Eine
Kleinstadt im Südwesten der USA: Dick (Jamie Bell, vormals
"Billy Elliott", nach Stimmbruch und Wachstumsschub jedoch
kaum wiederzuerkennen) will nicht wie fast alle männlichen
Bewohner des Ortes in der Mine arbeiten. Anstatt aber Ballett zu
lernen (was für ihn und die Zuschauer besser
gewesen wäre), verliebt er sich in eine ihm zufällig
in die Hände fallende Schusswaffe, die er auf den Namen Wendy
tauft. Flugs wird mit den anderen Verlierern des Ortes eine Bande
gebildet: Als "die Dandies" verpflichten sich die Mitglieder
zum "bewaffneten Pazifismus" - Waffenkult ohne Nutzen
zu gewalttätigen Zwecken - tragen bunte und beknackte Kostüme
und haben generell eine gute Zeit. Bis der örtliche Sheriff
(Bill Pullman) Dick als eine Art Bewährungshelfer für
einen jungen Gewalttäter rekrutiert. Bald stößt
der "bewaffnete Pazifismus" an seine sehr engen Grenzen....
Lars von Trier und seine Amerika-Kritik sind zurück. Nach
"Dogville" und "Mandalay" überlässt
er zwar Kollege Thomas Vinterberg ("Das Fest") den Regisseursstuhl
und beschränkt sich aufs Drehbuch, geholfen hat es allerdings
nicht. Denn "Dear Wendy" trägt zu deutlich seine
Handschrift und wird zur befürchteten "Böses Amerika"-Predigt.
Das
ist an sich noch kein Kapitalverbrechen, aber leider wirken Lars
von Triers antiamerikanische Pamphlete ja immer ein wenig unbeholfen,
naiv und peinlich. Was zum einen sicherlich daran liegt, dass der
an Flugangst leidende Von Trier das Feindesland noch nie betreten
und mit eigenen Augen betrachtet hat, und von daher lediglich Ferndiagnosen
stellen kann. Zum anderen aber auch daran, dass er ständig
mit dem Zeigefinger wedelt und seine Theorien derart mit dem Holzhammer
reindreschen will, dass jede Spannung oder Überraschung unterbunden
wird.
So auch in "Dear Wendy", bei dem der Ausgang von Anfang
an außer Zweifel steht und es unterwegs keinerlei interessante
Schlenker gibt. Waffen sind verführerisch; wer eine Waffe hat,
der benutzt sie irgendwann auch; Waffen fördern Gewalt: So
die Binsenweisheiten, die Von Trier hier so aufbringt. Gähn.
Allein die zugrundeliegende Idee des "bewaffneten Pazifismus"
(eine Idee für ein Sequel: ‚Das Gandhi-Kettensägenmassaker')
ist schon beknackt ohne Ende, und danach wird es auch nicht besser.
Geschickt wollen sich Von Trier und Vinterberg damit aus der Affäre
ziehen, dass sie ihre Geschichte zeitlos, allegorisch und surreal
anlegen, aber das hilft nichts. Denn zu viele halbgare oder unsinnige
Ideen können auch von einem derartigen Anstrich nicht übertüncht
werden.
Die panische Angst vor ganz offensichtlich nicht-existenten Gangs
in einem winzigen Ort, in dem scheinbar nur Mienenarbeiter leben,
mag ja als These durchgehen über amerikanische Paranoia, die
nur mit Waffenbesitz bekämpft werden kann. Aber wird es auf
dem reinen Storylevel dadurch weniger albern, dass Clarabella vor
einem Weg von etwa zwanzig Metern panische Angst hat? Von dem albernen
Verhalten der Polizei und anderer Staatsvertreter gegen Ende des
Films mal zu schweigen. Ähnlich hinterlässt generell das
Verhalten jeder einzelnen Figur hier Stirnrunzeln. Oh, apropos Staatsvertreter:
Ebenfalls merkwürdig, dass den Kindern in Ethelslope die Eltern
wegsterben und diese dann ohne Betreuung allein gelassen werden.
