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360

360
episodenfilm , großbritannien/frankreich/Österreich 2011
original
360
regie
fernando meirelles
drehbuch
peter morgan
cast
rachel weisz,
jude law,
anthony hopkins,
gabriela marcinkova,
lucia siposová, u.a.
spielzeit
110 Minuten
kinostart
16. August 2012
homepage
http://www.360-derfilm.de/
bewertung

5 von 10 Augen
360 - Filmplakat

Wer einmal eine außergewöhnliche Leistung abgerufen hat, der wird in der Zukunft stets daran gemessen werden. Das mag unfair erscheinen, ist aber ein Phänomen, das sich nicht nur bei Sportveranstaltungen wie den gerade beendeten Olympischen Spielen beobachten lässt. Wer wie Regisseur Fernando Meirelles (“City of God“, “Der ewige Gärtner“) und Drehbuchautor Peter Morgan (“Die Queen“, “Frost/Nixon“, “Der letzte König von Schottland“) in den letzten Jahren gleich mehrere großartige Filme erschaffen hat, der hat nun einmal dafür gesorgt, dass das Publikum nun in Regelmäßigkeit weitere beeindruckende Leistungen erwartet. Das wiederum ist aber ein Druck, dem man weder als Sportler noch als Künstler gerecht werden kann. Doch selbst wenn man das berücksichtigt fällt es schwer, nicht von dem über weite Strecken banal-belanglosen “360“ enttäuscht zu sein, der außer ein paar ordentlichen Schauspielerleistungen und ein paar netten Regieeinfällen nur wenig Argumente für seine Existenz bietet.

Eine glückliche Ehe sieht anders ausWie viele andere Episodenfilme versucht auch “360“ auf möglichst elegante Weise mehrere scheinbar eigenständige Geschichten zu einem großen Ganzen zu verknüpfen. In Wien bucht so zum Beispiel der britische Geschäftsmann Michael (Jude Law) die Dienste der Prostituierten Mirka (Lucia Siposová), während Michaels Ehefrau (Rachel Weisz, "The Fountain") in London die freie Zeit für eine Affäre mit einem brasilianischen Fotografen nutzt. Dessen brasilianische Freundin Laura (Maria Flor) entdeckt den Betrug und macht sich wütend auf den Weg in die Heimat, wo sie im Flugzeug auf einen älteren Mann (Anthony Hopkins) trifft, der seit Jahren verzweifelt nach seiner vermissten Tochter sucht. Wenig später begegnet Laura dann auch noch dem gerade entlassenen Sexualstraftäter Tyler (Ben Foster), der mit seiner Vergangenheit ringt. Währenddessen erwidert in Paris der scheinbar kaltblütige Leibwächter Sergei (Vladimir Vdovichenkov) die Liebe seiner Frau nicht, und begleitet stattdessen lieber seinen dubiosen Boss mit geladener Waffe nach Wien. Womit wir wieder am Anfang wären.


Anthony HopkinsDas ist schon so eine Sache mit diesen Episodenfilmen. Da man relativ wenig Zeit für die einzelnen Figuren hat, braucht man schon eine wirklich gute Geschichte und starke Charaktere, um unter diesen erschwerten Bedingungen einen Film zu produzieren, der auch wirklich beim Zuschauer Spuren hinterlässt. Genau das ist aber das Problem hier. Vor allem inhaltlich ist der Film einfach viel zu platt, was gerade bei Meirelles sehr überraschend ist. Seine bisherigen Filme, also “City of God“, “Der ewige Gärtner“ und selbst der misslungene “Die Stadt der Blinden“ hatten alle sehr einfallsreiche, kraftvolle, ja schon fast riskante Geschichten zu bieten. Und jetzt kommt da ein Film, der ab und zu etwas von den Weggabelungen des Lebens faselt aber meist dann doch nur einen sehr oberflächlichen Blick auf die Befindlichkeiten seiner Protagonisten wirft.

Sergei Auf der einen Seite gibt es dabei in “360“ Geschichten, die schon an sich vollkommen uninspiriert daherkommen. Ganz schlimm hat es dabei Jude Law und Rachel Weisz erwischt. Ihre Figuren haben kaum die Zeit sich zu entwickeln. Kein Wunder, wenn man die beiden nur wenige Momente miteinander agieren sieht. So kümmert es einen eben nicht, ob die zwei denn nun den anderen betrügen und ob sie nachher wieder zueinander finden. Law und Weisz wirken dann auch schauspielerisch spürbar unterfordert und schlafwandeln fast durch ihre Rollen und die platte Handlung. Ebenfalls keinen Kreativitätspreis gewinnt die Geschichte rund um eine Prostituierte, die auf der Suche nach dem großen Geld ist. Das hat man nicht nur schon oft genug, sondern vor allem auch schon viel besser gesehen. Auch hier existiert wieder das Problem, dass man abgesehen davon, dass Mirka arm ist und reich werden will, nicht viel mehr über die Figur erfährt. Gegen Ende wird dann auch noch ein unnötiger Action-Teil angetackert, der zwar zumindest etwas den Spannungsbogen hebt, aber doch wie ein Fremdkörper wirkt.

TylerAuf der anderen Seite gibt es dann aber auch Handlungsstränge, die thematisch durchaus was hergeben könnten. Anthony Hopkins befindet sich in so einem, muss sich aber vor allem in den Szenen mit der jungen Laura durch einige sehr konstruierte Dialoge quälen. Es ist dem Charme des alten Schauspielrecken zu verdanken, dass diese Episoden trotzdem mit zu den Besten zählen. Auch das Treffen von Laura mit dem vorbestraften Vergewaltiger Tyler wirkt arg konstruiert, was der eigentlich interessanten Figurenkonstellation auch wieder Stärke raubt. Es ist überhaupt ein genereller Eindruck, dass manche Figuren immer wieder wirklich auf Biegen und Brechen zur Interaktion gezwungen werden. Warum zum Beispiel Sergei später eine der anderen Figuren auf eine Spritzfahrt in sein Auto einlädt, widerspricht vollkommen dem Charakter, den wir vorher kennengelernt haben. Natürlich, bei einem Episodenfilm sollte man schon mal in Sachen Zufall ein Auge zudrücken, aber man hat eben oft das Gefühl, dass Figuren nur noch weiter miteinander reden, weil das Drehbuch es ihnen vorschreibt.

Trotzdem gibt es hier durchaus ein paar nette Momente und es können auch die meisten Figuren - abgesehen von Law und Weisz - dank ihrer Darsteller durchaus ein bisschen Charme entwickeln. Aber für einen wirklich bleibenden Eindruck reicht das dann doch nicht. Da kann sich Meirelles noch so viele Mühe mit seiner durchaus gekonnten Inszenierung geben, die auch immer wieder mit ein paar netten grafischen Spielereien bei der Verknüpfung der einzelnen Stränge aufwartet.

Was als eine Liebeserklärung an das Leben und die Hingabe für andere Menschen gedacht war sowie die Entscheidungen, die man in dieser Hinsicht treffen muss, ist nachher nur ein banales Puzzle aus oberflächlichen Einzelstücken geworden. Es fehlt einfach die emotionale Wucht und der Tiefgang, und so ist “360“ leider einer dieser Filme geworden, bei dem man sich den Kinobesuch guten Gewissens sparen kann. Denn wieso sich mit Durchschnitt zufrieden geben, wenn man daheim ganz gemütlich das deutlich bessere “Babel“ in den DVD-Player einlegen kann. Schau her Fernando, so werden Episodenfilme gemacht.

Matthias Kastl

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