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Julia

Julia
drama , usa 2008
original
julia
regie
erick zonca
drehbuch
camille natta, michael collins
cast
tilda swinton,
kate del catillo,
aidan gould,
saul rubinek, u.a.
spielzeit
128 Minuten
kinostart
19. Juni 2008
homepage
http://www.julia.kinowelt.de/
bewertung

5 von 10 Augen

 

Julia ist keine grazile Frau. Die Blicke, die sie in der Öffentlichkeit fixieren, sind sicher keine bewundernden. Man könnte etwas böswillig auch konstatieren: Julia ist ein Wrack. Körperlich und seelisch. Sie säuft wie ein Loch, raucht permanent und steigt gerne mal mit fremden Männern in die Kiste. Wählerisch ist sie dabei nicht. Jedenfalls lernen wir Julia so kennen. Die ersten Bilder, die wir in Erick Zoncas Film von der Titelheldin zu sehen bekommen, schmeicheln ihr nicht. Julia ist fertig mit der Welt. Ihr Job steht auf der Kippe und überhaupt ist alles "ziemlich scheiße" wie sie einmal ganz und gar nicht ironisch bemerkt.
Doch Julia (Tilda Swinton) ergibt sich der Verzweiflung nicht. Eines Tages hilft ihr eine ihr völlig unbekannte Nachbarin aus einer misslichen Situation. Julia ist Elena (Kate del Catillo) dankbar, aber möchte die Helferin schnell abwimmeln. Doch Elena lässt sich nicht abwimmeln. Ganz im Gegenteil: Die geistig verwirrt wirkende Frau sieht in Julia eine Freundin und Verbündete. Elena erzählt Julia von ihrem Sohn Tom (Aidan Gould), der ungerechterweise seiner Mutter weggenommen wurde und nun beim böswilligen aber sehr reichen Großvater untergebracht ist. Julia soll ihr helfen Tom zu kidnappen, damit der Junge endlich wieder zurück zur Mutter kommt. Und irgendwann zwischen Elenas immer wahnsinniger werdenden Bitten und Bettelanfällen und Julias verzweifelten Versuchen diese unangenehme Person endlich loszuwerden, entschließt sie sich dann doch Elena bei ihrem Plan behilflich zu sein. Die Aussicht auf viel Geld scheint Julia den gesunden Menschenverstand vernebelt zu haben. Julia entführt Tom. Doch dann passiert ein Unfall und Julia muss mit dem neunjährigen Jungen fliehen.

1980 hieß "Julia" noch "Gloria" und war die Hauptperson in dem Film von John Cassavetes, der mit dem Stoff den Goldenen Löwen von Venedig gewann. Gloria, damals verkörpert durch die wunderbare Gena Rowlands, war eine ehemalige Gangsterbraut, die mehr oder weniger durch Zufall einen kleinen Jungen an die Hand bekommt, den sie dann vor der Rache ihrer ehemaligen Chefs beschützen muss. Der französische Regisseur Erick Zonca nimmt sich für sein englischsprachiges Debüt nur lose dieses Stoffs an, der schon 1999 für ein unsagbares Remake von Sydney Lumet herhalten musste (damals wurde die Hauptrolle von Sharon Stone gespielt). Indem Zonca auf den Mafiosi-Hintergrund seiner Hauptfigur verzichtet, versucht er den Gloria-Mythos etwas zu generalisieren. Doch die Geschichte einer Versagerin, die durch die immer stärker werdenden Muttergefühle langsam zum Menschen wird, leidet an unerhörten Konstruktionsfehlern.

Das Drehbuch platzt vor der unglaublich hohen Zahl an Klischees. So führt Julias Flucht schließlich nach Mexiko und alle Menschen (meist sind es übrigens Männer), denen sie hier begegnet, sind entweder Kleinkriminelle, Mörder, Kidnapper oder Gangster (manchmal auch alles zusammen). Da die Polizei in diesem Land immer korrupt sein muss, darf sie auch nicht auf deren Hilfe hoffen. Das "Böse-Mexikaner-Klischee" wird hier bis aufs Äußerste ausgereizt und produziert beim Zuschauer nur ein verärgertes Stirnrunzeln.
Zudem streckt der Regisseur den Film auf unverschämte 138 Minuten. Immer wieder dehnt und streckt er Szenen und Handlungen unnötig in die Länge. Die so kurzfristig aufgebaute Spannung zerfließt im Handumdrehen zur bohrenden Langeweile. Im Viertelstundentakt baut der 57-jährige Franzose Wendungen und Drehungen in seinen Plot ein und möchte damit überraschen. Doch auch die Regelmäßigkeit dieser Plot Twists wird irgendwann einfach nur redundant.
Selbst die visuelle Seite der Inszenierung kann über das enttäuschende Drehbuch nicht hinwegtrösten. Mit einer fast permanent wackelnden Handkamera gedreht, lässt sich "Julia" nur selten Zeit für lange und ruhige Einstellungen. Alles in diesem Film ist hektisch, aufgeregt und geladen. Eine unnötige Reizüberflutung, die einen ständig überwältigen soll aber nie berührt oder wirklich mitfühlen lässt.

Bei genauerem Hinsehen ist auch der große Pluspunkt des Films gar keiner. Es stimmt, dass "Julia" eine klassische One-Woman-Show ist. Tatsächlich bekommt die immer herausragende Tilda Swinton (jüngst als beste Nebendarstellerin in "Michael Clayton" mit dem Oscar ausgezeichnet) die Möglichkeit, die komplette Palette der großen Gefühle zu spielen. Ihre demonstrative Leistung bewahrt den Film daher vor einer Katastrophe. Doch Zonca lässt ihr nicht immer genug Raum, um einen gewissen Spielfluss zu etablieren. Er hält die Kamera immer auf ihr Gesicht. Die Linse ist immer ganz nah dran. Die Bilder brüllen förmlich: "Schaut her wie sie leidet! Schaut doch bitte hin!". Das führt in letzter Konsequenz leider dazu, dass Tilda Swinton anfängt zu chargieren. Da kann auch das Make-Up, das sie immer mal wieder aussehen lässt wie Charlize Theron in "Monster", nicht weiterhelfen.

"Julia" enttäuscht Erwartungen, gerade weil Regisseur Zonca mit seinen brillanten Vorgängerfilmen wie "Liebe das Leben" oder "Seule" als Hoffnung für das französische und auch für das europäische Kino galt. Es tut daher ein wenig weh, dass der erste englischsprachige Film dieses Talents doch ziemlich misslungen ist. Zonca betont in Interviews, dass er sich am Stil und der Ästhetik von John Cassavetes orientieren wollte. Leider muss er da wohl etwas missverstanden haben. Bei Cassavetes entsteht der Reiz meist über die Art und Weise der Schauspielführung. Er ging mit seinen Figuren immer bis zum Ende. Sie haben daher immer etwas durchlebtes, fragiles und gezeichnetes. Julia fehlt das. Sie ist eine sehr konstruierte, fast schon künstliche Figur.
Zonca verschreibt sich ganz dem Thriller-Genre, dessen Elemente er aber nicht ganz beherrscht. Er schafft es nicht mehr diesen menschlichen, sensiblen und überaus einfühlsamen Ton zu finden, der ihm sein internationales Ansehen bescherte und der seine früheren Filme prägte. Auch wenn Julia das am Ende vielleicht nicht tut - der Film über ihre Geschichte scheitert.

Patrick Wellinski

deutschland steht im halbfinale!
wer geht denn da noch ins kino?

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