Ende
der 50er Jahre ist der Schriftsteller Truman
Capote (Philip Seymour Hofman) der neue Liebling der New
Yorker
Society. Die liebt nicht nur sein "Frühstück bei
Tiffany's", sondern auch den egozentrischen Künstler
selbst,
trotz oder gerade wegen dessen eher unattraktivem Äußeren
und der offen gelebten Homosexualität.
Bei
der Suche nach einem neuen Thema stößt Capote auf eine
Zeitungsnotiz über einen brutalen Mehrfachmord in Kansas.
Er
beschließt darüber zu schreiben und macht sich gemeinsam
mit seiner besten Freundin Nelle Harper Lee (Catherine
Keener) auf
den Weg in die Provinz. Dort stößt er mit seinem Gehabe
zunächst auf nicht allzu viel Sympathie, schafft es aber
trotzdem
sich mit dem örtlichen Sheriff (Chris Cooper)
anzufreunden.
Als die Mörder schließlich gefasst werden, ist dies ein
Wendepunkt im Leben des Schriftstellers: Aus der geplanten
Reportage
soll nun ein Tatsachen-Roman werden, und er beginnt, sich
intensiv
mit den Tätern zu beschäftigen - nicht ahnend, dass ihn
dieses Thema über Jahre beschäftigen und belasten wird.
Das Endergebnis "Kaltblütig" wurde schließlich
zu einem Welterfolg und dem Grundstein eines neuen
literarischen
Genres. Aber Truman Capote hat danach nie wieder einen
weiteren
Roman geschrieben.
Stattdessen starb er im Alter von nur 59 Jahren an den
Folgen seiner
Alkohol- und Tablettensucht. Soweit die Fakten, die in
dieser Form
nicht im Film genannt werden. Denn bei "Capote" handelt
es sich nicht um das übliche Biopic, welches im
Schnelldurchlauf
die wichtigsten Episoden seiner Hauptfigur abhandelt.
Dieser Film
beschränkt sich auf nur eine handvoll Jahre, die aber
Truman
Capote ganz entscheidend prägten und wohl auch für die
noch folgenden schwierigen Jahre verantwortlich sind.
Dieser
Ausschnitt aus seinem Leben genügt jedoch voll und ganz,
um
sich von dieser schillernden Persönlichkeit ein gutes Bild
machen zu können. Und das ist natürlich das Verdienst
von Philip Seymour Hoffman, dem Unglaublichen. Liebling
der Cineasten,
aber in der Wahrnehmung der breiten Masse bisher noch
nicht so recht
angekommen. Seine Nebenrollen veredeln seit Jahren die
Werke von
Paul Thomas Anderson (besonders "Magnolia"),
machen ohnehin schon wunderbare Filme noch ein Stück
wunderbarer
("Almost
Famous") oder
geben mittelmäßigen Mainstream-Produktionen zumindest
eine besondere Note ("...und dann
kam Polly").
Obwohl auch "Capote" sicher keine Millionen von Zuschauern
anlocken wird, hat sich die Aufmerksamkeit für Hoffman
aber
beträchtlich erhöht und zumindest die Nominierung für
den Oscar scheint eine klare Sache zu sein. Zu Recht, denn
wem es
gelingt einen Film so zu dominieren wie er, der hier
komplett hinter
seiner Rolle verschwindet und förmlich zu Capote wird, der
verdient dafür alle Anerkennung, und sei es eben in Form
einer
medienwirksamen Auszeichnung. Die Gestik, die
Körperhaltung,
das äußere Erscheinungsbild. Und die Stimme, vor allem
anderen die Stimme. Wer jemals den echten Truman Capote
genossen
hat (zum Beispiel als Schauspieler in der amüsanten
Krimi-Parodie
"Eine Leiche zum Dessert") wird kaum glauben, dass jemand
auch noch genauso sprechen kann. Hoffman kann, und es muss
wohl
fast gar nicht mehr extra erwähnt werden, dass die
Originalfassung
hier Pflicht ist und eine ebenbürtige Synchronisation
selbst
beim besten Bemühen kaum möglich sein dürfte. Trotz
der Auffälligkeit seiner Vorstellung hat das hier nichts
mit
Übertreibung oder Chargieren zu tun, sondern einzig und
allein
mit der einhundertprozentigen Annektierung einer Vorlage.
