"So
get up! Go on! Grip that stand! And press your hand to your heart
Big Mac is asking the questions and this is only the start."
Modern Times - Latin Quarter
Ach
ja, George Clooney, der alte Kommunist. Schläft wahrscheinlich
in roter Unterwäsche, hat vermutlich ein Stalinposter an der
Wand und guckt heimlich sympathisierend Al Jazeera. So oder ähnlich
stellen sich die Rechtskonservativen den Poster Boy des liberalen
Hollywoods vor. Tja, und der lässt sich nicht lumpen und schlägt
dieser Tage gleich zweifach zu. In "Syriana" geht's um
Politik und Öl, hier in "Good Night, And Good Luck"
setzt er sich mit dem Anspruch an und den Anforderungen von Medien
in Krisenzeiten auseinander. Und kann bei diesem Thema mit seinem
fast dokumentarischen, in den 1950er Jahren spielenden Drama natürlich
kaum aktueller sein.
Der Film beginnt mit einer Rede des wohl meist respektierten Nachrichtensprechers
der US-Geschichte, Edward Murrow (David Strathairn), aus dem Jahr
1958, die fast haargenau den Zustand der heutigen TV- und Medienlandschaft
widerspiegelt: "Wir haben eine Allergie gegen unangenehme oder
verstörende Nachrichten und unsere Medien reflektieren dies",
so bemerkt Murrow und bilanziert bitter, dass Fernsehen hauptsächlich
dazu benutzt wird, "um uns abzulenken, irre zu führen,
zu amüsieren und isolieren". Er muss es wissen, hat er
doch fünf Jahre vorher einen harten Kampf ausgefochten, gegen
einen politisch mächtigen Gegner und die Gegner in den eigenen
Reihen, die vorsichtigen CBS-Bosse, die lieber keine politische
Stellung nehmen mochten.
Zusammen
mit seinem Produzenten Fred Friendly (George Clooney) und seinem
Team ging er gegen die fragwürdigen Verfolgungstaktiken von
Senator Joseph ‚Big Mac' McCarthy vor (spielt sich in zeitgenössischen
Original-Aufnahmen quasi selbst), der in den jungen Jahren des Kalten
Krieges allerorts Kommunisteninvasion witterte, hunderte unschuldiger
Menschen öffentlich beschuldigte und so ein nationales Klima
aus Angst und Verdächtigungen ermöglichte. Die Parallelen
zur in den Medien betriebenen Angstmache vor Terroristen in der
heutigen Zeit sind nicht zu übersehen: Der die Linie des Senators
unterstützende Presse-Magnat Hearst würde heute Murdock
heißen, das Moderatoren-Sprachrohr O'Brian ist heute ein O'Reilly.
Dass sich George Clooney nun als Regisseur, Co-Autor und Darsteller
dieses Stoffes angenommen hat, verwundert nicht. Sein Vater Nick
war TV-Reporter. Und auch wenn man dem Film eine gewisse nostalgische
Verklärung vielleicht nicht absprechen kann, ist sein Werk
eine gelungene Hommage an die Zeit, als ein TV-Reporter noch etwas
anderes bedeutete als lediglich Ruhm und Bekanntheitsgrad.
"Good Night, And Good Luck" macht eigentlich alles richtig
- und funktioniert doch nicht in allen Belangen, weil er eben durchs
alles richtig machen nicht alles richtig gut machen kann. Was wiederum
mit der lobenswerten Intention zu tun hat, möglichst nah an
den wahren Ereignissen (oder, um ganz genau zu sein, George Clooneys
und Grant Heslovs Sicht der Ereignisse) zu bleiben. Der pseudo-dokumentarische
Stil erlaubt keine Schnörkel, keine Ausschmückung, keine
Extras. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Abspann
nach noch nicht einmal anderthalb Stunden einsetzt. Hier wird mit
Strenge und Effizienz die Konfrontation zwischen Murrow und McCarthy
aufgrund dessen paranoider Kommunistenhatz abgehandelt, alles andere
muss außen vor bleiben.
