Tiger King - Großkatzen und ihre Raubtiere

von Matthias Kastl / 3. April 2020

Im grauen Corona-Alltag freut man sich ja über jeden Farbklecks. Wie wäre es dann gleich mit einer ganzen Farbkanone? Die Netflix-Serie "Tiger King", in Deutschland deutlich weniger schmissig in "Großkatzen und ihre Raubtiere" umbenannt, ist die perfekte Ablenkung vom tristen Alltag. Die Ironie dabei: "Tiger King" ist keine Fiction-Serie, sondern eine Dokumentation. Ein Umstand, der einen schon nach den ersten fünf Minuten ziemlich sprachlos zurücklässt.
 

"Tiger King" ist eine Reise in eine vollkommen abgedrehte Parallelwelt, deren Figuren man sich nicht verrückter hätte ausdenken können, und deren Geschichten mehr abstruse Wendungen bereithalten als jede lateinamerikanische Telenovela. So ist die Serie, auf ihre ganz eigene Art, absolut grandiose Unterhaltung, auch wenn angesichts der stellenweise schon sehr reißerischen Inszenierung zumindest auch der ein oder andere kritische Kommentar angebracht ist.

 

 

Zugegeben, es dürfte wohl nahezu unmöglich sein die Protagonisten dieser Serie nicht überzogen wirken zu lassen. Eigentlich wollte der Naturschützer und Filmemacher Eric Goode ja nur den Handel mit exotischen Reptilien unter die Lupe nehmen, stolperte dann aber über das noch schillerndere Geschäft mit Großwildkatzen in den USA. Ein Business, in dem die menschlichen Protagonisten, darunter vor allem etliche Privatzoo-Besitzer, sich schnell als deutlich exotischer herausstellten als ihre tierischen "Begleiter".
 

Drogen, Sexkults, Waffennarren, Mordkomplotte – was für ein Festmahl für einen Dokumentarfilmer. Selbst die kleinste Nebenfigur aus "Tiger King" könnte eigentlich eine komplette Serie füllen. So werden ein Sexkult oder die Geschichte eines mordenden Mafiosi, der sich als das Vorbild für Tony Montana aus "Scarface" bezeichnet, mal eben nur am Rande gestreift. Über allem thront nämlich "Joe Exotic", ein mit dem Attribut "extravagant" noch viel zu unzureichend beschriebener Privatzoo-Besitzer aus Oklahoma. Das mit dem Thron darf übrigens wörtlich genommen werden, da der sich selbst "Tiger King" nennende Joe sich gerne auch mal in königlicher Robe auf einem solchen filmen lässt. Wohlgemerkt mitten in seinem (nicht leeren) Tigerkäfig. Im Vergleich zu dem, was sonst so in der Serie passiert, ist das aber wohl noch einer der normalsten Momente. Vor allem der mit der Zeit immer heftiger eskalierende Streit zwischen Joe und der selbsternannten Tierrechtsaktivistin Carole Baskin birgt einen wahren Schatz an abstrusen Facetten und Wendungen.

 

So richtig weiß man ja gar nicht, wo man als Kritiker bei dieser Serie anfangen soll. Klar ist, dass vor allem die ersten beiden Folgen von "Tiger King" kleine Meisterwerke ihres Genres sind. Wie die beiden Filmemacher Eric Goode und Rebecca Chaiklin dieses völlig wahnsinnige Geflecht aus Figuren und Geschichten Stück für Stück dem Publikum näherbringen, ist wirklich grandios. Dabei spielt ihnen natürlich in die Karten, dass so gut wie alle Protagonisten einen unglaublich starken Geltungsdrang haben und nur zu gerne vor der Kamera ihre Meinung äußern. Und, zusätzlich zu den Interviews, auch oft auf ihrem eigenen Social-Media-Kanal oder, wie im Falle von Joe, in der eigenen TV-Show kein Blatt vor den Mund nehmen.
 

