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Der
Exodus vieler asiatischer Filmschaffender in westliche
Gefilde wurde
gerade von den Fans des Hongkongkinos zumeist mit
äußerstem
Widerwillen zur Kenntnis genommen. Zu häufig mußte man
mitansehen, wie liebgewonnene Künstler in US-Produktionen
regelrecht
verheizt wurden, ohne daß die Filme die speziellen
Fähigkeiten
ihrer mandeläugigen Mitwirkenden angemessen einzusetzen
wüßten.
Als aktuellstes Beispiel für derartige Mißstände
darf man ruhig mal wieder auf „M:I-2“
hinweisen, denn selbst John Woos imposante
Action-Sequenzen können
ihre volle Wirkung halt nur entfalten, wenn der opernhafte
Pomp
ihrer Inszenierung auch durch einen entsprechenden
emotionalen Unterbau
unterstützt und gerechtfertigt wird. Bei Mr. Cruises
Personality-Show
war jenseits des vordergründigen Spektakels jedoch nur
wenig
Gehaltvolles zu entdecken, vielmehr wirkte der Film durch
seinen
gerade hier fast schon schmerzhaften Kontrast zwischen
gewohnt edler
Form à la Woo und gewohnt uninteressanten Inhalts à
la Sommer-Blockbuster so wenig stimmig. Traurig, aber
leider durchaus
symptomatisch für die meisten bisherigen Versuche, einen
filmischen
Brückenschlag zwischen Asien und Nordamerika zu versuchen.
Umso größer ist daher die freudige Überraschung
angesichts der bereits mit unzähligen Vorschußlorbeeren
bedachten Ost-West-Kooperation „Crouching Tiger, Hidden
Dragon“
(so der mal wieder wesentlich schönere Originaltitel), die
trotz US-Beteiligung bereits mit ihrem Plot urasiatisches
Flair
verbreitet.
Da
der Versuch, dem Handlungsgeflecht an dieser Stelle auch
nur halbwegs
übersichtlich gerecht zu werden, zum Scheitern verurteilt
sein
dürfte, bleibt zunächst mal festzuhalten, daß „Tiger
and Dragon“ die Verfilmung des vierten Teils eines
fünfteiligen
Romans von Wang Du-Lu darstellt. Als einziger wirklich
bedeutsamer
Kritikpunkt läßt sich dann auch anmerken, daß die
Informationsdichte zu Beginn dem unvorbereiteten Zuschauer
etwas
hoch erscheinen könnte. Man merkt deutlich, daß bereits
vor dem Einsetzen der Filmhandlung viele für die Story
bedeutsame
Ereignisse geschehen sind, die der Film nun möglichst
kompakt
zu vermitteln sucht. Gerade der im Martial-Arts-Genre
erfahrene
Zuschauer sollte hier allerdings kaum Probleme haben, da
„Crouching
Tiger, Hidden Dragon“ seine durchaus komplexe Geschichte
immer
noch wesentlich nachvollziehbarer und stringenter erzählt
als
dies bei vielen vergleichbaren Hongkong-Produktionen der
Fall ist.
Die Grundzüge der Story wirken vertraut: Im Zentrum steht
das
legendäre grüne Schwert des von Chow Yun-Fat gespielten
Kriegers Li Mu-Bai, das im Laufe des Films mehrfach den
Besitzer
wechseln wird, was natürlich Anlaß für einige furiose
Auseinandersetzungen handgreiflicher Art bietet.
Besagte
Kämpfe gehören dann auch unzweifelhaft zu den nicht eben
spärlichen Highlights des Films, mit dem sich Ang Lee, der
bislang eher mit sensiblen Dramen wie der
Jane-Austen-Verfilmung
„Sinn und Sinnlichkeit“ bekannt wurde, nun auch als
formidabler
Action-Regisseur beweisen kann. Unterstützung erhält er
dabei von Hongkong-Altmeister Yuen Woo-Ping, dessen Name
einem Großteil
des westlichen Publikums wohl am ehesten durch seine
Kampf-Choreographie
in „The
Matrix“ ein Begriff
sein dürfte. Mit eben jenem Smasher der Wachowski-Brothers
wurden die Fights in „Crouching Tiger, Hidden Dragon“
dann auch bereits des öfteren verglichen, was aber
abgesehen
von der durchaus erkennbaren Handschrift Yuens wohl auch
mit dem
Umstand zu erklären ist, daß „The Matrix“ für
viele Zuschauer der erste intensive Kontakt mit dieser
speziellen
Form der ‚Wirework-Action‘ gewesen sein dürfte, bei
der die Kämpfenden den Gesetzen der Schwerkraft nur in
sehr
geringem Maße verpflichtet zu sein scheinen.
