The Furious

Originaltitel
Huo zhe yan
Jahr
2025
Laufzeit
113 min
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Matthias Kastl / 24. Juni 2026

Krasser Scheiß – das denkt man sich beim Action- und Gewaltfeuerwerk "The Furious“ immer wieder. Inspiriert ist der Actionreißer aus Hongkong dabei offensichtlich vom indonesischen Überraschungshit "The Raid“ aus dem Jahr 2011, der so etwas wie die Vorzeigereferenz für das sogenannte Brawler-Genre ist. Ein Genre, das für eine geballte Ansammlung blutiger Nahkämpfe steht und dabei meist konsequent an der Schmerzgrenze (seiner Figuren und des Publikums) entlang navigiert. Nun also meldet der japanische Regisseur Kenji Tanigaki Ansprüche auf den Genre-Thron an – und die sind durchaus berechtigt. "The Furious“ kommt zwar mit ein paar kleineren erzählerischen Schwächen daher (wen das kümmert), liefert dank wahnsinnig packend und kreativ choreografierter Setpieces aber nicht nur für Fans des Genres unglaublich mitreißende Unterhaltung ab. Vorausgesetzt natürlich, man hat kein grundsätzliches Problem damit, auf welche skurrile und vor allem blutige Art und Weise die menschliche Anatomie hier an ihre Grenzen gebracht wird.

So richtig auf Gewalt aus ist unsere Hauptfigur in "The Furious“ zu Beginn natürlich nicht. Der einfache und stumme Handwerker Wang Wei (Miao Xie) möchte seiner Tochter Rainy (Enyou Yang) eigentlich nur ein angenehmes Leben ermöglichen – bis sie von Menschenhändlern auf brutale Weise entführt wird. Angetrieben von blanker Wut und ausgestattet mit ziemlich außergewöhnlichen Kampfkünsten macht sich Wang Wei auf die Suche nach ihr. Nichtsahnend, dass er mit seinem Verlustschmerz nicht allein ist. Auch der Journalist Navin (Joe Taslim) vermisst eine geliebte Person, nämlich seine Ehefrau Matia (JeeJa Yanin). Die ist bei ihren Recherchen zu dem Menschenhändlerring plötzlich verschwunden. Gut, dass auch Navin ein paar Martial-Arts-Kniffe auf Lager hat – er wird sie gemeinsam mit Wang Wei schon bald in Hülle und Fülle benötigen.
 


Der Vergleich mit dem besagten "The Raid" kommt nicht von ungefähr, denn schließlich besetzt Regisseur Kenji Tanigaki gleich zwei größere Rollen mit Veteranen aus eben jenem Genre-König: Joe Taslim und Yayan Ruhian. Vor allem aber setzt er auf eine genauso rasante Handlung, die nach einer kleinen Einführung im Wesentlichen ohne große Atempausen ein Action-Setpiece an das andere reiht. Macht ja auch Sinn, schließlich gehen Fans des Genres ja genau deswegen ins Kino. Und Junge, bekommen die hier was geboten. Was Tanigaki, der ursprünglich seine Sporen als Actionchoreograf und Stuntman verdiente, mit "The Furious" abliefert ist immer packend, meist verdammt kreativ und stets auf faszinierende Art leichtfüßig. 

Ob unsere Helden nun einen oder Dutzende Gegner auf einmal bekämpfen müssen, "The Furious“ findet stets Wege diese Aufeinandertreffen fesselnd und überraschend zu gestalten. Was vor allem an großartigen Kampfchoreographien liegt, bei der alle Moves wie perfekt einstudierte Tänze wirken, die jeweilige Umgebung stets clever mit eingebaut wird und man so gefühlt als Zuschauer in einen wahren Action-Sog gerät. Tanigaki weiß dabei genau, wie er diese Szenen inszenieren muss, damit die cleveren Choreographien auch ihre maximale Wirkung entfalten. Die gewählten Kameraeinstellungen lassen einen nie die Orientierung verlieren und auch der Schnittrhythmus kombiniert perfekt plansequenzartige mit dynamisch geschnittenen Passagen. Wodurch auch das Gefühl aufkommt, dass die Inszenierung (entgegen manchen Hollywood-Films) nichts bei der Action kaschieren muss, was die Glaubwürdigkeit und Intensität des Gesehenen nur noch weiter verstärkt.
 


Dabei wird zum Großteil auch auf allzu offensichtliche CGI-Unterstützung verzichtet und wie die John-Wick-Reihe lieber auf roh, körperlich und eben glaubwürdig choreografiert Fights gesetzt. Allerdings mit einem ganz anderen Level was die Intensität und Brutalität angeht, weswegen zartbesaitete Seelen um "The Furious" einen ordentlichen Bogen machen sollten. Denn spätestens wenn Wang Wei hier den Hammer auspackt wird die Belastbarkeit menschlicher Körper doch schon sehr stark auf die Probe gestellt. Dabei steigert sich der Film in Sachen Gewalt und Intensität von Minute zu Minute, was teils in immer aberwitzigeren Fights mündet, die trotz der düsteren Handlung auch mal hier und da mit einem angenehmen kleinen Augenzwinkern daherkommen.

Apropos Handlung, hier wählt der Film clevererweise ein Szenario, das es nahezu unmöglich macht auch nur irgendein Mitgefühl für die vielen Bösewichte zu finden, die auf brutalste Weise auf der Schlachtbank des Filmes landen. Viele der zentralen Bad Guys wirken, und das ist jetzt mal ausdrücklich positiv gemeint, dabei direkt wie aus einem Videospiel – jeder mit seinem eigenen markanten Auftreten und Kampfstil. Das wiederum nutzt Tanigaki aber clever, um immer wieder neue abstruse und fesselnde Szenarien zu kreieren. Vorausgesetzt natürlich, man kann mit dieser Art von überzeichneter Gewalt etwas anfangen – aber falls nicht, dürfte man sowieso nicht ernsthaft mit dem Gedanken eines Kinobesuches gespielt haben.
 


Für Fans des Genres dürfte "The Furious" auf jeden Fall eine Offenbarung sein. Was man hier an Action-Setpieces und Kampfchoreographien geliefert bekommt, gehört zum Spektakulärsten der letzten Jahre. Gerade vor den körperlichen Leistungen von Xie Miao und Joe Taslim, die aber auch schauspielerisch ordentliche Protagonisten abgeben und eine zwar kleine aber ordentlich Buddy-Dynamik entwickeln, kann man einfach nur staunend den Hut ziehen. Doch auch "Gewalt-tolerante" Gelegenheits-Genre-Hopper, zu denen sich auch der Rezensent zählt, werden von diesem Action-Spektakel mitgerissen werden. Gleichzeitig dürften diese sich aber wohl zumindest ein klein wenig daran stören, dass die Schauspielführung der Kinder im Film teils etwas holprig ausfällt und zumindest einmal, wenn man einem Bösewicht ein ganz besonders starkes Rachemotiv unterjubeln möchte, die kalkulierte Geschmacksüberschreitung auf unangenehme Weise nach zu billigem "Schockfaktor" schreit. Davon aber mal abgesehen, gibt es hier Actionkino in Reinform und der allerfeinsten Sorte zu bewundern. Oder, vermutlich treffender ausgedrückt: krassen Scheiß.

 

Bilder: Copyright

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