Aber soviel Content muss man ja auch erst einmal bändigen können, und das gelingt der Serie richtig gut. Dabei findet "Tiger King" gerade zu Beginn einen wundervollen Mittelweg aus Entertainment und Sozialmilieu-Studie. So werden immer wieder geschickt die wahren Motive der Protagonisten entlarvt, faszinierende Parallelen zwischen scheinbar unterschiedlichen Figuren aufgedeckt und auch das richtige Maß an Verständnis für den Werdegang dieser illustren "Darsteller" gezeigt.

Es ist aber natürlich erst einmal die völlige Abgedrehtheit der Figuren und des Settings, die einen als Zuschauer in den Bann zieht. Alleine die Tatsache, dass hier jemand mitten auf dem Land in Oklahoma einen Zoo mit 187 Großkatzen baut, ist ja schon eine faszinierende Geschichte. Dass Joe und seine Mitarbeiter aber aus dem "White-Trash"-Milieu kommen, und sich zum Beispiel für das eigene Überleben dann auch immer wieder mal aus dem Futter der Tiere bedienen, lässt das Ganze erst so richtig surreal werden. Nebenbei werden dann auch noch reichlich Drogen konsumiert und sich mit Gewehren und Sprengstoff die Zeit vertrieben. Ein solcher Haufen gescheiterter Existenzen, der über Dutzende Raubtiere verfügt und immer kräftig weiter züchtet – das kann doch nicht gut gehen.
 

Tut es natürlich auch nicht. Aber die Serie macht nicht den Fehler, sich einfach nur über seine Protagonisten und deren irrwitziges Scheitern lustig zu machen und sie als reine Karikaturen zu betrachten. Vor allem zu Beginn wird clever aufgezeigt, welche Motive dahinterstecken und wie Joe den Zoo dazu benutzt, um sich Anerkennung zu verschaffen und sich als eine Art König der Außenseiter zu etablieren. Er holt sich nur Leute ins Team, die selbst nichts mehr zu verlieren haben. Immer wieder äußern sich seine Angestellten darüber, wie sie einst am Boden lagen und nun aber doch den geilsten Job der Welt hätten. Schaut her, ich arbeite jetzt mit Tigern und Löwen. Das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und Bedeutung schwebt über fast jeder Szene dieser Serie.

Am allermeisten natürlich über ihrer Hauptfigur, dem nach Aufmerksamkeit gierenden Paradiesvogel Joe Exotic. Der Name ist Programm, aber auch für dessen unglaubliche Extrovertiertheit findet die Serie hin und wieder ein angenehmes Gegengewicht. Es wäre ein Einfaches, sich über Joes durchgeknallte Musikvideos und seine aggressiv-dümmliche TV-Show einfach nur lustig zu machen. Die Serie lässt dies aber auch in einem anderen Kontext erscheinen, wenn wir von Joes nicht gerade erfreulicher Lebensgeschichte erfahren. Überhaupt wirft uns die Serie bei vielen Figuren immer wieder ein paar mahnende Infobrocken zu deren Lebenslauf hin, die einen dann doch davon abhalten, diese Menschen als reine Witzfiguren zu betrachten.
 

Gleichzeitig entlarvt "Tiger King" geschickt sowohl die Selbstinszenierung als auch die Unsicherheit vieler ihrer Figuren. Dafür wird vor allem immer wieder auf einen der beliebtesten Tricks von Doku-Filmemachern zurückgegriffen: Man lässt einfach die Kamera beim Interview schon etwas früher oder länger laufen. So werden wir Zeuge, wie manche Protagonisten genaue Kamera-Anweisungen geben oder sich nach ihrer "Performance" erkunden. Ein Stilmittel, was ziemlich effektiv ist, um hinter die Kulissen zu blicken. Aber, und das sollte man ruhig auch erwähnen, natürlich auch ziemlich manipulativ sein kann. Das fällt insbesondere auf, wenn die Serie sich einem möglichen Mordkomplott rund um den verschollenen Ehemann der Tieraktivistin Carole Baskin widmet. Bei den Interviews mit Carole macht es sich die Serie doch sehr gerne zu nutze, dass viele Menschen ohne Anweisungen und Text vor der Kamera nun mal unsicher wirken.