Im
Prinzip zeigt Ang Lees Film nichts, was im
Martial-Arts-Genre nicht
bereits häufig zu sehen gewesen wäre, denn umherspringende
und -fliegende Schwertkämpfer sind in Hongkongfilmen
schließlich
schon lange gang und gäbe, man denke nur an die auch in
Deutschland
recht bekannte „A Chinese Ghost Story“-Trilogie. Daß
die Action-Szenen in „Crouching Tiger, Hidden Dragon“
trotzdem begeistern können, liegt also weniger an ihrer
etwaigen
Innovation als vielmehr an ihrer Perfektion, denn selten
wurden
derartige Sequenzen mit einer solchen Sorgfalt, Eleganz
und Poesie
in Szene gesetzt. Unterlegt mit hypnotischen
Percussion-Klängen
entfaltet sich vor dem Auge des staunenden Betrachters ein
zuweilen
schwindelerregendes Spektakel, das dem Begriff
„Bewegungsrausch“
alle Ehre macht. Oder anders gesagt: Die Fights kommen
FETT.
Nun
wäre dem Film allein durch diese aufwendigen Actionszenen
wohl
bereits ein Ehrenplatz im Swordplay-Genre sicher, seinen
Ausnahmestatus
erlangt „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ allerdings erst
durch seine mindestens ebenso gut gelungenen dramatischen
Elemente.
Wer schon mal solch filmischer Göttergaben wie
beispielsweise
Lee Chi-Ngais „Lost and Found“ ansichtig werden durfte,
sollte bereits überzeugt sein, daß (gerade auch tragische)
Liebesgeschichten im asiatischen Kino wahrscheinlich
besser aufgehoben
sind als irgendwo sonst auf der Welt. Auch Ang Lees Film
kann in
dieser Hinsicht voll überzeugen, wartet er doch gleich mit
zwei derartigen Erzählsträngen auf, in denen die durchaus
differenziert angelegten Charaktere mit ihren Gefühlen
mindestens
genauso hart zu kämpfen haben wie mit ihren Kontrahenten.
Was
die Darsteller angeht, die diesen Figuren Leben einhauchen
dürfen,
kann man der Einfachheit halber gleich weiterjubeln. Es
ist eine
regelrechte Wohltat, den beiden Ikonen des Hongkongfilms
Chow Yun-Fat
und Michelle Yeoh (der Lichtblick im vorletzten Bond „Der
Morgen
stirbt nie“) zuzusehen, wie sie mit zurückhaltender
Leidenschaft
(doch, das gibt’s) zwei Menschen spielen, denen in einer
physischen
Auseinandersetzung so gut wie niemand etwas anhaben kann,
die sich
ihre gegenseitige Zuneigung jedoch nicht eingestehen
können.
Schlichtweg sensationell ist allerdings Zhang Ziyi in der
heimlichen
Hauptrolle als abenteuerlustige Gouverneurstochter Jen,
die auf
Wunsch ihrer Familie eine Vernunftehe eingehen soll,
jedoch in den
Banditen Lo verliebt ist, wie sich in einer ausgedehnten
Rückblende
herausstellt. Die junge Chinesin bezaubert in ihrem erst
zweiten
Film nach „Heimweg - The Road
Home“
nicht nur durch ihre bloße Erscheinung, sondern kann auch
darstellerisch mit den beiden oben genannten Veteranen
locker mithalten
und hinterläßt zudem auch in den Kampfszenen einen
fantastischen
Eindruck, der sich nicht zuletzt auch auf ihre
Tanzausbildung zurückführen
lassen dürfte. Eine faszinierendere Mischung aus schier
grenzenlosem
Starpotential und höchst sympathischer Ausstrahlung wird
zur
Zeit nur schwer zu finden sein.
Ang
Lee nennt seinen Film „eine Art Traum von China“, und
man kann dem gebürtigen Taiwanesen nur dankbar sein, daß
er diesen Traum mit uns teilt. „Crouching Tiger, Hidden
Dragon“
ist eine auf sehr hohem Niveau angesiedelte Huldigung der
traditionellen
chinesischen Populärkultur, in der Freunde der
Martial-Arts-Gattung
viele bekannte Elemente wiederfinden, die hier liebevoll
aufbereitet
worden sind und zudem in eine Geschichte integriert
wurden, deren
dramatische Wirkung (und nicht zuletzt auch deren
Produktionsaufwand)
den Großteil ihrer Vorbilder weit übertrifft. Jedoch
sollten auch Genre-Neulinge nach einer kurzen
Orientierungsphase
überzeugt sein, um dann nach viel zu kurzen zwei Stunden
beim
äußerst bewegenden Schluß des Films spüren
zu können, daß sich die Begriffe „todtraurig“
und „wunderschön“ keineswegs widersprechen. Ob man
hier nun von dem Martial-Arts-Film mit dem größten
emotionalen
Impact oder von dem Drama mit den geilsten Kampfszenen
spricht,
spielt genau genommen keine Rolle. Was zählt, ist die
Wirkung,
und dieser ‚Instant Classic‘ wirkt.
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