Malcolm & Marie

Originaltitel
Malcolm & Marie
Land
Jahr
2021
Laufzeit
106 min
Genre
Regie
Release Date
Streaming
Bewertung
6
6/10
von Frank-Michael Helmke / 28. Januar 2021

"Schreib über das, was du kennst." Diesen weit verbreiteten Rat an Autoren nimmt sich der Regisseur und Drehbuchautor Sam Levinson mit seinem neuen Werk besonders wörtlich zu Herzen, denn in "Malcolm & Marie" geht es einzig und allein um einen Regisseur und Drehbuchautor und seine sehr temperamentvolle Beziehung zu seiner Freundin und Muse. 

Malcolm (John David Washington) und Marie (Zendaya) kehren nach der erfolgreichen Premiere von Malcolms neuem Film in das Landhaus zurück, in dem sie derzeit auf Kosten der Produktionsfirma leben. Malcolm ist wie elektrisiert nach der wohl wichtigsten Nacht seiner Karriere. Doch Marie ist wegen irgendetwas angepisst. Und nach einer typischen "Was ist?"-"Nichts."-Konversation gibt sie dann doch zu, was sie so getroffen hat: Malcolm hat in seiner Rede auf der Premiere vergessen, ihr zu danken. Womit Marie aus einer ganzen Reihe von Gründen ein Problem hat, nicht zuletzt da sie findet, dass der Film, der Malcolms Karriere gerade zum Durchstarten bringt, maßgeblich durch ihr eigenes Leben inspiriert wurde. Von diesem Hölzchen kommt das mächtig temperamentvolle Pärchen schnell auf einen ganzen Haufen von Stöckchen, die am Eingemachten ihrer Beziehung rühren. Und die wichtigste Nacht in Malcolms Karriere droht bald, zur letzten Nacht seiner Beziehung zu werden. 

Oder vielleicht auch nicht. Die Streitereien zwischen Malcolm und Marie werden sehr schnell sehr hitzig, und der Film ist noch nicht mal in der Nähe der Halbzeit, als die beiden sich schon wirklich hässliche Dinge an den Kopf werfen, nachdem sie ihren Streit schon mehrfach relativ unnötig neu angefacht haben. Es ist sehr deutlich, dass diese beiden nicht gut in Deeskalation sind. Und als Marie später im Film diese Nacht als den schlimmsten Streit bezeichnet, den sie jemals hatten, ist man als Zuschauer schon längst überzeugt, dass dies hier viel eher der übliche Modus Operandi in der Beziehungsroutine der beiden ist. So ein Paar, dass sich permanent heftig streitet, um sich dann genauso heftig wieder zu versöhnen. 

Es ist einer der "Running Gags" in der etwas gekünstelten Struktur von "Malcolm & Marie", dass sie diverse Male kurz davor sind, Versöhnungssex zu haben, und es nie dazu kommt, weil sie Einfach. Nicht. Aufhören. Können. Zu. Reden!

Abgesehen von den stilisierten Interludes, wenn Malcolm und Marie alle 10-15 Minuten aufgewühlt auseinandergehen und irgendein Musikstück angemacht wird, mit dem sie sich teilweise wiederum nonverbal etwas zu sagen versuchen, wird hier durchgängig und sehr, sehr wortreich gequatscht. Besonders Malcolm hört sich sehr gerne selbst reden und feuert Wortkaskaden ab, die gerade angesichts ihres beizeiten sehr abgehobenen Vokabulars nicht so richtig natürlich wirken in einer solch erhitzten Situation. Das Papier des Drehbuchs raschelt hier schon sehr oft vernehmbar, wenn der Dialog mal wieder zu sehr in sich selbst verliebt ist.

