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Der Schaum der Tage

Der Schaum der Tage
tragikomödie , frankreich 2013
original
l'ecume des jours
regie
michel gondry
drehbuch
luc bossi
cast
romain duris,
audrey tautou,
omar sy,
aissa maiga,
gad elmaleh,
charlotte lebon, u.a.
spielzeit
125 Minuten
kinostart
3. Oktober 2013
homepage
bewertung

3 von 10 Augen
schaumig

Lieber Michel,

als ich mich mit dir einließ, wusste ich nicht, dass du nur ein Mann für eine Nacht bist. Als ich deinen Film „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ sah, dachte ich, dies wäre der Beginn einer großen, wahren Liebe (übrigens, der schöne Titel von deinem Film wurde in meinem Land durch einen ziemlich doofen ersetzt, „Vergiss mein nicht“. Dein neuer Film dagegen hat denselben Titel wie im Original, wahrscheinlich weil das Buch unter diesem Namen bekannt ist. Aber ich weiche ab). Auch jetzt halte ich deinen Film für den wahrscheinlich besten Film der letzten liebendeDekade, und es ist kein Wunder, dass ich zu dem Zeitpunkt hin und weg war. Dein Film hat mich zum Lachen und zum Weinen gebracht, war philosophisch und all die visuellen Mätzchen und Eigenarten, die du so gerne magst, waren super geschickt in die Geschichte eingeflochten. Leider trifft all dies für mich nicht auf deinen neuesten Film, „Der Schaum der Tage“ zu, deswegen schreibe ich dir auch diesen Brief. Michel, ich muss dir leider mitteilen, dass ich mit dir Schluss mache.

Ich kann einfach nicht mehr. Seit Jahren warte ich darauf, dass du mich verzauberst wie beim ersten Mal, und seit Jahren enttäuschst du diese Erwartung. Aber jetzt, mit „Der Schaum der Tage“ ist meine Geduld erschöpft. Das, was ich schon in „Science Of Sleep“ und in „Abgedreht“ nervig fand, hast du jetzt mit „Der Schaum der Tage“ noch einmal ordentlich multipliziert: Noch mehr Absurdität, noch mehr visuelle Verrücktheiten, genauso wenig Storystringenz. Dabei muss ich sagen, dass deine Materialauswahl ziemlich geschickt ist. Wenn es jemanden gibt, der Boris Vians surrealistischen Kultroman verfilmen kann, dann doch wohl du. So könnte man zumindest denken, und so hast du es dir sicherlich auch gedacht. Theoretisch war das eine Traumkombination – aber jede Theorie muss eben auch der Überprüfung durch die Realität standhalten. Und in meiner Realität heißt das: Manchmal können zwei eigentlich Gleichgesinnte ihre Tendenzen noch verschlimmern. Und wo Vian eine Welt voller Absurditäten entwarf, da legst du eben noch eine ordentliche Schippe drauf. Und noch eine, und noch eine. Michel, das sind ein paar Schippen zuviel. Vielleicht hätte dich ja auch dein Autor Luc aufhalten oder zumindest etwas bremsen können, aber das hat er entweder nicht gewollt oder nicht geschafft.

Michel, so wie du deine Aufgaben als Regisseur hast, habe ich auch meine als Rezensent. Dazu gehört es in der Regel auch, einen schönen Paragraphen mit einer kurzen jazzInhaltsangabe zu schreiben. Das ist manchmal schwierig, weil man nicht zu viel verraten will, und manchmal mühselig, weil es über den Inhalt mancher Filme nicht viel zu sagen gibt. Dein Film macht es mir einfach, da es so gut wie keinen Plot gibt, den ich den Lesern zusammenfassen muss. Der reiche Colin (Romain Duris) verliebt sich in Chloé (Audrey Tautou) und um sie herum passieren während dieser Liebesgeschichte viele verrückte Dinge. Und dann gibt es noch Colins Butler Nicolas (Omar Sy) und seinen Freund Chick (Gad Elmaleh), der von dem Philosophen Jean-Sol Partre besessen ist, und sich in Nicolas' Cousine Alise (Aïssa Maïga) verliebt. Ich kann dann natürlich noch den Mann, der in Colins Kühlschrank wohnt, erwähnen, oder die großen Vogelmenschen, oder das Massaker auf der Eisbahn, oder dass die Armee offenbar Waffen organisch anbaut und zwar, in dem Menschen halbnackt auf Erdhügeln liegen, aber all das ist eigentlich auch egal. Das ist so ein bisschen wie beim Poker mit dem „All In“. Mit diesem Film ist man hundertprozent in oder hundertprozent raus. Und ich bin raus.

