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Wolke 9

Wolke 9
drama , deutschland 2008
original
regie
andreas dresen
drehbuch
andreas dresen
cast
ursula werner,
horst westphal,
horst rehberg,
steffi kühner, u.a.
spielzeit
94 Minuten
kinostart
4. September 2008
homepage
http://www.wolke9.senator.de
bewertung

8 von 10 Augen
 

Nobody loves you when you're down and out
Nobody sees you when you're on cloud nine
Everybody's hustlin' for a buck and a dime
I'll scratch your back and you scratch mine

- John Lennon, "Nobody Loves You"

Frage: Wie vögeln eigentlich zwei 80-jährige miteinander? Antwort: Sie macht einen Kopfstand und er steckt ihn einfach oben rein. Ein Witz. Ob er nun geschmackvoll oder geschmacklos ist - darüber lässt sich trefflich streiten. Aber wenn der fast 80 Jahre alte Karl (Horst Westphal) der nur zehn Jahre jüngeren Inge (Ursula Werner) nach dem Sex genau diesen Witz erzählt, gibt es für beide kein Halten mehr. Sie kichern und prusten los, als gäbe es nichts Witzigeres in der Welt. Doch zumindest Inge wird das Lachen bald gehörig vergehen. Denn Karl ist nicht ihr Ehemann, sondern ihr Liebhaber. Inges Mann heißt Werner (Horst Rehberg) und ahnt zunächst nicht, dass seine Frau nach 30 Jahren Ehe eine Affäre mit einen älteren (!) Mann angefangen hat.

Es gibt Etiketten, die wird man so schnell nicht wieder los. Besonders dann nicht, wenn die weltweite Kritikerschar sich einig ist, sie habe den Schlüsselsatz und damit den ultimativen Zugang zu einem Kunstwerk gefunden. Ein hübsches Beispiel dafür sind die Reaktionen auf Andreas Dresens wundervollen neuen Film "Wolke 9". Glaubt man den Medien, so ist dieser Film eine mutige und direkte Auseinandersetzung über das gesellschaftliche Tabuthema 'Sex im Alter'. Doch wie sooft stellen solche vorschnellen (Vor-)Urteile nur die halbe Wahrheit dar. Es stimmt zwar, dass Dresens neustes Werk sich zu etwas äußert, was man etwas plump 'Sex im hohen Alter' nennen könnte, aber "Wolke 9" - und das macht den besonderen Reiz aus - verhandelt noch weitaus mehr.
Zu aller erst hat der Regisseur eine Geschichte über die junge Liebe einer alten Frau gedreht. Inge lebt zwar in einer stabilen und bisweilen auch glücklichen Ehe, doch das Glück hat auch seine langweiligen Seiten. Wenn Werner, übrigens passionierter Bahnfahrer, abends in seinem Ohrensessel den Schallplatten mit Eisenbahngeräuschen achtsam lauscht, dann sitzt seine Frau zwar neben ihm, aber man kann ihr ohne weiteres ansehen, dass sie sich merklich fehl am Platz fühlt. Die Kinder der beiden sind schon längst aus dem Haus und so spielt sich besonders Inges Alltag vor allem zwischen Banalitäten wie Brote schmieren und Hosen nähen ab. Die kleine beklemmende Eigentumswohnung (Ausstattung Marke Eiche rustikal) ist für diese Frau ein ödes Gefängnis geworden. Der Ausbruch ist daher nur eine Frage der Zeit. Da kommt Karl, dem Inge die Hosen ausbessert, gerade recht.