Carole Baskin, die Gegenspielerin von Joe Exotic, ist ebenfalls eine ziemlich spannende Figur. Auch wenn sie als selbsternannte Tierschützerin die scheinbar gute Seite repräsentiert, wird doch deutlich, dass auch ihre Motive und Mittel nicht immer ganz so ehrenhaft sind, wie sie das gerne hätte. Und auch hier zeigt sich, wie die Anziehungskraft von majestätischen Raubtieren zu leicht als Lockmittel und für den Machtmissbrauch genutzt werden kann. Aber auch bei Carole bekommen wir wieder eine berührende Backstory geliefert, die Verständnis für eine ebenfalls etwas durchgeknallt wirkende Persönlichkeit liefert.
 

Es ist allerdings eine etwas gefährliche Gratwanderung, wie die Serie die langjährigen Mordanschuldigungen an Baskin präsentiert, die Gerüchten zufolge ihren reichen Ehemann hat verschwinden lassen. Natürlich kommen alle Seiten zu Wort, aber man wird das Gefühl nicht los, dass die Serie mit Ihrer Meinung schon deutlich in eine Richtung tendiert. Und, wie es ein anderer Protagonist einmal ausdrückt, sollte Carole unschuldig sein wäre das Wiederaufkommen dieser Gerüchte wohl eine ziemlich traurige Angelegenheit. Und da kann man sich dann doch die Frage stellen, ob man dem Plot rund um das mysteriöse Verschwinden ihres Ehemanns wirklich eine komplette Folge hätte widmen müssen.

Anderen Stoff gibt es nämlich eigentlich genug. Gerade dem Sex-Kult rund um den Privatzoo-Besitzer Doc Antle hätte man durchaus noch mehr Zeit spendieren können. Wobei auch dieses Segment absolut faszinierend umgesetzt ist und auf wundervolle Art und Weise aufzeigt, wie die "Herrchen" ihre Tiere einsetzen, um Macht und Anerkennung zu ernten. Und wie gleichzeitig auch die Medien mitspielen und sowohl Hollywood als auch berühmte amerikanische Late-Night Shows dem Zauber der Tiere verfallen und unsere Raubkatzenbesitzer nur weiter in ihrer Jagd nach Anerkennung bestärken.
 

Machen wir uns aber nichts vor, trotz dieser ernsteren Einschübe lachen wir lange Zeit hauptsächlich über und nicht mit den Figuren. Vor allem der Mangel an Selbstreflexion sorgt immer wieder für Erheiterung. Da präsentiert uns eine Dame stolz ihren Kleiderschrank mit Babyklamotten, die sie alle für ihre kleinen "Affenkinder" gekauft hat, nur um kurz darauf andere aus ihrem Umfeld als irgendwie "ein bisschen extravagant" zu brandmarken. Gepaart mit der Sucht nach Anerkennung und Selbstdarstellung lösen viele Figuren beim Betrachter oft eine ähnliche psychologische Reaktion aus wie die schreckliche Darbietung eines talentfreien Jugendlichen bei "Deutschland sucht den Superstar". Man ergötzt sich am Scheitern und der mangelnden Selbstreflexion der Teilnehmenden. Bei "Tiger King" eben nur auf einem noch viel abgedrehteren Level als es das deutsche Privatfernsehen bieten kann.

Im zweiten Teil der Serie schlägt die Stimmung dann aber deutlich um. Was vor allem daran liegt, dass der Konflikt zwischen Joe und Carole nun deutlich ernster wird. Weitere Schicksalsschläge, wie der Tod eines von Joes Angestellten, sorgen ebenfalls dafür, dass einem das Lachen immer mehr im Halse stecken bleibt. Dabei ist auffällig, dass auch der zu Beginn oft leicht ironische Unterton von Regisseur Eric Goode, der immer mal wieder zu sehen und zu hören ist, deutlich ernster wird. Und spätestens in den letzten beiden Folgen wird dann endgültig deutlich, dass hier eigentlich gar nichts mehr zum Lachen ist.
 

