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Der Duft von Lavendel

Der Duft von Lavendel
drama , gb 2004
original
ladies in lavender
regie
charles dance
drehbuch
charles dance
cast
judi dench,
maggie smith,
daniel brühl,
natasha mcelhone, u.a.
spielzeit
103 Minuten
kinostart
6. Oktober 2005
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Mit der englischen Produktion "Ladies in Lavender" (Originaltitel) wagt sich Deutschlands Shooting-Star Daniel Brühl ("Good Bye Lenin", "Die fetten Jahre sind vorbei") zum ersten Mal auf das internationale Parkett. Seine Wahl darf dabei als durchaus mutig betrachtet werden, entscheidet Brühl doch gleich, sich mit zwei großen Damen des britischen Kinos messen zu wollen: Judi Dench und Maggie Smith. Das Ergebnis ist zwar ein bewegender Film, für unseren deutschen Schauspielexport aber dann doch auch ein wenig zwiespältig. "Der Duft von Lavendel" ist wundervolles Charakterkino der traditionellen Sorte, bei dem sich leider ausgerechnet Brühl als der einzig wirkliche Schwachpunkt entpuppt.

Brühl spielt den jungen polnischen Violinkünstler Andrea, der kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges an der englischen Küste angespült wird. Genauer gesagt am Strand der beiden verwitweten Schwestern Ursula (Judi Dench) und Janet (Maggie Smith), die sich ohne zu zögern in ihrem kleinen Landhaus um den "Fund" kümmern. Der Alltagsrhythmus der beiden alten Damen, der bisher hauptsächlich aus Stricken und geruhsamen Kaffeekränzchen bestand, wird dadurch kräftig durcheinandergewirbelt. Was sich am Anfang als willkommene und abenteuerliche Abwechslung darstellt, wandelt sich schon bald zum unglückbringenden Schicksal, da Ursula beginnt Gefühle für den hochbegabten jungen Mann zu entwickeln. Während Janet dies mit Besorgnis registriert, produziert eine andere junge Künstlerin, die Malerin Olga (Natascha McElhone), bei dem örtlichen Doktor (David Warner) ein ähnliches Gefühlswirrwarr.

"Der Duft von Lavendel" ist das Regiedebüt des britischen Mimen Charles Dance ("Swimming Pool", "Gosford Park"), dem breiteren Publikum wohl eher als Hollywood-Schurke aus Schwarzeneggers "Last Action Hero" und "Alien 3" bekannt. Mit knapp 60 Jahren ein relativ spätes Debüt, das sich aber nahtlos dem hohen Altersdurchschnitt der meisten Dorfbewohner im Film anpasst. Die Zusammenstellung dieser "Rentner-Gang" entpuppt sich aber als Glücksgriff für den Kinobesucher, denn alleine Judi Dench und Maggie Smith können bereits knapp 100 Jahre Schauspielerfahrung in die Waagschale werfen.
Zwei der besten Darsteller ihrer Generation können dabei auf ein Drehbuch zugreifen, das ihnen in punkto Figurenentwicklung alle Freiheiten verleiht. Basierend auf einer Kurzgeschichte des eher unbekannten Schriftstellers William J. Locke hält die Handlung von "Der Duft von Lavendel" selbst allerdings kaum Überraschungen parat. Die Geschichte spielt lediglich in einer handvoll Locations und erlaubt den Zuschauern so, sich voll und ganz auf die beiden Protagonistinnen zu konzentrieren. Eine weise Entscheidung, wartet das Drehbuch doch gleich mit einer ganzen Reihe von charmanten und bewegenden Dialogen auf, bei denen Dench und Smith, fernab ihrer eher eindimensionalen Mainstream-Rollen der "James Bond"- und "Harry Potter"-Reihen, zur Höchstform auflaufen.
Es ist einfach ein purer Genuss, diesen beiden brillanten Darstellerinnen zuzuschauen, die ihren Freiraum mehr als beeindruckend in cineastische Glanzleistungen ummünzen. Denchs einfühlsame Darstellung umkurvt souverän alle Fallgruben, die eine Geschichte über die Liebe zwischen den Generationen aufstellt, und Smiths Leistung steht ihrer Kollegin um nichts nach. Obwohl das Drehbuch ihr den scheinbar "unemotionaleren" Part zuweist, formt Smith ein bewegendes Bild einer Frau, die sichtbar unter dem Schicksal ihrer Schwester leidet und mühsam damit ringt die Fassung zu bewahren.

