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Good Night, and Good Luck

Good Night, and Good Luck
polit-drama , usa 2005
original
good night, and good luck
regie
george clooney
drehbuch
grant heslov, george clooney
cast
david strathairn,
george clooney,
robert downey jr.,
frank langella,
patricia clarkson, u.a.
spielzeit
93 Minuten
kinostart
6. April 2006
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

"So get up! Go on! Grip that stand! And press your hand to your heart
Big Mac is asking the questions and this is only the start."
Modern Times - Latin Quarter

Ach ja, George Clooney, der alte Kommunist. Schläft wahrscheinlich in roter Unterwäsche, hat vermutlich ein Stalinposter an der Wand und guckt heimlich sympathisierend Al Jazeera. So oder ähnlich stellen sich die Rechtskonservativen den Poster Boy des liberalen Hollywoods vor. Tja, und der lässt sich nicht lumpen und schlägt dieser Tage gleich zweifach zu. In "Syriana" geht's um Politik und Öl, hier in "Good Night, And Good Luck" setzt er sich mit dem Anspruch an und den Anforderungen von Medien in Krisenzeiten auseinander. Und kann bei diesem Thema mit seinem fast dokumentarischen, in den 1950er Jahren spielenden Drama natürlich kaum aktueller sein.

Der Film beginnt mit einer Rede des wohl meist respektierten Nachrichtensprechers der US-Geschichte, Edward Murrow (David Strathairn), aus dem Jahr 1958, die fast haargenau den Zustand der heutigen TV- und Medienlandschaft widerspiegelt: "Wir haben eine Allergie gegen unangenehme oder verstörende Nachrichten und unsere Medien reflektieren dies", so bemerkt Murrow und bilanziert bitter, dass Fernsehen hauptsächlich dazu benutzt wird, "um uns abzulenken, irre zu führen, zu amüsieren und isolieren". Er muss es wissen, hat er doch fünf Jahre vorher einen harten Kampf ausgefochten, gegen einen politisch mächtigen Gegner und die Gegner in den eigenen Reihen, die vorsichtigen CBS-Bosse, die lieber keine politische Stellung nehmen mochten.
Zusammen mit seinem Produzenten Fred Friendly (George Clooney) und seinem Team ging er gegen die fragwürdigen Verfolgungstaktiken von Senator Joseph ‚Big Mac' McCarthy vor (spielt sich in zeitgenössischen Original-Aufnahmen quasi selbst), der in den jungen Jahren des Kalten Krieges allerorts Kommunisteninvasion witterte, hunderte unschuldiger Menschen öffentlich beschuldigte und so ein nationales Klima aus Angst und Verdächtigungen ermöglichte. Die Parallelen zur in den Medien betriebenen Angstmache vor Terroristen in der heutigen Zeit sind nicht zu übersehen: Der die Linie des Senators unterstützende Presse-Magnat Hearst würde heute Murdock heißen, das Moderatoren-Sprachrohr O'Brian ist heute ein O'Reilly.
Dass sich George Clooney nun als Regisseur, Co-Autor und Darsteller dieses Stoffes angenommen hat, verwundert nicht. Sein Vater Nick war TV-Reporter. Und auch wenn man dem Film eine gewisse nostalgische Verklärung vielleicht nicht absprechen kann, ist sein Werk eine gelungene Hommage an die Zeit, als ein TV-Reporter noch etwas anderes bedeutete als lediglich Ruhm und Bekanntheitsgrad.