Das Tolle an Andreas Dresens Erzählung ist, dass sie Inges Liebeswirren nicht lauthals als Skandal deklariert. "Wolke 9" ist kein lauter, kein hastiger Film geworden. Die Ehekrise, die er schildert, durchläuft die gleichen Stationen wie bei jüngeren Paaren auch. Und doch gibt es einen Unterschied. Inge verheimlicht ihre Affäre nicht. Sie beichtet und dabei ist sie ehrlich aber nicht reumütig. Dresen hätte seinen Film auf dem Geheimnis einer Ehefrau aufbauen können. Er hätte eine Frau zeigen können, die an der Lüge gegenüber ihrem Ehemann zugrunde geht. Aber dann wäre "Wolke 9" ein gewöhnlicher und uninteressanter Film geworden. Die Menschen, die stattdessen auf der Leinwand erscheinen, verhalten sich sehr erwachsen. Sie denken nach, wägen ab, reflektieren. Sie stoßen aber auch immer an Grenzen des für sie Vorstellbaren. Sie lassen sich plötzlich von ihren Gefühlen leiten. Gerade für Inge ist dies eine Grenzerfahrung. Schickt es sich für eine Frau ihres Alters, ständig mit einem anderen Mann zu schlafen? Glücklicherweise verwirft sie diese moralischen Gewissensbisse schnell und erlebt einen zweiten Frühling. Zu diesem gehört natürlich auch ausgiebiger Sex mit Karl (am Anfang auch mit Werner). Am besten oft, am besten viel und möglichst wild.
"Wolke 9" zeigt diesen Sex und betritt damit eine filmische Grauzone, denn meist schwenkt die Kamera weg, wenn im Kino zwei alte Menschen miteinander ins Bett gehen (wobei man Filme mit diesem Thema auch erstmal sehr gründlich suchen muss). Oder es gibt eine schnöde Schwarzblende. Dann, am nächsten Morgen, liegen beide Arm in Arm im Bett mit einem lieblichen Lächeln auf den Lippen. Wenn aber zwei junge Filmhelden Sex haben, dann klebt die Kamera an deren Körpern und scheint gar nicht genug von der jugendlichen Leidenschaft zu bekommen. Diese Bilder unterläuft Andreas Dresens neuer Film. Dabei stellt er die berechtigte Frage, wieso das Alter in all seinen Facetten (nicht nur im Bereich des Geschlechtsverkehrs) in unserer westlichen Lebenswelt eigentlich tabuisiert wird. Es ist eine große Lüge die hier aufgedeckt wird. In einer ständig älter werdenden Gesellschaft muss man vom körperlichen Verfall und vom Tod erzählen. Doch der schmerzvollen Seite des Alterns hat das Kino seit je her genug Aufmerksamkeit gezollt. Dresen erzählt, ohne dabei jemals ins Lächerliche abzugleiten, von der anderen - nicht minder wichtigen - Seite, auf der man noch immer Lebens- und Leibesfreude empfindet.

Dass dies gelingt ist zu einem großen Teil den exzellenten Darstellern zu verdanken. Mit Ursula Werner, Horst Westphal und Horst Rehberg versammelt der Film Schauspieler, die zu den besten Theaterdarstellern Deutschlands gehören. Außerdem haben alle schon kleinere Rollen in früheren Dresenfilmen gespielt. Die Offenheit und Vertrautheit, die ihr Spiel auf der Leinwand vermittelt, ist wohl auch der jahrelangen Freundschaft zwischen Darstellern und Regisseur zu verdanken. Aber "Wolke 9" ist eigentlich Ursula Werners Film. Sie ist der Fixstern um den sich alles dreht. Die von ihr verkörperte Inge gehört mit einer unnachahmlichen Mischung aus schierer Verzweiflung und jugendlichem Sturm und Drang zu den interessantesten Frauenfiguren dieser Kinosaison. Ursula Werner hat in ihrer Darstellung alles Überflüssige weggelassen. Es ist eine erstaunlich unverkrampfte und sehr intensive Leistung.
Natürlich vermeidet der Film einen plumpen Voyeurismus. Die Liebesszenen werden von der Kamera meist bildfüllend eingefangen. Sie ist nah bei den Körpern, bei den alten fleckigen Körpern, die sich aber auch nur durch ihr fortgeschrittenes Alter von anderen Körpern in bekannten Liebesszenen unterscheiden. Schade, dass Dresen genau in diesen Momenten fast immer mit viel Gegenlicht arbeitet und so ein wenig zu vordergründig die Leidenschaft der körperlichen Liebe unterstreicht. Eigentlich könnte man ihm deshalb vorwerfen, dass angeblich gebrochene Tabu gar nicht zu brechen. So weit wollen wir an dieser Stelle dann doch nicht gehen. Phantastisch hingegen ist die bildliche Gestaltung des Films, wenn Dresen seine Figuren im weiteren Verlauf der Handlung beobachtet. Das Kameraauge forciert das Geschehen meist aus der Entfernung. Es versteckt sich hinter Türen und Fenstern. Enge und Ausweglosigkeit macht sich breit. Es ist aber auch eine eindeutige Haltung gegenüber dem Zuschauer. Man muss nämlich einmal darauf achten, mit welchen Gefühlen man sich den Film ansieht. Eine Mischung aus natürlicher Neugier, Ekel und Betroffenheit. Das sagt viel über uns selber aus, aber auch über die äußeren Einflüsse, die uns täglich umgeben und die unsere üblichen Sehgewohnheiten bestimmen und beeinflussen.

