Das
Geschäft mit Rohöl ist dank Energiekrisen,
russischen Pipelines und Golfkriegen nicht nur Gast in den
Nachrichten,
sondern auch das Hauptthema von "Syriana". "Alles
ist miteinander verbunden" erklärt die Tagline. Einige
der Verbindungspunkte: Der alternde CIA-Agent Robert
Barnes (George
Clooney), der bisher ohne großes Nachfragen seine zum Teil
tödlichen Aufträge erledigte. Der Anwalt Benett Holiday
(Jeffrey Wright), der die Fusion zweier Ölkonzerne auf
mögliche
illegale
Aktivitäten
untersuchen soll. Prinz Nasir (Alexander Siddig), der als
möglicher
Thronfolger die Ölressourcen seines Landes zu dessen
Nutzen
einsetzen will, anstatt sie vorschnell den Amerikanern zu
überlassen.
Und der Finanzberater Bryan Woodman (Matt Damon), der
Nasir in diesen
Fragen berät. Alles ist miteinander verbunden - aber wie?
"'Traffic'
mit Öl"
- so kurz und knapp könnte man Stephen Gaghans Film
umschreiben.
Womit man zumindest schon mal die Form (diverse parallele
Erzählstränge
rund um ein Thema) und auch die Klasse des Endprodukts
ganz gut
erfasst hätte. Dass Gaghan hier neben dem Drehbuch auch
für
die Regie verantwortlich zeichnet, hat aber auch
stilistische Konsequenzen:
Denn während Steven Soderbergh in "Traffic" das Mitkommen
erleichterte, indem er seine drei Haupterzählstränge in
verschiedene Farben tauchte, so gibt einem sein damaliger
Drehbuchautor
in seiner zweiten Regiearbeit keine derartige
Hilfestellung. Zudem
jongliert er hier nicht nur drei Erzählstränge, sondern
knapp die doppelte Menge mit Dutzenden von Sprechrollen
und mehr
oder weniger wichtigen Charakteren.
"Syriana"
ist ein komplexer, komplizierter Film, weil er komplexe,
komplizierte
Sachverhalte darstellt. Dabei macht er nicht das, was
Hollywood
in diesem Falle gerne tut - nämlich Vereinfachen und sich
ständig
versichern, dass der Zuschauer auch mitkommt. "Syriana"
vereinfacht nicht und versichert nicht - er fügt die
einzelnen
Teile des großen Puzzles mit der Präzision einer
effizienten
Maschine zusammen. Wer hier auch nur kurz nicht aufpasst
oder sich
zwecks Popcorn oder Pinkelpause fünf Minuten
rausschleicht,
hat schon verloren. Seine volle Wirkung hat der Film nur
für
den, der gut aufpasst.
Dabei ist es durchaus möglich, die erst gegen Schluss
zusammengefügten
Elemente der Geschichte schon vorher in Bezug zueinander
zu bringen,
es ist sogar erstrebenswert. Auch daraus zieht der Film
seine Spannung
- vorauszusagen, wie was zusammenhängt. Gaghan jedenfalls
verliert
glücklicherweise nicht den Überblick und fügt die
einzelnen Stücke zu einem gelungenen Ganzen zusammen, was
auch
wesentlich spannender und unterhaltsamer ist, als es nach
dieser
Beschreibung vielleicht erscheint.
Natürlich wird "Syriana" in den USA von manchen
Seiten als voreingenommene liberale Verschwörungstheorie à
la Oliver Stone angegangen, aber es geht ihm nicht um
simples Gut
gegen Böse, weil es hier keine Guten und Bösen gibt. Es
gibt nur noch Interessen, die, die sie vertreten und das,
was sie
tun, um sie durchzusetzen. Alle Charaktere bewegen sich in
moralischen
Grauzonen. Selbst
diejenigen,
die am ehesten als Helden charakterisiert werden, tun
unmoralische
Dinge. In diesen dreckigen Geschäften gibt es keine
aufrechten
Helden in weißen Westen mehr. "Wir brauchen Korruption.
Korruption gibt mir meinen Job und Ihnen Ihren", sagt
einer
der Charaktere und verdeutlicht das Dilemma, das Clooneys
Agent
ebenso simpel wie folgt umschreibt: "Es ist kompliziert".
Das ist es, und diese Komplexität erlaubt keine einfachen
Urteile.
Und so erlebt man in einem Erzählstrang den Werdegang von
zwei
Selbstmordattentätern und kann nachvollziehen, was sie
antreibt.