Das
kann man natürlich auch als Kritik an unserer vernachlässigten
Jugend lesen, vielleicht aber auch nur als ein die Details vernachlässigendes
Drehbuch. Welches zudem auch ein kleines Rassismusproblem hat, denn
dass der die Dandies spaltende Neuankömmling - und der bis
dato einzig Gewalttätige - ein junger Schwarzer ist, ist natürlich
klar. Soll womöglich ein Kommentar über afro-amerikanische
"Gangsta"-Kultur sein, stößt aber trotzdem
sauer auf.
Trotzdem wird es wohl auch Vereinzelte geben, die in den ganzen
Unsinn noch jede Menge Sinn reinreden werden und für die das
alles brillant satirisch und kritisch ist. Da wird dann der Kaffee
für die Nichte wohl auch zum Sinnbild für die sinnlosen
Irak- oder Vietnamfeldzüge der USA. Kann man so sehen. Kann
man aber auch bleiben lassen. Denn den Spagat zwischen theatralischer
Allegorie mit überzeichneten Figuren auf der einen Seite und
der Diskussion realer Probleme auf der anderen bekommt "Dear
Wendy" nie hin und wirkt so konzeptlos und albern.
Dass von Von Trier bereits in "Dogville" angewandte Konzept
vom Brechtschen Epischen Theater, das vielbemühte (und ermüdende)
Image des Amerikaners als waffenstarrender Cowboy, die Angst vor
alltäglicher, zufälliger Gewalt - alles wird ohne Sinn
und Verstand, dafür aber mit grenzenloser Naivität verwurstet.
Der ganze Film wirkt so, als hätte ein Haufen dänischer
Jung-Linksrevolutionäre an ihrem WG-Küchentisch während
einer langen Nacht bei Rotwein und Joints alles zusammengetragen,
was ihnen zum Problem Waffen in der Hand des Klassenfeindes USA
eingefallen ist. Und der Protokollant war zu betrunken zum korrekten
Mitschreiben.
Wer
weiß, vielleicht war's auch so und Von Trier hat ihnen das
Drehbuch geklaut. Vielleicht hat er sich aber das alles auch ganz
ernsthaft und eifrig selbst ausgedacht. Aber ehrlich gesagt wäre
erstere Möglichkeit besser, denn dann könnte man das Ganze
noch als Ulk akzeptieren. Schließlich würde der ganze
Film von seiner Konzeption her als schwarze Komödie wesentlich
besser funktionieren. Demgegenüber steht das offensichtliche
Bestreben nach Kunst und Anspruch in Stil und Atmosphäre, etwa
durch die todernsten Briefe Dicks an seine Wendy, welche den Film
als Off-Kommentar eher störend begleiten. Vielleicht haben
sich Von Trier und Vinterberg das alles tatsächlich mit einem
Grinsen gedacht, der Zuschauer kann ob des Ergebnisses jedoch nicht
mitlachen - nur leise weinen, dass er Geld für diesen Film
ausgegeben hat.
Von Trier reißt dabei Kollege Vinterberg gnadenlos mit ins
Verderben. Der holt aus dem hohlen Drehbuch trotz vereinzelt inspirierten
visuellen Momenten (einige hat er zudem bei "Three
Kings" geklaut) auch nichts mehr raus, und scheint sich
zunehmend in merkwürdigen Allegorien zu verlieren, ganz als
wolle er das "Dogma"-Manifest vergessen machen. Erst war
da die sonderbare Sci-Fi-Liebesmär "It's
all about Love", und nun dieser Fehlschlag.
Denn ein Fehlschlag, so interessant er auch sein mag, ist "Dear
Wendy". Michael Moore mag man ja mittlerweile rechtschaffen
für doof halten können, aber trotzdem hat er zum Thema
"amerikanische Waffenkultur" in "Bowling for Columbine"
doch wesentlich Erhellenderes beigetragen. Polemisch mögen
ja beide Beiträge sein, aber wo der eine größtenteils
fesselnd und einfallsreich war, ist der andere rettungslos prätentiös
und doof. Daher: Liebe Wendy, bleib doch bitte fern von uns, denn
du lieferst nur Ladehemmungen und Fehlschüsse.


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