Berlinale 2008

von Patrick Wellinski / 3. September 2010

 

Special: Das Filmszene-Tagebuch zu den 58. Internationalen Filmfestspielen von Berlin

Vom 7. bis zum 17. Februar findet die diesjährige Berlinale statt, und macht die deutsche Hauptstadt für diese Zeit auch zum Zentrum der Filmwelt. Unser Redakteur Patrick Wellinski ist mit dabei und berichtet täglich von den neuesten Ereignissen und wichtigsten Filmen des Festivals.

Freitag, 15.2.2008: Das Drama der Geschichte

Angela Merkel setzt ein Zeichen und besucht Andrzej Wajdas Film "Katyn". Scarlett Johansson und Natalie Portman wollen unbedingt ein Kind von Eric Bana und eine Familientragödie aus den Südstaaten schließt den Wettbewerb...

Der polnische Altmeister Andrzej Wajda zeigte heute seinen letzten Film "Katyn" im Wettbewerb außerhalb der Konkurrenz. Wajda rührte schon mit seinen vorherigen Filmen immer an äußerst brisanten Stoffen aus der Geschichte seines Landes. Aber "Katyn" war sein Lebensprojekt. Was nicht heißt, dass der Film sein größtes Werk ist. Der Regisseur öffnet eines der am besten unter Verschluss gehaltenen Geheimnisse des Zweiten Weltkrieges - das sowjetische Massaker an rund 22.000 polnischen Offizieren. Schon während des Krieges wurde der Fund der Massengräber sowohl von den Nazis als auch von den Sowjets für die Regimepropaganda instrumentalisiert. Sogar in der DDR war dieses Thema in den Geschichtsbüchern tabuisiert worden. Gegenstimmen wurden als faschistische Hetze abgetan und bestraft. 
Wajda, der seinen Vater bei den Massakern verloren hat, versucht seinen Film in zwei Teilen zu erzählen. Den einen Pol stellen die Offiziere dar, die von den Russen festgehalten werden und nicht wissen was mit ihnen geschieht. An Heiligabend singen sie zusammen ein Weihnachtslied und doch brechen immer wieder wilde Wortgefechte zwischen den Soldaten aus, die die ausweglose Situation spiegeln. Der andere Pol, das sind die Frauen, die auf ihre Männer warten. Auch als die Katyn-Liste mit den Opfern veröffentlicht wird und sie dort die Namen ihrer Männer finden, warten sie trotzdem auf ein Lebenszeichen.
Wajda hat keine einheitliche Geschichte gedreht, es werden eher Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen geschildert. Einige der Figuren, die er auftreten lässt, wirken leider etwas eindimensional. Etwas lehrbuchhaft führen sie vor Augen, was es bedeutet nicht trauern zu dürfen, wenn es von offizieller Stelle keinen Grund für Trauer gibt. Ein Grabstein auf dem steht "Er viel bei den Massakern in Katyn" darf nicht aufgestellt werden. Ein Student, der in seinen Lebenslauf schrieb: "Mein Vater fiel in Katyn", wird nicht aufgenommen. Das ist dann etwas zu offensichtlich. In Polen hat der Film wilde Kontroversen ausgelöst. Die Kritiker mochten ihn nicht und zeigten sich durch die Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film etwas irritiert. Die Frage, wieso er den Film nicht schon vor 30 Jahren gedreht habe, die kann auch Wajda nicht beantworten. Vielleicht wollte er, vielleicht trug er die Idee schon sein ganzes Leben lang mit sich, aber eine greifbare Antwort kann man wohl nicht erwarten.

Scarlett Johansson sieht auf der Pressekonferenz etwas kränklich aus. Es mag sein, dass der Jetlag ihr zu schaffen macht. Zusammen mit Natalie Portman und Eric Bana stellt sie Justin Chadwicks Spielfilmdebüt "The other Boleyn Girl" außerhalb der Konkurrenz vor. Der Film schildert die Geschichte der englischen Schwestern Anne (Portman) und Mary (Johansson) Boleyn, die beide am Hofe Heinrich VIII. den noch ohne männlichen Thronfolger versehenen Monarchen beglücken sollen. Was Anne zunächst nicht schafft, gelingt Mary auf Anhieb: Sie wird schwanger und bekommt einen Sohn. Doch der ist ein Bastard, da der König noch verheiratet ist. Was nun folgt, ist ein ziemlich vergnügliches Hin und Her, bei dem immer wieder eine der beiden Schwestern die Oberhand gewinnt. Nachdem Anne es geschafft hat, den König zu heiraten (wofür der immerhin einen historischen Bruch mit der katholischen Kirche riskierte, seine eigene, die anglikanische Kirche gründete und so die englische Gesellschaft bis heute prägte) schafft sie es nicht, wie versprochen einen Sohn zu gebären. Ihr Schicksal scheint besiegelt. 
Chadwick verfälscht die Geschichte nicht. Er hält sich an die groben Fakten und hat dank des vielleicht zauberhaftesten weiblichen Darstellerduos alle - zumindest die männlichen - Herzen auf seiner Seite. Gegen Ende wird das ganze Netz der Intrigen und Fehden ein bisschen zu dicht. Ein angedeuteter Inzest verfehlt seine Ernsthaftigkeit. Aber wenn man bedenkt, dass man einen Debütfilm sieht, kann man diesem filmischen Einstand nur Respekt zollen.

Der letzte offizielle Beitrag im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb ist Lance Hammers Familiendrama "Ballast". Der Film erntete schon Vorschusslorbeeren, da er im Januar den Regiepreis beim berühmten Sundance-Filmfestival gewann. Hammer ist quasi ein Berlinale-Kind. Die Ausarbeitung seiner Drehbuchidee erfolgte auf dem Berlinale Talent Campus, wo jedes Jahr eine handvoll ausgesuchter junger Filmemacher die Chance bekommt, in Workshops von den großen Meistern des Fachs alle Geheimnisse des Filmemachens zu erlernen. "Ballast" bringt uns hinein in eine kaputte Familie irgendwo im Mississippi-Delta. Ein junger Afroamerikaner stirbt, sein Bruder versucht sich daraufhin zu erschießen. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wird besucht ihn fast täglich ein kleiner Junge mit einer Waffe. Er bedroht den Mann, doch dieser nimmt den Jungen nicht ernst. Es stellt sich heraus, dass dies der Sohn des toten Afroamerikaners war. Langsam kommt die zerbrochene Familie zusammen und doch ist der Alltag von einer ärmlichen Unbeständigkeit geprägt. Verliert die Mutter des Jungen ihren Job, haben sie keine drei Dollar zum überleben. Der Anwalt, der den Nachlass des toten Vaters verwaltet, will aber 200 Dollar die Stunde. 
In Hammers Film wird es nie Tag oder Nacht. Alles dämmert vor sich hin. Die Bilder sind in ein wunderschönes milchiges Blau getaucht. Das besondere an "Ballast" ist die Präzision seiner Regie. Hammer führt die Kamera nah an die drei Hauptpersonen heran. Zeigt ihre Zerbrechlichkeit und Instabilität. Immer wieder stellt man sich die Fragen, ob es die drei gemeinsam schaffen werden. Die Bilder sagen nein - das Drehbuch auch.

Wie letztes Jahr versuchen wir uns am Vorabend der Preisverleihung in die Haut der Jury zu versetzen und wollen kurz überlegen, wer die größten Chancen hat, die begehrten goldenen und silbernen Bären mit nach Hause zu nehmen. Blickt man auf die Kritikerspiegel der Tageszeitungen, dann sind sich alle einig, dass Paul Thomas Andersons Öldrama "There Will Be Blood" mindestens einen Preis verdient hätte und Yoji Yamadas sensibles Porträt einer kämpfenden Mutter "Kabai" werden auch gute Chancen ausgerechnet. Aber dann wird es schon sehr diffus und die Meinung der Journalisten driftet stark auseinander. Es gab starke Männer- und Frauenperformances zu sehen. Bei den Frauen werden wohl Tilda Swinton, Sally Hawkins und Kirstin Scott Thomas um den Bären kämpfen. Bei den Männern dürften Elmar Wepper oder Nanni Morretti als trauernde Witwer das Rennen unter sich ausmachen, aber auch Daniel Day-Lewis darf man nicht vergessen. Es ist wirklich schwer, sich dieses Jahr aus dem Fenster zu lehnen. Dennoch hier die Vorschläge von Filmszene:

Goldener Bär für den Besten Film an "The Song of Sparrows"

Silberner Bär - Großer Preis der Jury an "Happy Go Lucky"

Silberner Bär - Beste Regie an Lance Hammer für "Ballast" 

Silberner Bär - Beste Darstellerin an Kristin Scott Thomas für "Il y a longtemps que je t'aime"

Silberner Bär - Bester Darsteller an Daniel Day Lewis für "There will be Blood" 

Silberner Bär - Herausragende künstlerische Leistung an Errol Morris für "Standard Operating Procedure"

Silberner Bär - Beste Filmmusik an Johnny To für "The Sparrow"

 

Donnerstag, 14.2.2008: Die Tränen der Kritiker

Die Pressekonferenzen der Berlinale sind beliebter als die Filme. Das Schicksal von Kindersoldaten eignet sich nicht immer für einen Film. Amos Kollek durchforstet das Leben eines getriebenen Poeten und Phillip Claudel greift nach dem goldenen Bären ... 

