Wie schon Martin Scorseses "Aviator"
widmet sich auch Bill Condons hochgelobter Film "Kinsey"
einer amerikanischen Persönlichkeit, die hierzulande nicht
gerade sehr bekannt ist. In Amerika hingegen kennt fast
jeder den
Namen des Biologie-Professors Alfred Kinsey, einer der
kontroversesten
Figuren der 50er Jahre - denn Kinsey gab den USA die
harten Fakten
über ein Thema, über das man damals (und vielerorts auch
heute) am liebsten gar nicht redet: Sex.
Kinseys
Vater war ein geradezu fanatisch prüder und
moralisierender
Prediger, und Condons Film fängt bereits sehr schön die
schweren Konflikte des jungen Kinsey ein, sich mit seinem
unschuldigen
Interesse an der Biologie, den einfachen Wundern der Fauna
und Flora,
gegen das harte Regiment seines Vaters durchzusetzen. Sein
Werdegang
als bahnbrechender Sexualforscher der US-Geschichte war
jedoch keine
rebellische Trotzreaktion aufs Elternhaus, sondern eher
ein Zufall:
Kinseys erstes Forschungsinteresse galt einer Wespenart,
die ihn
derart faszinierte, weil er niemals zwei identische
Exemplare einfing
- und er fing mehrere hunderttausend. Unglaublicher
wissenschaftlicher
Eifer trieb Kinsey (für dessen Darstellung Liam Neeson
seine
nächste Oscar-Nominierung einsammeln dürfte) voran, doch
in sexueller Hinsicht war er bis zur Eheschließung ein
Laie:
Als er mit über 30 Jahren seine Frau Clara (gespielt von
der
wieder einmal großartigen Laura Linney) heiratete, waren
beide
noch jungfräulich.
Mit
der unverkrampften Darstellung dieser pikanten ersten
Nacht setzt
"Kinsey" bereits erfreuliche Zeichen für seinen weiteren
Verlauf, denn schon hier gelingt der schwierige Spagat,
das Thema
Sex zwar vorbehaltlos offen, aber nicht voyeuristisch oder
schlüpfrig
zu behandeln. Wie Kinsey selbst begegnet der Film diesem
Sujet mit
entwaffnender Sachlichkeit: Menschen haben
Geschlechtsverkehr. Das
ist Fakt, und die natürlichste Sache der Welt. Wo soll
also
das Problem sein?
Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es nie einen Grund
zur Prüderie
- aus gesellschaftlicher hingegen schon. Und so muss
Kinsey als
Biologie-Professor an der Universität von Indiana, wo sich
Studenten auf der Suche nach Hilfe mit den
haarsträubendsten
Fragen an ihn wenden, erkennen, dass sexuelle Aufklärung
quasi
nicht stattfindet - und aufgrund der Verpöntheit des
Themas
auch keine fundierten Untersuchungen dazu existieren. In
seinem
wissenschaftlichen Eifer gepackt, macht sich Kinsey an die
Forschung
- und nach abertausenden Interviews im ganzen Land
veröffentlicht
er 1948 seine Studie "Das Sexualverhalten des Mannes",
dem wenig später ein zweiter Band über die Frau folgte.
Dieser so genannte "Kinsey Report" legte die nackten
Fakten
dar: Menschen haben Sex, jawohl. Und zwar nicht nur in der
Ehe,
sondern auch davor, außerhalb, in variantenreichen
Stellungen
und durchaus auch gleichgeschlechtlich.
Wie
die amerikanische Öffentlichkeit darauf reagierte, kann
man
sich vorstellen, vor allem wenn man bedenkt, dass Kinsey
für
manche religiöse Gruppe bis heute noch der Teufel in
Person
ist und ihm gemeinhin unterstellt wird, die
"Perversitäten",
die er dokumentierte, mit seinen Büchern überhaupt erst
ins Leben gerufen zu haben. Kinsey war eine sehr
kontroverse Person,
der mit seiner Eigenart aber auch sehr dazu einlud. Ergo
leistet
Regisseur und Autor Bill Condon ("Gods
and Monsters", "Chicago")
- mit der tatkräftigen Hilfe von Liam Neeson - gerade
darin
beeindruckende Arbeit, die schwierige Persönlichkeit
Kinseys
und ihre Wirkung auf seine Umwelt einzufangen. Mit einer
streng
wissenschaftlich-empirischen Herangehensweise an jeden
Aspekt in
seinem Leben entwickelte sich Kinsey - ob er wollte oder
nicht -
zum Revolutionär gegen soziale Konventionen jedweder Art,
und
stieß mit seiner Unfähigkeit, anstatt brutaler Offenheit
und Ehrlichkeit einmal eine etwas gemäßigtere
Herangehensweise
zu wählen, so ziemlich alles und jeden vor den Kopf. Wie
schwer
das für sein direktes Umfeld war, zeigt vor allem der Part
seiner Frau auf, deren stilles, aufopferungsvolles Leiden
Laura
Linney unprätentiös und natürlich einfängt (und
dabei einen der besten Lacher des an Humor nicht armen
Filmes hat).
Das
ist zunächst - mit dem aufgeklärten Blick des 21.
Jahrhunderts,
der sich über die sexuelle Prüderie der 50er bestens
amüsieren
kann - auch sehr unterhaltsam und lustig, vor allem wenn
Kinsey
am laufenden Band über Dinge spricht, die erwachsene
Menschen
selbst heutzutage scheuen würden. Doch "Kinsey" ist
weit mehr als ein lustige Sex-Posse, und spätestens, als
es
innerhalb von Kinseys Forschungsteam - im Dienste der
Wissenschaft
zu reger und wechselfreudiger sexueller Aktivität
angehalten
- zu ersten Eifersüchteleien kommt, kehrt der Film ganz
subtil
sein eigentliches Thema in den Vordergrund: Wo im
Spannungsfeld
zwischen natürlichen Trieben und gesellschaftlichen
Konventionen
die Grenze der Akzeptanz gezogen werden sollte. Denn
Kinseys vorbehaltlose
Rechtfertigung gegenüber jeglichem sexuellen Drang ist
ebenso
ein unpragmatisches, letztlich unhaltbares Modell wie die
gesellschaftliche
Vorverurteilung jeder Abweichung vom moralischen Standard.
Wo fängt
sexuelle Selbstfindung und -verwirklichung an, und wo
sollte sie
wieder aufhören? Das ist letztlich die zentrale Frage in
diesem
Film.
Wem das jetzt nach allzu schwerer Kost trotz des frivolen
Grundthemas
klingt, der sei allerdings beruhigt: Mit leichter Feder
und brillanter
Inszenierung setzt Condon den Lebens- und Schaffensweg
seines Subjekts
in Szene, und schafft dabei einen Film, der mindestens so
unterhaltsam
wie komplex ist. Das liegt auch an fabelhaft agierenden
Nebendarstellern
wie Oliver Platt als Universitätspräsident oder John
Lithgow
als Kinseys gestrenger Vater, die ebenso wie Peter
Sarsgaard, Chris
O'Donnell und Timothy Hutton als Mitglieder von Kinseys
Forschungsteam
spielend zwischen leichtfüßig-ironischem Humor und
schmerzhaft
authentischem Drama pendeln.
Was so gelingt, ist einer der am schönsten anzusehenden
und
fraglos auch besten Filme des Jahres: Als Lehrbuch-Ersatz
über
Alfred Kinsey und sein Schaffen zu empfehlen, als
filmisches Erlebnis
in jeder Hinsicht zu bewundern.
kleine Werbepause
Kinsey
Bilder: Copyright FoxSearchlight


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