Ich muss es dir allerdings lassen, an Schauspielern hast du hier ein wahres Traumteam versammelt: Amelie, Driss, den jungen Mann aus den beiden „Auberge Espagnole“-Filmen und vielleicht erinnert sich ja der ein oder andere auch noch an den sympathischen Gad Elmaleh aus „Die Kinder von Paris“ (noch so ein schrecklicher deutscher Titel, Michel). Das sind Leute, die man auch hier in Deutschland so ein bisschen kennt. Omar Sy ist nach dem Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ im letzten Jahr ja so etwas wie des Deutschen liebster Leinwandfranzose, aber dieser Film wird ihm wohl nicht unbedingt mehr neue Fans einbringen. Und Audrey Tautou ist zwar etwas älter, aber immer noch fast so niedlich wie zu Amelie-Zeiten. Den Darstellern, die sich hier alle so charmant wie möglich zeigen, kann man also nichts vorwerfen. Aus diesen Figuren ohne erkennbares Innenleben, ohne Historie und ohne Tiefe können sie aber auch kaum etwas rausholen. Überhaupt leben die Figuren hier eigentlich nur wegen dem bemerkenswerten Charme ihrer Darsteller, was ja schon mal etwas ist. Es hat mich übrigens gar nicht gestört, dass du dich selbst besetzt hast, als Doktor Mangemanche. Bei solchen Typen wie M. Night Shyamalan ist das ja pures Ego, deinen Cameoauftritt fand ich dagegen gar nicht schlecht und die Szene, in der du das Bild deiner Frau zeigst, war die einzige des Films, die mich hat schmunzeln lassen.

wolkeHast du als Kind eigentlich wie ich auch tschechische Kinderfilme und -serien gesehen, Michel? Die mit den ulkigen Stop-Motion-Effekten und Zeitraffern? Ich glaube schon, denn diese Techniken liegen dir hier besonders am Herzen. Dass du ein Faible für altertümliche Tricks und wie selbstgemacht aussehende Pappmaché-Requisiten hast, hast du schon zur Genüge in „Science of Sleep“ und „Abgedreht“ bewiesen, aber hier gehst du noch ein Stück weiter mit den lustigen selbst laufenden Schuhen und den bewegten Essensplatten und so. Immerhin, ich gebe es ja zu, manch Vian'sches Wortspiel (etwa das mit den petit fours-Kuchen, die in wirklichen Miniöfen serviert werden) haben Luc und du ziemlich gewitzt umgesetzt. Und meine Frau lässt schön grüßen, ihr hat dein visueller Einfallsreichtum übrigens besser gefallen als mir.

Kennst du das Sprichwort „weniger ist manchmal mehr“, Michel? Das trifft manchmal auch auf Filme zu, so auch auf deinen. Würde nicht der ganze Film aus visuellem Firlefanz bestehen, dann würden einige der wirklich gelungenen Sequenzen, etwa wenn Colin und Chloé nach ihrer Hochzeit wie unter Wasser strampelnd die Kirche verlassen, viel besser wirken. Das ist doch eine schöne Metapher für den Glücksmoment, den die beiden haben, aber inmitten des ganzen Rests geht er unter, weil man sofort das durchsichtige Auto und anderes Zeugs hat. Michel, poetische Momente und visuell besondere Einstellungen müssen ein bisschen Platz zum Atmen haben und auch mal für sich selbst stehen können. Wenn man wie du hier von einer visuellen Extravaganz und Absurdität zur nächsten hetzt, wird deren Effektivität verringert, ja fast negiert. Noch einen visuellen Schnörkel wirfst du auf den anderen und zerdrückst unter dem ganzen visuellen Plunder die Figuren und ihre Gefühle, ja ihre Menschlichkeit. Vor lauter Spirenzchen hast du deine Figuren fast vergessen, oder sie zumindest zurückgelassen.