Wenn Filmkritiker weinen, dann muss schon etwas wirklich Außergewöhnliches passiert sein. Auf der diesjährigen Berlinale weinen viele nicht wegen der Filme, sondern wegen verpasster Pressekonferenzen. Der erste unglaubliche Zwischenfall ereignete sich schon am ersten Tag. Die Rolling Stones-Konferenz war um 15.10 Uhr angesetzt. Um 14 Uhr wurde der Saal wegen des zu großen Andrangs geschlossen. Aber die Pressevorstellung zu dem Film "Shine A Light", war erst um 14.15 Uhr zu Ende. Alle Menschen in der Pressekonferenz hatten daher den Film entweder gar nicht oder nur die ersten 15 Minuten gesehen. Doch wie meistens waren die Fragen so allgemein, dass es niemandem aufgefallen ist. Viele Leute würden sehr viel Geld dafür zahlen, um nur einmal mit den Rolling Stones im selben Raum zu sein, meinte ein Kollege der es noch rechtzeitig in den Saal geschafft hat.
Wie viel Geld Leute wohl dafür zahlen würden, um das gleiche Vergnügen mit Madonna teilen zu dürfen? Auch ihre Pressekonferenz war hoffnungslos überfüllt und der Saal im Voraus geschlossen worden. Draußen vor dem Hotel sitzen vier akkreditierte Berichterstatter. Einer wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Die Berlinale kann auch traurig machen.

Madonnas Regiedebüt "Filth and Wisdom", wegen dessen Premiere so ein Gewese gemacht wurde, ist die Geschichte von vier Außenseitern, die nach dem Glück im Leben suchen und sich ein Haus in London teilen. Die Charaktere sind allesamt hoffnungslose Verlierer und dermaßen überzeichnet, dass man sie wohl nur noch als Freaks abstempeln kann. Den Plot weiter zu beschreiben wäre zweck- und sinnlos. Die titulierte Weisheit ist in Wirklichkeit gar keine und es gibt auch nur sehr wenig Dreck zu sehen. 
Madonnas Debüt ist reinster Trash. Doch es gibt den guten und es gibt den bodenlos schlechten Trash. "Filth and Wisdom" gehört zu letzterer Sorte. Versucht man Madonnas Gedanken und Intentionen herauszufiltern, dann sucht man vergebens nach jener Innovation, die den Musikstar ausmacht. Wo ist die Provokation, wo der ansehnliche Reiz? Alles nicht vorhanden und es beschleicht einen das Gefühl, dass der Superstar Madonna hinter der glitzernden Fassade eine ziemlich prüde Person ist. Chancen für die Goldene Himbeere? Aber ja doch. 

Das Schicksal von Kindersoldaten entzieht sich in seiner ganzen Tragik oft dem Vorstellbaren. Man kann sich nicht ausmalen, wie ruiniert eine Kinderseele wird, wenn der Krieg und das Töten den alltäglichen Ablauf der Dinge bestimmen. Der Wettbewerbsfilm"Feuerherz" des deutschen Regisseurs Luigi Falorni, der auch den Film "Die Geschichte des weinenden Kamels" gedreht hat, verfilmt das Leben der ehemaligen Kindersoldatin Senait G. Mehari, die ihre Erfahrungen in dem gleichnamigen Bestseller verarbeitet hat. Nun löste der Film schon im Vorfeld große Diskussionen aus: Die Missstände, die Buch und Film anprangern, seien bloß ausgedacht. Es habe an Meharis Schule nie Kindersoldaten gegeben, tönen Protestanten vor dem Berlinale Palast. 
Im Eritrea der 80er Jahre wird das junge Mädchen Awet von italienischen Nonnen in einem Waisenhaus großgezogen. Als sie eines Tages der verschollen geglaubte Vater nach Hause holt, beginnt für das Mädchen eine Qual. Der Vater gibt das Mädchen samt Schwester an Rebellen weiter, die mitten im Freiheitskampf stecken. Awet muss nun zusehen, wie das unsinnige Töten und Morden alle Menschen um sie herum verrohen lässt. "Wieso kämpfen wir gegen die Menschen, die sehen doch genauso aus wie wir? Sie tragen sogar die gleichen Schuhe" fragt sie einmal. Doch dieser kindliche Gerechtigkeitssinn ist wie ein Schrei in den leeren Wald. 
Der Film versucht sein Möglichstes, um dem Thema den nötigen Platz zu geben. Ihm ist anzurechnen, dass er in der eritreischen Landessprache Tigrinya gedreht worden ist und das der Regisseur im Großen und Ganzen auf die übliche Exotik Afrikas verzichtet und keine Touristensehnsüchte bedient. Aber Falorni findet keine passende Bildersprache für das zentrale Motiv des Films. "Feuerherz" schafft es nicht, die Brutalität, der die Kindersoldaten ausgesetzt sind, zu transportieren. Ihm gelingt so ein bedenkliches Kunststück: Es ist vielleicht der erste Film, der von Kindersoldaten erzählt und dabei das Publikum ziemlich kalt lässt. Am Ende begegnet man dem Gesehenen gleichgültig und das darf einfach nicht sein.

Ganz anders und viel intensiver erzählt der Dokumentarfilm "War Child", der im Generation-Programm läuft, vom gleichen Thema. Christian Karim Chrobog porträtiert das Leben des sudanesischen Hip Hop-Stars Emmanuel Jal. Bevor er mit seiner Musik bekannt wurde, teilte Jal das Schicksal der kleinen Awat aus "Feuerherz". Er war Kindersoldat. Mit gerade mal sieben Jahren wurde Jal in einem Trainingscamp in Äthiopien ausgebildet. Später floh er mit knapp 400 Kindern vor den Rebellen. Nur zwölf überlebten. Mittlerweile hat er die Schule besucht und ist ein gefeierter Star. Doch Jal vergisst nicht, wie seine Vergangenheit aussah. Er weiß, dass die Gegenwart wahrscheinlich noch genauso schlimm ist, wenn nicht sogar noch viel grausamer. Mit seinen Songs versucht er die Menschen in ihren Herzen zu erreichen. Aber Jal ist auch Sprecher von "Stop the Use of Child Soldiers" und seit 2006 Botschafter der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam. Einfach nur zu singen, das weiß Emmanuel Jal, verändert nicht die Welt.

Der israelische Wettbewerbsbeitrag "Restless" von Amos Kollek erzählt eine auf den ersten Blick für den Regisseur eher ungewöhnliche Geschichte. Das erste Mal seit langem widmet er sich reinen Männerproblemen, nachdem er mit seiner Frauen-Trilogie ("Sue", "Fiona" und "Angela") auf sehr bemerkenswerte Art drei individuelle Schicksale am Rande der Gesellschaft beschrieben hat. In "Restless", einer tragischen Vater-Sohn-Geschichte, bleibt er dem Milieu der sozialen Randschichten treu. 
Moshe (sehr einprägsam: Moshe Ivgy) lebt in New York. Er verkauft alles Mögliche, um über die Runden zu kommen. Abends betrinkt er sich auf die Kosten des Barbesitzers. Als der seinen Freund bittet, seine Gedichte als Unterhaltung in der Bar vorzutragen, wird der verzweifelte Mann schnell berühmt. Seine zynisch-sarkastischen Gedichte verhandeln hart das Verhalten Israels, dass Moshe vor 20 Jahren verlassen hat. Er floh damals aus einem Land, das nur Krieg führt, und wie es ihm schien auch immer weiter führen wird. Aber Moshe floh auch von seiner Frau und seinem Sohn, den er nie haben wollte. Tzach ist mittlerweile zu einem der besten Soldaten der israelischen Armee geworden. Doch als seine Mutter stirbt, sucht er den Kontakt zu seinem Vater, dem er nur noch Hass entgegen bringen kann. 
Kollek versteht es, Atmosphären zu schaffen. Allen voran die New York-Episoden sind wunderbar trüb fotografiert und in ein melancholisches Licht getaucht. Moshe ist ein Gequälter, einer der nie wirklich an sein Ziel kommt, da er es nicht kennt - ruhelos, wie der Titel sagt. Kolleks Film wäre makellos, würde er nicht zu viel erzählen wollen. Besonders der Handlungsstrang in Israel wirkt ein wenig unausgegoren. Letztlich ist es ein sehr heller Film geworden und im Gegensatz zu seiner Frauen-Trilogie kann man sogar von einer Art Happy End sprechen. Am Ende des Films wird der Schriftzug "Für meinen Vater" eingeblendet - es war wohl kein leichtes Verhältnis.

Morgen gibt es nur einen offiziellen Wettbewerbsbeitrag zu sehen und zwei Filme außerhalb der Konkurrenz. Daher ist der französische Film "Il y a longtemps que je t'aime" von Philippe Claudel der vorletzte Film, der ins Rennen um den Goldenen Bären geht. Kristin Scott Thomas spielt die Hauptrolle in diesem ungemein bewegenden Familiendrama. Sie ist Juliette, die nach 15 Jahren aus der Haft entlassen wird. Sie kommt zunächst bei der Familie ihrer Schwester Lea (Elsa Zylberstein) unter. Doch das Verhältnis der beiden ist aufs äußerste gestört. Juliette hat ihren sechsjährigen Sohn umgebracht, daraufhin haben sie ihre Eltern verstoßen und Lea wurde jeder Kontakt untersagt. Und so gestalten sich die ersten Begegnungen scheu und sind geprägt durch ein unangenehmes Schweigen. Doch Juliette kehrt langsam in das alltägliche Leben zurück. Auch das Eis zwischen ihr und ihrer Schwester beginnt langsam zu schmelzen. Aber kaum hat man sich an den Rhythmus gewohnt, taucht ein Brief auf und lässt die Vergangenheit in einem ganz anderen Licht erscheinen. 
Im Kinosaal wurde Rotz und Wasser geheult. Sehr behutsam und tief emotional verhandelt Claudel seine Familientragödie und liefert damit den ersten Film im Wettbewerb, der von Anfang bis Ende sein hohes Niveau halten kann. Kristin Scott Thomas avanciert mit ihrer elektrisierenden Leistung zur Topfavoritin für den silbernen Darstellerinnen-Bär und auch Claudel darf sich berechtigte Hoffnungen auf einen Preis machen. So viel Emotion war in diesem Jahr selten. Merci.

