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Strange Days

Strange Days
scifi-thriller , usa 1995
original
strange days
regie
kathryn bigelow
drehbuch
james cameron, jay cocks
cast
ralph fiennes,
angela bassett,
tom sizemore,
juliette lewis, u.a.
spielzeit
145 Minuten
kinostart
homepage

In dieser Woche startet mit "K-19: Showdown in der Tiefe" die erste große Studio-Produktion unter Regie von Kathryn Bigelow seit sieben Jahren. Eine extrem lange Pause für die Frau, die nach ihren Hits "Blue Steel" (1990) und "Gefährliche Brandung" (1991) als die große weibliche Regie-Hoffnung im Actionfach gefeiert wurde. Der Grund für Bigelows Karriereloch war derselbe wie bei vielen anderen einstmals großen Namen: Sie inszenierte einen finanziellen Totalflop, und das ist in der Filmbusiness-Metropole Hollywood leider unverzeihlich. Selbst wenn dieser Totalflop, "Strange Days", der bei seiner US-Veröffentlichung 1995 weniger als acht Millionen Dollar einspielte, einer der aufregendsten, visionärsten, und vielleicht sogar besten Filme der 90er Jahre ist.

Wie alle großen Science-Fiction-Visionen war auch "Strange Days" seiner Zeit weit voraus: 1984 lebte die Welt nicht in einem totalitären Alptraum, 2001 flog kein Raumschiff zum Jupiter, und an den letzten zwei Tagen des endenden Millenniums - dann spielt der Film - hang niemand an SQUIDs. Dies steht für Superconducting Quantum Interference Device, eine Videotechnologie, mit der sämtliche Sinneseindrücke per Headset direkt aus dem zerebralen Kortex auf einer Disc gespeichert werden können, um sie sich dann wieder und wieder anzusehen (bzw. anzufühlen). Reality on tape. Wie das aussieht, zeigt Bigelow in der atemberaubenden Eröffnungssequenz (die heute, wäre der Film ein Erfolg geworden, wahrscheinlich weltberühmt wäre): Ein Raubüberfall aus der Ich-Perspektive, vier Minuten "first person camera" in natürlichen, hektischen Bewegungen. Laufend, springend - und fallend.
Legal ist das nicht, und deshalb kann man gutes Geld damit machen. So wie Lenny Nero, ein heruntergekommener Ex-Cop, der seinen Kunden jeden Wunsch erfüllt. Das Bedürfnis nach einer Flucht aus der Realität ist im L.A. an der Schwelle zum neuen Jahrtausend aber auch stark: Die Stadt brodelt außer Kontrolle, knallharte Polizisten prügeln, bevor sie Fragen stellen, die schwarze Bevölkerung steht - angeführt von dem Rapstar Jeriko One, einer Mischung aus Tupac Shakur und Malcolm X - kurz vor einem Aufstand, und randalierende Jugendliche vermöbeln auf der Straße den Weihnachtsmann. Auch Lenny träumt sich in bessere Zeiten zurück: Selbst einer der größten SQUID-Anhänger, erweckt er regelmäßig die schönen Erinnerungen zu neuem Leben, als er noch mit der Sängerin Faith (Juliette Lewis) zusammen war, die jedoch inzwischen das Bett mit dem Plattenboss Philo Gant teilt. Einzige Stützen in Lenny's Leben sind seine beiden einzigen echten Freunde, der Privatschnüffler Max (Tom Sizemore) und die Chauffeurin Mace (Angela Bassett), und deren Unterstützung hat er auch bitter nötig, als erst ein perverser Killer ein krankes SQUID-Spiel mit ihm beginnt, und ihm dann eine Disc zugespielt wird, die - quasi als Superlativ des Rodney-King-Videos - das Potential hat, eine Revolution auszulösen.

