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Nach einem Sommer der wie nie zuvor von aufwändigen Fortsetzungsfilmen dominiert wurde, muss "Seabiscuit" dem amerikanischen Kinopublikum wie ein rettender Strohhalm vorgekommen sein: Endlich ein Film mit einer klassischen, dazu noch auf Tatsachen beruhenden Geschichte - erfrischend und erholsam zugleich. Viele Wochen lang strömten die Zuschauer ins Kino um sich mehr als zwei Stunden lang die Lebensgeschichte eines Rennpferdes anzuschauen. Das geschickte Ausnutzen einer Marktlücke war also bestimmt einer der Gründe für den kommerziellen Erfolg des Films. Das durch und durch amerikanische Thema, die monatelang die dortigen Bestsellerlisten anführende Buchvorlage und nicht zuletzt der neue Star-Status von Hauptdarsteller Tobey "Spider-Man" Maguire dürften die weiteren Ursachen sein. Denn der Film selbst überzeugt leider nur bedingt.
Obwohl
ein Pferd dem Film seinen Namen gibt ist es doch in erster Linie
die Geschichte dreier Männer: Der als Autohändler in Kalifornien
zu Reichtum gekommene Charles Howard (Jeff Bridges) verliert beim
großen Börsencrash 1929 nicht nur einen Großteil
seines Vermögens sondern kurz darauf auch seinen Sohn, ausgerechnet
bei einem Autounfall. Zusammen mit seiner neuen jungen Ehefrau entdeckt
er dann jedoch seine Begeisterung für den Galopprennsport und
stößt dabei auf den schweigsamen Tom Smith (Chris Cooper).
Dieser ist eigentlich ein gelernter Cowboy, doch im neuen, schnellen
Zeitalter von Eisenbahn und Automobilen findet sich Tom nur schwer
zurecht. Seine Art auf die Pferde einzugehen beeindruckt Howard
jedoch so sehr, dass dieser ihn als Trainer für seine Rennpferde
engagiert. Tom ist es dann auch, der den richtigen Reiter für
das talentierte, aber unbändig wilde Pferd "Seabiscuit"
findet: Den jungen Hitzkopf Johnny "Red" Pollard (Tobey
Maguire), der als Jugendlicher von seinen Eltern abgeschoben wurde
und sich seitdem mehr schlecht als recht als Jockey und Hinterhofboxer
versucht. Aber die Mischung aus diesen drei Persönlichkeiten
stimmt und gemeinsam eilen sie mit "Seabiscuit" bald von
einem Sieg zum Nächsten. Als Krönung soll dann ein direkter
Vergleich mit dem Champion der Ostküste her, den Howard auch
mit allen Mitteln schließlich erzwingt. Als krasser Außenseiter
geht "Seabiscuit" in dieses Rennen, und als sich "Red"
bei einem Trainingsunfall verletzt, sieht die Zukunft der verschworenen
Gemeinschaft nicht mehr allzu rosig aus.
Regisseur
und Drehbuchautor Gary Ross benötigt das komplette erste Drittel
des Films bis er seine drei Musketiere endlich zusammengeführt
hat, und viel zu zäh zieht sich diese Einführung dann
leider auch dahin. Die zunächst unabhängig voneinander
erzählten traurigen Einzelschicksale sollen dabei vor allem
eines deutlich machen: Es ist die Zeit der "Großen Depression"
und es ist eine sehr schwere Zeit für jeden, egal ob einfacher
Landarbeiter oder vormals großer Unternehmer. Das Land ist
am Boden und braucht etwas woran es sich aufrichten kann. Die unglaubliche
Erfolgsgeschichte des Rennpferdes "Seabiscuit" kommt da
gerade recht. Das Pferd ist eigentlich zu klein und der Jockey zu
groß - trotzdem gewinnen sie. Die alteingesessenen Banker
an der Ostküste nehmen die Emporkömmling aus dem nicht
mehr ganz so wilden Westen erst mal gar nicht ernst, trotzdem werden
sie herausgefordert. Das macht Mut, damit kann das Volk sich identifizieren.
Die Message ist eigentlich klar, doch der Regisseur vertraut seinen
Bildern und Charakteren anscheinend nicht genug. Warum sonst lässt
er die Bedeutung der Geschehnisse und den Zustand der amerikanischen
Gesellschaft immer wieder von einem Erzähler aus dem Off erläutern?
Zu eingestreuten, stillstehenden Schwarzweißbildern nimmt
uns dieser an die Hand und erklärt warum was gemacht wird und
was es bedeutet. Das hätte man auch durch die handelnden Figuren
selbst herausstellen können, indem man ihnen einige
brauchbare
Dialoge schreibt. Doch Ross wählt den direkten und simpleren
Weg und raubt durch diese wie Fremdkörper eingestreute Szenen
dem Film einen Großteil seiner Wirkung. Dass zudem noch ein
"unbekannter neutraler Beobachter" diese Anmerkungen macht
und nicht zumindest eine der Hauptfiguren macht das Ganze dann noch
befremdlicher.
Das soll nun keinesfalls bedeuten, dass "Seabiscuit"
nicht auch einige Qualitäten vorweisen kann. Es handelt sich
hier durchaus um eine Großproduktion und so ist vor allem
die optische Umsetzung hervorragend gelungen: Wunderschöne
Panoramabilder, hervorragende Ausstattung und Kostüme erzeugen
eine durchaus überzeugende Atmosphäre der dreißiger
Jahre. Auch bei den Rennszenen bietet der Film einiges an rasanten
und spektakulären Aufnahmen, die man so auch noch nicht unbedingt
gesehen hat.
Bei der Auswahl der Darsteller schließlich erlaubte das Budget
einige Namen, mit denen man eigentlich gar nichts falsch machen
kann: Tobey Maguire kehrt nach seinem Ausflug ins Popcorn-Entertainment
wieder in gewohntes Terrain zurück, darf diesmal als aggressiver
Rotschopf aber ein ganzes Stück mehr aus sich herausgehen,
als es seine eher stoischen Charaktere der Vergangenheit bisher
zuließen. Chris Cooper hat sich mit seinen Auftritten in "American
Beauty" und "Adaption"
ganz nach vorne gespielt, die Rolle des
"Pferdeflüsterers"
Tom verlangt ihm aber nicht allzu viel ab. Als Herz des Ganzen fungiert
dagegen Jeff Bridges, der als alternder Patriarch alles zusammen
hält. Eine ganz neue Rolle für den in letzter Zeit etwas
in der Versenkung verschwundenen Bridges, denn so hat man den ehemaligen
"Dude" auch noch nicht gesehen.
Und dann wäre da natürlich noch der unvergleichliche William
H. Macy, dem die Rolle als hyperaktiver und äußerst kreativer
Radiomoderator extra auf den Leib geschrieben wurde. Gut so, denn
dadurch gibt es wenigstens auch ein paar Lacher in einer ansonsten
doch sehr pathetischen und den ungeschriebenen Regeln des Sportdramas
gehorchenden Inszenierung. Denn natürlich überwinden Pferd
und Reiter auch hier alle Rückschläge und Hindernisse
um dann triumphal in den Sonnenuntergang zu reiten - oder war es
doch eher über die Ziellinie? Egal, "Seabiscuit"
ist auf jeden Fall bildgewaltiges, solides Entertainment. Mehr aber
auch nicht.


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