Michel, ich muss gestehen, so böse mit deinem Film umzuspringen, den du sicherlich mit Herzblut gemacht hast, ist ein wenig schwierig. Als Kritiker, der nicht nur dem schnöden Mainstream verschrieben ist, ist es ein eigentlich ungeschriebenes Gesetz dieser Branche, dass ich so einen offensichtlich künstlerischen und visuell ambitionierten Film wie „Der Schaum der Tage“ zumindest so halb gut finden muss, oder zumindest so tun muss als ob. Das habe ich dann bei „Science of Sleep“ auch gemacht und dir damals ausflugeher widerwillig sechs Augen gegeben. Schließlich sind künstlerische Ambitionen ja auch was wert, egal ob sie zu meiner persönlichen Zufriedenheit umgesetzt werden. Daher obliegt es mir eigentlich, darauf zu verweisen, dass dein Film doch poetisch oder – besser noch – lyrisch sei und einen gewissen, ganz eigenen Charme besitze. Leider fallen mir bei der Beschreibung des Films aber nur andere Wörter ein, Wörter wie: anstrengend, bemüht, nervtötend. Manch einer wird mir da vielleicht böse sein, Michel, aber ich hoffe, du bist es nicht. Du hast brutal dein Ding durchgezogen mit dem zumindest konstant und konsequent in seinen Marotten verbleibenden „Der Schaum der Tage“, also schulde ich es mir und auch dir, mein Ding durchzuziehen. Und da muss ich im Resümé sagen: ich fand deinen Films schrecklich und sehnte nach der ersten Stunde ein schnelles Ende herbei, dass du mir aber verwehrt hast.

Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst, Michel, oder ob du nicht doch denkst „Mais bon dieu, dann geh doch und guck dir irgendwelchen seelenlosen Hollywoodmüll an“. Falls dem so ist, dann sage ich dir: „jawohl, manchmal ist ein bisschen seelenloser Hollywoodmüll besser als anstrengende Kunstkacke, so persönlich und nett sie auch gemeint ist.“ Und deswegen will ich dir auch gar nicht weiter böse sein, und du mir hoffentlich auch nicht. Ich glaube aber, es ist wirklich besser, wenn wir uns jetzt für absehbare Zeit erst einmal trennen. Unüberbrückbare Differenzen sagt man da im Hollywood-Scheidungston zu.

Ich bleibe dir dennoch freundschaftlich verbunden.

Herzlich,

Simon Staake

Tolle Rezession :D

Tolle Rezession :D

Böse Rezension :D

Böse Rezension :D

Haha so gut geschrieben! Ps:

Haha so gut geschrieben! Ps: Lieber Reszent, Der Film "The We And The I" ist Gondrys bester Film seit "Vergiss mein nicht" und absolut empfehlenswert - gerade weil Gondry mal wieder Wert auf Charakterzeichnung anstatt Effekte legt.

Irgendwie will ich den Film

Irgendwie will ich den Film trotzdem sehen weil ich einfach ABSOLUT WILL dass er toll ist ... menno :/
;)

Ich verstehe zwar den

9

Ich verstehe zwar den Blickwinkel aus dem die obige Rezension geschrieben ist, aber für mich ergab sich beim Betrachten des Films ein anderes Bild -
letztlich ist er genau das wonach man sich nach Gondry's Björk-Videos in the 90er Jahren immer gesehnt hat: Eine Vollimmersion in Gondry's enormem Talent Träume zu Protokollieren und praktisch 1-zu-1 mit atemberaubender Autentizität auf die Leinwand zu bringen.
Da hätte sich doch "Inception", in dem jeder Traum nur ein jeweils anderer Klischee-Actionfilm ist mal bitte was von abschneiden können!!

