Score Board #1: Der mit dem Wolf tanzt

von Simon Staake / 10. März 2020

Dies ist der erste einer Reihe von Texten, in denen wir uns mit einigen der herausragenden Filmmusiken der Geschichte beschäftigen werden. More to come...  
 

Als „Der mit dem Wolf tanzt“ bei den Oscars 1991 abräumte, war das Entsetzen unter Filmfans groß, stach Kevin Costners wohlmeinendes Westerndrama doch Martin Scorseses modernen Klassiker „GoodFellas“ als besten Film aus. Man kann sicher über den einen oder anderen dieser Oscars (Bester Regisseur) streiten, neben dem für die beste Kameraführung gibt es aber kaum einen verdienteren Oscar als den für John Barry und seine Musik. Dieser Score ist genauso episch und romantisch wie der Film selbst und versprüht den Atem des Wilden Westens und der frontier wie kein anderer. Barry war bei der Entstehung des Scores bereits eine lebende Legende, nachdem seine elf Scores zu James Bond-Filmen zwischen 1963 und 1987 den britischen Superagenten musikalisch definiert hatten. Sein Oscar für „Der mit dem Wolf tanzt“ war der vierte und letzte in Barrys langer und verdienter Karriere, für die wohl beste Filmmusik, die er je geschrieben hat.

Der Score zu „Der mit dem Wolf tanzt“ macht sich allein schon durch seine zwei bekanntesten Leitmotive unsterblich, das Thema für John Dunbar und das für Socke, den von ihm „adoptierten“ Wolf. Wer diese Melodien einmal gehört hat, wird sie nicht so schnell vergessen können, und sie ziehen sich subtil durch Teile des ganzen Scores. So wird eine sanftere Version des "John Dunbar Theme" später von einer Mundharmonika statt Bläsern begleitet. Was diese beiden Stücke wie so gut wie den gesamten Score ausmacht, ist, dass der Großteil seiner Stücke – von einigen Spannungs- und Action-motivierten Tracks wie „Pawnee Attack“ abgesehen – aus extrem erinnerungswürdigen Melodien besteht, die sich fest in das Gedächtnis des Zuschauers bzw. Zuhörers graben.

 

Fantastisch, wie Barry die Aufbruchsstimmung und Abenteuerlust von Dunbar, als sich dieser auf den Weg zur frontier aufmacht, in den Tracks „Ride To Fort Hays“ und „Journey To Fort Sedgewick“ (im kompletten Score von 2004 zu einer ganzen Suite ausgeweitet) einfängt. Diese „Reise“-Themen bedienen sich geschickt einer Leise-Laut-Dynamik, so dass die Fanfaren-artigen Einschübe die überwältigenden Eindrücke des John Dunbar imitieren, die ihn während seiner Reise immer wieder überwältigen.

Das erste Stück des Scores, „Main Theme – Looks Like A Suicide“ beginnt nach einer kurzen Einführung des „John Dunbar Theme“ mit Trommelwirbeln und dräuenden, sich langsam aufbauenden Rhythmen, die den Zuhörer sofort zum Filmbeginn im amerikanischen Bürgerkrieg zurückbringen. Geister-hafte menschliche Chöre hallen durch diesen Titel, der Dunbars Selbstmordkommando untermalt, ebenso wie durch die dramatischen Erinnerungen von „Stands With A Fist Remembers“. Nur selten, etwa bei der „Buffalo Hunt“ erinnert Barry an klassische Western-Scores. Die pure Schönheit vieler Stücke hier lässt einen oft ergriffen zurück.

Das beste Anzeichen dafür, ob ein Score tatsächlich zu den besten gehört, ist, dass er auch ohne sein eigentliches Umfeld bestehen kann, sprich: dass er auch für sich alleine ohne Filmbilder funktioniert und Sinn macht. Und ich kann mir kaum einen Score vorstellen, auf den dies mehr zutrifft, als auf „Der mit dem Wolf tanzt“. 

Der Score zum Anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=KDLVcBPJXPg&list=PLyklbgRq2G7_lS_iqEobO1pRCwByr3n5b


Wenn so die Neuausrichtung der Seite aussieht, dann gerne mehr davon.
Der Soundtrack ist tatsächlich äußerst atmosphärisch und transportiert die Stimmungen des Films perfekt.

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Moin,
Erstmal eine klasse neue Rubrik, davon gerne (viel) mehr.
John Barry hat so viele Filme mit seiner Musik veredelt ("Jenseits von Afrike", "High Road to China"), doch "Der mit dem Wolf tanzt" ist zweifellos sein bester Beitrag. Kann der Kritik in allen Punkten zustimmen, für mich eine der besten Filmsoundtracks überhaupt.

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