kleine Werbepause
Anzeige

Seabiscuit

Seabiscuit
sport-drama , usa 2003
original
seabiscuit
regie
gary ross
drehbuch
gary ross
cast
tobey maguire,
jeff bridges,
chris cooper,
william h. macy, u.a.
spielzeit
140 Minuten
kinostart
25. September 2003
homepage
http://www.seabiscuitmovie.com/
bewertung

6 von 10 Augen

 

Nach einem Sommer der wie nie zuvor von aufwändigen Fortsetzungsfilmen dominiert wurde, muss "Seabiscuit" dem amerikanischen Kinopublikum wie ein rettender Strohhalm vorgekommen sein: Endlich ein Film mit einer klassischen, dazu noch auf Tatsachen beruhenden Geschichte - erfrischend und erholsam zugleich. Viele Wochen lang strömten die Zuschauer ins Kino um sich mehr als zwei Stunden lang die Lebensgeschichte eines Rennpferdes anzuschauen. Das geschickte Ausnutzen einer Marktlücke war also bestimmt einer der Gründe für den kommerziellen Erfolg des Films. Das durch und durch amerikanische Thema, die monatelang die dortigen Bestsellerlisten anführende Buchvorlage und nicht zuletzt der neue Star-Status von Hauptdarsteller Tobey "Spider-Man" Maguire dürften die weiteren Ursachen sein. Denn der Film selbst überzeugt leider nur bedingt.

Obwohl ein Pferd dem Film seinen Namen gibt ist es doch in erster Linie die Geschichte dreier Männer: Der als Autohändler in Kalifornien zu Reichtum gekommene Charles Howard (Jeff Bridges) verliert beim großen Börsencrash 1929 nicht nur einen Großteil seines Vermögens sondern kurz darauf auch seinen Sohn, ausgerechnet bei einem Autounfall. Zusammen mit seiner neuen jungen Ehefrau entdeckt er dann jedoch seine Begeisterung für den Galopprennsport und stößt dabei auf den schweigsamen Tom Smith (Chris Cooper). Dieser ist eigentlich ein gelernter Cowboy, doch im neuen, schnellen Zeitalter von Eisenbahn und Automobilen findet sich Tom nur schwer zurecht. Seine Art auf die Pferde einzugehen beeindruckt Howard jedoch so sehr, dass dieser ihn als Trainer für seine Rennpferde engagiert. Tom ist es dann auch, der den richtigen Reiter für das talentierte, aber unbändig wilde Pferd "Seabiscuit" findet: Den jungen Hitzkopf Johnny "Red" Pollard (Tobey Maguire), der als Jugendlicher von seinen Eltern abgeschoben wurde und sich seitdem mehr schlecht als recht als Jockey und Hinterhofboxer versucht. Aber die Mischung aus diesen drei Persönlichkeiten stimmt und gemeinsam eilen sie mit "Seabiscuit" bald von einem Sieg zum Nächsten. Als Krönung soll dann ein direkter Vergleich mit dem Champion der Ostküste her, den Howard auch mit allen Mitteln schließlich erzwingt. Als krasser Außenseiter geht "Seabiscuit" in dieses Rennen, und als sich "Red" bei einem Trainingsunfall verletzt, sieht die Zukunft der verschworenen Gemeinschaft nicht mehr allzu rosig aus.

Regisseur und Drehbuchautor Gary Ross benötigt das komplette erste Drittel des Films bis er seine drei Musketiere endlich zusammengeführt hat, und viel zu zäh zieht sich diese Einführung dann leider auch dahin. Die zunächst unabhängig voneinander erzählten traurigen Einzelschicksale sollen dabei vor allem eines deutlich machen: Es ist die Zeit der "Großen Depression" und es ist eine sehr schwere Zeit für jeden, egal ob einfacher Landarbeiter oder vormals großer Unternehmer. Das Land ist am Boden und braucht etwas woran es sich aufrichten kann. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte des Rennpferdes "Seabiscuit" kommt da gerade recht. Das Pferd ist eigentlich zu klein und der Jockey zu groß - trotzdem gewinnen sie. Die alteingesessenen Banker an der Ostküste nehmen die Emporkömmling aus dem nicht mehr ganz so wilden Westen erst mal gar nicht ernst, trotzdem werden sie herausgefordert. Das macht Mut, damit kann das Volk sich identifizieren.
Die Message ist eigentlich klar, doch der Regisseur vertraut seinen Bildern und Charakteren anscheinend nicht genug. Warum sonst lässt er die Bedeutung der Geschehnisse und den Zustand der amerikanischen Gesellschaft immer wieder von einem Erzähler aus dem Off erläutern? Zu eingestreuten, stillstehenden Schwarzweißbildern nimmt uns dieser an die Hand und erklärt warum was gemacht wird und was es bedeutet. Das hätte man auch durch die handelnden Figuren selbst herausstellen können, indem man ihnen einige brauchbare Dialoge schreibt. Doch Ross wählt den direkten und simpleren Weg und raubt durch diese wie Fremdkörper eingestreute Szenen dem Film einen Großteil seiner Wirkung. Dass zudem noch ein "unbekannter neutraler Beobachter" diese Anmerkungen macht und nicht zumindest eine der Hauptfiguren macht das Ganze dann noch befremdlicher.

Das soll nun keinesfalls bedeuten, dass "Seabiscuit" nicht auch einige Qualitäten vorweisen kann. Es handelt sich hier durchaus um eine Großproduktion und so ist vor allem die optische Umsetzung hervorragend gelungen: Wunderschöne Panoramabilder, hervorragende Ausstattung und Kostüme erzeugen eine durchaus überzeugende Atmosphäre der dreißiger Jahre. Auch bei den Rennszenen bietet der Film einiges an rasanten und spektakulären Aufnahmen, die man so auch noch nicht unbedingt gesehen hat.
Bei der Auswahl der Darsteller schließlich erlaubte das Budget einige Namen, mit denen man eigentlich gar nichts falsch machen kann: Tobey Maguire kehrt nach seinem Ausflug ins Popcorn-Entertainment wieder in gewohntes Terrain zurück, darf diesmal als aggressiver Rotschopf aber ein ganzes Stück mehr aus sich herausgehen, als es seine eher stoischen Charaktere der Vergangenheit bisher zuließen. Chris Cooper hat sich mit seinen Auftritten in "American Beauty" und "Adaption" ganz nach vorne gespielt, die Rolle des "Pferdeflüsterers" Tom verlangt ihm aber nicht allzu viel ab. Als Herz des Ganzen fungiert dagegen Jeff Bridges, der als alternder Patriarch alles zusammen hält. Eine ganz neue Rolle für den in letzter Zeit etwas in der Versenkung verschwundenen Bridges, denn so hat man den ehemaligen "Dude" auch noch nicht gesehen.
Und dann wäre da natürlich noch der unvergleichliche William H. Macy, dem die Rolle als hyperaktiver und äußerst kreativer Radiomoderator extra auf den Leib geschrieben wurde. Gut so, denn dadurch gibt es wenigstens auch ein paar Lacher in einer ansonsten doch sehr pathetischen und den ungeschriebenen Regeln des Sportdramas gehorchenden Inszenierung. Denn natürlich überwinden Pferd und Reiter auch hier alle Rückschläge und Hindernisse um dann triumphal in den Sonnenuntergang zu reiten - oder war es doch eher über die Ziellinie? Egal, "Seabiscuit" ist auf jeden Fall bildgewaltiges, solides Entertainment. Mehr aber auch nicht.

Volker Robrahn

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
5 + 6 =
Diese einfache Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben, z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.