"Good Night, And Good Luck" macht eigentlich alles richtig - und funktioniert doch nicht in allen Belangen, weil er eben durchs alles richtig machen nicht alles richtig gut machen kann. Was wiederum mit der lobenswerten Intention zu tun hat, möglichst nah an den wahren Ereignissen (oder, um ganz genau zu sein, George Clooneys und Grant Heslovs Sicht der Ereignisse) zu bleiben. Der pseudo-dokumentarische Stil erlaubt keine Schnörkel, keine Ausschmückung, keine Extras. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass der Abspann nach noch nicht einmal anderthalb Stunden einsetzt. Hier wird mit Strenge und Effizienz die Konfrontation zwischen Murrow und McCarthy aufgrund dessen paranoider Kommunistenhatz abgehandelt, alles andere muss außen vor bleiben.
So wird lange Zeit auch nicht recht klar, was der Erzählstrang um zwei heimlich entgegen den CBS-Statuten verheirateten Reportern (Robert Downey Jr. und Patricia Clarkson) eigentlich soll, und auch die Auflösung ihrer heimlichen Ehe ist recht unspektakulär. Aber dann wird einem klar: Geheimhaltung und Sich-Verstecken-Müssen, obwohl man im Grunde nichts Unrechtes getan hat - das gibt es nicht nur unter den Augen von McCarthys Senats-Ausschuss für Unamerikanische Aktivitäten, sondern in allen privaten Bereichen. Eine intelligente Facette der Hauptthematik, die sich auch leitmotivisch durch den Film zieht. So interviewt Murrow später den Pianisten Liberace, der in ihrem Gespräch von seinen Heiratswünschen spricht - was denjenigen, denen der Name etwas sagt, ein Lächeln abringt. Liberace war homosexuell, muss aber wie das Redaktions-Ehepaar eine Charade aufführen, um nicht in der einen oder anderen Art verfolgt zu werden.

"Because when they needed to break resistance, and they could not go on using a fist
They took the cameras into the court-house, they circulated a list."
Modern Times - Latin Quarter

Der einzige Subplot um die heimlich verheirateten Wershbas hat aber auch noch eine andere wichtige Funktion: sie sind die einzigen, die wir auch mal privat erleben, und sie erlauben daher auch kurze Verschnaufpausen von all den politischen Argumenten und ein wenig emotionale Nähe, die der Film seinem Helden Ed Murrow verwehrt. Denn egal wie großartig David Strathairn Ed Murrow spielt, so richtig zu fassen bekommt ihn der Film kaum, nur andeutungsweise über Strathairns nuanciertes Mienenspiel. Vielleicht allerdings auch ein geschickter Schachzug, Murrow etwas Geheimnisvolles zu lassen, um sich nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, man habe ihn verklärt.
Aus dem Abspann erfährt man, dass die wohl mittlerweile steinalten Wershbas für den Film konsultiert wurden - vielleicht sind sie daher auch die einzigen Figuren des Scripts, die nicht hauptsächlich an ihrer Funktion gemessen werden. Dass die meisten Charaktere hier dadurch eher eine rhetorische Funktion haben, um Standpunkte zu vertreten, stört trotzdem kaum - dafür ist die Leistung des Ensembles zu gut. Neben Strathairns zu Recht Oscar-nominierter Darstellung glänzen hier alle Schauspieler, von Murrows Team bis hin zu Clooney selbst, der sich bescheiden als Murrows Produzent im Hintergrund hält und seinen Kollegen die besten Szenen zukommen lässt.
Ketzerisch könnte man lediglich hinzufügen, dass die schlechteste Performance von McCarthy selbst kommt, dessen schwitzige Bulligkeit fast schon überzeichnet wirken würde, wenn sie denn nicht echt wäre. Erwähnenswert sind aber auch Frank Langella als CBS-Eigentümer William Paley, Jeff Daniels als Senderboss Sig Mickelson und Ray Wise (Laura Palmers Vater in "Twin Peaks") als unglücklicher Kollege Don Hollenbeck. Allerdings hätte man sich bei dessen Handlungsstrang doch noch ein paar mehr Szenen gewünscht, die seine Figur und ihr Schicksal greifbarer machen. Aber auch hier entzieht sich das einem Dokudrama nachempfundene Drehbuch jeder Melodramatisierung, auch auf Kosten der Greifbarkeit dieser wie der anderen Figuren.