 

Mittwoch, 13.2.2008: Papa wartet auf dich!

Die Berlinale-Filme beschäftigen sich sehr intensiv mit den Schicksalen von Eltern. Der japanische Beitrag setzt dem Leiden und dem Leben einer Mutter ein eindrucksvolles Denkmal, und Nanni Moretti spielt einen Vater, der seine tote Frau nicht vergessen kann. Außerdem: Der erste französische Beitrag reanimiert ein fast schon vergessenes Genre ....

Die Berlinale und ihr Wettbewerb mit den ganzen Nebenreihen wäre nichts ohne den EFM. Der European Film Market ist der unsichtbare Motor der Filmfestspiele. Auf dem Markt werden die wirklich wichtigen Deals abgeschlossen. Filme werden hier gekauft und verkauft. Ein Besuch beim EFM ist daher auch etwas stressig - jedenfalls eindeutig stressiger als bei den Pressevorstellungen. Es geht hier manchmal zu wie an der Börse. Elegant angezogene Männer laufen mit ernster Miene und schwarzen Aktentaschen durch die Gegend und haben mindestens ein Handy am Ohr. Diese Geschäftigkeit treibt die Menschen dann schließlich auch ins Kino, zu den so genannten Market-Screenings. Diese finden neben normalen Kinosälen auch in vielen Hotelsuiten statt. Dort bekommt man dann Filme zu sehen, die oft in einer ungeschnittenen Fassung präsentiert werden. Darunter sind auch kleine Perlen, wie der neue Morgan Spurlock-Film, der neue "Batman" oder auch der neue Film von Olivier Assayer. Wie einschlägige Branchenblätter wie die "Variety" oder der "Hollywood Reporter" melden, ist der Berliner Filmmarkt in diesem Jahr besonders begehrt, was dem Festival zu gute kommt. Das ist auch gut so.

Wieder zurück bei den Kollegen von der Presse. Der japanische Wettbewerbsbeitrag"Kabei - Our Mother", der neue Film des Berlinale-Stammgastes Yoji Yamada, der durch seine bekannte Samurai-Trilogie für einiges Aufsehen sorgte, ist die Verfilmung eines in Japan sehr berühmten Romans. Es ist das Drama einer Frau, die im Schrecken des Zweiten Weltkrieges ihren Mann verliert. Er wird beschuldigt kommunistische Propaganda an der Universität zu lehren und wird wegen Staatsverrat ins Gefängnis gesperrt. Was folgt ist der Kampf einer Frau, die nicht nur für die beiden heranwachsenden Töchter sorgen muss, sondern auch die Schande ertragen muss, einen "Verräter" geheiratet zu haben. Als ihr Vater sich von ihr abwendet, bleibt der Frau nur noch ein ehemaliger Student ihres Mannes, der der Familie hilft wo er nur kann. Die Rolle der Frau in der traditionellen japanischen Gesellschaft ist eine sehr nebensächliche. Die Männer haben das Sagen. Was Yamada dank der äußerst guten literarischen Vorlage macht, ist den Blick und den Wert der Frauen in den Mittelpunkt zu rücken und uns ihre Wichtigkeit vor Augen zu führen. Das ist an einigen Stellen etwas unausgereift, aber im Allgemeinen ist man beeindruckt von dem Schicksal einer Frau, die alles tat, um die zu retten die sie liebte.

Nanni Moretti ist in Berlin. Nanni Moretti wird dieses Jahr aber auch in Locarno sein, wo ihm zu Ehren eine Retrospektive laufen wird. Dort wird sicherlich sein Meisterwerk "Das Zimmer meines Sohnes" zu sehen sein. In dem Berlinale-Beitrag "Quiet Chaos" spielt Moretti nur die Hauptrolle. Für die Regie ist sein Kollege Antonello Grimaldi verantwortlich. Und doch gehört die ganze Leinwand Moretti und seinem melancholischen Gesicht. Er ist ein Vater der eines Tages seine Frau verliert und nun mit seiner Tochter alleine zurückbleibt. Da seine Firma gerade im Begriff ist von einer amerikanischen Gesellschaft aufgekauft zu werden und alle Jobs in Gefahr sind, will Moretti nur eines tun - seine Tochter zur Schule bringen und draußen vor dem Gebäude auf einer Bank auf sie warten. 
Das titelgebende stille Chaos spielt sich in seinem Charakter ab. Die Unmöglichkeit, über den Verlust zu trauern, die Gleichgültigkeit gegenüber seiner Arbeitssituation und die ungewisse Zukunft. Er denkt, dass seine Tochter das einzige ist, was ihm noch bleibt. Es braucht 100 Minuten und die weisen Worte einer 7-jährigen, bis er vom Gegenteil überzeugt wird. Ein trotz seiner heiteren Stimmung äußerst tragischer Film, der über Tod und das Zurückbleiben mehr und ausführlicher erzählt als Dörries "Kirschblüten". Übrigens: Als im Film ständig von einem jüdischen Kapitalisten die Rede ist, der die Firma aufkaufen soll, staunt man nicht schlecht, als er auftaucht und auf der Leinwand niemand geringeres erscheint als - Roman Polanski. Was für ein Überraschungsauftritt!

Es gab eine Zeit, da war der französische Thriller das feinste, was man im Arthouse-Kino sehen konnte. Filme wie Henri Verneuils "Der Klan der Sizilianer", Jean Pierre Mellvilles "Vier im roten Kreis" oder Alain Corneaus "Die Wahl der Waffen" gehören immer noch zum aufregendsten, was das Genre zu bieten hat. Und wie immer geht es um den ewigen Kampf Gut gegen Böse. Und doch war das Gute als auch das Böse im französischen Kriminalfilm immer auf äußerst faszinierende Weise aufgelöst. An diese glorreichen Zeiten will der erste rein französische Wettbewerbsbeitrag "Lady Jane" anknüpfen. Der Regisseur Robert Guediguian erzählt von drei Menschen (zwei Männer und einer Frau), die den Mörder des Sohnes der Frau finden wollen. Doch immer wieder scheint die Vergangenheit auf. Was ist passiert? Welches tragische Schicksal hat diese grundverschiedenen Menschen aneinander gekettet? Der Film zitiert berühmte Vorbilder und kann trotz einiger Mängel überzeugen. Die clever gewobene Rache- und Liebesgeschichte jedenfalls hält die Spannung bis zum Schluss. Ein cooler Film der auch ohne die ganz bekannten französischen Stars auskommt.

 

Dienstag, 12.2.2008: Ein Bayer in Japan und ein Koreaner in Paris

Filme aus Brasilien und Deutschland enttäuschen und langweilen. Dafür werden die müden Festivalaugen von Johnny To verwöhnt. Der beste französische Film kommt aus Südkorea. Altmeister Mike Leigh inszeniert lesbische Fahrstunden und Dokumentarfilmer Errol Morris holt das Grauen von Abu Ghraib auf die Leinwand ....

"Tropa De Elite" ist mit Abstand der erfolgreichste Film Brasiliens. Schon bevor er in die Kinos kam und dort zwei Millionen Zuschauer vor die Leinwand lockte, hatten ihn durch Schwarzmarktkopien rund 12 (!) Millionen Menschen gesehen. Auch die wilde öffentliche Diskussion, die der Inhalt des Films auslöste, sucht in der Landesgeschichte ihresgleichen. Die Vorwürfe: Der Film sei gewaltverherrlichend und faschistisch. Regisseur José Padilha erzählt in hyperrealistischen Bildern vom gewalttätigen und korrupten Kampf der brasilianischen Polizei gegen die Drogendealer der Slums. Sein Film ist laut, schnell und brutal. Kugelgewitter ziehen im Minutentakt über die Leinwand und lassen der etwas flachen Geschichte wenig Platz zur Entfaltung: Ein Kommandant der BOPE-Einheit (eine Spezialeinheit der Polizei, die sehr schnell und effektiv die Dealer erledigen kann und im Gegensatz zur normalen Polizei nicht korrupt ist) wird Vater und sucht einen Nachfolger, da er nun im Beruf etwas kürzer treten will. Das Boot-Camp, welches die besten Bewerber herausfiltern soll, gleicht in seiner Erbarmungslosigkeit dem aus "Full Metal Jacket". 
Das große Problem an "Tropa De Elite" ist seine Erzählart. Die hektische Inszenierung, die in ähnlicher Form schon in Fernando Meirelles "City of God" zu sehen war, verwischt das reale Bild der Missstände und der Gewalt. Die Wirklichkeit wird verzerrt und dabei wollte der Regisseur eigentlich einen Dokumentarfilm über die skrupellose Einheit drehen. Vielleicht wäre bei einer richtigen Dokumentation das Ergebnis ansehnlicher gewesen. Faschistisch soll der Film sein, da er das Töten zu sehr beschönigt. Doch diesen Vorwurf mag man dann doch nicht bestätigen.

Dorris Dörries Liebe zu Japan hat ihre letzten drei Filme geprägt. Und auch der im Voraus mit zahlreichen Bayrischen Filmpreisen ausgestattete Film "Kirschblüten - Hanami"nimmt seinen Helden Rudi (Elmar Wepper) mit in das Land der untergehenden Sonne. Rudi hat Krebs und wird bald sterben, aber der pensionierte Beamte weiß davon nichts. Nur seine Frau Trudi (Hannelore Elsner) weiß Bescheid. Sie traut sich aber nicht ihrem Mann die Wahrheit zu sagen - und dann ist Trudi tot. Für Rudi bricht eine Welt zusammen und er beschließt seiner Frau den letzten Wunsch zu erfüllen: Einmal den Fuji-Berg sehen. 
"Kirschblüten" leidet an demselben Symptom, an dem fast alle Dörrie-Filme mehr oder weniger stark kranken. Und zwar an einer peniblen und akkuraten Detailversessenheit. Die Kollegin Susanne Messmer von der taz resümiert sehr treffend: "Jedes Detail stimmt so punktgenau, dass gar nichts mehr stimmt." Die Japan-Episode ist überladen mit den üblichen Touristenklischees. Da muss Rudi feststellen, dass es in Japan viele seltsame Fernsehsender gibt, dass sich das Essen vom bayrischen stark unterscheidet und dass die Peepshows denen in Europa wohl in nichts nachstehen. Aus der angekündigten poetischen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod wird dann leider auch nichts und da nützt es nicht, dass Elmar Wepper einigermaßen überzeugt und manchmal in Frauenkleidern durch die Gegend läuft.

