Können Sie mal kurz schauen? Das 25. Internationale Kurz Film Festival Hamburg

von Margarete Prowe / 18. September 2010

Wer einen neuen persönlichen Rekord für die meisten angeschauten Filme in einem Zeitraum von wenigen Tagen aufstellen möchte, besucht am besten ein Kurzfilm-Festival. Da gibt es nämlich nicht nur sehr viele, sondern meist auch sehr schöne, einfallsreiche, überraschende und einfach mal andere Filme zu sehen. Wie bei der 25. Auflage des Kurzfilmfestivals in Hamburg, das sich unsere Redakteurin Margarete Semenowicz (fast) in seiner Gesamheit angesehen hat.

Die Eröffnung:

In Hamburg scheint sich 2009 so ziemlich jede Filmveranstaltung zu jähren: Nachdem wir unsere Stäbchen nach dem 20. Japanischen Filmfest Hamburg gerade erst aus den Fingern gelegt haben, feiern wir auch schon das nächste Jubiläum.

1985 hatten ein paar Freunde die Idee, im Metropolis-Kino einen Kurzfilmabend zu veranstalten (damals noch unter dem Titel NoBudget). Dieser wuchs sich über die Jahre zum Internationalen Kurz Film Festival aus, welches dieses Jahr schon mit 4000 Einsendungen glänzen kann. Das Angebot ist heute breit: Vom Deutschen und Internationalen Wettbewerb zum NoBudget Wettbewerb, vom gleichzeitigen Mo&Friese Kinder Kurz Film Festival mit Kurz Film Schule bis zum Wochenendworkshop zur Gestaltung von Filmtiteln reicht das Spektrum, und wem das nicht reicht, der geht mit den Filmemachern in den Festivalclub im Hafenklang Exil.

Bei der Eröffnung im Metropolis konnten wir schon mal in die verschiedenen Kategorien reinschauen: Den Deutschen Wettbewerb (Thema 4: Ich & Ich) läutete "Die Leiden des Herrn Karpf. Der Geburtstag" ein (Lola Randl, Deutschland, 2008, 10 min). Dieser gehört in eine Reihe von Herr-Karpf-Filmen der Kölner Kunsthochschulabsolventin Lola Randl. In dieser Folge hat Herr Karpf Geburtstag und ist erstaunt, dass keiner anruft. Klingt simpel, ist aber sehr witzig.

Danach folgte "Dropping Furniture" (Harald Hund, Österreich 2008, 5'25) aus dem Internationalen Wettbewerb (Thema 6: Zwischen Ruhe und Stille), einer der besseren Experimentalfilme des Festivals: Möbel fallen in Zeitlupe von der Decke und zerschellen auf dem Boden, während im Hintergrund ein Telefon klingelt. Etwas langweilig, aber immerhin kürzer als Antonionis "Zabriskie Point".

"Vielfalt Erforschen" (Rainer Knepperges und Katrin Leuthe, Deutschland 2008, 1'17) aus dem "Flotter Dreier"-Wettbewerb mit Filmen unter drei Minuten Länge hingegen ist kurz und schön. Es geht um eine aussterbende Art: Das Wesen aus Beton. Liebevoll wird es in seinem Habitat gezeigt.

Beim Kurz Film Festival gibt es dieses Jahr ein Länderspecial zu Rumänien, einem Land, in welchem es nach wie vor nur wenige Kinos gibt und die Produktionsbedingungen auch heute noch zu wünschen übrig lassen. Die Reihe wird vorgestellt mit "18 ani. Stop-Cadru" (dt. "Schnappschuss mit 18 Jahren", Sabina Pop, Rumänien,1986, 10'00). Eine Abschlussklasse feiert sich selbst. Dieser Film lief auf verschiedenen Festivals, durfte aber erst 1989, nach dem Ende der sozialistischen Diktatur, in Rumänien selbst gezeigt werden.

"Telling Lies" (Simon Ellis, England 2000, 4'10) ist ein höchst amüsanter Kurzfilm, der die Diskrepanz zwischen gesprochenem Wort und gedachtem Text wunderbar zeigt. Ein Mann telefoniert, der Ton ist das jeweilige Telefonat, der Text im Bild hingegen zeigt, was am anderen Ende der Leitung wirklich gedacht wird.

"The Control Master" (Run Wrake, England 2008, 6'45) ist ein Animationsfilm aus der Jungendreihe "Taufrisch" (und gleichzeitig im Internationalen Wettbewerb Thema 3: Widerstand) mit Bildern von CSA Images, der aus Comicfiguren ein neues Universum schafft, in dem der böse Control Master die friedliche Halftone City bedroht. Ein Superheld und eine Frau, die in einen Hund verwandelt wurde, versuchen die Stadt zu retten.