Aber genau das ist dann letztendlich der Punkt von Clooney: Es geht ihm nicht um die einzelnen Figuren, auch nicht um eine simple Heldenverehrung von Edward Murrow. Auch deswegen gibt es keine große Varianz an Schauplätzen, spielt sich fast alles nur im CBS-Zentrum ab: Es geht ihm einzig um die ethischen Fragen, die der Konflikt aufwirft in den diese Ansammlung von Menschen verstrickt ist. Und so kann man es dem Film auch nicht wirklich anprangern, dass einem die Figuren fremd bleiben. Sie sollen es, damit der Blick frei ist aufs Thema: Ab wann und wie muss eine Mediengestalt Stellung beziehen? Welche Art von Verantwortung hat ein Medienvertreter? Und: Sind moralische Skrupel und moderne Medien überhaupt zu vereinbaren?

"Seems the news today is a way to separate the game shows
Ed Murrow made it more
He helped America live up to Gettysburg" -
Ed Murrow - Latin Quarter

Ein Problem der erzählten Geschichte spiegelt freilich auch der Film wider, nämlich das eher unspektakuläre Ende. Fast ebenso schnell wie Kommunistenjäger McCarthy seinen Aufstieg feiern konnte, stürzte er auch wieder ab. Zwar auch dank Murrows Widerstand, aber eben ohne einen rechten ‚Showdown', ohne eine direkte Konfrontation der Beiden. Und so ist auch der Film nach schnellen - mancher würde vielleicht sagen zu schnellen - anderthalb Stunden relativ unspektakulär vorbei. Wobei dies nicht zwangsläufig ein Kritikpunkt, sondern eher eine Feststellung ist. Denn dieser brisanten und sich (zum allergrößten Teil) an die historischen Fakten haltenden Geschichte ein erfundenes Hollywoodfinale anzuhängen, wäre natürlich fatal gewesen. Aber der Zuschauer muss sich halt darüber gewahr sein, dass er sich am Ende eher wie nach der Betrachtung einer guten Dokumentation fühlt: informiert(er), interessiert(er), aber ohne den emotionalen Effekt eines typischen Hollywood Ending.

Und so verbleibt die Inspiration vor allem im Stoff selbst, dem Kampf gegen Zensur und für Pressefreiheit, gegen Hexenjagden und Verleumdungskampagnen. Man braucht nur eine heutige Nachrichtensendung schauen und merkt, wie nah dran George Clooney mit diesem so archaisch wirkenden Kammerspiel in Schwarz-Weiß an unserer hektischen Medienwelt ist. Natürlich selektieren Clooney und Co-Autor Grant Heslov (der ebenfalls mitspielt) geschickt die Fakten, die sie in ihrer Version der Ereignisse präsentieren. Natürlich mault die Gegenseite darüber. Aber solange sich Fox News in den USA statt Propaganda-Kanal weiterhin Nachrichtensender nennen darf, und solange demagogische Hassprediger wie Rush Limbaugh und Bill O'Reilly dort ihre paranoiden Pamphlete aufsagen dürfen, brauchen zumindest die Amerikaner diesen Film, und brauchen wir alle die Erinnerung an jemanden wie Ed Murrow.

"On those new small screens with every script he'd write
the relentless theme that might is never right
Ed Murrow should be here tonight" -
Ed Murrow - Latin Quarter

"Good Night, And Good Luck" ist hervorragend gespieltes, exzellent ausgestattetes und großartig fotografiertes Politkino, bei dem einzig die durch den gewählten Umgang mit dem Ausgangsmaterial immanenten Mängel kleinere Kritikpunkte sind, die wiederum etwas durch geschickt eingeflochtene Details neutralisiert werden. Und so bewegt dieser filmische Aufsatz über Medienkompetenz und Medienverantwortung zwar nur den Geist und lässt das Herz kalt, in Zeiten der immer dümmer werdenden großen Masse an Kinofilmen kann man ihm dies aber mehr als nachsehen. Daher hier Schwarz auf Weiß wie der Film: "Good Night, And Good Luck" ist ein Muss des Kinojahres.

Simon Staake

Warum steht bei den Nachrichten kein Datum dabei? Grauenhaft!

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