Nicht entschuldigen, nicht moralisch freisprechen -
sondern Motivationen
nachvollziehen. So ein starker Film ist "Syriana". Jede
der wichtigen Figuren ist vielseitig gezeichnet und
moralisch ambivalent.
Der Zuschauer soll diese Figuren nicht auf einfache
Merkmale reduzieren,
sondern sie in ihrer vollen menschlichen Komplexität
erleben.
Unterstützt wird dies durch das Ensemble. Natürlich ist
der Schlagzeilenbringer George Clooney als vollbärtiger,
speckiger,
abgehalfterter Agent. Und Clooney ist ja auch gut,
besonders weil
seine Figur dem Zuschauer näher kommt als etwa Matt Damons
Finanzberater oder Jeffrey Wrights Anwalt. Aber die beste
Leistung
kommt eindeutig von Alexander Siddig ("Königreich
der Himmel"). Dass dieser hauptsächlich als
verträumter
Doktor in "Star Trek - Deep Space Nine" bekannt ist,
sollte
sich nach diesem Film und noch ein paar Leistungen
gleichen Kalibers
ändern. Ihm
hätte man mal die Oscar-Nominierung des hier ebenfalls
(allerdings
sehr kurz) auftretenden William Hurt geben sollen. Es ist
schon
ein Zeichen eines wunderbar zusammenarbeitenden Ensembles,
wenn
sich neben solch bekannt guten Schauspielern wie Chris
Cooper und
Christopher Plummer selbst ein schauspielerisches
Leichtgewicht
wie Amanda Peet recht annehmbar schlägt.
Der Zynismusgehalt von "Syriana" erinnert an den fast
zeitgleich angelaufenen "Lord of War",
an ihm lässt sich aber auch aufzeigen, warum "Syriana"
der bessere, stärkere Film ist. "Lord of War"
dokumentierte
Politisches und Profitstreben auf zynische Art und Weise,
"Syriana"
dokumentiert, auf welch zynische Art und Weise Politik und
Profit
gemacht werden. Dabei ist "Syriana" noch wesentlich
bitterer,
die Emotionen schneiden tiefer und am Ende fühlt man sich
so
traurig, wütend und hilflos wie bei dem anderen
großartigen
Politthriller der Saison, "Der ewige Gärtner".
Und die Lehren bleiben doch die gleichen: Wenn's um Geld
geht, geht
man über Leichen, und sei es die der engsten Freunde oder
Kollegen.
Gewinnen tun nur die Reichen und Mächtigen, die mehr
Reichtum
und mehr Macht anhäufen. Und die einfachen Fußsoldaten
in diesem gnadenlosen Krieg um Ressourcen und Profit
werden - nachdem
sie ihre Schuldigkeit getan haben - ausgespuckt, verraten,
verlassen.
Auch deshalb nicht nur der vielleicht intelligenteste Film
des Jahres,
sondern auch einer der traurigsten. Und einer, den man
nicht nicht
sehen darf. Unheimlich deprimierend, unheimlich gut.


Zu erst einmal fand ich den Film auch klasse.
Aber der Verfasser der Kritik hat sich offensichtlich nicht richtig die Oscar-Nomenierungen für den besten Nebendarsteller 2006 angesehen.
William Hurt wurde nicht für seine Leistung in "Syriana" nomeniert, was man jedoch als Leihe aus der Aussage des Autors oben erschließen könnte.
Er wurde für seine brilliante Darstellung des irischen Mafiabosses Richy Cusak in David Cronenbergs "A History of Violence" nomeniert.
Und diese Nominierung hatte sich Hurt wirklich redlich verdiennt.
Ich bin nun wirklich an Politthrillern interessiert, aber dieser Film war aufgrund seiner Kompliziertheit eine Frechheit. Staakes Rechtfertigungen hierzu ebenso. Der Film ist kompliziert, weil das Thema kompliziert sei. So ein Blödsinn. Das kann man trotzdem in einer verständlichen Form rüber bringen. Wenn man dann auch noch lobt, dass es der Film den Zuschauern nicht leicht macht, platzt mir bald der Kragen. Es reicht ja wenn die ihr Geld ausgeben, was müssen die auch den Film zu verstehen.
Im übrigen nehme ich es weder dem Filmkritiker noch sonst wem ab, dass er den Film außer in Grundzügen verstanden hat. Aber man möchte ja nicht blöd erscheinen. Also zückt man dann eine hohe Bewertung raus. Zumindest, dass habe ich verstanden.
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