Wäre
Quentin Tarantino ein Zocker, er wäre immer der Mann mit
dem
Ass im Ärmel, der das Spiel im letzten Moment gewinnt. Was
"Kill Bill" betraf, standen die Chancen auf einen neuen
Geniestreich nach allen verfügbaren Informationen eher
schlecht.
Zum einen ist da die heftig diskutierte Entscheidung von
Miramax
und Tarantino, "Kill Bill" als zwei separate Teile in
einem Abstand von vier Monaten ins Kino zu bringen
(ähnlich
dem Vorgehen bei "Matrix
Reloaded" und "Matrix Revolutions"). Denn dies
konnte nicht mehr als eine Verlegenheitslösung sein, war
"Kill
Bill" doch eindeutig als ein Film geplant worden. Und so
sehr
die beiden dicken Weinsteins von Miramax, in der Branche
eh als
Mafiosi verschrien, auch beteuerten, sie wollten damit
"Tarantinos
künstlerische Vision wahren" (dafür gehören
gleich ein paar ganz große Scheine ins Phrasenschwein) und
Tarantino dies heftig nickend bestätigte, so ganz wollte
man
sich dem Eindruck einer Abzocke und eines Betrugs am
Zuschauer nicht
erwehren. Zum anderen war da die Tatsache, dass Tarantino
mittlerweile
sechs Jahre missing in action ist, und das nach dem für
seine
Verhältnisse auch eher mittelmäßigen "Jackie
Brown". Da stellte sich schon die Frage, ob Tarantino es
überhaupt
noch drauf hat, ob ihn seine Nachahmer und Nachfolger
nicht vielleicht
zwischenzeitlich überholt haben...
Alle
diese Fragen beantwortet "Kill Bill Vol. 1", und zwar
in beeindruckendster Weise, nämlich mit einem kräftigen
Schwerthieb quer über die gedämpften Erwartungen,
gleichbedeutend
mit einem "No fucking way!". Tarantino is back! Und wie.
Der König nimmt nach langer Absenz wieder seinen Platz
ein.
Und er beweist, dass in Sachen Coolness und Style nur
einer ganz
an der Spitze ist. Was Tarantino hier veranstaltet, kann
die Konkurrenz
nur sprachlos gaffen lassen, denn er tritt ihnen mit
seinem neuen
Film derart in den Hintern, dass sein Schuh eigentlich
irgendwo
in Brustkorbhöhe wieder austreten müsste. Dies ist die
Art von Film, die sein im Abspann gegrüßter ‚Bruder'
Robert Rodriguez mit "Irgendwann
in Mexiko" machen wollte und sollte und kläglich
scheiterte:
stilvoll, actionreich, blutig, humorvoll, episch und noch
vieles
mehr. Was hier gezeigt wird ist ein wahres Feuerwerk an
Ideen und
Zitaten, ein Popkulturuniversum im Westentaschenformat,
ein Kessel
Buntes der allerfeinsten Art.
Schon die Eröffnungssequenz ist typischer Tarantino und
gibt
wieder mal grandios Stimmung und Stil vor: Das Bild ist
schwarzweiß.
Eine blutverschmierte, hochschwangere Frau im Brautkleid
(Uma Thurman)
spricht röchelnd den titelgebenden Bill an. Mit einem mit
seinem
Namen bestickten Taschentuch wischt dieser ihr fast
liebevoll das
Blut ab und sagt "Dies ist das masochistischste, was ich
je
tun musste". Sie röchelt "Es ist dein Baby, Bill"
und er schießt ihr aus nächster Nähe in den Kopf.
Abblende. Nancy Sinatra fängt an zu singen "Bang, Bang,
my baby shot me down".
Diese
jetzt schon fast klassische Eröffnungssequenz schwebte
Tarantino
fast zehn Jahre im Kopf herum, und nun kann er sie endlich
zeigen.
Und den Rest seines epischen Rachedramas dazu. "Kill Bill"
im nämlich im Grunde eine Geschichte der ganz simplen
Machart.