"Tropa De Elite" dauert knappe zwei Stunden. Auch Dörrie knackt mit ihrem Film die Zweistundenmarke. Es ist die Berlinale der sehr langen Filme, was leider nicht immer bedeutet, dass es deswegen auch gute Filme sind. Da wirkt "Sparrow" von Actionmeister Johnny To mit seinen 89 Minuten wie ein Exot. Seine Hongkonger Taschendiebgeschichte ist voller überraschender Einfälle und mit viel Schwung und einer enormen Prise Ironie inszeniert. Der Film wirkt wie ein Energy-Drink. Dabei verzichtet To dankenswerterweise auf jegliche tiefer gehende Charakterexposition und unnötigen psychologischen Ballast. Er erzählt schnörkellos die Geschichte von vier Taschendieben, die eines Tages auf eine junge Frau treffen, die ihren ganzen Alltag auf den Kopf stellt. Was folgt, ist pures Genrekino. Johnny Tos eigene Version von "Chinatown", mit dem Charme der "Ocean's"-Reihe. Dann der Showdown: Dicke Regentropfen, kleine Teppichmesserklingen und ein poetisches Ballett aus schwarzen Regenschirmen. "Sparrow" ist eine Fingerübung, mehr nicht, aber was für eine!

Hong Sangsoos Film "Woman on the Beach" lief letztes Jahr noch in der Panorama-Sektion. Sei neustes Werk "Day and Night" läuft nun im Wettbewerb - zum Glück. Ein junger Mann flieht aus Korea nach Paris und lässt sein Frau zurück. Wahrscheinlich ist die Polizei hinter ihm her, aber so ganz klar wird das nicht. Der Film ist kein Thriller, viel mehr eine sanfte aber sehr genaue Beobachtung über das Ankommen. In Paris verliebt sich der Mann in fast jede Koreanerin, die er trifft. Aber nachts (und daher der Titel) sitzt er am Telefon und leidet zusammen mit seiner daheim zurückgebliebenen Frau. 
Sangsoos Filme haben nicht das Zeug zum Publikumsliebling, obwohl "Day and Night" zugänglicher ist als "Woman on the Beach". Nein, sie richten sich mehr an ein Publikum, welches sich in den kleinen und unaufgeregten Epen eines Eric Rohmer wohl fühlt. An dessen Werke erinnern die Filme Sangsoos besonders. Er nimmt die Existenz des Menschen unter die Lupe und lässt vor der Kamera die Kleinigkeiten des Alltages unfassbar wichtig erscheinen. Egal, ob das die Suche nach einer Zigarette oder das Warten auf den Bus ist. Einmal beugt sich der Held über eine Straßenrinne, durch die das Regenwasser fließt. Er legt ein Papierschiffchen hinein und die Kamera verfolgt einen Augenblick seinen Weg durch das Wasser. Ein bezaubernder Moment - einfach nur schön.

Fast schon eine rhetorische Frage: Hat Mike Leigh jemals einen wirklich schlechten Film gedreht? Nachdem sein letztes Werk "Vera Drake" besonders düster und bedrückt war, erweist sich der neue Film des englischen Altmeisters "Happy Go Lucky" als eine helle Komödie. Poppy (wunderbar: Sally Hawkins) ist ein Mensch, wie man ihn wohl nur auf der Leinwand ertragen kann. Die 30jährige Grundschullehrerin ist immer gut drauf, hat immer den passenden Spruch auf den Lippen und ist auch sonst nicht wirklich erwachsen geworden. Als ihr Fahrrad gestohlen wird ist ihre Reaktion: "Oh schade. Und ich konnte mich nicht einmal verabschieden." Nichts und niemand kann ihr den Humor nehmen. Auch nicht ihr Fahrlehrer (grandios: Eddie Marsan), der mit der extrovertierten Dame zunächst nicht anfangen kann. 
Um es kurz zu machen: Nach Entführungen, Abtreibungen, Mord und Totschlag ist "Happy Go Lucky" die erste reine Komödie im Wettbewerb, und so etwas wird von den Kritikern immer gerne begrüßt. Leigh liefert viel Stoff für die Lachmuskeln, die auf so einem düsteren Festival meist vernachlässigt werden. Die exzellente Vorstellung der Hauptdarstellerin und die geschliffenen Dialoge lösten daher auch bei der Pressevorstellung euphorische Lachanfälle und massenweise Szenenapplaus aus. Dabei ist auch Poppy eine typische Leigh-Figur. Sie passt in ihre Umwelt nicht hinein. Sie muss begreifen, dass sie durchaus ihr Leben so leben kann wie sie möchte, aber ihre Lebensphilosophie niemanden aufzwingen kann. Das rächt sich fürchterlich. Leider inszeniert Leigh etwas zu leicht und wagt es nicht, den sonnigen Rhythmus ganz zu dramatisieren. Aber trotzdem ist man von "Happy Go Lucky" mehr als entzückt.

Es ist das erste Mal in den Geschichte der Berlinale, dass ein Dokumentarfilm im offiziellen Wettbewerb läuft. Der Oscarpreisträger Errol Morris widmet sich mit "Standard Operating Procedure" den Folterexzessen des US-Militärs im irakischen Gefängnis Abu Ghraib. Es ist ein Film geworden, der die kleinen und unbekannten Soldaten zu Wort kommen lässt. Morris hat alle in den Skandal verwickelten Personen vor der Kamera versammelt, und es gibt viele "talking heads" zu sehen. Und doch ist "Stadnard Operating Procedure" auch ein Film über die Kraft und Macht der Fotografie. Das einzige, was von diesem Skandal übrig blieb, sind nun mal die Fotografien, von nackten und gedemütigten Irakern. Der Film sieht dabei zu, wie sich die Soldaten gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben und immer noch versuchen ihre eigene Rolle herunter zu spielen. Der Film zeigt das wie, das wer und das wo, aber das Warum kann oder will er nicht zeigen. Wieso die Soldaten sich zu diesen Folterspielen hinreißen ließen, muss man sich selber erschließen. 
Dazu wird ein grausames und erschütterndes Bild des US-Militärs entworfen. Wer hat über wen die Kontrolle? Geheime Einheiten schießen wie Pilze aus dem Boden und unterstehen scheinbar keinem Kommando. Das führt zur Willkür und Ratlosigkeit bei den kleinen unerfahrenen Soldaten, die gerade von der Straße abgeworben worden sind und ihre Entscheidung für den Militärdienst mittlerweile bereuen. Trotz der etwas zu offensiven musikalischen Untermalung von Danny Elfmann: "Standard Operating Procedure" ist ein Dokumentarfilm geworden, der brutal und beeindruckend von den erniedrigenden Kräften erzählt, die im Menschen stecken. Ganz klar: ein Bärenfavorit.

 

Montag, 11.2.2008: Löwenkinder und Schlaf-Dealer

Der Wettbewerb pendelt zurzeit zwischen toll und mies, jetzt wird es mal Zeit, sich ausführlicher dem Programm der vielen Nebensektionen zu widmen. Ein kleiner Streifzug durch die weite und vielschichtige Festivallandschaft ...

Die Zukunft in "Sleep Dealer" sieht alles andere als rosig aus. In einem kleinen mexikanischen Dorf müssen die Menschen in einen gefährlichen Trakt klettern, um etwas Wasser zu holen. Dabei müssen sie zuerst Geld in einen Automaten stecken. Wenn sie sich weigern oder das Wasser stehlen, werden sie von automatischen Maschinengewehren sofort erschossen. Ein junger Mexikaner verliert bei einem amerikanischen Luftangriff seinen Vater und geht in die Stadt, um seine Familie zu versorgen. Dort arbeitet er in den so genannten"Sleep Dealer"-Fabriken. Die Mexikaner arbeiten hier mit Hilfe seltsamer Apparaturen in Amerika, ohne dort körperlich anwesend zu sein. So nutzen die USA die billigen ausländischen Arbeitskräfte, ohne sie im Land zu haben. 
Es ist die Idee, weniger die Ausführung, die hier beeindruckt. Regisseur Alex Rivera zeigt, wie er sich die Arbeitergesellschaft der Zukunft vorstellt. "Sleep Dealer" gewann schon einen Preis in Sundance und darf wohl als einer der ersten Indie-Science-Fiction-Filme bezeichnet werden.

Im Forum läuft ein wunderbarer kleiner Film mit dem Namen "Son of a Lion". Dieses Werk wurde von einem australischen Regisseur gedreht, spielt aber im heutigen Pakistan. Ein 11-jähriger paschtunischer Junge will sehr gern in die Schule gehen, doch sein Vater verlangt, dass er ihm bei der Waffenherstellung hilft. Dass der Film wahrscheinlich mit sehr wenig Geld produziert, fast amateurhaft gefilmt und nur mit Laien besetzt wurde, fällt nicht weiter ins Gewicht. Der Blick in den Alltag hat fast etwas Dokumentarisches. Dies erlaubt dem Publikum in Gegenden einzutauchen, die den meisten wohl sonst verschlossen bleiben. Aber "Son of a Lion" begeistert auch durch die Weisheit und die Weitsichtigkeit seiner Dialoge sowie eine beachtliche Menge Humor. Vielleicht gibt es eine Art Happy End, vielleicht aber auch nicht. Man kann sich nicht sicher sein, wie das Leben der Menschen sich in dieser krisengeschüttelten Region entwickeln wird. Auch der Regisseur Benjamin Gilmour wagt keine eindeutige Prognose.

