kleine Werbepause
Anzeige

Tully

Tully
tragikomödie , usa 2018
original
tully
regie
jason reitman
drehbuch
diablo cody
cast
charlize theron,
mackenzie davis,
ron livingston,
mark duplass, u.a.
spielzeit
95 Minuten
kinostart
31. Mai 2018
homepage
http://www.tully-film.de
bewertung

8 von 10 Augen
Tully - Poster

Das Dreamteam Jason Reitman/Diablo Cody ist wieder da, und aller guten Dinge sind Drei. Nach ihrer extrem erfolgreichen ersten Zusammenarbeit mit "Juno" und ihrer zweiten mit der grandiosen, aber leider unmöglich zu vermarktenden Charakterstudie "Young Adult" haben sich der Regisseur und die Autorin nun zum dritten Mal zusammengetan, und auch diesmal einen mehr als bemerkenswerten Film geschaffen. Tully"Tully" hat dabei mit seinem direkten Vorgänger einiges gemeinsam. Nicht nur spielt Charlize Theron erneut die Hauptrolle und liefert eine fantastische Vorstellung ab, auch "Tully" ist wie "Young Adult" leider ein Film, der nur sehr schwer zu verkaufen ist - was wie bei diesem vermutlich dazu führen wird, dass auch "Tully" nur wenige Zuschauer finden wird, und wie bei "Young Adult" wäre das sehr schade. Denn auch hier verpasst man dann nämlich ein großartiges Stück feines Charakterkino.

Das Marketingproblem von "Tully" besteht darin, dass der Film sich einem Thema widmet, das gesellschaftlich immer noch ein wenig Tabu-behaftet ist: Die überforderte Mutter. Kinder kriegen und haben gilt ja gemeinhin als größtes Glück, das einer Frau nur widerfahren kann, und in der öffentlichen Wahrnehmung hat eine Frau auch mit mehrfachem Nachwuchs immer kompetent, ungestresst und ganz glückselig mit ihren kleinen Rackern zu sein, sonst gilt sie als Versagerin und Rabenmutter. Alle jungen Eltern wissen zwar eigentlich, dass das Nonsens ist und Kinder eben auch eine enorme nervliche Belastung darstellen und einen bis an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus treiben können. Doch Überforderung mit kleinen Kindern dürfen in Filmen eigentlich nur Männer zeigen, und dann ist das natürlich wahnsinnig komisch, und niemals ein echtes Drama. 

TullyMarlo (Charlize Theron) ist überfordert. Sie hat bereits zwei Kinder im Grundschulalter, und da ihr Sohn Anzeichen von Autismus zeigt, hat sie mit den beiden eigentlich schon genug zu tun. Doch nun kommt noch ein nicht so ganz geplantes Drittes dazu, und für Marlo geht die Extrem-Belastung wieder los, die ein Neugeborenes halt so mit sich bringt. Ihr wohlmeinender Ehemann Drew (Ron Livingston) kann ihr keine große Hilfe sein, denn als Brötchenverdiener der Familie ist er halt die meiste Zeit arbeiten und aufgrund seines Jobs auch mal tagelang auf Geschäftsreise. Marlos sehr vermögender Bruder Craig (Mark Duplass) macht sich darum etwas Sorgen, dass die Belastung für Marlo zuviel sein könnte (der Film deutet an, dass Marlo nach ihrer letzten Schwangerschaft an postnataler Depression gelitten hat) und will seiner Schwester darum eine "Nacht-Nanny" spendieren - ein Kindermädchen, das in der Nacht auf das Baby aufpasst, damit die Mutter genug Schlaf bekommt. Und als Marlo tatsächlich erneut am Rande der Depression entlang schlittert und kurz davor ist, der völligen Erschöpfung und Verzweiflung anheim zu fallen, überwindet sie ihren Stolz und lässt die Nacht-Nanny namens Tully (Mackenzie Davis) in ihr Haus. 

Zu diesem Zeitpunkt ist der Film bereits über eine halbe Stunde alt, was erstaunlich viel Zeit ist, bis der titelgebende Charakter zum ersten Mal die Leinwand betritt. Doch bevor sich "Tully" seinem eigentlichen Thema widmet, gönnt er sich eben diese Zeit, um den gänzlich unglamourösen Alltag von Marlo als Mutter darzustellen und ein geradezu heilsam realistisches Bild zu zeichnen, wie solch ein Leben tatsächlich aussieht. Es ist unverkennbar, dass Diablo Cody mehrfache Mutter ist und weiß, worüber sie hier schreibt. Und es ist bemerkenswert, wie sie das tut. Ohne sich eines allzu billigen und naheliegenden Pipi-Kaka-Humors zu bedienen, findet sie reihenweise ebenso lustige wie tragikomisch markante Bilder für die auslaugende Sisyphos-Arbeit, die eine Frau in diesen ersten Wochen und Monaten leisten muss. Und sie hat feine Augen und Ohren für die oben erwähnte Be- und Verurteilung, die einer jungen Mutter durch die Öffentlichkeit permanent entgegen schlägt, wenn sie nicht als absolut perfekte Mama agiert. Höchst prägnant in dieser Hinsicht eine Szene, in der sich Marlo in einem Kaffeeladen einen bösen Kommentar einer älteren Dame einfängt, weil sie es wagt, einen entkoffeinierten Kaffee zu trinken - schließlich sind darin immer noch Restspuren von Koffein enthalten. Wie kann sie nur!