Futuristisch ausgerichtet, bedient sich "Strange Days" dramaturgisch an den alteingesessenen Konzepten des "film noir": Lenny Nero (passender Name für jemanden, dessen Umgebung bildlich gesprochen brennt) ist ein klassischer Anti-Held - ausgebrannt, bemitleidenswert, ein Schwächling, der bei jedem Anzeichen von Ärger seine Rolex anbietet und trotzdem immer aufs Maul bekommt. Faith ist seine Femme Fatale, die Frau, von der er nicht los kommt, auch wenn sie hinterträchtig und gefährlich ist, und Mace ist der gutherzige Engel an seiner Seite - allerdings mit moderner Variation. Denn unter Bigelow's Regie wird Mace zur eigentlichen Heldin des Films aufgebaut, eine Frau, die der Härte ihres Daseins mit persönlicher Härte begegnet, und jegliche Anfälle von Beschützerinstinkt ins Leere laufen lässt. In diesen wohlbekannten Rollenbildern liefert das Ensemble größtenteils gute bis hervorragende Arbeit (gerade Fiennes und Bassett sind in ihren Parts grandios), bis auf den (einzigen) künstlerischen Tiefpunkt des Films in Person von Juliette Lewis: Die mag sich hier vielleicht endgültig als Manifestation der Grunge-Schlampe schlechthin verstanden haben, verwechselt die Mattigkeit eines Party-Wracks aber mit vollkommener emotionaler Leere und liefert eine entsprechend facettenlose Vorstellung ab, die zusätzlich durch die schlechte Idee ruiniert wird, sie zwei Lieder singen zu lassen. Einen solchen Downer hat sich ein Film nicht verdient, der in zahlreichen anderen Belangen riskante, vor allem aber innovative Wege ging.
Mit dem Thema Virtual Reality haben sich noch nicht viele Filme auseinander gesetzt, und noch keiner so packend und realistisch wie "Strange Days": Die SQUID-Junkies verlieren sich nicht in abgefahrenen Scheinwelten, sie konsumieren Häppchen von Wirklichkeit, das Best-of der Realität. SQUID bietet den ultimativen Action-Reißer, den ultimativen Horror-Schocker, die ultimative Soap Opera, den ultimativen Porno. Bigelow und ihr Ex-Mann und Drehbuchautor James Cameron etablieren SQUID als eine Mischung aus Droge und Fernsehen - und machen so deutlich, dass dies bereits heute eigentlich schon dasselbe ist. Fernseh- und Videosucht ist hier lediglich pervertiert, das heute längst mögliche Abtauchen in eine Welt voller schöner bunter Bilder auf die logisch erscheinende Spitze getrieben.
Doch wenn man die schönsten Stücke Wirklichkeit auf Video kriegt, wie kann die Realität da noch interessant erscheinen? Von den rastlosen Highlights der SQUID-Szene in ihrer Wahrnehmung verwirrt, sehen die Video-Junkies der nächsten Generation Dinge, die nicht da sind. "Paranoia is just reality on a finer scale" sagt der Disc-Freak Philo an einer Stelle, und beweist damit, dass die echte Realität für den SQUID-Junkie nicht mehr real genug ist. Nur wenn Bedrohung, Verschwörung, Gefahr überall lauert - wenn das Leben so aufregend ist wie ein Film - fühlt sich der Video-Fanatiker auf krankhafte Weise sicher. Eine Einstellung, die Bigelow sowohl rechtfertigt als auch lächerlich macht: Denn in der Tat ist in "Strange Days" nichts so, wie es scheint, was man für sicher nimmt, zählt nicht, und doch löst sich am Ende die große Verschwörung in eine Nichtigkeit auf (wobei der unglücklich konventionelle Schluss der innovativen Bilderflut der vorausgegangenen zwei Stunden leider kein bisschen gerecht wird).
Gleichzeitig wirft die Regisseurin einen überraschend kritischen Blick auf das eigene Medium: In der verstörendsten der zahlreichen SQUID-Sequenzen sieht der Zuschauer einen der Clips eines kranken Killers mit an, auf dem eine junge Frau überfallen, vergewaltigt und getötet wird, während der Täter sie mit einem zusätzlichen Headset zwingt, ihr Ende aus seinen Augen zu sehen. Hier treibt Bigelow den pervertierten Video-Kick über die Schmerzgrenze, und wenn der Killer am Ende sich selbst als Künstler darstellt und seine eigene Story wiedergibt als sei es die Vorlage zu einem Film, dann begreift sich "Strange Days" selbst als Teil einer Industrie, die heute den Grundstein legt für die erschreckende Vision von morgen, die er gerade zeichnet. Beinahe schockierende Selbstreflexivität, die sicher Mitgrund ist für das ursprüngliche Scheitern des Films, aber auch für seine Ausnahmestellung im Hollywood-Output der 90er.
Trotz seiner Zukunftsvisionen wird man kaum einen Film finden, der mit seinem Entstehungszeitpunkt dermaßen verhaftet ist wie "Strange Days": Auf dem Soundtrack versammeln sich damals noch relativ unbekannte Acts wie Skunk Anansie, Marilyn Manson und PJ Harvey, und Max' lapidares Urteil "Everything has been tried" reflektiert die Müdigkeit der erst jüngst für überstanden erklärten Null-Bock-Generation. Wenn uns in ein paar Jahren das erste 90er-Revival trifft, könnte "Strange Days" als einer der stilistisch essentiellen Filme der Zeit abgefeiert werden. Auch, weil Bigelow in ihrem Film das Credo gesunden Verfolgungswahns hochhält, dass auch schon Grunge-Ikone Kurt Cobain in einem seiner Songs gepredigt hatte: "Just because you're paranoid, don't mean they're not after you."