Fast zweieinhalb Stunden dauert Götz Spielmanns neuster Film "Revanche". Der Österreicher begeisterte schon durch sein letztes Werk "Antares" und hat nun eine Mordgeschichte im heutigen Wien inszeniert. 
Alex arbeitet für einen Bordellbesitzer. Er ist verliebt in eine ukrainische Prostituierte und verspricht, sie irgendwann aus diesen lausigen Umständen zu befreien. Als beide dann Hals über Kopf aus dem Bordell fliehen und dazu noch eine Bank überfallen, kommt es zu einem tragischen Zwischenfall und Tamara, die Prostituierte, ist tot. Geschockt durch den Verlust seiner großenLiebe flüchtet Alex zu seinem Großvater aufs Land. Dort trifft er die Frau des Polizisten, der Tamara erschossen hat. Die titelgebende Revanche wächst in Alex Schritt für Schritt. Aber wird er es wagen, für seine Rache einen Menschen umzubringen? 
"Revanche" reit sich nahtlos in die Ästhetik einer neuen Generation österreichischer Filmemacher ein, die man unmittelbar mit dem Namen Ulrich Seidl in Verbindung bringt. Die kalten, schmutzigen Bilder oder auch das Milieu der Prostituierten erinnert an Seidls "Import Export". Und doch geht Spielmann noch weiter. Er scheint uns nur eine Episode aus Alex' Leben zu zeigen. So ist auch das abrupte Ende wohl zu verstehen, das so einige zentrale Fragen nicht beantwortet. Viele fühlten sich am Ende an der Nase herumgeführt. Trotzdem ist "Revanche" eine sehr moderne und beeindruckende Abhandlung über Schuld und Sühne.

Ins Aquarium führt uns der ägyptische Regisseur Yousry in seinem Panorama-Film"Genenet al asmak". Der Ägypter durchleuchtet die Einsamkeit von Großstädtern. Da ist zum Beispiel die Radiomoderatorin, die eine Art Selbsthilfesendung moderiert: Sie kann durch andere Tragödien besser mit den eigenen Missständen leben. Als erfolgreiche und selbstständige Frau wohnt sie immer noch mit Mutter und Bruder zusammen. Oder der Anästhesist, der am liebsten mit seinen Patienten nach der Narkose plaudert, weil er dann ehrlichere Gespräche führen kann. Sein Vater leidet an Krebs und hat seinem Sohn nichts zu sagen. Er kann in seiner neuen Wohnung nicht schlafen und tut dies in seinem Auto. Außerdem arbeitet er nachts in einer illegalen Abtreibungsklinik. Das titelgebende Aquarium ist der Ort, an dem sich die Liebespaare der Stadt treffen. Und natürlich werden auch die Radiomoderatorin und der Anästhesist sich treffen, aber es wird nicht das Aquarium sein. Sehr bedrückt und distanziert will der Film die Unmöglichkeit des Zueinanderkommens demonstrieren. Doch er verzettelt sich in seiner verworrenen Dramaturgie. Man möchte seinen Figuren wirklich nahe sein. Man möchte durchaus ihre Konflikte verstehen. Aber der Film schließt sie hermetisch ab und so bleibt uns nichts weiter, als ihnen von außen zu zu sehen, wie den Fischen im Aquarium.

Es ist längst kein Geheimtipp mehr, aber es muss immer mal wieder erwähnt werden: Die Sektion "Generation" (früher einmal "Kinderfilmfest") hat jedes Jahr ein unglaublich starkes Programm zu bieten. Filme für Kinder, das ist in Deutschland eine traurige Angelegenheit. Die meisten Exemplare dieser Gattung sind rührselig und gehen über die Harmlosigkeit einer "Wilde Kerle" oder "Wilde Hühner"-Reihe selten hinaus. Zum Glück ist das in anderen Ländern nicht so. Wenn man sich die Kinderfilme aus Skandinavien oder aus dem Nahen Osten ansieht, dann stockt einem schon mal der Atem. Tod, Krieg und Armut werden da schmuck- und trostlos verhandelt. Interessiert das Kinder, die ins Kino gehen? Aber sicher tut es das, wenn man den begeisterten Reaktionen des jungen Publikums auf der Berlinale glauben darf.
Einer der besten, wenn nicht sogar der beste Film der diesjährigen Berlinale ist ebenfalls in der Sektion "Generation" zu finden. Hana Makhmalbafs Regiedebüt "Buddha collapsed out of shame"nimmt uns mit in das Leben der kleinen Bakhtay. Sie lebt mit ihrer Familie in den Höhlen eines ehemaligen Klosters, dort wo 2001 die Taliban die über 1500 Jahre alten, riesigen Buddhastatuen zerstörten. Der Kampf des Mädchens, das Lesen und Schreiben lernen will, sich aber ständig gegen die brutalen Spielchen der Nachbarsjungen wehren muss, ist ein eindrucksvolles Sinnbild für die aktuelle Lage Afghanistans. Der Film lief bereits im offiziellen Wettbewerb des Filmfestivals in San Sebastian und gewann dort den großen Jurypreis. Ein Wunder von einem Film und das in einer Sektion, die unter dem Titel "Kinderfilmfest" oftmals müde belächelt wurde. Doch diese Zeiten sind schon lange vorbei.

 

Sonntag, 10.2.2008: Penelopes Busen

Ein iranischer Film versprüht mehr Charme und Witz als bisher alles andere im Wettbewerb. Penelope Cruz hilft Ben Kingsleys Liebesleben auf die Beine und es gibt Glühwürmchen in einem amerikanischen Film zu sehen...

Die Berlinale blickt zurück. Jedes Jahr wird die Retrospektive dem Werk eines bedeutenden Regisseurs der Filmgeschichte gewidmet. Letztes Jahr war es der Arthur Penn, dieses Jahr ist es das Genie des Surrealismus: Luis Bunuel. Sein Todestag jährt sich dieses Jahr zum 25. Mal. Wenn man sich dieser Tage in Berlin ins Kino setzt und auf einen Bunuel-Film wartet, dann wundert man sich, wie voll es doch geworden ist. Aber es ist auch vielleicht für sehr lange Zeit die letzte Chance, viele Filme des Meisters zu sehen, bevor sie auf lange Zeit wieder in den Archiven verschwinden. 
Auch die DVD-Ausbeute ist bei Bunuel zurzeit leider sehr mau, obwohl eine Mexiko-Edition auch weitaus unbekanntere Werke beinhaltet. Natürlich wird sein Werk immer mit seinem Meisterstück "Ein andalusischer Hund" in Verbindung gebracht werden. Und das Auge, welches ganz am Anfang des Films mit einem Rasiermesser durchtrennt wird, ist längst Filmgeschichte. Nach der Vorführung von Bunuels Film "Viridiana" (Goldene Palme in Cannes 1961), der heute zwar harmlos wirkt, aber bei seiner Uraufführung wegen angedeuteter Blasphemien den größten Filmskandal im Spanien der Franco-Ära auslöste, erklingt eine tiefe Männerstimme im kleinen Kinosaal: "He was probably the best of us". Eine kurze Kopfumdrehung später war klar, dass die Stimme zum Jurypräsidenten Costa-Gavras gehört, der wohl sehr angetan war.

Es lohnt sich früh aufzustehen. Die 9 Uhr-Pressevorstellungen sind zwar eine geistige Herausforderung, aber die Filme die bisher um diese Uhrzeit gezeigt worden sind, waren bis jetzt die besten Beiträge im Wettbewerb. Auch heute war das so. Der iranische Film "The Song of Sparrows" erzählt die Geschichte von Karim. Er arbeitet hart auf einer Straußenfarm, um seine drei Kinder und seine Frau zu versorgen. Sein Alltag ist geprägt von der Schufterei und von den ständig streitenden Kindern zuhause. Aber er scheint sein Leben zu lieben. Ausgerechnet, als seiner Tochter das Hörgerät in einen Abwasserbrunnen fällt und die Reparatur des Gerätes die Familie in Unkosten stürzt, läuft auf der Farm ein Strauß weg. Die Stiefel, die vor dem Gehege stehen, gehören Karim. Er muss gehen. Doch dieser Mann schlägt sich wacker durch sein Leben und schafft es in Teheran auf skurrile Weise, sich als Moped-Taxi durchzuschlagen. Und dann ist da immer wieder der Strauß, der mal hier, mal da wieder auftaucht, wie ein Symbol aus längst vergangener Zeit. Er lässt Karim keine Ruhe. 
Was neben der herrlich leichten und witzigen Geschichte bei "The Song of Sparrows" sonst noch besticht, sind die dokumentarischen Aufnahmen aus dem heutigen Teheran und seiner ländlichen Umgebung. Die langen Straßen, der chaotische Verkehr, die Werbetafeln und die eleganten Springbrunnen. Diese Stadt versprüht noch den Charme ihrer persischen Geschichte. Wütende Ajatollahs oder Atomwaffen sucht man vergebens in dieser unfassbar grünen Stadt. Und auch das Bild der Menschen, die der Film zeichnet, ist ein anderes, als es uns die "Schurkenstaat"-Ansichten des amerikanischen Noch-Präsidenten lehren will. Allein dafür gebührt dem Film schon jeder mögliche Respekt. Unaufgeregt und präzise wirft er uns hinein in das Leben der Menschen in diesem Land, zeigt ihren Alltag, ihre Sorgen und Freuden. Das ist auch der Grund, warum alle den Atem anhalten, wenn Karim von seinem schwer verdienten Geld ein Kilo Äpfel kauft, sie auf sein Moped packt und während der Fahrt verliert, ohne es zu merken. Auch so kann also ganz großes Kino aussehen. 