So
wird lange Zeit auch nicht recht klar, was der Erzählstrang
um zwei heimlich entgegen den CBS-Statuten verheirateten Reportern
(Robert Downey Jr. und Patricia Clarkson) eigentlich soll, und auch
die Auflösung ihrer heimlichen Ehe ist recht unspektakulär.
Aber dann wird einem klar: Geheimhaltung und Sich-Verstecken-Müssen,
obwohl man im Grunde nichts Unrechtes getan hat - das gibt es nicht
nur unter den Augen von McCarthys Senats-Ausschuss für Unamerikanische
Aktivitäten, sondern in allen privaten Bereichen. Eine intelligente
Facette der Hauptthematik, die sich auch leitmotivisch durch den
Film zieht. So interviewt Murrow später den Pianisten Liberace,
der in ihrem Gespräch von seinen Heiratswünschen spricht
- was denjenigen, denen der Name etwas sagt, ein Lächeln abringt.
Liberace war homosexuell, muss aber wie das Redaktions-Ehepaar eine
Charade aufführen, um nicht in der einen oder anderen Art verfolgt
zu werden.
"Because when they needed to break resistance,
and they could not go on using a fist
They took the cameras into the court-house, they circulated a list."
Modern Times - Latin Quarter
Der einzige Subplot um die heimlich verheirateten Wershbas hat
aber auch noch eine andere wichtige Funktion: sie sind die einzigen,
die wir auch mal privat erleben, und sie erlauben daher auch kurze
Verschnaufpausen von all den politischen Argumenten und ein wenig
emotionale Nähe, die der Film seinem Helden Ed Murrow verwehrt.
Denn egal wie großartig David Strathairn Ed Murrow spielt,
so richtig zu fassen
bekommt
ihn der Film kaum, nur andeutungsweise über Strathairns nuanciertes
Mienenspiel. Vielleicht allerdings auch ein geschickter Schachzug,
Murrow etwas Geheimnisvolles zu lassen, um sich nicht den Vorwurf
gefallen lassen zu müssen, man habe ihn verklärt.
Aus dem Abspann erfährt man, dass die wohl mittlerweile
steinalten Wershbas für den Film konsultiert wurden - vielleicht
sind sie daher auch die einzigen Figuren des Scripts, die nicht
hauptsächlich an ihrer Funktion gemessen werden. Dass die meisten
Charaktere hier dadurch eher eine rhetorische Funktion haben, um
Standpunkte zu vertreten, stört trotzdem kaum - dafür
ist die Leistung des Ensembles zu gut. Neben Strathairns zu Recht
Oscar-nominierter Darstellung glänzen hier alle Schauspieler,
von Murrows Team bis hin zu Clooney selbst, der sich bescheiden
als Murrows Produzent im Hintergrund hält und seinen Kollegen
die besten Szenen zukommen lässt.
Ketzerisch könnte man lediglich hinzufügen, dass
die schlechteste Performance von McCarthy selbst kommt, dessen schwitzige
Bulligkeit fast schon überzeichnet wirken würde, wenn
sie denn nicht echt wäre. Erwähnenswert sind aber auch
Frank Langella als CBS-Eigentümer William Paley, Jeff Daniels
als Senderboss Sig Mickelson und Ray Wise (Laura Palmers Vater in
"Twin Peaks") als unglücklicher Kollege Don Hollenbeck.
Allerdings hätte man sich bei dessen Handlungsstrang doch noch
ein paar mehr Szenen gewünscht, die seine Figur und ihr Schicksal
greifbarer machen. Aber auch hier entzieht sich das einem Dokudrama
nachempfundene Drehbuch jeder Melodramatisierung, auch auf Kosten
der Greifbarkeit dieser wie der anderen Figuren.