Vielleicht merkt man jetzt, dass "Wolke 9" kein Film über 'Sex im Alter' geworden ist. Das ist zwar, wie bereits gesagt, ein nettes Etikett, das viele Kollegen gut und gerne nutzen. Doch die eigentliche Tragik entfaltet Dresens Drama in dem Augenblick, wenn es von Entscheidungen erzählt, die im hohen Alter meist eine unfassbare Einsamkeit nach sich ziehen. Nach mehreren Jahrzehnten Ehe verlassen zu werden ist nämlich ein brutaler Bruch. Das will man nicht erleben, das will man auch nicht sehen, viel weniger als zwei faltige Körper die in inniger Zweisamkeit nach dem Höhepunkt der Lust suchen. "Wolke 9", der in Cannes in der renommierten Nebenreihe Quinzaine des Realisateurs den Spezialpreis Coup de Coeur gewann, lotet die Risiken eines Beziehungsbruchs aus. Mit würdevoller Eleganz rückt er eine Konstellation in den Mittelpunkt, die üblicherweise gerne in einem Nebenstrang erzählt wird. Er erzählt von Menschen, die nicht bereit sind das Lieben zu verlernen solange ihr Herz noch schlägt, auch wenn sie dafür am Ende den Preis einer unerträglichen Einsamkeit auf sich nehmen.

 

 

 

Patrick Wellinski

1

Jeder, der sowas als Film bezeichnet, sollte sich schämen. Ich musste mir dieses "Ding" leider vor kurzem antun (für ein Projekt).
Es gibt vielleicht 3 Zwischenschnitte, alles andere ist hässlich gefilmte Realität. Wenn, dann wäre es ne Art Dokumentarfilm, aber Film? Köstlich. Die Geschichte mag den ein oder anderen ansprechen, die Dialoge mögen der "Realität" entsprechen. So what?
Ein Film ist nicht dazu da, die Realität abzubilden. Dann kann ich gleich einen Dokumentarfilm ansehen. Oder ein Buch lesen, wenns nur um die Geschichte geht.
Wie geschrieben, jeder, der so ein Wertk als Film bezeichnet, hat von nichts ne Ahnung. Leider.

Andreas. Traurig, daß manche Leute keinen Schimmer von einer der ursprünglichsten Form der Darstellung mehr haben: dem Drama.
Aber bleib doch bitte weiter bei Hollywood und co. und flüchte Dich in Deine kleinen unwichtigen Surrealitäten, die man nach dem Abspann schon wieder vergessen hat.
Wenn Du dann irgendwann mal erwachsen bist, weißt Du vielleicht auch Filme über Dinge, die Menschen wirklich bewegen, zu schätzen.

@Kö,ich finde Andreas Kommentar sehr treffend formuliert. Wolke 9 ist wohl eher ein dokumentiertes Drama und hat mit der von dir erwähnten ursprünglichsten Form der Darstellung sehr wenig gemein. Denn die Dramen, welche die Menschen in Literatur und Film begeistert und bewegt haben, spielten sich sehr häufig fernab von der Reälität ab...

Flo, das stimmt wohl wenn du solche Dramen wie Harry Potter oder Herr der Ringe meinst, welche schon selbst, an sich, eine kulturgeschichtliches Drama sind. Ansonsten ist der Realismus sehr wohl im Film und der Literatur zuhause, und hat auch viele Menschen, ausserhalb von Nischen oder auch Programmkinos, bewegt. Ein kleiner
Blick in die gängigen Werke der Kuturgeschichte kann ich dir nur empfehlen.

8

Es ist nicht so, dass ich Andreas Dresens Filme zu meinen Lieblingsfilmen zähle. Aber je mehr ich von ihm sehe, desto stärker bewundere ich seine Vielseitigkeit: vom verwackelten und etwas anstrengenden "Halbe Treppe", über die wunderbare Doku "Herr Wichmann von der CDU" und den wunderbaren (Mainstream-)Spielfilm "Sommer vorm Balkon" jetzt zu "Wolke 9". Und alles Filme, die auf ihre jeweilige Art perfekt umgesetzt sind (man vergleich das nur mal mit Sönke Wortmanns schlechten Kommödien und der noch misratenere Doku über die WM 06).

"Wolke 9" ist irgendwo zwischen "Halbe Treppe" und "Sommer vorm Balkon" anzusiedeln: spartanisch inszeniert (keine Musik, nur laute Alltagsgeräusche, kaum 'schöne' Aufnahmen), aber ganz nah dran an der Realität. Kein falsches Wort, kein aufgeblasener Dialog, kein überzogenes 'Acting'. Im Ergebnis sieht man eine Geschichte, die so banal und (zumindest bei jüngeren Pärchen) so alltäglich ist, dass sie gerade einen sehr trifft. Man lacht, man weint, man grübelt nach... und hofft, dass einem im Alter nicht ähnliches passiert - und weiss doch nach diesem Film, dass Alter nicht vor Verliebtsein schützt und dass das auch gut so ist.
Ach ja, die Sexszenen sind deutlich, aber nicht das zentrale am Film und schon gar kein gewollter 'Tabubruch', sondern einfach Leben.
Vielleicht werde ich doch noch mal ein Dresen-Fan...

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