Das Hauptthema des Filmes, die unerwiderte Liebe einer alten Frau zu einem jungen Mann, wird auch noch durch zwei weitere Nebenfiguren, Olga und den ihr verfallenen Doktor Mead, gespiegelt und somit verstärkt. Auch bei dieser sehr kurz gehaltenen Nebengeschichte zahlt sich das langsame Tempo und die Vorliebe des Filmes für leisere Töne aus. Ebenso erfolgreich findet das Drehbuch aber auch ein Gegengewicht zu der bedrückenden Grundstimmung des Filmes. Immer wieder werden gekonnt komödiantische Szenen und Dialoge eingestreut, meistens verpackt in ein liebevolles und augenzwinkerndes Porträt des örtlichen Dorflebens. Ein wahres Highlight stellt dabei Miriam Margolyes' Verkörperung der grantigen, aber sympathischen Haushälterin Dorcas dar. Obwohl in ihrer Anlage eine äußerst stereotypische Figur, schafft es Margolyes Dorcas eine Frische und Spritzigkeit zu verleihen, die selbst Dench und Smith ab und zu "alt" aussehen lässt.

Und wie schlägt sich unser Regiedebütant? Nun, mehr als wacker. Dances Inszenierung zollt dem selbst verfassten Drehbuch und seinen Darstellern den Tribut den sie verdienen. Ruhig und gefühlvoll inszenierend, gibt Dance seinen Akteuren den Freiraum den sie benötigen. Lediglich die extrem spärliche Verwendung von Slow-Motion, Freeze-Frames und Handkamera passt nicht wirklich ins Erscheinungsbild des Filmes. Da nur selten benutzt, lenken diese bei ihrem Einsatz den Zuschauer mehr ab, als dass sie die emotionale Wirkung der betreffenden Szene verstärken. Doch diesen Anflug von "jugendlichem Spieltrieb" sei dem ansonsten überzeugenden Regieneuling gerne verziehen.
Die gleiche Nachsicht kann man auch dem etwas schwächelnden Finish des Filmes entgegenbringen, bei dem dann doch ein wenig zu kräftig aus einer klischeereichen Szenensuppe geschöpft wird. So bleibt lediglich eine wirkliche Schwäche zu diskutieren, und die personifiziert sich unglücklicherweise ausgerechnet in Daniel Brühl.

Leider scheinen der Film und sein Regisseur nicht wirkliches Interesse an seiner Figur des Andrea zu haben - weder erfährt man jemals dessen Hintergrundgeschichte, noch hat man das Gefühl wirklich an dessen Innenleben teilzuhaben. Andrea dient die meiste Zeit leider nur als einer Art passiver Motivator für Ursulas Gefühlswelt. Das Drehbuch gönnt Brühl kaum erinnerungswürdige Dialogzeilen und vereinfacht so nicht gerade das Bestehen gegen die dominierenden Dench und Smith. Für diese unglücklichen äußeren Umstände kann Brühl nun schwerlich zur Verantwortung gezogen werden, doch zumindest ein wenig mehr Farbe hätte er seiner Figur verleihen können.
Natascha McElhone nutzt, im Gegensatz zum relativ blassen Brühl, da ihren begrenzten Freiraum schon deutlich effizienter für den Aufbau von Leinwandpräsenz. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass Brühl in seiner ersten internationalen Produktion immerhin ein durchaus gutes Näschen für bewegende Geschichten beweist, sollte der Betrachter etwas milder gestimmt sein - verzeichnen wir "Der Duft von Lavendel" also wohlwollend als lehrreiche Erfahrung für einen nun wirklich nicht untalentierten Darsteller.

So darf "Der Duft von Lavendel" letztendlich als wirklich gelungener und, im positiven Sinne, altmodischer Charakterfilm betrachtet werden. Dances Regiedebüt ist nicht nur intelligentes und einfühlsames Kino, es wartet dazu auch noch mit zwei bravourös aufspielenden Hauptdarstellerinnen auf. Obendrauf gibt es dann auch noch das wundervolle Violinspiel von Joshua Bell und somit insgesamt eine mehr als erfrischende Abwechslung für Blockbuster-geplagte Augen und Ohren.

Matthias Kastl

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