Der Wechsel in der Tonalität ist eine Weise Entscheidung von Goode und Co-Regisseurin Chaiklin, denn am Ende geht es hier um echte Menschen und echte Schicksale. Leider gelingt es der Serie aber nicht immer sich so angenehm dezent aus der Affäre zu ziehen. Hin und wieder wird dann doch deutlich, dass man durchaus bereit ist eine Schippe für die Quote obendrauf zu legen. Es sind oft nur kleine Details, wie die Einführung einer ermittelnden Beamtin, welche die Macher erst einmal cool vor der Kamera posen lassen, die hier negativ aufstoßen. Oder das reißerische Nachstellen von Szenen, die wie aus einer billigen Reality-Serie daherkommen. Ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit hätte der Serie in diesen Momenten sicher besser getan.

Da lohnt es übrigens auch sich einmal kurz bewusst zu werden, dass auch Regisseur Goode durchaus eine schillernde Persönlichkeit ist. Neben seiner Leidenschaft für Tiere und das Filmemachen ist er nämlich auch eine feste Größe im New Yorker Nachtleben. Ihm gehören gleich mehrere Clubs, in denen die Reichen und Berühmten ein- und ausgehen. Und in den 80er Jahren "erfreuten" sich Madonna, Cher und weitere Stars in einem seiner Klubs an echten Haien in einem Aquarium. Da überrascht es am Ende also nicht wirklich, dass "Tiger King" doch in erster Linie Wert auf Entertainment legt.
 

Aber "Tiger King" ist eben einfach wahnsinnig gutes Entertainment, das wir wohl gerade zur Corona-Zeit doch sehr gut gebrauchen können. Der riesige Erfolg der Serie in den USA lässt sich sicher auch dadurch begründen, dass diese Serie die perfekte Ablenkung vom aktuell besonders trüben Alltag ist. Wie kann man noch an den Mangel von Toilettenpapier denken, wenn Joe Exotic mal eben den Abteilungsleiter der Waffenabteilung des lokalen Walmart davon überzeugt, sein Wahlkampfmanager für die US-Präsidentenwahl zu werden. Demgegenüber wirkt dann auch eine Pandemie-Welle irgendwie auf einmal ganz normal.

Dieses Gesamtpaket aus Irrsinn und Intrigen rund um den selbsternannten Tigerkönig ist am Ende einfach zu faszinierend, um verpasst zu werden. Wer jemals wissen möchte, wie Shakespeare wohl auf Speed geschrieben hätte, sollte sich spätestens jetzt einen Netflix-Account zulegen. Und wer danach nicht genug hat, darf sich auf den Webseiten und YouTube-Kanälen der Protagonisten austoben, denn diese Geschichte ist noch lange nicht auserzählt. Und während dort der schwarze Peter weiter kräftig hin und hergeschoben wird, ist am Ende nur eines klar: Die wirklich Leidtragenden dieser Geschichte sind vor allem die Tiere. Bleibt zu hoffen, dass der Erfolg der Serie dem irrwitzigen Züchtungswahn von Großwildkatzen in den USA endlich ein Ende bereitet. Womit diese wahnsinnige Geschichte dann vielleicht doch noch ein Happy End bekommt...

Bilder: Copyright

grandios ge- und beschrieben. kann ich praktisch alles so unterschreiben.

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Genau wegen solcher Beiträge liebe ich eure Seite!
Hatte mich schon gefragt, woher in letzter Zeit die ganzen Memes mit den Tigern und dem "80er Typen" herkommen... jetzt weiss ich es :)
Wird über die Ostertage definitiv geguckt!

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Es freut mich wirklich sehr, dass "filmszene" nun noch mehr das Angebot von Streamingplattformen aufgreift.

Die Serie war nicht ganz meins. Faszinierend auf jeden Fall. Am Ende eben auch ziemlich bedrückend wenn klar wird, um was für schiefgelaufene Leben es sich bei nahezu allen Protagonisten handelt.

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Absolut faszinierende Doku und tolle Rezension. Obwohl ich die kleinen Vorwürfe darin nicht ganz nachvollziehen kann, denn das Verschwinden von Baskins Ehemann lässt eigentlich nur eine einzige plausible Erklärung zu und auch die reißerischen Stilmittel passen perfekt zu den Protagonisten.

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