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Der letzte Zug

Der letzte Zug
drama , deutschland 2006
original
regie
joseph vilsmaier, dana vavrova
drehbuch
stephen glantz
cast
sibel kekilli,
gedeon burkhard,
roman roth,
lale yavas, u.a.
spielzeit
123 Minuten
kinostart
9. November 2006
homepage
bewertung

3 von 10 Augen

Deutschlands Vergangenheit. Der Nationalsozialismus. Mit "Der letzte Zug" thematisiert wieder mal ein hiesiger Film diese unfassbar grausame Zeit. Joseph Vilsmaier ("Comedian Harmonists", "Stalingrad") und seine Frau Dana Vavrova beschreiben in ihrem neusten Film die Deportation der letzten Berliner Juden nach Auschwitz, die zusammengepfercht und unter den schlimmsten Bedingungen auf ihrem Leidensweg in einem Waggon zur Zwangsgemeinschaft werden müssen. Es ist eine Reise in den Tod und doch steht dabei bei allen Insassen nur ein Frage im Vordergrund: Werde ich überleben?

Die Ehrfurcht, die man hat wenn man hört, es gibt wieder einen Film über den Nationalsozialismus, ist auch beim Sehen von "Der letzte Zug" anwesend. Doch es nützt nichts, vor diesem Respekt zurückzuschrecken und in den Tenor der unverständlicherweise lobenden Presse mit einzustimmen. Wenn es um die deutsche filmische Verarbeitung des Themas geht, wurde im Jahr 2004 durch Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" eine entscheidende Zäsur gesetzt. So gut oder schlecht man den Film persönlich auch beurteilen mag, Fakt ist und bleibt, dass sich seit "Der Untergang" eine Wende in der deutschen medialen Verarbeitung der Nazi-Zeit vollzog. Anfang dieses Jahres sagte ZDF-Geschichtsexperte Guido Knopp in der Süddeutschen Zeitung, dass das Thema Hitler "durch" sei, dass er nicht mehr wüsste, was man ihm noch hinzufügen könne, und dass er sich der Nachkriegsgeschichte Deutschlands widmen wolle. Nun, man mag (nein, man sollte) anderer Meinung sein und doch kommt man um den erwähnten Wandel in der Verarbeitung nicht herum. Es ist so etwas wie Alltag - oder schlimmer noch - eine Eventkultur um das Thema Nazis entstanden. Zwar unterscheiden sich Filme wie "Napola", "Das Goebbelsexperiment", "Sophie Scholl - Die letzten Tage" oder auch die "Hitlerkantate" sehr stark von einander, doch wird in ihnen immer eher etwas thematisch abgehakt anstatt verarbeitet.

Dieser Tendenz kann sich Vilsmaiers "Der letzte Zug" nicht entziehen. Er zeigt den Horror der Deportation als Kammerspiel. Verzweiflung, Tod und Angst, über all das will der Film nur aus dem Innenraum eines Waggons erzählen. Was dabei ein dummer und überflüssiger Plot über zwei polnische Zugfahrer soll, die ärgerlicherweise fast schon als Mittäter ins Licht gesetzt werden, wird nicht klar. Aber das ist nicht der Maßstab, an dem sich dieser Film messen lassen muss. Viel schlimmer ist, dass der Film eine Betroffenheit erzwingen will. Betroffenheit kann auch etwas positives sein, aber mit dieser Facette des Begriffs hat "Der letzte Zug" nicht viel zu tun.
Eine aufrichtige und differenzierte Debatte um die Grenzen der Verfilmbarkeit des Holocausts, wie sie Anfang der 90er Jahre anlässlich Steven Spielbergs "Schindlers Liste" geführt worden ist, wird hier nicht mehr angerissen. Wie gesagt, hier wird abgehakt. "Der letzte Zug" möchte spannend und "gut anzusehen" sein, aber das darf er nicht wollen. Hier verhindert eine plumpe Dramaturgie á la Hollywood, dass das Thema der Deportation im Speziellen oder des Holocausts im Allgemeinen eine angemessene Würdigung erhält.

Der Versuch von Vilsmaier und Vavrova scheitert auf ganzer Linie und reiht sich in die anderen Beispiele für unvorsichtige Bearbeitung des Themas "Nationalsozialismus im Kino" nahtlos ein. Eben Bearbeitung und nicht Verarbeitung. Das kann und darf aber nicht der Weg sein, den deutsche Filmemacher gehen. Sie sollten auch weiterhin zeigen, dass das Thema "Hitler und die Nazis" noch lange nicht "durch" ist - und vielleicht auch nie sein wird.

Patrick Wellinski

günther grass ist vielleicht ein selbstgerechter moralist aber das macht ihn nicht zu einem moralischen menschen

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