TullyGerade dadurch, dass er zeigt, wie schwierig und hart das alles wirklich ist, liefert "Tully" aber eben auch eine größere und wahrhaftigere Ode ans Muttersein ab als jeder überzuckerte, heuchlerische Familienfilm mit überkompetenten Eltern. Dieser Film macht kein Geheimnis daraus, wie scheiße das alles wirklich sein kann, und ringt einem darum umso mehr Bewunderung ab für all die Frauen, die trotzdem immer weiter funktionieren und es irgendwie schaffen all das zu leisten, was ihnen abverlangt wird. 

Und dann eben kommt Tully ins Spiel, und die Erzählung des Films schlägt eine neue Richtung ein. Die Nacht-Nanny kommt in Marlos Leben wie eine moderne Variante von Mary Poppins und hat dann auch eine sehr ähnliche Auswirkung. Mit Tullys Hilfe und Unterstützung wird wirklich alles in Marlos Dasein besser. Nicht nur, weil ihr endlich effektiv mit ihrem Baby geholfen wird, sondern auch, weil jetzt ein Mensch da ist, dem sie sich mit allem anvertrauen kann. Hier beginnt "Tully", wirklich an Tiefe zu gewinnen, weil er sich damit auseinandersetzt, was der Wechsel in die Rolle als Mutter für eine Frau alles bedeutet. Wie schwierig es sein kann, sich selbst noch als erotisches Wesen zu betrachten, wenn der Körper so stark beansprucht und verändert ist. Wie die Rückkehr in ein leidenschaftliches Sexleben in einer in unsexy Routine erstarrten Ehe gelingen kann. Und wie sehr das Mutterwerden eben auch der endgültige Abschied von der eigenen Jugend ist. 

TullyEs ist eine wahre Freude, während all dem Charlize Theron und Mackenzie Davis dabei zuzusehen, wie sie miteinander harmonieren und wie sie die besondere Chemie zwischen diesen beiden Frauen zum Leben erwecken. Es ist großartige Arbeit von beiden, und Davis bringt mit ihrer Natürlichkeit genau die richtige Menge an Charme und Lebendigkeit in eine Rolle, die sehr leicht nach "befremdlich" oder "überkandidelt" hätte kippen können. Die wahre Sensation ist hier jedoch erneut Charlize Theron, die sich wahrlich mit Leib und Seele in diese Rolle geworfen hat - Theron hat extra für diesen Part ordentlich zugenommen, um den von der Mutterrolle gezeichneten Körper Marlos überzeugend darstellen zu können. Es ist unverkennbar, dass hier eine begnadete Schauspielerin am Werk ist, die die Gelegenheit mehr als zu schätzen weiß, eine solch vielschichtige Figur in einer noch dazu höchst selten gezeigten Situation spielen zu können. Marlo als Rolle ist eine enorme Herausforderung, aber eben auch ein Fest für eine wahre Vollblut-Schauspielerin, und Theron liefert hier grandios ab. Wie schon bei "Young Adult" wusste sie offenbar nur zu gut, wie selten man als weiblicher Schauspiel-Star die Möglichkeit bekommt, so etwas Komplexes spielen zu können. Und wie schon dort macht Theron auch hier aus einem ohnehin schon sehr guten Film ein zusätzliches Ereignis. 

Gegen Ende hat "Tully" für seine Zuschauer noch eine Überraschung in petto, und erst hier wird man sich dann bewusst, dass er die ganze Zeit noch eine weitere Geschichte erzählt hat. Hier wird der Film dann endgültig rund und enthüllt, wie durchdacht und höchst präzise aufgebaut die letzten eineinhalb Stunden tatsächlich waren. Auch das ist eines der großen Talente von Jason Reitman auf dem Regiestuhl: Was wie locker aus dem Ärmel geschüttelte Unterhaltung wirkt, ist viel tiefsinniger, als es auf den ersten Blick scheint. Reitman jedenfalls beweist hier zum dritten Mal, dass er genau der richtige Mann ist, um Diablo Codys Talent für scharfzüngigen Dialogwitz und markante Bilder perfekt auf die Leinwand zu bringen. Angesichts dessen, wie sehr Autorin und Regisseur in ihrem Schaffen und ihren Themen bisher zusammen gereift sind, kann man nur hoffen, dass der dritte gemeinsame Streich nicht der letzte bleiben wird.

Frank-Michael Helmke

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.