Sieht man sich die Filme von F. Gary Gray an, so
hat man das Gefühl einem Regisseur zuzusehen, der sich nicht
so recht traut zuzugeben, dass er eigentlich gerne ernsthaftes Drama
machen würde. Wie so viele Filmemacher seiner Generation kommt
Gray aus der Videoclip-Ecke, inszenierte so ziemlich alle Größen
des amerikanischen Rap und Soul und wurde mit massig Preisen ausgezeichnet
(u.a. für TLC's "Waterfalls" und Dr. Dre's "Keep
their heads ringin'"). Sein erster Spielfilm, die Ghetto-Komödie
"Friday", war zwar aufgrund eines fürchterlichen
Skripts grottenschlecht, machte aber genug Geld, um ihm einen weiteren
Leinwandversuch zu ermöglichen. 1996 erschien "Set it
off", ein Krimi-Drama um einen Vierertrupp junger schwarzer
Frauen, die aus Verzweiflung zu Bankräubern werden. Ein hervorragender
Film, der Grays Stärke auswies, eine ergreifende Geschichte
mit elegant stilisierten Bildern
für
ein sowohl visuell als auch dramatisch ansprechendes Kinoerlebnis
zu kombinieren. Wäre er dieser Linie nur treu geblieben. Anstatt
sich auf seine eigenen dramatischen Stärken und die nicht zu
verachtenden Fähigkeiten seiner Hauptdarsteller Kevin Spacey
und Samuel L. Jackson zu verlassen, untersetzte Gray seinen dritten
Film, das geschickt konstruierte Psycho-Duell "Verhandlungssache",
mit einer Reihe zwar ansprechender, aber letztlich überflüssiger
und störender Actionsequenzen, die dem schwerpunktmäßigen
dramatischen Potential des Films mehr schadeten als nützten.
Jetzt nun kommt sein vierter Streifen, in dem er leider denselben
Fehler macht: Was grundsätzlich ein Krimi-Drama um einen durch
den Verlust seiner Frau zerrissenen Drogenpolizisten auf Rachetrip
ist, wird durch zuviel Stilisierung und unnötige Action in
die dumpfe Baller-Ecke geschoben, wo der Film eigentlich nicht hingehört.
Der deutsche Titel ist für genau diese Marktplatzierung symptomatisch:
"Extreme Rage" klingt schön tumb und fetzig, während
der Originaltitel "A Man Apart" von vornherein die Zerrissenheit
des Protagonisten in den Vordergrund kehrte. Dieser Zwiespalt zwischen
Charakterdrama und Actionkino erhält weitere Schärfe durch
den Hauptdarsteller: Vin Diesel schoss mit "Pitch
Black" und "The Fast
and the Furious" vom Niemand zur neuen Hoffnung des Muskelkinos
hoch, eine Erwartung, die er mit "Triple
X" mehr als erfüllt hat. "A Man Apart" (um
beim passenderen Originaltitel zu bleiben) sollte wohl eigentlich
Diesels erster Versuch in einer ernsthafteren Rolle werden - die
Remodelierung des Films ins Actionfach wird genau dies leider verhindern.
Was
traurig ist, denn gerade im Vergleich mit den eher lächerlichen
Versuchen anderer Muskelmänner im dramatischen Bereich (man
denke nur an die Bemühungen von Stallone oder Schwarzenegger,
innere Pein auszudrücken), erweist sich Diesel in der Rolle
des Drogenpolizisten Sean Vetter als überraschend ausdrucksstark.
Vetter ist als Undercover-Cop mit seinem Partner Hicks (Larenz Tate,
der O-Dog aus dem Ghetto-Klassiker "Menace
II Society") sehr erfolgreich in der Bekämpfung eines
mexikanischen Drogenkartells: In einer spektakulären Aktion
gelingt es ihnen, den mächtigen Kartellboss Memo Lucero zu
verhaften. Die Hoffnung, der Drogen- und Gewaltspirale damit Einhalt
geboten zu haben, stellt sich indes bald als Trugschluss heraus:
Vetters Haus wird von einem Attentäter überfallen. Er
selbst überlebt schwerverletzt, doch seine Frau Stacy wird
erschossen. Körperlich genesen aber psychisch ein Wrack macht
sich Vetter auf die Suche nach dem Verantwortlichen für den
Tod seiner Frau, und alle Spuren deuten in Richtung eines gewissen
Diablo, der die vakante Machtposition im Drogenkartell mit aller
Gewalt an sich zu reißen scheint.
Genau
genommen ist "A Man Apart" tatsächlich vor allem
das Portrait eines psychisch zerfallenden Menschen, der verzweifelt
versucht, wieder Halt zu finden, doch dabei zusehends die Kontrolle
über sich selbst verliert. Vetters Gewaltausbrüche führen
schnell zu seiner Dienstsuspendierung, und seine Nachforschungen
geraten mehr und mehr zur Selbstjustiz. Dieser an sich ernsthafte
Ton der Story wird jedoch konsequent untergraben von der überstilisierten
Inszenierung: Schon am Anfang hat man das Gefühl, als würde
der problematische Drogen-Grenz-Kontext, wie er vorbildlich in "Traffic"
verarbeitet wurde, hier in eine reißerische Idioten-Show ohne
jede Substanz verwandelt. Und dieser Eindruck mag nicht wirklich
verschwinden: Immer wieder, wenn der Film langsam das Gefühl
für sein wahres Thema gefunden zu haben scheint, macht eine
zwar ordentlich umgesetzte, aber oft überinszenierte Actionszene
die gerade mühsam aufgebaute Stimmung wieder zunichte und es
geht wieder bei Null los. Das wirkt insgesamt zu unstet, auch aufgrund
derber Stilbrüche: In einer Szene zum Beispiel setzen Vetter
und Hicks den kleinsten Drogenhund der Filmgeschichte zur Witterung
an und für ein paar Sekunden gibt es befreiende Lacher, doch
direkt darauf wird der Zuschauer in eine skurrile Hölle von
Blut und Tod geführt, die als Setting auch in "Sieben"
nicht fehl am Platz gewesen wäre.
Eine
weitere Folge des inszenatorischen Ungleichgewichts: Die Geschichte
kommt insgesamt zu langsam voran und mag nicht wirklich packen.
So bleibt denn auch eine Menge Zeit übrig zum Nachdenken über
die Frage, wieso es F. Gary Gray wieder nicht hinbekommen hat, sich
zu entscheiden: Entweder für einen reißerischen Actioner,
oder fürs charakterbetonte Drama. Auch für letzteres wäre
Vin Diesel keine falsche Besetzung gewesen, denn der positivste
Aspekt an "A Man Apart" ist tatsächlich die erfreuliche
Erkenntnis, dass dieser Mann außer extrem viel Ausstrahlung
und physischer Präsenz auch genug schauspielerisches Talent
mitbringt, um in einer solchen Rolle bestehen zu können. Nur
schade, dass es kaum jemand zu würdigen wissen wird, denn als
Zwitterwesen ohne rechtes Ziel bleibt "A Man Apart" zwischen
zwei Genre-Stühlen sitzen und ist letztlich weder das eine
noch das andere. Viel Potential, fast komplett verschenkt. Schade.
Wirklich schade.


der film ist, genauso wie alle anderen filme mit vin diesel, gut :-)
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