Der Kollege von der FAZ hatte "Fireflies in the Garden" (der im Wettbewerb außerhalb der Konkurrenz läuft) bereits gesehen, als er verkündete, dass der Film in einer 15 Minuten kürzeren Fassung gezeigt wird. In Dennis Lees Werk tritt auch Julia Roberts auf und ist - oh wunder- nach zehn Minuten bereits tot. Was für ein Auftritt! Der Film ist eine tragische Familiengeschichte, die atmosphärisch an "Little Children" erinnert. In exzellent komponierten Rückblenden wird von Michaels (sehr gut: Ryan Raynolds) furchtbarer Kindheit erzählt. Die Sommertage mit Jane (der jüngeren Schwester seiner Mutter) sind geprägt von der brutalen Art, mit der sein Vater Michael quält. Willem Dafoe, der letztes Jahr in der Jury über die Vergabe der Bären mitentschied, ist als böser Familienvater mehr als nur glaubhaft. Eine wunderbare Besetzung. Als die alten Familienkonflikte bei der Beerdigung wieder aufbrechen, leuchtet noch ein viel dunkleres Geheimnis auf. 
Regisseur Dennis Lee hat mit seinem eigenen Drehbuch, dem autobiografische Erlebnisse zugrunde liegen, einen wirklich sehr gelungenen Film gedreht. Aber diese geheimnisvollen 15 Minuten, die aus dem Film herausgeschnitten worden sind, merkt man ihm an. Es fehlt etwas. Nach längerem Hin und Her kann man nur mutmaßen, dass die Macher (vielleicht aus Vermarktungsgründen?) das in der vorliegenden Fassung nie thematisierte, aber doch irgendwie immer präsente Motiv des Inzest aus dem Film weg haben wollten. Doch man spürt es trotzdem. Einige Rückblenden machen keinen Sinn. Sie fügen sich nicht in die Erzählung ein und bleiben viel zu isoliert am Rande stehen. 
Achja, und da gestern von Glühwürmchen die Rede war. Hier kommen, wie es der Titel schon sagt, auch welche vor. Doch die Glühwürmchen hier werden schon sehr bald mit Tennisschlägern traktiert, was zwar einen ziemlich netten Effekt gibt, aber doch eher unschön ist. Vielleicht sollten doch nur die Asiaten das Glühwürmchen als Stilmittel benutzen. 

Isabell Croixet ist ein Stammgast auf der Berlinale. Ihre Filme "Mein Leben ohne mich" und "Das geheime Leben der Worte" liefen bereits im Wettbewerb. Nun hat die Regisseurin einen Phillip Roth-Roman verfilmt. In "Elegy" erzählt sie die Geschichte des charismatische Professors Kepesh (Sir Ben Kingsley) und einer abenteuerlustigen Studentin (Penelope Cruz). Ihre Schönheit und Selbstsicherheit weckt in dem alten zynischen Literaturprofessor Gefühle von denen er gedacht hätte, dass er sie nicht mehr erleben kann. Und so müssen wir diese leidige Altherrenphantasie ertragen - geschlagene zwei Stunden lang. Auch wenn man Penelope Cruz öfters nackt sieht und es dafür auch Szenenapplaus gab, die 22-jährige Studentin, die sie spielt, nimmt man ihr in keinem Augenblick ab. Und wenn Drehbuchschreiber und Regisseure einer mächtigen Literaturvorlage nicht Herr werden können, greifen sie oft zum Off-Kommentar und lassen die schönen Kompositionen des Romanautors erklingen. So auch hier. Das hat aber nichts mehr mit Kino zu tun. Vielleicht kann man ja nur als pensionierter Hochschullehrer etwas mit dem Inhalt anfangen. Fazit: Durchgefallen.

 

Samstag, 9.2.2008: Augen zu und durch!

Wer Kinder entführt, der hat auf der Berlinale leider schlechte Karten. Gleich zwei Wettbewerbsfilme beschäftigen sich mit Kidnapping. Ein mexikanischer Film durchforstet die Einsamkeit nach dem Tod und das asiatische Kino bedient sich klassischer Genredramaturgien und liebt Glühwürmchen...

Jasmila Zbanic steht vor dem Kino und die Szenerie ist ein wenig tragisch. Alle Journalisten rennen an der hübschen Frau vorbei, ohne sie nur eines Blickes zu würdigen. Vor zwei Jahren war sie noch heiß begehrt, als sie damals den Goldenen Bären für ihr überwältigendes Drama "Esmas Geheimnis" gewann. Doch nun sind das alles Nachrichten von gestern. Das Rad dreht sich weiter, neue Filme, neue Stars. Doch das wird Frau Zbanic sicherlich nicht weiter stören, schließlich ist sie ja dieses Jahr Mitglied der internationalen Jury, die das beste Regiedebüt kürt.

Die ersten Bilder des ersten Wettbewerbsfilms dieses Tages sind schockierend träge und leer. "Und das um 9 Uhr!" flüstert eine Stimme in der hinteren Reihe. Ein ödes Feld im mexikanischen Nirgendwo, dann ein Schnitt, ein rotes Auto fährt vorbei, dann kommt eine schwarze Blende (die erste von sehr vielen in diesem Film). Man hört einen lauten Knall und sieht wenig später das rote Auto, welches auf einen Mast aufgefahren ist. Ein Junge steigt aus, blickt hoffnungslos auf sein verbeultes Etwas, was mal ein schöner Nissan war, und geht los. An Mauern und verkommenen Häuserfassaden vorbei. Die ersten Worte, die in "Lake Tahoe" gesprochen werden, halten sich präzise an die Lakonie der Bilder. Der Junge will das Auto reparieren, dabei begegnen ihm äußerst seltsame Menschen: Der alte Mann, der seinen Kampfhund voller Liebe das Müsli aus der Schüssel essen lässt, der junge Automechaniker, der am liebsten ein Shaolin-Mönch wäre, und eine endlos qualmende junge Frau, die anstatt ihr Baby zu hüten viel lieber bei einem Konzert wäre. Was zunächst anmutet wie eine trockene und unzugängliche Geschichte aus dem Herzen Lateinamerikas entwickelt sich überraschenderweise zu einer wundervoll sensiblen und sehr gut durchdachten Episode aus einem tragischen Leben. Der Vater des jungen Mannes ist vor kurzem gestorben. Die Mutter schließt sich seitdem im Bad ein, der kleine Bruder schneidet Fußballspieler aus Illustrierten aus und verbringt den ganzen Tag in einem Zelt. Langsam wird klar, dass der Autounfall vom Anfang nichts weiter war als reine Symbolik. Wie konnte er um alles in der Welt auf breiter Straße ohne Verkehr diesen Unfall bauen? Aber so ist das Leben, alles läuft seinen gewohnten Gang und am Ende ist der Vater tot und nichts ist mehr wie es mal war. Das der Film dies nicht mit einer zentnerschweren Melancholie erzählt, sondern mit einer nahezu stoischen Lakonie, das ist sein großer Verdienst. Wenn auch der Applaus der Kritiker am Ende nicht so stürmisch war wie nach "There will be Blood", so war er doch um einiges herzlicher und länger.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" titulierte in ihrer letzten Ausgabe, dass die Schauspielerin Tilda Swinton mit ihrer Rolle in Emile Zoncas Film "Julia" sicherlich zum Superstar der Berlinale aufsteigen wird. Nun ja, die Rechnung geht nicht ganz auf. Der Film ist lose angelehnt an den John Cassavetes-Klassiker "Gloria" mit Gina Rowland. Swinton spielt die Alkoholikerin Julia, die sich von einer psychisch gestörten Leidensgenossin überreden lässt, ein Kind zu kidnappen. Doch natürlich geht nichts so wie es ursprünglich geplant war und Julia hat nicht nur ein Kind am Hals, sondern bald jede Menge anderer Probleme. Außerdem wird das Kind in Mexiko durch Julias Unachtsamkeit erneut entführt und nun ist es die Alkoholikerin, die ein Lösegeld beschaffen muss. Aber ist ihr das Leben des Kindes mittlerweile wichtig genug, um dafür ihr eigenes Leben zu riskieren? 
Um es kurz zu machen, der Film ist die konsequente und sehr ansehnliche Feier einer ganz wunderbaren und extrem wandlungsfähigen Darstellerin. Tilda Swinton bekommt die Möglichkeit, durch diese Rolle alle Aspekte ihrer darstellerischen Fähigkeiten abzurufen. Dabei entwickelt diese von ihr gespielte Julia unglaubliche Kräfte während der Entführung. Das kann im Endeffekt aber leider nicht über etliche Schwächen des Drehbuchs hinwegtäuschen. Und weshalb müssen die Mexikaner immer als eiskalte Gangster dargestellt werden? Das ist dann doch etwas zu ärgerlich. Aber trotzdem weiß der französische Regisseur Zonca - der mit "Julia" seinen ersten englischsprachigen Film abliefert - genau, wie man ganz klassische Kinospannung erzeugen kann. Sein etwas zu langer Film verdient auf jeden Fall das Prädikat eines wirklich unterhaltsamen Thrillers.

