Hilfe! Wir sind überflüssig

von Simon Staake / 18. November 2010

15.03.2007 - Filmkritiker gehören wegrationalisiert! Zumindest wenn es nach dem Willen von Brian Robbins geht, seines Zeichens Regisseur der allen Hinweisen nach unsäglichen Eddie-Murphy-im-Fettkostüm-Komödie "Norbit" und Produzent der vermutlich sauschlechten, aber in den USA trotzdem schweineerfolgreichen Biker-Klamotte "Wild Hogs". Der jeden kritischen Betrachter ernüchternde Erfolg dieses Schundes aus der Komödien-Resterampe beflügelte den an beiden Filmen beteiligten Herrn doch glatt mal dazu, uns Filmkritiker kollektiv für überflüssig zu erklären. "Die einzigen Filme, die gute Rezensionen bekommen, sind welche, die sich kein Mensch ansieht", jammerte Herr Robbins, der offenbar nichts von dem Erfolg von "The Departed" oder "Spiderman 2" gehört hat. Ein Schelm, wer denkt, Robbins sei nur ein mauliger Regisseur hundsmiserabler Streifen wie "Shaggy Dog", der sich durch den gerade für europäische Augen oft unfassbaren Erfolg seiner grenzdebilen Genreware in Übersee in der eigenen Eitelkeit bestätigt sieht.

Mit einem hat Herr Robbins ja durchaus recht: Potenzielle Zuschauer von "Norbit" sind nicht zwangsläufig auch potenzielle Leser von mahnenden Kritikerstimmen. Tatsächlich muss man doch stark davon ausgehen, dass Leute, die freiwillig in Filme wie "Epic Movie" oder "Norbit" gehen, keine Filmrezensionen lesen. Andererseits muss man ebenfalls davon ausgehen, dass diese Leute überhaupt nicht lesen. Der Erfolg der jeden IQ blitzartig ins Untergeschoss befördernden Blödelklamotten - aus deutschen Landen ist man so was ja auch schon gewöhnt, Stichwort "Sieben Zwerge" oder "Siegfried" - gibt dem Argument scheinbar recht. Können Millionen Kinogänger irren, wo eifrige Kritiker vor Fäkalhumor und Kalauerkeule warnen? Sind wir vielleicht doch nur humorlose ARTE-Gutfinder und Baskenmützen-tragende Weltfremde im Rausch des Kunstkinos? Sind wir damit vielleicht gar überflüssig gewordene Relikte? Werden die Straßen bald voll sein von marodierenden Banden verwilderter Verrückter, die zwischen unverständlichen Grunzlauten ständig etwas von ihrer einstmals gloriosen Karriere als Filmkritiker brabbeln? Oder gibt es noch Hoffnung für unsere sich zwischen Kunstkacke und Kommerzdreck, zwischen Meisterwerk und Mogelpackung, zwischen Leinwandtriumph und Leiden-in-Filmen-wie-"Norbit" bewegenden Zunft?

Neben Herrn Robbins scheinen beizeiten auch die Studios und Verleihfirmen zu denken, dass man aufs Presseecho getrost verzichten kann. Während es in den USA bereits übliche Praxis ist, bei Filmen, für die man nicht unbedingt Beifallstürme aus Reihen der Kritiker erwartet, gleich gar keine Pressevorführungen abzuhalten (vor allem Horrorfilme laufen inzwischen durch die Bank unter vorherigem Ausschluss der schreibenden Zunft an) und sich einzig auf die in ihren Effekten leichter zu steuernden PR-Maßnahmen wie Trailer und Werbeanzeigen zu verlassen, hält dieser unschöne Trend mittlerweile Stück um Stück auch in Deutschland Einzug. Wer sich etwa wunderte, warum es auf diesen Seiten keine Rezension zu "Ghost Rider" mit Nicolas Cage zu lesen gab, der darf sich denn gleich mal bei Sony Pictures beschweren, die nach einer einzigen Vorführung für Interviewpartner davon absahen, den Film dem Rest der bundesweiten Presse zu zeigen. Bei "Norbit" (im Verleih von Paramount) verhielt es sich nicht anders.

Filme, die "nicht so doll" geworden sind, bleiben also zunehmend unter Verschluss, bis man sie der uninformierten Öffentlichkeit ohne eine Chance auf vorherige Warnung vorwirft. Was den Cineasten im Kritiker zwar erleichtert aufatmen lässt (muss man sich mit dem Stuss dann schließlich nicht auseinander setzen), erzürnt doch den Redakteur und Journalisten. Denn Filmkritik hat nicht umsonst das Wort "Kritik" in sich, und auch ein Film, bei dem man Verrisse erwarten kann, gehört der Presse zugänglich gemacht. Wer informierte Berichterstattung nach eigenem Ermessen nur noch als eine lenk- und von Fall zu Fall verzichtbare Werbemaßnahme ansieht, führt das Prinzip einer freien Presse ad absurdum, versucht die eigene potentielle Kundschaft im Dunkeln zu halten, und gibt indirekt von vornherein zu, dass das eigene "Produkt" so miserabel ist, dass echte Filmliebhaber es unmöglich mögen können. Aber wer weiß, vielleicht findet sich ja doch der ein oder andere Redakteur mit einer Schwäche für Trashfilme, der "Ghost Rider" oder "Norbit" zum verkannten Meisterwerk ausruft?

Auch wenn manche Studios es vielleicht gerne sähen, wenn es für Filmkritiker außerhalb der Lichtspielhäuser ein kleines Schild "Wir müssen draußen bleiben" inklusive Ring zum Anleinen gäbe - wir bleiben drin. Und diejenigen Filme, die wir trotz mutwilligem Vorenthalten erwischen, bekommen die Kritik, die sie verdienen. Und jetzt her mit dem Meisterwerk über kotzende Kleinwüchsige, die sich als vollbusige Frauen verkleidet in US-Universitäten einschreiben und launige Abenteuer voller Verwechslungen und Tritte in Genitalien erleben.


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