Als Hommage an die Kung Fu-Filme und Spaghettiwestern, die
der junge
Quentin in seiner Jugend lieben lernte, geht es hier nur
um eins:
Rache. Blutige Rache. Und wenn wir hier blutig sagen, dann
meinen
wir blutig. Hier werden im Comicstil Körperteile
abgetrennt,
und aus den Wunden spritzt literweise Kunstblut in
geradezu abstrusen
Fontänen durch die Gegend. Verantwortlich dafür: Die nach
vier Jahren aus dem Koma erwachte "Braut" (ihr Name wird
sorgsam ausgebliept). Und "die Braut" haut ins Auge!
Genauer
gesagt metzelt sie sich per Messer und Samuraischwert
durch ihre
Feinde und deren Helfershelfer (wobei eins, zwei Augen
auch dran
glauben müssen...). Die Feinde sind natürlich ihr
ehemaliger
Boss und Liebhaber Bill (David Carradine, den man in
diesem ersten
Teil noch so gut wie gar nicht sieht) und ihre ehemaligen
Kollegen
im Elitekillerkommando "Deadly Viper Assassination Squad":
O-Ren Ishii (Lucy Liu), Vernita Green (Vivica A. Fox),
Budd (Michael
Madsen) und Elle Driver (Darryl Hannah). Den ersten beiden
geht
es hier an den Kragen, die anderen drei müssen sich dann
in
"Kill Bill, Vol. 2" warm anziehen. Soweit zur simpel aber
effektiv gehaltenen Geschichte, die man freilich erst nach
Genuss
des zweiten Teils so richtig beurteilen kann.
Tarantino
treibt in "Kill Bill" seinen sattsam bekannten
Popkultur-Referenzstil
zu vollster Blüte. Und zeigt auch, warum niemand so
unwiderstehlich
stiehlt wie er. Wie er hier verschiedenste Genres,
Musikstile und
Motive miteinander vermischt, das ist wahrlich einmalig.
So wird
dann die Herkunft von Yakuza-Königin O-Ren Ishii (Lucy Liu
wieder mal oberbiestig) als Anime erzählt und dazu ertönt
der wehmütige Musikscore aus einem alten Spaghettiwestern.
Ein wirklich fantastische Sequenz, auch für Menschen, die
dem
asiatischen Zeichentrick bisher eher weniger abgewinnen
konnten,
denn dieses Kapitel von "Kill Bill, Vol. 1" dürfte
sogar sie überzeugen. Später unterlegt er einen durchs
plötzliche Versetzen in eine Schneelandschaft ohnehin ins
Reich
des Fantastischen abdriftenden Schwertkampf elegant mit
Flamencoklängen.
Die Musikauswahl ist stellvertretend für die Art, wie
Tarantino
diesen Streifen (und auch seine anderen bisherigen Filme)
anging.
Vor die Wahl gestellt, ob er für den Score Mariachi-,
asiatische,
Flamenco-, Blaxploitationsoul-, Rock-, oder klassische
Filmscore-Klänge
wollte, hat Tarantino nicht lange gezögert, und nahm sie
gleich
alle. Ähnlich verhält es sich mit den Anspielungen und
Zitaten in Form und Inhalt (eine der offensichtlichsten
ist das
gelbblaue Kampfkostüm der Braut, eine Hommage an Bruce
Lee),
von denen der Zuschauer erschlagen wird und im Ernstfall
sicher
gerade mal einen Bruchteil erkennt. Ist ja auch völlig
schnuppe,
solange das Ergebnis so überzeugt wie hier. Außerdem
hat der Regisseur noch eine ganz eigene Erklärung für
diesen Extremfall der Referenznahme, indem er "Kill Bill"
zum ersten Film
des
eigenen Schaffens erklärt, der doppelte Popkulturreferenz
ist:
"Es gibt das ‚Quentin Universum', in dem z.B. "Pulp
Fiction" und "Jackie Brown" spielen, und ein
‚Filmuniversum',
auf dass diese Figuren, wenn sie Filme gesehen haben,
verweisen.
