was auch passiert, mit welchen Schwierigkeiten
sich Nicholson auch konfrontiert sieht - der englische Gentleman
bewahrt seine Würde. Selbst als Saito ihn in einem unbeherrschten
Moment ins Gesicht schlägt, behält er die Fassung - die
Zivilisation siegt über das Chaos im Lager.
Schließlich setzt sich der Engländer durch: die Offiziere
müssen nicht körperlich arbeiten. Doch dabei belässt
Nicholson es nicht; er will die Brücke besser bauen, um der
Mannschaft eine Aufgabe zu geben. Sie sollen nicht das Gefühl
verlieren, Soldat zu sein.
Zusammen mit einigen Offizieren beschließt Nicholson den Bau
einer Brücke, wie sie die Japaner niemals bauen könnten.
Er ist sich der Tatsache durchaus bewusst, dem Feind damit zu helfen.
In dieser Situation kommt es dem Offizier jedoch darauf an, ein
Beispiel zu setzen: "Wir können diesen Barbaren eine Lektion
in westlicher Effizienz erteilen, das wird sie beschämen. Wir
werden ihnen zeigen, zu was britische Soldaten in der Lage sind!"
Es ist immer noch Krieg. Aber dieser Krieg wird anders ausgetragen;
die Gefangenen kooperieren quasi mit dem Feind - und dennoch kämpfen
sie gegen die Japaner, indem sie ihnen im Lager im Punkt der Würde
überlegen sind. Hier siegt der Mensch über den Soldaten,
das humane Denken über den Krieg. Später arbeiten neben
den Offizieren selbst viele Verletzte an der Brücke mit. Die
Genfer Konvention ist vergessen, jetzt geht es um den englischen
Stolz. Nicholson und seine Männer sind Herren über sich
selbst, sie haben eine Aufgabe - und diese wollen sie bestmöglich
erfüllen.
Die Brücke wird entgegen jeglicher Befürchtung noch rechtzeitig
fertig, die englischen Gefangenen haben ein Kunstwerk geschaffen.
Am Tag vor der offiziellen Einweihung lässt Nicholson ein Schild
anbringen: "Diese Brücke wurde von Soldaten der britischen
Armee entworfen und gebaut. Februar bis Mai 1943". Hier ist
etwas geschaffen worden, das auch nach dem Krieg Bestand haben kann.
Eine der bedeutendsten Szenen des Films ist wohl das Zusammentreffen
Saitos und Nicholsons auf der fertigen Brücke. Etwas zurückhaltend
bescheinigt der Japaner seinem Gefangenen die Schönheit der
Brücke. Nicholson ist ob der Arbeit seiner Leute sichtlich
gerührt und sinniert über die vergangenen Wochen. Erneut
zeigt David Lean, wie sich der Mensch immer wieder über den
Krieg hinweg setzt.
Doch ausgerechnet englische Soldaten sollen Nicholsons Werk vernichten:
um die Pläne der Japaner zu durchkreuzen, ist ein Spezial-Trupp
unterwegs, der die Brücke sprengen soll. Als es zum Showdown
kommt, zeigt sich abermals der Mensch im Soldaten Nicholson. Er
bemerkt die Sprengvorrichtungen an "seinem Werk" und versucht
zusammen mit Saito, die Brücke zu retten. Nicholson stellt
sich gegen seine Landsmänner, gegen sein Land, um das Werk
seiner Einheit zu erhalten.
"Die Brücke am Kwai" basiert auf dem gleichnamigen
Roman des französischen Autors Pierre Boulle, der auch schon
die Idee zum "Planet der Affen" hatte. Auch für das
Drehbuch zeichnet er verantwortlich, obwohl ihm inoffiziell weitere
Schreiber zur Seite standen.
Der Film war der große Gewinner der Oscar-Verleihung 1957.
Insgesamt sieben Auszeichnungen (Bester Film, bestes Drehbuch, Hauptdarsteller,
Kamera, Musik, Regie und Schnitt) konnte David Leans Machwerk sein
Eigen nennen.
Die Produzenten präsentieren im Film jedoch nur einen Teil
der historischen Wahrheit. Natürlich - Lean kann nur einen
kleinen Teil dessen zeigen, was sich im Krieg an den Schienen der
sogenannten "Todesbahn" abgespielt hat. An der echten
Thailand-Burma-Railway arbeiteten zwischen Sommer 1942 und Herbst
1943 fast 69.000 Kriegsgefangene, darunter vor allem Briten, Holländer
und Australier. Nachdem die Japaner wegen des zunächst langsamen
Voranschreitens die "Operation Speedo" - Arbeitshetze
ohne Rücksicht auf die Gefangenen - ins Leben gerufen hatten,
wurden weitere 100.000 Menschen aus den besetzten Gebieten China,
Malaysia und Korea herangezogen. Bis zur Fertigstellung starben
nach offiziellen Angaben 16.000 Kriegsgefangene sowie fast 50.000
Asiaten. Doch es gibt keine Zahlen, die belegen, wie viele Menschen
dem Bau der Bahnlinie in Wirklichkeit zum Opfer gefallen sind.
Die Brücke am Kwai gab es wirklich, allerdings war das Original
aus Stahl und wurde erst nach Kriegsende von den Amerikanern zerstört.
Hollywood baute "seine" Brücke in Sri Lanka aus Bambus
nach. Für damalige Verhältnisse war dies ein echtes Mammut-Projekt:
1000 Eingeborene fällten mit Hilfe von 35 Elefanten etwa 1200
Bäume, um die Kulisse für den Film zu erbauen. Damals
war die Brücke, die 35 Meter hoch und 130 Meter lang war, die
größte der Filmgeschichte.
Was ist das Besondere an diesem Film? Actionszenen gibt es zwar,
und die Sprengung der Brücke war für damalige Verhältnisse
sicherlich eine hervorragende Arbeit im Filmgeschäft. Aber
in "Die Brücke am Kwai" dominieren doch die Charaktere
- die Menschen sind die Handlung. Die Beziehung zwischen Saito und
Nicholson ist mit Sicherheit eine der bemerkenswertesten der Filmgeschichte
und war nur mit solch hervorragenden Schauspielern wie Guinness
und Hayakawa zu erreichen; eigentlich hätte man ihnen den Oscar
zusammen verleihen müssen.
Jedes Kind kennt wohl die Melodie des "Colonel Bogey March",
in Deutschland besser als "River Kwai Marsch" ein Begriff;
in jeder Folge des "Traumschiff" wird das Kapitänsdinner
durch dieses Lied eingeläutet, und der Magenbitter Underberg
machte den flotten Pfiff ebenfalls zu seiner Erkennungsmelodie.
Zur Zeit des Erscheinens von "Die Brücke am Kwai"
war der Song in England ein großer Hit.
Neben Guinness und Hayakawa wirken eine Reihe weiterer hochklassiger
Darsteller im Film mit. William Holden, Jack Hawkins und der junge
Geoffrey Horne sind nur Beispiele der guten Besetzung.
All das macht diesen Film wohl zu einem der besten seines Genres.
Und auch heute gilt "Die Brücke am Kwai" als einer
der besten Kriegsfilme aller Zeiten - auch ohne viel Blut und Explosionen.
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