"Vete al diablo" (dt. Geh zum Teufel, Federico Lamas, Argentinien 2009, 5'30) aus dem NoBudget Wettbewerb (Thema 3: Zeit trifft Raum) verfolgt den Gedanken, wie es wäre, wenn ein Fußgängerzonenprediger wirklich Menschen in die Hölle schicken könnte, die er der Sünde für schuldig hält. Dieser experimentelle Dokumentarfilm ist von der Idee her witzig, wiederholt diese allerdings fünf Minuten lang, was den Effekt irgendwann erlahmen lässt.

Zum Abschluss der Eröffnung gab es ein besonderes Schmankerl aus der Reihe "Gruppe Arnold Hau": "Hier ist ein Mensch" (Arnold Hau, Deutschland 1972, 2'55), ein Musikvideo der Gruppe Hau zu Peter Alexanders Gassenhauer. Die Geschichte der Gruppe Arnold Hau begann 1966 mit dem Buch "Die Wahrheit über Arnold Hau" von F. K. Waechter, Robert Gernhardt und F. W. Bernstein, einer Biografie über das Leben und Werk des fiktiven Dichters, Denkers, Zeichners, Malers und Städteplaners Arnold Hau. Die drei gehörten zur Gründungsredaktion der literarisch-satirischen Zeitschrift Pardon und waren 1979 Mitgründer des Satiremagazins Titanic. Aus Arnold Hau wurde dann auch noch ein Regisseur, der zum Beispiel im genannten Musikvideo den Text sehr wörtlich verfilmt: "Hier ist ein Mensch, der ist allein. Du bist es nicht. Ruf ihn herein. - Hier ist ein Mensch, der will zu dir. Du hast ein Haus - öffne die Tür."

Mo&Friese Late Night - Kinderkurzfilme ausnahmsweise für Erwachsene

Gleichzeitig mit den Internationalen Kurz Film Festival tobt gerade das 11. Kinder Kurz Film Festival Mo&Friese durch die Hansestadt, in dem internationale Kurzfilme in vier Alterskategorien (ab 4, 6, 9, 12) gezeigt werden. Einige Einsendungen waren eigentlich für das Internationale Festival gedacht, wurden aber für das Kinder Festival ausgewählt. Eine Auswahl aus allen Reihen wurde abends auch Erwachsenen gezeigt, damit die Filme auch mal von der "arbeitenden Bevölkerung" und auch von anderen Filmemachern gesehen werden konnten. Es war erfreulich, dass Regisseure anwesend waren, die dem Publikum Rede und Antwort standen.

Den Anfang machte der bezaubernde und sehenswerte Animationsfilm "rif" (dt. das Riff, Niederlande 2008, Eric Steegstra 12 min). Zwei Taucher tauchen ein in eine schillernd bunte Unterwasserwelt. Tiere, Pflanzen und Taucher sind Marionetten und so hat der Film eine unglaubliche Menge an Marionettenspielern im Abspann. Wunderschön passen hier Ton und Bild zusammen, Steestra, der Regisseur, zog nicht nur zusätzlich an Puppenfäden, sondern schrieb auch die beeindruckende Filmmusik, durch die das Wesen der sich im Takt bewegenden Kreaturen umspielt wird. Auch hier zeigt sich übrigens der in wohl jedem neuen Unterwasserfilm zu findende "Nemoeffekt": Der Zuschauer hofft insgeheim auf einen Clownsfisch und alles freut sich riesig, wenn endlich einer erscheint.

Darauf folgt ein Film der ganz anderen Art: In "Saltmark" (dt. Salzmangel, Robin Haig, Schottland 2008, 10'40) soll eine Teenagerin ihren Großvater in einer kleinen schottischen Stadt am Meer besuchen. Durch seine Gebrechlichkeit wird aus einer lästigen Pflicht eine Demütigung vor Schulkameradinnen. Beiden Beteiligten ist die Situation irgendwie peinlich, aber trotzdem sind sie am Ende des Films mit Fish & Chips auf dem Schoß miteinander versöhnt. Dies ist ein schöner Film, der das Altern nicht beschönigt, sondern zeigt, wie diese zwei Generationen damit umgehen.
Robin Haig ist an diesem Abend anwesend und erklärt, dass dieser Film ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem Großvater darstellt. Ihr Opa wandelte sich innerhalb von zwei Jahren von einem Mann, der alles allein konnte, in jemanden, der nichts mehr ohne Hilfe konnte. Sie bemerkte damals, dass das gemeinsame Ritual, zusammen Fish & Chips essen zu gehen, ihm sehr am Herzen lag, weil es zu dem bisschen Normalität in seinem Leben gehörte.