Das ursprüngliche Scheitern von "Strange Days" ist in zweifacher Hinsicht tragisch: Nicht nur, weil einem fantastischen Film wieder einmal sein verdientes Publikum verwehrt blieb, sondern auch, weil er stellvertretend steht für das Absterben anspruchsvollen Kopfkinos in Hollywood. Trotz seiner hochwertigen, bildgewaltigen Optik, trotz der kongenialen Kameraarbeit in den SQUID-Sequenzen, die den Film auch ohne Mit- oder Nachdenken zu einem außergewöhnlichen Erlebnis machen, ist "Strange Days" - wie alle wirklich gute Science-Fiction - vor allem ein sehr nachdenklicher Film darüber, was bei uns so alles falsch läuft. Paranoia und Realitätsverlust, Voyeurismus und Videosucht, Amok laufende Obsessionen. Und unterm Strich steht eine einfache, universelle Wahrheit. Wie Mace es ausdrückt: "Memories were meant to fade. They were designed that way for a reason." Nur, wer im Hier und Jetzt lebt, lebt wirklich. Wer im Gestern lebt, lebt sein Leben auf Playback. Und live ist doch eigentlich immer viel besser.

Frank-Michael Helmke

Das oft missbrauchte Unwort

10

Das oft missbrauchte Unwort "Kultfilm" trifft auf diesen grandiosen Streifen zu. Mindestens 10 mal habe ich ihn gesehen - und das war erst der Anfang. Hier stimmt einfach alles. Der Film ist perfekt!

Kleiner Nachtrag: entgegen

10

Kleiner Nachtrag: entgegen der Meinung von Herrn Helmke bin ich fest davon überzeugt, dass dieser Film, und ausnahmslos NUR dieser Film im weiten Cineastenkosmos, ein versöhnliches Ende haben darf - vielleicht sogar braucht. Alles andere wäre nur schwer zu ertragen.

Schade daß mein Kommentar

Schade daß mein Kommentar gelöscht wurde - werden Kommentare hier nach einer Weile gelöscht? Hatte mir doch so viele Gedanken gemacht :/

Hallo kinomax, nein,

Hallo kinomax,
nein, Kommentare werden hier nicht gelöscht. Wann hattest du deinen Kommentar denn verfasst? Vor kurzem oder schon länger her? Und hattest du ihn schon veröffentlicht auf der Site gesehen? Wir können auf Ursachensuche gehen, doch die Vermutung liegt nahe, dass der Kommentar irrtümlicherweise aus Versehen gelöscht wurde. Absicht war es jedenfalls auf keinen Fall. Wir bitten vielmals um Entschuldigung.

Naja, da waren meiner

Naja, da waren meiner Erinnerung nach eine ganze Menge Kommentare zu diesem Film, nicht nur meiner.
Ich vermute der ganze Datensatz ist vielleicht neu gemacht worden, oder vielleicht gibt es auch mehrere Besprechungen des Films und mein Kommentar steht woanders.

Letztlich auch egal, wer liest schon diese ganzen Kommtare :)

Danke jedenfalls für die Website, ich komme wirklich gern her!

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