Ein süßes kleines Mädchen wandert ganz am Anfang von Damian Harris' Film "Gardens of the Night" durch eine wundervolle Vorstadtsiedlung in den USA. Sie wird von einem netten Mann angesprochen, der sie dann jedoch sehr geschickt mit einem Komplizen entführt. Für das Mädchen endet an dieser Stelle ihr bisheriges Leben und ein neues, furchtbares Leben beginnt. Sie und ein afroamerikanischer Junge werden von den beiden Männern nackt gefilmt und später auch an Freier verkauft. Etwa zehn Jahre später sehen wir die beiden wieder. Sie sind mittlerweile allein unterwegs. Haben sich ihrer Entführer wahrscheinlich brutal entledigt, so ganz will das der Film nicht sagen. Doch die beiden bleiben dem Straßenstrich treu. So stehlen sich die Teenager, die sich mittlerweile gegenseitig als Bruder und Schwester bezeichnen, durch ihren Alltag und ein Leben, das ein anderes hätte sein können. 
Es ist harter Tobak, den der Regisseur seinem Publikum zumutet. Und vor allem die erste Hälfte des Films, in dem der quälende Alltag der entführten Kinder gezeigt wird, ist aufgrund der brillanten Kinderdarsteller unfassbar zermürbend. "Gardens of the Night" ist wunderbar in Szene gesetzt und toll gespielt, und doch hat er eine Schwäche: er will kein Ganzes ergeben. Der erste Teil hört abrupt auf und wird später nur noch als kurze Rückblende verwendet. Die genaue Beobachtung des Straßenstrichs in San Diego im zweiten Teil weicht vor allem gegen Ende immer wieder viel zu vorhersehbaren Situationen. Die zwei Teile sind zwar durch die Erlebnisse der beiden Kinder verbunden, aber sie wollen nicht zu einer einheitlichen Geschichte fusionieren. "Gardens of the Night" möchte man nicht negativ bewerten, und doch kann man nicht anders als zu resümieren, dass der Film eine große verpasste Chance ist. Schade.

Asiatische Panorama-Filme 

Kim Ki Duk ist leider nicht auf der Berlinale zu Gast, aber zumindest ist der südkoreanische Regisseur durch einen Film vertreten, der auf seinem Drehbuch basiert. "Beautiful" des Koreaners Jaihong Juhn erzählt die Geschichte einer wunderschönen Frau, die aufgrund ihrer Schönheit von allen Menschen, vor allem von den Männern, geliebt wird. Eines Tages wird sie von einem unbekannten Verehrer brutal vergewaltigt. Als der ihr auf der Polizeistation gesteht, dass er sie nur wegen ihres Äußeren missbraucht hat, beschließt die Frau ihrer Schönheit ein Ende zu setzen. Was jetzt folgt ist eine Art von "Kim Ki Duk - Light". Es wird viel gekotzt, geprügelt und am Ende auch gnadenlos gemordet. Aber die Kamera schwankt immer mal wieder verschüchtert zu Seite. Juhn fehlt die unerbittliche Konsequenz seines berühmten Drehbuchschreibers. Und doch ist die Idee der Schönheit als Schicksal spannend und interessant genug, um über einige kleine Logiklöcher hinwegzusehen.

Aus Taiwan kommt der Mafiathriller "Hu-tieh" (Soul of a Demon) der ebenfalls in der Panorama-Sektion zu sehen ist. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der seinen Bruder gedeckt hat und dafür ins Gefängnis gegangen ist. Als er wieder raus kommt, muss er sich mit den verhärteten Fronten zweier verfeindeter Mafiaklans auseinandersetzen. Da spielt auch sein Vater eine Rolle, der vor vielen Jahren seine Heimat verließ und der japanischen Yakuza beitrat. Es fließt viel Blut in diesem Thriller, der sich aber allen gängigen Genreregeln widersetzt und viel lieber die kaputte Seelenlandschaft unseres Helden durchforstet. Ein wenig zu lang geraten, besticht "Hu-tieh" vor allem durch seine Rätselhaftigkeit und seinen mystischen Unterton, den man wohl als Europäer nie ganz begreifen wird. Außerdem gibt es in diesem Film eine wunderbare Szene in der ganz viele Glühwürmchen die dunkle Leinwand zum Leuchten bringen. Reinster Kinozauber. Warum haben eigentlich europäische Filmemacher die Glühwürmchen noch nicht für sich entdeckt? Es wäre jedenfalls sehr wünschenswert.

 

Freitag, 8.2.2008: In der Hitze des Gefechts

Die ersten Wettbewerbsfilme erfüllen eines der zentralen Motive der diesjährigen Berlinale und präsentieren dem Publikum tragische Geschichten von Kindern. Darunter Kleine, Große und auch Ungeborene ...

"Aber bitte halten Sie die Sitze sauber und denken Sie an die Kritiker, die morgen hier schon um neun Uhr sich die ganzen Filme ansehen." Diese weisen Worte sprach Festivaldirektor Dieter Kosslick auf der gestrigen feierlichen Eröffnungsgala zu dem sehr prominenten Publikum. Und tatsächlich waren die Reihen des Berlinale-Palastes am Morgen wieder blitzeblank. Aber das Grundthema unter den Pressemenschen war eine Sperrfrist. Diese Sperrfrist besagt, dass sich alle akkreditierten Journalisten verpflichten müssen, Filme, die ihre Weltpremiere auf der Berlinale feiern, erst nach der offiziellen Galapremiere zu rezensieren. Was für die Printjournalisten keine größeren Probleme darstellt, ist für die Kollegen vom Radio dann doch schon eine erhebliche Schwierigkeit und so hörte man gestern öfter Phrasen wie diese aus dem Äther: "Man könnte sagen, dass es sich um die besten Stones seit langem handelt, wenn man etwas sagen könnte, darf man aber nicht." Doch die hitzigen Diskussionen erloschen sofort, als der erste Wettbewerbsfilm aus China auf die Leinwand projiziert wurde.

Der Regisseur Wang Xiao Shuai gewann mit seinem Film "Bejing Bycicle" 2001 den silbernen Bären und kehrt nun mit seinem neusten Werk "Zou You - In Love we Trust"zurück. Es ist die präzise Beobachtung eines Familiendramas im modernen China und zugleich eine Auseinandersetzung mit der staatlichen Ein-Kind-Politik des Landes. Die fünf Jahre alte Hehe erkrankt an Krebs, als die Chemo nicht anschlägt, bleibt dem Mädchen nur noch die Hoffnung auf eine Knochenmarkstransplantation. Was zunächst als Kleinkinddrama anmutet, wird schnell zu einem tiefen moralischen Zwist, der sich zwischen vier Erwachsenen abspielt. Hehes Mutter hat sich von Hehes leiblichem Vater schon lange geschieden. Mittlerweile lebt sie mit einem wundervollen neuen Ehemann zusammen. Hehes Vater hingegen hat eine nicht ganz so stabile Beziehung mit einer Stewardess. Da weder die Mutter noch der Vater als Spender in Frage kommen, verrennt sich die Mutter in die Idee, mit ihrem Exmann ein Kind zu zeugen, da Geschwister mit viel höherer Wahrscheinlichkeit passende Spender sind.
Das bringt diese vier Menschen an den Rand ihrer psychischen Belastbarkeit. Wie weit geht man für die Liebe? Wie weit geht der neue Mann von Hehes Mutter, der durch die rigorose Ein-Kind-Politik keine Chance mehr hätte mit seiner Frau ein Kind zu zeugen. Wie verhält sich die Stewardess, die schon immer von ihrem Freund ein Kind wollte? Fragen, die tief greifende moralische Konflikte verhandeln, und doch entscheidet hier jeder für sich und das Publikum kann nur schwer erahnen, was jetzt die eine oder andere Entscheidung beeinflusste. Aus filmischer Sicht ohne große Überraschungen, kam "Zou You - In Love we trust" doch relativ gut bei der Presse an.

Mit seinen acht Oscar-Nominierungen ist Paul Thomas Andersons Epos "There Will Be Blood" ein richtiger Brummer im Wettbewerb. Der Regisseur gewann mit seinem Meisterstück "Magnolia" schon im Jahr 2000 den Goldenen Bären. Beim Betrachten seines neuen, erst fünften Werks kann man erneut feststellen, dass P.T. Anderson das Filmemachen auf unfassbar hohem Niveau betreibt. Für das Drehbuch von "There Will Be Blood" stand das Buch "Öl" von Upton Sinclair Pate. Es ist eine wuchtige Aufstiegsgeschichte über den amerikanischen Ölbaron Daniel Plainview (Daniel Day Lewis), der schnell zu Reichtum gelangt und sich dabei ebenso schnell seine Umwelt zum Feind macht. Die Leistung von Daniel Day Lewis wurde in den USA zurecht in höchsten Tönen gelobt und bereits mit Preisen überschüttet: Wenn er zu Beginn des Films in einer schier endlosen Sequenz mit seinen dürren Ärmchen einen Schacht auf der Suche nach Silber ausgräbt, dann zehn Meter in die Tiefe stürzt, sich ein Bein bricht und ein furchterregendes Röcheln ausstößt, ist das schauspielerisch jenseits von Gut und Böse. Lewis spielt alle Facetten seiner Stimme aus. Er beschwört, flüstert, überzeugt, um dann plötzlich ins teuflische und scheinbar unendlich laut werdende Brüllen zu verfallen. Es ist schlicht und einfach atemberaubend. 
"There Will Be Blood" ist düster und verstörend, aber gibt sich eiskalt gegenüber jeglichen Gefühlsschwankungen. Es wird das Bild einer Nation entworfen, die auf zwei Säulen errichtet ist: Der durch reichhaltige Ölreserven erworbene wirtschaftliche Reichtum und der christliche Fundamentalismus. Alles stimmt soweit in diesem meisterhaften Epos. Es ist nur schade, dass P.T. Anderson seinen Film in den letzten 15 Minuten zu einem reinen Psychoduell reduziert. Es wäre im Nachhinein vielleicht interessanter gewesen, den wilden Wahn und die egoistischen Obsessionen eines Daniel Plainview noch mehr wachsen zu sehen. So wäre "There will be Blood" ein weites Panorama des Wahnsinns geworden, doch auch das jetzige Resultat wirkt noch lange nach.