Überhaupt kann man "Malcolm & Marie" mit Fug und Recht vorwerfen, ein einziges selbstverliebtes und sehr prätentiöses Eitelkeitsprojekt zu sein - das sich allerdings davor rettet, unerträglich zu sein, weil es wiederum verdammt gut ausgeführt ist. Die Kameraarbeit ist enorm stilisiert, produziert aber auch reihenweise schlichtweg bildschöne Einstellungen mit ihrer kontraststarken Schwarz/Weiß-Optik. Die beiden Hauptdarsteller haben den Film mitproduziert, so dass es also auch ihr Eitelkeitsprojekt ist, sie liefern aber auch zwei kraftvolle Darstellungen ab und nehmen alles mit, was das Buch ihnen bietet. Allerdings mit klaren Vorteilen für Zendaya: Während ihr Spielpartner John David Washington desöfteren etwas nahe am Overacting langschrappt und außer "extrem aufgeregt und laut" nicht viele Schattierungen drauf hat, sagt Zendaya manchmal das meiste in den Nahaufnahmen, in denen sie gar nichts sagt, sondern nur still die Tiraden ihres Freundes über sich ergehen lässt. Das könnte eine Oscar-Nominierung wert sein. 

Die selbstverliebte Ich-Bezogenheit des ganzen Films wird indes besonders deutlich, wenn es um Malcolms Film, seinen Entscheidungen als Regisseur und seine Reaktionen auf Filmkritiker geht. Dann wird die ganze Sache hier schon ziemlich Meta: Ein Regisseur schreibt einen Film über einen Regisseur, der sich über die Rezeption seiner Filme auslässt... Wenn Marie Malcolm dafür kritisiert, dass er seine Hauptdarstellerin in einer Szene oben ohne gezeigt hat (in Malcolms Argumentation, um durch die Nacktheit die Verletzlichkeit der Rolle zu verdeutlichen - eine sehr gern gewählte Erklärung für ein paar nackte Brüste in "künstlerischen" Filmen), dann ist das fast, als ob der echte Regisseur Sam Levinson dabei gleichzeitig mit einem großen Schild wedelt auf dem steht "Seht ihr, ich habe ihre Titten NICHT gezeigt! Und ihr wisst genau, in welcher Szene ich das gekonnt hätte". 

Diese meta-hafte Selbstbezogenheit erreicht ihren Höhepunkt knapp nach der Hälfte der Laufzeit, als Malcolm die erste Zeitungskritik zu seinem Film erreicht. Die fällt eigentlich aus wie erwartet (enorm positiv), dennoch verleitet sie Malcolm zu einem seeeeeeeeeehr langen Monolog, in dem er sich über die Unfähigkeit der (weißen) Kritikerin auslässt, die seinen Film nur durch die Brille gelesen hat, dass er erstens schwarz und zweitens ein Mann ist. Diese nicht enden wollende Schimpftirade ist ein merkwürdiges Vergnügen. Einerseits macht es - vor allem als (Hobby-)Kritiker - großen Spaß sich anzuhören, wie Malcolm sich über den mit Kritiker-Klischees gespickten Text immer mehr aufregt. Andererseits hört man spätestens an diesem Punkt auf, Malcolm als eine glaubwürdige, lebendige Figur ernst zu nehmen, da er sich nun vollends in eine Kreation der künstlerischen Selbstfixierung seines "Erschaffers" Sam Levinson verwandelt (der selbst übrigens weiß ist).

Diese ganze, selbstreferenzielle Nabelschau macht dann auch Maries zentralen Vorwurf an Malcolm, dass er ihr wahres Leben als Material für seinen Film benutzt hat, umso ironischer, da Levinson das hier ganz offensichtlich zu großen Teilen selbst tut. Man kann sich am Ende jedenfalls kaum gegen den Eindruck wehren, dass man in diesem Film sehr viel über die Beziehung(en) im wahren Leben von Levinson gelernt hat. 

So verbleibt "Malcolm & Marie" als ein Werk über einen sehr selbstfixierten Regisseur, das wiederum die sehr selbstfixierte Arbeit eines wahrscheinlich sehr selbstfixierten Regisseurs ist. Das macht den Film nicht unbedingt schlecht. Tatsächlich ist er sogar ziemlich kurzweilig und unterhaltsam. Es fällt nur sehr schwer, ihn ernst zu nehmen.       

Bilder: Copyright

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