Bei der Kombination von Regisseur Brian de Palma und Romanautor
James Ellroy horcht man als begeisterter Filmfreund erst
einmal
neugierig auf, denn schließlich erwies sich Curtis Hansons
Ellroy-Verfilmung "L.A.
Confidential" (1997) als einer der besten Filme des
letzten
Jahrzehnts; und de Palma, dieser zitierfreudige
Großmeister
der stilistischen Zweitverwertung, hat sich in Filmen wie
"Dressed
to kill", Mein Bruder Kain" und zuletzt "Femme
Fatale" bereits mehrfach mit Themen
und
Figuren des Film Noir auseinander gesetzt und kann hier
nun erstmals
die von Obsession, Korruption und falschem Schein geprägte
Schattenwelt der Schwarzen Serie an ihrem Ursprung
erkunden: Mit
einer Detektivgeschichte im Los Angeles der 1940er Jahre.
"The Black Dahlia" basiert auf einem unter gleichem Namen
berühmt gewordenen Mordfall aus dem Jahre 1946. Elizabeth
Short
war wie so viele junge Mädchen aus der Provinz nach
Hollywood
gekommen, um dort Ruhm und Reichtum als Filmstar zu
finden, doch
stattdessen endete sie als grausam entstellte Leiche: In
der Körpermitte
durchtrennt, ausgeweidet und das Gesicht zu einer
grässlichen
Fratze zerschnitten, schockierte das Schicksal Shorts die
breite
Öffentlichkeit und stand bald als Mahnmal für all jene
leichtfertigen Mädchen, die sich naiv in den Sündenpfuhl
Los Angeles aufmachen wollten.
Der tatsächliche "Black Dahlia"-Mord wurde niemals
aufgeklärt, in seiner fiktionalisierten Form diente er
Ellroy
und jetzt auch de Palma allerdings als ein hervorragendes
Sprungbrett,
das sie geradewegs in ihr angepeiltes, thematisches
Zentrum katapultiert:
Die Alpträume, die hinter der Traumfabrik Hollywood
lauern.
Ganz im Sinne der literarischen Urgesteine des
hartgesottenen Detektivromans
(wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler) skizziert
auch Ellroy
stets eine tief amoralische Welt, in der selbst die Guten
nicht
wirklich sauber sind. Das gilt auch für die beiden Cops
Dwight
"Bucky" Bleichert (Josh Hartnett) und Lee Blanchard (Aaron
Eckhart), die sich als ehemalige Boxer nur allzu gern als
Zugpferde
vor eine Polizei-PR-Kampagne spannen lassen, die allen
bessere Gehälter
und ihnen beiden auch noch eine Beförderung bringt. Doch
als
sie in die "Black Dahlia"-Untersuchungen hineinrutschen,
ist bald Schluss mit lustig, denn der Fall frisst die
beiden Männer
nach und nach von innen auf. Für Blanchard wird die
Aufklärung
zur fixen Idee, die er wie besessen verfolgt und die seine
Beziehung
zu Kay (Scarlett Johansson) heftig belastet. Bleichert
wiederum,
unglücklich in Kay verliebt, erliegt der Faszination der
bisexuellen
Millionärstochter Madeleine Linscott (Hilary Swank), die
Elizabeth
Short kannte und ihr sehr ähnlich sieht. Wesentlich
beunruhigender
ist für Bleichert jedoch zunächst die Erkenntnis, dass
ihm sein Partner offenbar Dinge aus seiner und Kays
Vergangenheit
verheimlicht.
Inwiefern und ob überhaupt das alles etwas
miteinander zu
tun hat, diese Frage stellt sich nicht nur Bleichert die
meiste
Zeit, sondern auch der Zuschauer, der schon von den ersten
Minuten
an Mühe hat, dem rastlos voran eilenden Plot und den
zahlreichen
Verstrickungen zu folgen, die bis zum Ende immer weiter
zunehmen:
Wer besticht/erpresst/ermordet hier wen, wieso und wie? An
dieser
Stelle müssen wir sogar ausnahmsweise mal eine Empfehlung
für
den Besuch der deutschen Synchronfassung aussprechen, denn
um der
Handlung von "The Black Dahlia" vernünftig folgen
zu können, sollte man wirklich jedes Wort und jeden
Zusammenhang
verstehen, was angesichts der immensen Informationsmenge
und der
schnellen, im 40er-Slang gehaltenen Dialoge in der
Originalfassung
kaum zu leisten ist.
De Palma und sein Drehbuchautor Josh Friedman machen es
ihren Zuschauern
aber auch nicht gerade leicht, dem vielschichtigen
Verwirrspiel
aus Morden, Motiven und Personen zu folgen, zumal es
schlussendlich
um eine ganze Reihe unterschiedlicher Verbrechen geht, die
sich
zwar gegenseitig auslösen, aber nicht in direktem
Zusammenhang
stehen. Folge: Wenn Bleichert in den Schlussminuten erst
dieses,
dann jenes Komplott durchschaut und sich das Puzzle
endlich zusammensetzt,
schwirrt dem Zuschauer ganz schön der Kopf. In bester
Ellroy-Manier
steckt so ziemlich jede Person, die man unterwegs
getroffen hat,
irgendwie mit drin, da man manche davon aber für kaum mehr
als eine Szene erlebt hat, ist das abschließende
Aufdeckspielchen
eher frustrierend als erhellend; viel zu viel wird hier
einfach
nur schnell wegerklärt, ohne dass man es so recht hätte
vorher durchschauen können.