Aber genau das ist dann letztendlich der Punkt von Clooney: Es geht ihm nicht um die einzelnen Figuren, auch nicht um eine simple Heldenverehrung von Edward Murrow. Auch deswegen gibt es keine große Varianz an Schauplätzen, spielt sich fast alles nur im CBS-Zentrum ab: Es geht ihm einzig um die ethischen Fragen, die der Konflikt aufwirft in den diese Ansammlung von Menschen verstrickt ist. Und so kann man es dem Film auch nicht wirklich anprangern, dass einem die Figuren fremd bleiben. Sie sollen es, damit der Blick frei ist aufs Thema: Ab wann und wie muss eine Mediengestalt Stellung beziehen? Welche Art von Verantwortung hat ein Medienvertreter? Und: Sind moralische Skrupel und moderne Medien überhaupt zu vereinbaren?
"Seems the news today is a way to separate
the game shows
Ed Murrow made it more
He helped America live up to Gettysburg" -
Ed Murrow - Latin Quarter
Ein Problem der erzählten Geschichte spiegelt freilich auch
der Film wider, nämlich das eher unspektakuläre Ende.
Fast ebenso schnell wie Kommunistenjäger McCarthy seinen Aufstieg
feiern konnte, stürzte er auch wieder ab. Zwar auch dank Murrows
Widerstand, aber eben ohne einen rechten ‚Showdown', ohne eine
direkte Konfrontation der Beiden. Und so ist auch der Film nach
schnellen - mancher würde vielleicht sagen zu schnellen - anderthalb
Stunden relativ unspektakulär vorbei. Wobei dies nicht zwangsläufig
ein Kritikpunkt, sondern eher
eine
Feststellung ist. Denn dieser brisanten und sich (zum allergrößten
Teil) an die historischen Fakten haltenden Geschichte ein erfundenes
Hollywoodfinale anzuhängen, wäre natürlich fatal
gewesen. Aber der Zuschauer muss sich halt darüber gewahr sein,
dass er sich am Ende eher wie nach der Betrachtung einer guten Dokumentation
fühlt: informiert(er), interessiert(er), aber ohne den emotionalen
Effekt eines typischen Hollywood Ending.
Und so verbleibt die Inspiration vor allem im Stoff selbst, dem Kampf gegen Zensur und für Pressefreiheit, gegen Hexenjagden und Verleumdungskampagnen. Man braucht nur eine heutige Nachrichtensendung schauen und merkt, wie nah dran George Clooney mit diesem so archaisch wirkenden Kammerspiel in Schwarz-Weiß an unserer hektischen Medienwelt ist. Natürlich selektieren Clooney und Co-Autor Grant Heslov (der ebenfalls mitspielt) geschickt die Fakten, die sie in ihrer Version der Ereignisse präsentieren. Natürlich mault die Gegenseite darüber. Aber solange sich Fox News in den USA statt Propaganda-Kanal weiterhin Nachrichtensender nennen darf, und solange demagogische Hassprediger wie Rush Limbaugh und Bill O'Reilly dort ihre paranoiden Pamphlete aufsagen dürfen, brauchen zumindest die Amerikaner diesen Film, und brauchen wir alle die Erinnerung an jemanden wie Ed Murrow.
"On those new small screens with every script
he'd write
the relentless theme that might is never right
Ed Murrow should be here tonight" -
Ed Murrow - Latin Quarter
"Good Night, And Good Luck" ist hervorragend gespieltes, exzellent ausgestattetes und großartig fotografiertes Politkino, bei dem einzig die durch den gewählten Umgang mit dem Ausgangsmaterial immanenten Mängel kleinere Kritikpunkte sind, die wiederum etwas durch geschickt eingeflochtene Details neutralisiert werden. Und so bewegt dieser filmische Aufsatz über Medienkompetenz und Medienverantwortung zwar nur den Geist und lässt das Herz kalt, in Zeiten der immer dümmer werdenden großen Masse an Kinofilmen kann man ihm dies aber mehr als nachsehen. Daher hier Schwarz auf Weiß wie der Film: "Good Night, And Good Luck" ist ein Muss des Kinojahres.

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