"Houna & Manny" (Jared Katsiane, USA 2009, 10 min) treffen sich vor der US-Einwanderungsbehörde, in der jeweils ein Elternteil gerade ist. Sie vertreiben sich die Zeit, werden aber immer unruhiger, weil das Warten immer länger dauert und die Dinge in ihrer Erfahrung nicht immer ein gutes Ende finden. Der Film zeigt eindringlich, dass auch die Kinder nicht unbeschwert leben, sondern von den Schwierigkeiten mit Einwanderungsbehörden wissen und sich im Formulardschungel auskennen.
Der Animationsfilm "KJFG No. 5" (Alexej Alexeev, Ungarn 2007, 2 min) brachte das ganze Kino zum Lachen. Drei sehr schräge Musiker, Bär, Kaninchen und Wolf, üben im Wald musizieren, als der Jäger mit seinem Hund kommt. Die Musik ist unglaublich komisch, so dass hinterher nach Zugaben gerufen wurde. Wofür der Titel steht, wurde allerdings auch von uns nicht herausgefunden.

"Maggie und Mildred" (Holly Klein, USA 2008, 4 min) ist ein Animationsfilm, der sich hauptsächlich durch seine Art der Animation auszeichnet: Er ist komplett in Kreuzstich gestickt. Und wir dachten, das Anfertigen von Filmen in Stop Motion würde lange dauern….

In "Pakoon" (dt. Die Flucht, Helena Yli-Kyyiny, Finnland 2008, 3'22) sind zwei Mädchen auf der Flucht im Wald. Etwas Bedrohliches kommt näher. Da stolpert die eine. Die Regisseurin Helena Yli-Kyyiny erzählt dazu, dass sie darstellen wollte, welche Kraft die Imagination von Kindern hat und wie schnell man eine Atmosphäre ändern kann, wenn man ein Kind ist. Dies war ihr erster Film, ein Uniprojekt, welches sie mit einem Kamerastudenten und einem Tonstudenten zusammen umsetzte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Der Einsatz der Steadycam trägt hier mit der Musik viel zum Effekt bei.

"4 Kilometer" (Miri Shapiro, England / Israel 2008, 22'30min) ist der Film, der an diesem Abend die meisten Fragen an die Regisseurin aufwarf. Ein Mädchen in einem (nicht von der israelischen Regierung anerkannten) Beduinendorf wohnt vier Kilometer von der Zivilisation entfernt. Sie liest heimlich Bücher, muss sich aber statt um die Schule um Ziegen und ihre Geschwister kümmern. Die israelische Filmemacherin Miri Shapiro kam auf ihrem Weg zu einem anderen Filmprojekt an den Blechhütten der Beduinendörfer vorbei und entschied sich, dass sie darüber einen Film drehen wollte. Diese Idee konnte allerdings nicht mit den Frauen der Beduinen realisiert werden, da diese andere Aufgaben haben und in diesem kritischen Film nicht hätten mitspielen dürfen. Shapiro brauchte viel Zeit, um innerhalb Israel überhaupt arabische Frauen zu finden, die in ihrem Film spielen durften. Es gibt 45 nicht von der Regierung anerkannte Beduinendörfer in Israel, deren Blechhütten immer mal wieder von Soldaten niedergerissen und dann wieder an anderer Stelle von den ehemaligen Nomaden wieder aufgebaut werden. Wenige der Mädchen dürfen die Schule besuchen, wenn sie es dürfen, dann nur wenige Jahre, da es sonst nicht mehr als sicher gilt, die Distanz zur Schule zurückzulegen.

Der Abschlussfilm des Abends ist "zZz is playing: Grip" (Roel Wouters, Niederlande 2007, 4'10 min), ein Musikvideo, in dem Trampolinturner Videoeffekte nachmachen. Das Ganze sieht durch die Übereinstimmung von Musik, Texttafeln und Personen sehr cool aus und macht Spaß. Zum Beispiel macht ein Springer Salti, auf dessen Schild "Rotate. Pulse." steht.
Mehr zu den Wettbewerben und Filmen des Festivals in den kommenden Tagen.

Mehr Informationen auf der offiziellen Website http://festival.shortfilm.com/


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