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"Die Tribute von Panem": Interview mit Regisseur Gary Ross

Die Buchverfilmung „Die Tribute von Panem“ ist einer der meist erwarteten Filme des Jahres und die Deutschlandpremiere in Berlin mit rund 1.000 Fans am roten Teppich vermittelte bereits einen guten Eindruck von der Begeisterung der meist jugendlichen Fans. Am Morgen nach der Premiere sprach Filmszene mit allen drei Hauptdarstellern und dem Regisseur über den Film und die öffentliche Erwartungshaltung.

Filmszene: Gary, wir sprachen bereits einmal zusammen über ihren Film „Seabiscuit“. Das ist jetzt neun Jahre her und in der Zwischenzeit haben Sie keinen einzigen  Film gemacht, um dafür jetzt aber mit einer mehrteiligen Großproduktion zurückzukehren. Wo waren Sie denn die ganze Zeit?

Gary Ross: Ja, so ist das, nur weil man nicht Regie führt, denken die Leute man würde nicht mehr arbeiten. Dem war aber nur zum Teil so. Zwar habe ich in der Tat viel Zeit mit meinen Kindern verbracht, aber ich habe unter anderem auch an dem Animationsfilm „Despereaux der kleine Mäuseheld“ gearbeitet, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm. Und ich habe eine Menge Drehbücher gelesen oder bearbeitet, aus denen dann leider doch nichts geworden ist. Aber so ist das nun mal in der Branche.

Ross 1Und wie kamen Sie dann an den Job für „Panem“?

Ich kannte die Bücher, weil meine Kinder sie gelesen und davon geschwärmt haben. Als ich sie dann ebenfalls  gelesen habe war ich sofort überzeugt, dass man daraus großartige Filme machen könnte und hatte gleich jede Menge Ideen dafür. Glücklicherweise hatte meine Freundin Nina Jacobson sehr früh die Rechte erworben, als gerade mal 100.000 Exemplare verkauft waren, sonst wäre wohl jemand anders verpflichtet worden. Aber Nina erkannte genau wie ich das Potential, dass in der Geschichte liegt und zwar bevor sie zum Millionenbestseller wurde.

Worin liegt denn die besondere Qualität der Bücher?

Darin, dass Suzanne Collins sehr schön erkennt und beschreibt, wie Medien und Entertainment und deren Fähigkeit die Menschen zur Teilnahme daran zu bewegen eine Form von Kontrolle ermöglichen, die nur noch wenig mit einer Demokratie zu tun hat. Man stellt die Massen mit Unterhaltung ruhig, man serviert ihnen Helden mit denen sie leiden oder Schurken, die sie hassen können. Und kommt im Gegenzug dafür mit den unglaublichsten Beschneidungen der Freiheit durch. Das geht ja im Prinzip zurück bis in die Zeit der römischen Arenen mit ihren „Brot und Spielen“ und erlebt seine moderne Interpretation in den heutigen Casting-Shows. Diesen Büchern gelingt es auf wundervolle Art das zu thematisieren und die Leserschaft dafür zu sensibilisieren.

Aber wie betrachtet man kritisch die Medienbranche, wenn man doch selbst ein Teil davon ist?

Nein, Ich sehe mich nicht als Teil der Medien. Nicht nur, weil ich mit Bedacht gerade mal drei Filme in vierzehn Jahren gemacht habe. Ich denke, Künstler, die wie wir die Möglichkeit haben die Medien zu beobachten und zu kommentieren, befinden sich da doch auf einer ganz anderen Stufe als etwa Produzenten oder Moderatoren von entsprechenden TV-Formaten. Ich bin ja auch der Meinung, dass unser Film nicht die gern beschworene Flucht aus dem Alltag, also reinen Eskapismus darstellt. Im Grunde ist er vielmehr das Gegenteil eines solchen Eskapismus, man wird dabei nicht für zwei Stunden in eine für das eigene Leben völlig irrelevante Parallelwelt versetzt. Unsere Geschichte provoziert viel eher zum Nachdenken und stellt Fragen nach der Rolle des Individuums innerhalb einer Gesellschaft, anstatt diese Fragen bewusst zu vermeiden. Das ist schon was anderes als sogenannte Franchises, die wirklich ausschließlich zur Unterhaltung und zum Geldverdienen da sind.

Was aber doch zu einem guten Teil sicher auch der Zweck ihres Films ist.

Das ist unvermeidlich, aber wir setzen da doch schon ein paar deutliche Zeichen in die andere Richtung. Das ist auch der Grund, warum der Überlebenskampf zwischen den Tributen dann bewusst naturalistisch und echt aussieht – jedenfalls hoffe ich, dass er das tut. Wir müssen uns da bewusst von der bombastischen und glatten Inszenierung der Spiele durch das Kapitol unterscheiden, denn andernfalls würden wir ja selbst zum Kapitol werden, wenn wir das Geschehen möglichst glamourös und leicht goutierbar präsentieren. Bei unserer Darstellung sieht es dagegen fast wie in einem Dokumentarfilm aus, um die Härte und Grausamkeit dieser Veranstaltung deutlich zu machen. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass das Publikum das auch erkennt.

Genau wie in ihrem Film „Pleasantville“ erkennt man wieder Merkmale einer totalitären, teilweise nationalistischen Gesellschaft. Was fasziniert sie an dem Thema?

Diese Elemente sind wohl unvermeidbar, wenn man zeigen möchte wie sich ein vermeintliches Idyll, eine Utopie in eine Dystopie verwandelt, die man zumindest von außen betrachtet nur noch als Hölle empfinden kann. Das geschah auch in „Pleasantville“, richtig, und ich bin in der Tat fasziniert von Kulturen, die den Menschen zwar etwas Bestimmtes bieten, dafür aber einen hohen Preis verlangen, in dem sie die Individualität begrenzen oder gar völlig ausschalten. Euer Land hier versteht doch vermutlich besser als jedes andere, dass es am Ende immer auf die Entscheidung des Individuums gegenüber der Obrigkeit ankommt, ob man einen Weg mitgeht oder für sich selbst irgendwann „Halt, Stop!“ sagt. Bei uns gibt es eben auch diese Figur, die sich einfach weigert das Spiel weiter mitzuspielen. Und damit eine Veränderung auslöst.Ross 2

Ist Katniss demnach ein Rebell?

Sie wird zu einem, aber nicht aus politischer Überzeugung oder eigenem Antrieb, sondern weil sie es muss. Um selbst zu überleben, um ihre Schwester zu retten und weil sie eben an einem Punkt für sich entscheidet, diesen Jungen nicht zu töten.

Da man Ihnen das Interesse an der Geschichte anmerkt stellt sich natürlich die Frage, ob Sie denn auch für die geplanten Fortsetzungen zur Verfügung stehen werden?

Das ist der Plan, ja. Um ehrlich zu sein hatten wir bisher wirklich kaum Zeit uns damit zu beschäftigen, da der erste Film erst vor wenigen Tagen endgültig fertig geworden ist und es bis dahin noch unglaublich viel zu tun gab. Wir haben jetzt gerade erst angefangen über die Fortsetzung zu sprechen, es ist alles noch ein schwebender Prozess, aber wenn es läuft wie geplant, dann beginnen wir im September mit den Dreharbeiten für den zweiten Teil. Und dann wäre ich auch gerne wieder dabei.

Volker Robrahn

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