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Hinter der Sonne

Hinter der Sonne
familien-drama , brasilien/schweiz/frankreich 2001
original
behind the sun
regie
walter salles
drehbuch
sergio machado
cast
rodrigo santoro,
ravi ramos lacerda,
flavia antonio, u.a.
spielzeit
89 Minuten
kinostart
11. April 2002
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Arthur Cohn ist wohl so eine Art "erfolgreichster unabhängiger Produzent der Welt" - nimmt man zumindest seine bereits sechs in dieser Funktion gewonnenen Oscars zum Maßstab. Bei uns am bekanntesten aus dieser Sammlung ist dabei der vom brasilianischen Regisseur Walter Salles inszenierte "Central Station". Für "Hinter der Sonne" tat sich Cohn nun erneut mit Salles zusammen und beweist dabei erneut sein Gespür für einen beeindruckenden Stoff, der seine Wirkung weit über die Grenzen Brasiliens hinaus entfalten wird.

Denn wo sich die tragische Geschichte der Familie Breves zuträgt spielt eigentlich keine Rolle. Statt in den brasilianischen "Badlands" des frühen 20.Jahrhunderts könnte sie sich auch irgendwo im Niemandsland abspielen. Als solches empfindet der jüngste Sohn der Familie Breves und Erzähler der Geschichte Pacu nämlich seine Heimat "irgendwo hinter der Sonne". Hier gibt es keine staatliche Gewalt und keine öffentliche Ordnung. Dementsprechend ruft hier bei einem feigen Mord an einem Familienmitglied auch niemand nach der Polizei, sondern man nimmt die Sache selbst in die Hand. Und dies ist viel zu oft notwendig, bei der seit Generationen andauernden blutigen Familienfehden zwischen den Breves und den Ferreiras. Es geht um Landbesitz, aber eigentlich weiß keiner mehr genau was einmal der eigentliche Grund für diesen Streit war. Denn in Wahrheit geht es vor allem um die Ehre - einen Begriff der keine Fragen und Zweifel zulässt. So fügt sich auch der junge Tonho der Anordnung seines Vaters, Blutrache für seinen ermordeten Bruder zu nehmen. Tonho erfüllt seine Aufgabe leidenschaftslos und steht daher bald selbst auf der Abschussliste des Feindes, denn jeder Mord muss gerächt werden. Widerspruchslos fügen sich die Brüder Pacu und Tonho zunächst diesen Ritualen und den strengen Geboten ihres Vaters. Doch als ein Paar umherreisender Schausteller in die Gegend kommt, bekommen Pacu und Tonho zum ersten Mal einen Blick auf die Welt außerhalb ihres autarken Lebensraumes. Und während Pacu von Clara ein Buch geschenkt bekommt, dass seinen Horizont erweitert, verliebt sich Tonho in die Zirkusartistin. Und steht bald vor der Entscheidung, sein Leben entweder der "Ehre" seiner Familie zu opfern oder es noch einmal ganz neu zu beginnen.

Zu Beginn von "Hinter der Sonne" braucht der Zuschauer ein wenig Zeit, um einen Zugang zu der darin gezeigten Welt zu finden. Zu bizarr und absurd wirkt diese archaische "Blutfehde", bei der der Mörder verpflichtet ist an der Beerdigung seines Opfers teilzunehmen und dann eine "Schonzeit" bekommt, bis das Blut auf dem Hemd des von ihm Getöteten sich gelb gefärbt hat. Danach wird auch er zum Abschuss freigegeben, denn jeder Mord wird mit genau einem weiteren gerächt, niemals mehr. Ein nie endender Kreislauf der Gewalt, der nicht in Frage gestellt wird, weil "es schon immer so war". Ihre "Ehre" ist das Letzte, was den Breves noch geblieben ist, denn ihre Zuckerrohrmühle ist seit der Abschaffung der Sklaverei einem schleichenden Untergang geweiht. Und diese Ehre stellt ein Vater sogar über das Leben seiner Söhne, die er einen nach dem anderen verliert.
Es ist die sehr persönliche Tragödie zweier Familien, die wir hier zu sehen bekommen, und gleichzeitig doch eine universell gültige Parabel über den Wert des Lebens. Ein Märchen, dass genauso gut zu einer anderen Zeit und an einem ganz anderen Ort spielen könnte. Denn das - aus unserer heutigen Sicht - sinnlose Vergießen von Blut und die Machtkämpfe unter Brüdern reichen schließlich zurück bis zur altgriechischen Tragödie. Allzu fremd und überholt wirkt anfangs auch diese "unzivilisierte" Welt, doch sehr bald nimmt man Anteil am Leid von Pacu, der weiß, dass sein Bruder bald sterben soll und verzweifelt versucht, ihn zu überreden davonzulaufen. Und am Zwiespalt Tonhos, der sich solange mit ausdruckslosem Gesicht in sein Schicksal ergibt, bis er von einer Art Fee in eine ganz andere Welt geführt wird und mit ihr zum ersten Mal Liebe erfährt. "Warst Du schon mal in der großen Stadt?" fragt ihn Clara und Tonho antwortet: "Nein, ich war noch nie irgendwo". Und weiß, dass er in wenigen Tagen - nachdem seine Schonzeit abgelaufen ist - sterben wird.

Clara und der Zirkus bringen einen Hauch von "Moderne" in eine Welt, in der die Zeit seit langem stillzustehen scheint. Und sie säen den Keim des Zweifels in den Köpfen der jungen Brüder. Zweifel, ob ihr Schicksal tatsächlich unabänderlich vorgegeben ist. Zweifel, die der hasserfüllte Vater zu erdrücken versucht, indem er Pacu einfach dessen geliebtes Buch entreißt. Doch die Bilder und Geschichten daraus haben sich längst in seinen Kopf festgesetzt und lassen sich nicht mehr ausradieren.
Ein wirklich glückliches Ende wird der Geschichte der Familie Breves trotzdem nicht beschieden sein, und das wäre auch kaum glaubhaft zu vermitteln, angesichts einer fast ausweglosen Situation. Aber hinter all der Tragik erscheint trotzdem mehr als nur ein kleiner Funke Hoffnung auf eine Zeit, in der es gelingen wird dem Kreislauf aus Tod und Rache, Trauer und Hass zu entkommen. Ganz langsam nur - und ohne viel Worte - geht diese Entwicklung voran, wird aber mit jeder Geste und jedem Blick der Figuren immer deutlicher. Eine bemerkenswerte Leistung eines aus Berufs- und Laienschauspielern bestehenden Ensembles. So ist die Darstellerin der feuerspeienden Zirkusartistin Clara im wirklichen Leben genau das - und die atemberaubende Flavia Antonio beschämt mit ihrer faszinierenden Performance die zahlreichen schauspielernden Models und Popsängerinnen, die sich in lieblosen Hollywoodproduktionen versuchen.
Da "Hinter der Sonne" zudem noch mit beeindruckenden Aufnahmen und Farben aufwartet, die diese so schreckliche Welt immer wieder auch wunderschön erscheinen lassen, ist die Wirkung beim Betrachter letztendlich immens: Eine starke Geschichte aus einer faszinierenden und fremden Welt, erzählt in phantastischen Bildern. Ein Erlebnis.

Volker Robrahn

10

sehr schoene aufnamen tolle schauspieler und ein erfrischendes gesamtpaket

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