Als einer seiner wichtigsten Einflüsse hat der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook ("Oldboy", "Stoker") immer wieder den britischen Altmeister Alfred Hitchcock und dabei ganz spezifisch dessen Werk "Vertigo" genannt. Was ganz gut erklärt, warum in den Filmen von Park sich oft stilistische Brillanz mit teils etwas makabren und verstörenden Geschichten mischt. Ein wenig Sinn für schwarzen Humor sollte man nun auch bei "No Other Choice", Parks neuestem Werk, mitbringen. Unter dem Deckmantel eines Thrillers holt dieser hier zu einem kleinen Rundumschlag in Sachen Gesellschaftskritik aus, der auf sehr unterhaltsame Art und Weise wild zwischen bissigem Humor, Spannung und nachdenklicheren Momenten hin- und herspringt. Getragen von einer meisterhaften Inszenierung, deren Analyse in Zukunft zum Pflichtprogramm an Filmhochschulen werden dürfte.
Eigentlich könnte das Leben für unseren Protagonisten zu Beginn von "No Other Choice" nicht besser laufen. Dank seiner langjährigen Expertise in der Papierproduktion hat Yoo Man-su (Lee Byung-hun, "Die glorreichen Sieben", "G.I. Joe 2: Die Abrechnung") einen tollen Job und so ausreichend finanzielle Mittel, um mit seiner Familie das Leben in einer luxuriösen Stadtvilla zu genießen. Als er aber nach 25 Jahren seinen Job verliert, droht all dies verloren zu gehen. Während seine Frau (Son Ye-jin) und die Kinder die ersten Sparmaßnahmen schnell zu spüren bekommen, möchte Man-su so schnell nicht die Flinte ins Korn werfen. Doch die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz ist schwierig, die Konkurrenz groß und sein anvisierter Traumjob beim Unternehmen Moon Paper vom schmierigen Seon-chul (Park Hee-soon) besetzt. Aber könnte man da nicht mit etwas radikaleren Maßnahmen das Konkurrentenfeld lichten? Bleibt einem ja fast gar keine andere Wahl, oder doch?
Was für radikale Maßnahmen das sind, kann man sich bei Park Chan-wook, der ja unter anderem für die Rachetrilogie ("Sympathy for Mr. Vengeance", "Oldboy", "Lady Vengeance") bekannt ist, schon denken. Genau wie bei diesen Filmen ist Park auch hier wieder am Drehbuch beteiligt, das mit zahlreichen Wendungen bestückt ist und für seine Hauptfigur keinen geraden Weg zum Ziel vorsieht. Ein wenig Offenheit für die Eigenheiten des asiatischen Kinos, wie abrupte Tonwechsel und eine für Westeuropäer manchmal etwas befremdlich wirkende Darstellung von Emotionen, muss man bei dieser Reise aber mitbringen – die zumindest am Anfang etwas überhastet beginnt und ihre Exposition gefühlt etwas zu schnell durchpeitscht.
Dieses kleine Anfangsruckeln ist aber schnell vergessen, denn hat man sich erst mal an den Stil gewöhnt und die Story einmal Fahrt aufgenommen, erwartet einen hier auf mehreren Ebenen ein cineastischer Leckerbissen. Wie unser Killer in spe hier seine Verbrechen sorgfältig plant, nur um dann durch eine Mischung aus Unvermögen und Gewissensbissen jeden Plan wieder spontan umwerfen zu müssen, sorgt sowohl für jede Menge Spannung und Überraschung, wie auch viele abstruse Momente. Die sind immer wieder durch eine ordentliche Dosis schwarzer Humor geprägt, der teils fast in Slapstick-Momenten mündet, bei denen einem aber angesichts des menschlichen Dramas stets das Lachen im Halse stecken bleibt. Eine große Stärke von "No Other Choice" liegt darin, eigentlich für alle Figuren Verständnis mitzubringen. Man-su bekommt es bei seinen Opfern hier im Wesentlichen mit Ebenbildern seiner selbst zu tun, die alle mit einer ähnlichen Leidenschaft für ihre Arbeit brennen und daran ebenfalls ihren ganzen Selbstwert festmachen. Diese Gemeinsamkeit sorgt für ein paar herzzerreißende Bonding-Momente zwischen Man-su und seinen Opfern, was dem ganzen Geschehen eine unglaubliche Tragik verleiht.