Die Verbindung zur Vorlage von Vian ist hier wohl ein kongenialer Glücksfall(obwohl ich diese zugegebenermaßen nicht gelesen habe) -
der Film weisst jedenfalls eine um mehrere Größenordnungen gesteigerte Tiefe auf wenn man ihn z.B. mit "Science of Sleep" vergleicht der dagegen eher wie ein Kinderspiel wirkt.
Wer die emotionale Wucht von "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" erwartet wird sicherlich enttäuscht. Die Figuren dieses Films sind ganz anders gemeint, und natürlich muss auch ich zugestehen dass der Film am Ende Gefahr läuft den großen Bogen aus dem Blick zu verlieren,
gegen Ende wirkt es fast etwas unvollständig, trotz der ausreichenden Länge in Minuten.
Ob da wohl Szenen aus irgendwelchen Gründen nicht mehr realisiert werden konnten?

Jedenfalls wurden ansonsten keine Mühen und Kosten gescheut!
Die schiere Menge an Schauplätzen und Sets die hier zu sehen sind stellt so manchen 80er Jahre Fantasy-Film in den Schatten.
Die Schauspieler sind Klasse und hatten vermutlich auch sehr viel Spaß bei der Arbeit.

Trotz aller Opulenz an lieblich absurdem Blödsinn (manchal erinnert es vom quasi-improvisierten Charakter her fast an Helge Schneider) wird dabei sehr viel der Vorstellung des Zuschauers überlassen - und darin liegt wohl die größte Qualität des Films. Es ist eben fast so als ob man ein Buch liest - man sieht die Buchstaben und malt es sich gleichzeitig in der eigenen Vorstellung aus. Da kenne ich ehrlich gesagt dann vielleicht sogar überhaupt nichts vergleichbares.
Wunderbar, daß Kino sowas kann.

Was dabei natürlich oft passiert ist das Momente, die im normalen Hollywoodfilm zur emotionellen Manipulation benutzt werden - also, beim Zuschauer Gefühlsknöpfe zu drücken usw. - unterwandert, und so bleib die Liebesgeschichte im Zentrum der Handlung seltsam absurd… aber so absurd ist das Leben nunmal, das weis Jean-Sol Partre ja auch!

Überhaupt kenne ich nur wenig vergleichbares.
"Synecdoche, New York" von Kaufmann vielleicht, oder Jan Svankmafer's "Faust".
Aber was Gondry von diesen beiden unterscheidet ist sein unbãndiger Wille stets aus allem auszubrechen, allen Ideen freien Lauf zu lassen, und natürlich sein "existenzielles Augenzwinkern" oder wie immer man das nun ausdrücken will.
Jemand der es entgültig geschafft hat die kindliche Logik in die Erwachsenenwelt hineinzuretten.
Da Gondry ist ein absoluter Held.

Gerne kann man diesen Film Blockbustern wie "Ironman 3" gegenüberstellen - zwei veritable Effektorgien, der eine super glatt+3D aber innerlich hohl, der andere super uneben aber voller authentischer Ideen. Ist eben einfach so.

"Der Schaum der Tage" ist ein unheimlich dichter Film, voll von vollkommen Unerwartetem - vieles bekommt man beim einmaligen Betrachten überhaupt nicht richtig mit - deswegen wird man sich das immer wieder anschauen können.
Sehr oft hätte ich gern eine Rückspul-Taste gehabt um nochmal ganz genau zu kucken wie das alles eigentlich zusammengebaut ist.

Ähnlich wie bei "Synecdoche" sollte man sich darauf vorbereiten dass der Film in seiner verspielten Art eher von dunklen und melancholischen Dingen handelt - deswegen weiss ich nicht wie oft man ihn sich auf Blueray/DVD zu Hause anschauen kann/will.
Aber 2-3 mal muss wohl schon sein :)

lg kinomax

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