Vielleicht hat de Palma das aber auch billigend in Kauf
genommen,
denn ehrlich gesagt wäre es auch ziemlich überraschend,
wenn ein Regisseur seines Kalibers sich auf das brave
Nacherzählen
einer komplexen Krimigeschichte beschränkt. "The Black
Dahlia" ist eher Stil als Story, ein mal mehr, mal weniger
gelungener Versuch des Regisseurs, mit dem alten
Noir-Stilmittelkatalog
die psychologischen Untiefen auszuleuchten, die in Ellroys
Roman
zuhauf zu finden sind. Manche Sequenzen sind tief
beeindruckend,
so zum Beispiel das absurde Abendessen mit Madeleines
komplett bizarrer
Familie,
das
Bleichert über sich ergehen lassen muss. Besonders hervor
stechen
die Szenen mit Mia Kirshner, die das Mordopfer Elizabeth
Short spielt:
Die Cops finden eine Reihe von Kameratests der
aufstrebenden Schauspielerin
vor ihrem Tod, und obwohl sie für die eigentliche
Krimigeschichte
größtenteils unbedeutend sind, wirken diese Szenen in
ihrem kontrastreichen Schwarz/Weiß und vor allem aufgrund
von Kirshners beängstigend intensivem Spiel gleichermaßen
faszinierend wie beunruhigend. Trotzdem bleibt Bleicherts
erotische
Faszination für die Tote, die ihn schließlich in die
Arme der ihr so ähnlichen Madeleine treibt, eine nur
schwer
nachzuvollziehende Behauptung.
Anderenorts vergreift sich de Palma allerdings in seinen
Regieentscheidungen
und übertreibt. Eine zentrale Sequenz in einem Treppenhaus
ist mit stilistischen Referenzen und Kameramätzchen derart
überladen, dass sie sich nur noch um sich selbst und nicht
um die (immens wichtige) Handlung zu drehen scheint. Die
Beharrlichkeit,
mit der sich die Protagonisten in fast jeder einzelnen
Szene eine
Zigarette anstecken, hat auch nichts mehr mit historischer
Authentizität
zu tun, sondern ist der visuellen Ästhetik des Rauchens
geschuldet,
von der de Palma (ganz klassisch Noir) allzu gern und sehr
viel
Gebrauch macht, ohne damit wirklich Wirkung zu erzeugen.
Nicht ganz gelungen ist leider auch die Besetzung: Während
Aaron Eckhart als ebenso tougher wie undurchschaubarer
Blanchard
brilliert, muss sich Posterboy Josh Hartnett mächtig
strecken,
um als alleiniger Protagonist und Ich-Erzähler den Film
angemessen
tragen zu können. Obwohl Hartnett ein guter Schauspieler
ist,
wirkt er mit seinen weichen Zügen in der kantigen Welt der
40er irgendwie deplatziert. Richtiggehend verkehrt herum
besetzt
wurden die beiden tragenden weiblichen Rollen. Wie so
viele Noir-Helden
vor ihm steht auch Bleichert zwischen einer Frau, mit der
er zusammen
sein sollte, aber
es
nicht kann (in diesem Falle, weil sie die Freundin seines
Partners
ist), und einer, mit der er zusammen sein kann, aber es
nicht sollte.
Scarlett Johansson spielt hier die erste Sorte, evoziert
aber so
wirkungsvoll Erinnerungen an legendäre Noir-Blondinen wie
Barbara
Stanwyck, dass man sich im Nachhinein wünscht, sie hätte
den Part der Femme Fatale bekommen. Der wiederum bleibt
aber Hilary
Swank überlassen, die trotz zwei hochverdienter Oscars
(für
"Boys don't cry" und "Million
Dollar Baby") in dieser Rolle ganz oberflächlich an
ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung scheitert. Gegen
Johanssons
rauchige Präsenz ohnehin chancenlos, wird Swank selbst
durch
die kurzen Schwarz/Weiß-Auftritte Mia Kirshners
ausgestochen
und kann nie die unterschwellige Gefährlichkeit lebendig
machen,
die ihre Figur eigentlich auszeichnen sollte. Als Femme
Fatale eine
glatte Fehlbesetzung.
So bleibt "The Black Dahlia" durch die Bank ein sehr zweischneidiges Schwert, mit bemerkenswerten Stärken ebenso wie offensichtlichen Schwächen. Vorausgesetzt, man kann der hochkomplizierten Handlung noch folgen, wartet hier eine spannungs- und facettenreiche Krimigeschichte, deren psychologischer Unterbau dem Publikum nach Filmende noch viel zu kauen gibt. Um sicherzustellen, dass die Zuschauer auch mithalten können, wäre es allerdings ratsam gewesen, die Erzählung stellenweise etwas auszubremsen und mehr Orientierungshilfen einzubauen, um zu gewährleisten, dass man als Zuschauer der Geschichte gut genug folgen kann, um die vielfältigen psychologischen Zwischentöne auch noch auffangen zu können. Denn so verbleibt "The Black Dahlia" als ein überambitionierter Film, der Gefahr läuft, sein Publikum auf halber Strecke zu verlieren.



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