Nach so viel Hitze im wilden Westen ging es im dritten Wettbewerbsbeitrag ab in den bitterkalten Norden Europas. "Musta Jää - Black Ice" heißt der finnische Beitrag des Regisseurs Petri Kotwica und ist ein Feuerwerk der Langeweile. Die weisen Worte der FIPRESCI-Kritikerin: "Ich habe gehört, der soll nicht so doll sein", sollten sich noch als eine harmlose Untertreibung herausstellen. Erzählt wird die Geschichte eines wohl situierten Pärchens, das sich trennt als sie merkt, dass er sie betrügt, und zwar mit einer - wie sollte es auch anders sein - viel jüngeren Studentin. Die Frau verfolgt die Geliebte ihres Mannes. Schon bald werden sie die besten Freundinnen, sie nimmt eine völlig andere Identität an und spielt mit der ahnungslosen Frau ihre Spielchen. Dann folgen expliziter Oralsex, ein fast tödlicher Treppensturz, ein fast tödlicher Autounfall und eine angedeutete Abtreibung mit der Hilfe zweier Finger und später dann mit einem Messer - das alles aber nicht in vorgegebener Reihenfolge. Ob das wohl schocken sollte? 
Es passierte jedenfalls schnell, dass die wirklich ernsten und mit unsäglich penetranter Musik unterlegten Szenen zu Gelächter anregten und keiner mehr den Film wirklich ernst nehmen konnte. Und da die am Vorabend noch stolz durch den Bundeskulturminister Bernd Naumann verkündete Beteiligung des Deutschen Film-Förderungsfonds auch hier zum Greifen kam, tritt noch irgendwann ein 22-jähriger deutscher Student namens Uwe auf. Da geht es nun hin, das schöne Geld. "Black Ice" jedenfalls hat maximal Fernsehqualitäten und ist noch hanebüchener als so manche "Tatort"-Folge.

 

Donnerstag, 7.2.2008: Ein Licht in der dunklen Welt

So viele Menschen wie heute hat der Potsdamer Platz in Berlin wohl lange nicht mehr gesehen. Der Andrang zu der Pressevorführung des Eröffnungsfilms der Berlinale 2008 glich einer wilden und teilweise sehr groben Auseinandersetzung von Rock'n'Roll Fans. Ein wilder Beginn für die 58. Filmfestspiele von Berlin...

Es ist wohl die Zunge des Rolling Stones-Frontmanns Mick Jagger, die schon Andy Warhol durch seine PopArt-Kunst verewigt hat, die zum Sinnbild der diesjährigen Berlinale werden könnte. In seinem siebten Dienstjahr ist Festival-Direktor Dieter Kosslick ein wahrer Coup gelungen: Der Meisterregisseur Martin Scorsese stellt gemeinsam mit den Rolling Stones den Konzertfilm "Shine A Light" vor und eröffnet damit die 58. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele. 
Und es ist ganz klar das Motiv der Musik, das diese Berlinale dominieren wird. Neben den Stones wird auch Superstar Madonna ihr Regiedebüt "Filth and Wisdom" in der Panorama-Sektion vorstellen. Neil Young, Patti Smith und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle runden das musikalische Starangebot ab. Neben den bekannten Stars beschäftigen sich aber auch ganz normale Filmemacher immer intensiver mit dem Thema Musik. So zeigt ein Dokumentarfilm die Heavymetal-Szene in Bagdad, und auch der südafrikanische Hiphop sowie der offensive Rap der französischen Banlieues sind ebenfalls mehrfach als zentrales Motiv einiger Filme quer durch alle Sektionen auszumachen.
Außerdem gibt es einen auffällig großen Anteil an Dokumentationen. Erstmals in der Geschichte der Festspiele hat es sogar ein Dokumentarfilm in den Wettbewerb geschafft. Mit "The Fog of War" gewann Errol Morris schon den Oscar für den besten Dokumentarfilm und nun wird sein neues Werk "Standard Operating Procedure", der von den Missständen in Guantanamo Bay erzählt, um den Goldenen Bären kämpfen. 
Aber, wenn man über Trends spricht, muss man sich auch ansehen, welche Subjekte die Filme in den Vordergrund stellen. Das sind in diesem Jahr ganz klar die Kinder dieser Welt. Filme, in denen Kinder und ihr Schicksal ausführlich behandelt werden, bilden ein weiteres Zentrum der Berlinalebeiträge. "Überall auf der Welt scheint es, dass die Kinder zur falschen Zeit am falschen Ort sind", sagt Kosslick über dieses Thema.

Wer letztlich einen Bären erhalten wird, entscheidet wie immer eine internationale Jury. Dieses Jahr wird sie vom Oscarpreisträger Costa-Gavras geleitet. Mit seinen eminent politischen Filmen wie "Z", "Missing" oder auch "Music Box" - mit dem er 1989 die Berlinale gewann - hat der Regisseur für Aufsehen gesorgt. Weitere Mitglieder der Jury sind die deutsche Schauspielerin Diane Krüger ("Troja", "Das Vermächtnis des geheimen Buches"); ihre koreanische Kollegin Shu Qi, die in ihrer Heimat ein großer Star ist und dem weltweiten Kinopublikum durch Luc Bessons "The Transporter" in Erinnerung geblieben ist; der russische Produzent Alexander Rodnyansky; der mehrfach ausgezeichnete deutsche Produktionsdesigner Uli Hanisch ("Das Parfum"); und der Urvater des Sounddesigns, Walter Murch. Seine Tonbearbeitungen prägten Meilensteine der Filmgeschichte wie "Apocalypse Now" oder auch "Der Pate". Für seine Arbeit wurde er bereits mit drei Oscars ausgezeichnet.
Eigentlich sollten noch die dänische Filmemacherin Susanne Bier und die französische Schauspielerin Sandrine Bonaire über die Vergabe der Bären mitentscheiden. Doch beide mussten aus verschiedenen Gründen kurzfristig absagen. Überhaupt ist die diesjährige Jury wohl das große Sorgenkind des Festivaldirektors gewesen. Nur Costa-Gavras stand schon im Vorhinein fest. Die anderen Mitglieder wurden erst kurzfristig während der traditionellen Pressekonferenz im Februar bekannt gegeben. 
Sorgenfalten sollten auch die Aussagen von Costa-Gavras machen, der im Vorfeld die enorme Wichtigkeit von politischen Filmen unterstrich. Zwar sind politische Themen auf dem politischsten aller Festivals schon zur Tradition geworden, doch in den letzten Jahren zeigte sich allzu deutlich, dass viele Filme nur aufgrund ihres vermeidlich politischen Charakters in den Wettbewerb gekommen sind, doch rein qualitativ einfach nicht in die offizielle Auswahl gehörten. Man erinnere sich nur an das Debakel von "Bordertown" mit Jennifer Lopez.

Der Anfang der diesjährigen Berlinale war hingegen absolut unpolitisch und trotzte dem üblichen "Fluch" der hiesigen Eröffnungsfilme, die sich in den letzten Jahren so oft als Enttäuschung erwiesen hatten. Martin Scorsese macht, wenn er mal eine Auszeit vom Spielfilmdreh braucht, gerne Musikdokumentationen (so wie sein Konzertfilm "The Last Waltz", der in unserer Gold-Rubrik vertreten ist). "Sie halten mich frisch", sagt der Regisseur bei der hoffnungslos überlaufenen Pressekonferenz. In "Shine A Light" filmt Scorsese die am meisten dokumentierte Band der Popgeschichte, die Rolling Stones während eines Doppelkonzerts in New York. 
Die ersten 20 Minuten bilden ein brillantes Vorspiel aus einer Collage der Vorbereitungen. Mick Jagger, wie er im Flugzeug verzweifelt über der Setlist grübelt. Gitarrist Keith Richards, der Hillary Clintons Mutter überraschenderweise mit Vornamen begrüßt, und Martin "Marty" Scorsese, der wunderbar selbstironisch seine eigene Obsession feiert. So kommt es mit dem Lichtassistenten zu folgendem Dialog: "Marty, wenn Mick länger als 18 Minuten in diesem Licht steht, wird er in Flammen aufgehen." Darauf Scorsese: "Wie meinst du das? Wir können Mick Jagger nicht verbrennen. Aber ich will diesen Effekt!" Doch dann kommt der Film relativ schnell und ohne Umschweife zu seinem Herzstück, dem Konzert.
Es geht Scorsese um die Inszenierung der Stones. Um ihre Präsenz, um die unfassbare Energie, die sie auch nach über 40 Bühnenjahren noch immer auf das Publikum übertragen können. Und Scorsese tut das, war er am besten kann, er erzählt damit Geschichten. Er zeigt die Gesichter der Bandmitglieder. Er beobachtet gefühlvoll die Beziehung die sie untereinander haben. Er ist immer ganz nah dran an Mick, Keith, Ron und Charlie. Und tatsächlich erzählt jede Falte in Jaggers Gesicht wohl mehr Geschichten, als es sich jedes Boulevardblättchen je erträumen könnte. Und so wird im Handumdrehen das Leben dieser Rockstars präsent und begreifbar. Natürlich sind sie alt geworden und sind nicht mehr die wilden und durchgeknallten Bengel, die die Welt mit ihrer Musik schockten. In "Shine A Light" begreift man das und ist gleichzeitig erleichtert, dass diese vier Männer keine unerreichbaren Heiligen sind, sondern einfach nur Menschen aus Fleisch und Blut.
Um es kurz zu machen. Der Film ist große Klasse. Ein wahrer Genuss, sowohl musikalisch als auch filmisch. Wenn der diesjährige Wettbewerb nur ansatzweise das Niveau und die Lust des Eröffnungsfilms halten kann, dann erleben wir vielleicht die beste Berlinale der letzten Jahre. Also dann: Lasst die Spiele beginnen.

 


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