"Kill Bill" ist der erste Film aus diesem Filmuniversum."
Und so sind dann auch etwaige Vorwürfe betreffs der
mangelnden
Charaktertiefe oder der simplen Story wie weggeblasen.
Apropos:
Weggeblasen wird man als Zuschauer auf jeden Fall auch von
dem Showdown
von "Kill Bill Vol. 1", einem fast halbstündigen
Kampf der Braut mit den Yakuzakillern Crazy 88 und ihrer
Anführerin
O-Ren Ishii. Tarantino zieht hier alle Register, und das
Ergebnis
erstaunt und begeistert in gleichem Maße.
Gleichzeitig
ist "Kill Bill" in gewissem Sinne kein klassischer
Tarantinofilm,
wenn man bedenkt, dass sich seine ersten drei Filme
hauptsächlich
über ihre geschliffenen Dialoge definierten, und die
Action
den coolsten Gesprächen der Filmgeschichte untergeordnet
war.
Hier ist es genau umgekehrt: Geredet wird wenig, und wenig
einprägsam,
stattdessen gibt es Action, Action und noch mal Action,
von einer
kleinen Ruhepause im Mittelteil des Films - in der die
Braut von
dem japanischen Schwertkämpfer Hattori Hanzo (Kung
Fu-Legende
Sonny Chiba) ein Schwert handgefertigt bekommt - mal
abgesehen.
Dies wäre also die einzige klitzekleine Enttäuschung.
So eminent viele zitierbare Zeilen wie in den vorherigen
Werken
wirft "Kill Bill Vol. 1" nicht ab. Aber das kann ob der
innovativen Kameraarbeit mit teils unglaublichen
Einstellungen,
der perfekt durch choreographierten Kampfszenen, der
eigenwilligen
aber perfekten Mischung aus wunderbaren Bildern und
grandiosem Soundtrack
- kurz: der absoluten Coolness und Stilsicherheit des
Gezeigten
- nicht ernsthafte Beschwerden nach sich ziehen. Er mag
nicht, wie
Tarantinos unantastbare Meisterwerke "Reservoir Dogs"
und "Pulp Fiction", nach Höherem streben, aber das,
was er versucht, schafft dieser Film unnachahmlich. "Kill
Bill"
ist intelligentes Unterhaltungskino in der Reinform.
Und auch die Angst davor, enttäuschenderweise nur einen halben Film zu sehen, widerlegt "Kill Bill Vol.1". Denn das Ende kommt zum rechten Zeitpunkt, baut geschickt einige weitere Handlungsfäden auf und macht Appetit auf mehr. Und das war ja das Ziel der Sache. Befriedigender als der abrupte Schluss von "Matrix Reloaded" ist das allemal. Apropos: Im Vergleich zum Cyberspektakel der Wachowskis sieht man dann auch, warum es letztlich tatsächlich die künstlerisch richtige Entscheidung war, "Kill Bill" als Zweiteiler in die Kinos zu bringen. Denn die (zu) langen Kung Fu-Kämpfe in einem (zu) langen Film wirkten bei der wiedergeladenen Matrix einfach ermüdend. Hier ist man nach dem Riesenshowdown denn auch erst mal gut bedient und braucht ein Päuschen. Und natürlich hat Meister Tarantino auch recht, wenn er sagt, dass seine Hommage an die grindhouse movies seiner Jugend - also die Spartenfilme, die in Kleinkinos noch lange nach der Blütezeit ihres Genres liefen - nicht sehr viel länger sein dürfte. Denn ein solcher Film, der drei Stunden dauert, wäre ein Widerspruch in sich selbst. Gut gekontert, Quentin, altes Schlitzohr!
"Kill Bill Vol.1" ist der stylischste, originellste, mutigste, purste und beste Unterhaltungsfilm des Jahres. Und das ist nicht nur wesentlich besser als offen befürchtet, sondern noch besser als heimlich erwartet. Ein kleiner Triumph.


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