Das Tolle ist, dass der Film es sich dabei nicht einfach macht und lediglich den großen Hammer der Kapitalismuskritik rausholt, bei dem die Täter-Opfer-Rolle klar Firmen beziehungsweise deren wehrlosen Mitarbeitern zugeordnet wird. Stattdessen wird deutlich, dass dieses herzlose System nur funktioniert, weil die Einzelnen mitmachen und am Ende halt auch hier jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Dabei kriegt vor allem die Mittelklasse mit ihrer Sehnsucht nach einem gehobeneren Lebensstandard ihr Fett weg, was aber stets mit einem cleveren Augenzwinkern anstatt der großen Moralkeule kommuniziert wird. Wenn der Geldstrom abbricht, ist so der Sohn hier erst mal frustriert, dass sein Netflix-Abo nicht mehr verlängert wird – und geht schnell fürs Bingen noch einmal hoch ins Kinderzimmer. Nichts steht aber so symbolisch für die „Wir sind wer und gönnen uns was“-Mentalität der Familie wie deren Stadthaus, das hier ein eigener Charakter ist und umgeben von tristen Mehrfamilienhäusern symbolträchtig aus dem Stadtbild heraussticht.
Dies alles zu verlieren, ist in einer Welt, die von Status geprägt und bei der dieser eng an den eigenen Selbstwert geknüpft ist, natürlich keine Option. In vielen kleinen Randgeschichten rund um die Familie wird diese Sehnsucht nach Statussymbolen hier auch nebenbei immer wieder aufgegriffen. Wobei der Film seine Figuren vereinzelt auch kurz innehalten und reflektieren lässt, ob das denn jetzt wirklich richtig ist, was sie hier tun. Doch diese Gedanken werden schnell abgeschüttelt, ganz im Sinne des Filmtitels. Für den Zuschauer bleibt so ein bitterböses Drama, dessen Mischung aus Verständnis für und Kritik an seinen Protagonisten zu einem unglaublich reichhaltigen Emotionscocktail verarbeitet wird, Mit der klaren Botschaft, dass eben nicht nur die da oben schuld sind, wenn im Kapitalismus die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.
Klingt alles ja schon ziemlich gut und wird von einem ordentlichen Schauspielensemble auch überzeugend auf die Bühne gebracht, doch das wahre Meisterstück von "No Other Choice" ist am Ende dessen Inszenierung. Wie Park hier das tolle Setdesign für unglaublich clevere Bildkompositionen nutzt, im heutigen Kino ja eher die Ausnahme, ist allein schon ein Traum. Wirklich meisterhaft ist dabei vor allem, wie sowohl Kamera als auch Schnitt hier die Blicke und Gedanken des Publikums lenken. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen (neuen) Film gesehen habe, der visuell so perfekt durchkomponiert allein mit der Bildgestaltung eine Geschichte erzählt. Man muss hier auch mal auf die wirklich kreativen Übergänge zwischen Szenen achten, mit denen Parks langjähriger Cutter Kim Sang-bum immer wieder kleines Storytelling betreibt. Ähnlich geht man auch auf der Audioebene vor, die immer wieder tolle Spannungsmomente generiert – da sorgt sogar die Türglocke eines Ladens auf einmal für knisternde Atmosphäre.
Um es auf den Punkt zu kriegen, jeder, der ein Faible für Filmsprache hat, sei "No Other Choice" ans Herz gelegt – ein Film, der ab sofort auf jeden Lehrplan einer Filmhochschule gehört. Man möchte gar nicht wissen, wie viel Vorarbeit hier dafür draufgegangen ist, diese perfekte Metamorphose aus Produktionsdesign, Inszenierung, Schnitt und Ton zu schaffen. Das geht natürlich vor allem auf das Konto von Park, der aber leider zum wiederholten Mal von der Academy ignoriert wurde und wieder keine Oscar-Nominierung erhielt. Die wohl größte Ungerechtigkeit in diesem Oscar-Jahr, aber bevor man sich hier weiter aufregt, feiern wir einfach diese kleine Filmperle. Und überlegen uns mal, wie viel uns eigentlich unser Netflix-Abo so wert wäre.
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