Ein
Nachteil der dominanten Titelfigur ist das dahinter fast
zwangsläufige
Verblassen des unterstützenden Ensembles. Die vielseitige
Catherine
Keener ("Being John Malkovich", "Jungfrau
(40), männlich, sucht...") macht dabei als Trumans
unentbehrliche Ratgeberin noch die beste Figur, während
für
einen Chris Cooper in der Rolle des Gesetzeshüters nur
wenig
Raum bleibt. Nicht völlig überzeugen kann auch Clifton
Collins jr., dem es doch ein wenig an der
dämonisch-charismatischen
Ausstrahlung fehlt, die Capote an dem wahren Mörder Perry
Smith
so faszinierte.
Diese enge Verbundenheit ist dann auch das bestimmende
Element der
zweiten Filmhälfte. Die hier betriebene Art von
eingebundenem,
auch den Täter begleitenden Journalismus ist heutzutage
sicher
nichts Besonderes mehr, war zum Zeitpunkt der Handlung
aber mehr
als ungewöhnlich. Eine Seelenverbundenheit sieht der
Schriftsteller
zwischen sich und dem intelligenten Täter aufgrund einer
ähnlich
verlaufenen Kindheit und Jugend ("Es scheint mir, als
wären
wir Beide in dem selben Haus aufgewachsen, nur während ich
irgendwann vorne raus ging, nahm Perry die Hintertür").
Eine sehr ungleiche Seelenverbundenheit allerdings, die
Capote von
einer intellektuellen Warte aus analysiert, während Perry
verzweifelt
hofft, mit der Hilfe seines "Freundes" dem Todesurteil
noch zu entgehen. Es wird nie so ganz klar, ob es sich
denn hier
tatsächlich um eine Art Freundschaft, eine vielleicht
sogar
unterdrückte Liebesbeziehung oder doch nur um das
Ausnutzen
eines Schwächeren für eigene Zwecke handelt.
Capote
selbst macht dieses moralische Dilemma schließlich immer
mehr
zu schaffen, fast gelähmt durch die endlose Prozedur von
Berufungen
und Neuverhandlungen belügt er Perry und sehnt sich eine
Entscheidung
herbei, selbst wenn sie den Tod seines "Schützlings"
bedeuten könnte. Dabei zeichnet der Film ein sehr
zwiespältiges
Bild seines Protagonisten, und genauso wie sich Capote
immer mehr
quält, so quält auch die langsame und schwerfällige
Inszenierung einer immer trüber und grauer werdenden
Umgebung
zusehends den Zuschauer. Das kann man dann sogar als
gewolltes Stilmittel
betrachten, welches es seinem Publikum eben ausdrücklich
nicht
leicht machen will. Es täuscht aber doch nicht komplett
darüber
hinweg, dass die Erzählung im letzten Drittel zerfasert
und
sich ein wenig in sich selbst verliert.
Letztendlich ist "Capote" daher zuallererst ein Werk, das von der atemberaubenden Vorstellung seines Hauptdarstellers lebt und in dieser Beziehung auch für einiges Staunen aus der Rubrik "Haben wir so noch nicht gesehen" sorgt. Hoffman allein ist also die Beschäftigung mit dem Film schon wert, der aber trotz kleinerer Schwächen auch sonst noch eine meist interessante und auf jeden Fall bewegende Geschichte zu erzählen hat. Und dabei das Bedürfnis weckt, sich demnächst mal einen alten Roman zur Hand zu nehmen: "Kaltblütig" von Truman Capote.


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