Barbaren

von Matthias Kastl / 25. Oktober 2020

Es ist ja gerade eine ziemlich spannende Zeit für deutsche TV-Produktionen. Mit Netflix hat ein Player den Markt betreten, der nun einst eher schwierig zu platzierenden Stoffen eine Chance gibt. So hat der berüchtigte Netflix-Algorithmus wohl erkannt, dass beim Publikum ein Bedarf nach historischen Geschichten à la "Vikings" besteht. Also bekommen wir nun die sechsteilige deutsche Mini-Serie "Barbaren" serviert, die sich der legendären Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus annimmt. An einer wirklich epischen Repräsentation der Schlacht scheitert es zwar aus Budgetgründen und so richtig mitreißen kann die eher generische Story auch nur bedingt. Aber ein stimmungsvolles Setting und das relativ zügige Tempo machen "Barbaren" zu einer zwar nicht tiefgründigen, aber dann doch zumindest kurzweiligen Form von Entertainment.  

Wir schreiben das Jahr 9 nach Christus. Und nein, ganz Germanien ist nicht von Römern besetzt. Sehr wohl aber die Gegend rund um den Teutoburger Wald, wo sich die germanischen Stämme mit dem römischen Befehlshaber Varus (Gaetano Aronica) herumschlagen müssen, der von ihnen utopische Tribute einfordert. Im Stamm der Cherusker brodelt es deswegen mächtig, doch deren Fürst Segimer (Nicki von Tempelhoff) möchte den Frieden mit den übermächtigen Römern nur ungern brechen. Die heißblütige Thusnelda (Jeanne Goursaud) und der nicht weniger rebellische Folkwin Wolfspeer (David Schütter) sehen das aber anders und möchten am liebsten jedem Römer direkt an die Gurgel.

Die vertrackte Situation wird nicht gerade dadurch einfacher, dass ausgerechnet Arminius (Laurence Rupp), der Ziehsohn des Varus, in die Gegend versetzt wird. Bei diesem handelt es sich nämlich um den leiblichen Sohn von Segimer und den besten Kindheitsfreund von Thusnelda, der einst von den Römern entführt wurde und der nun in deren Namen aufmüpfige Stammesrevolten niederschlagen darf. Spannungen sind vorprogrammiert und schon bald wird Arminius klar, dass er seine Gesinnung vielleicht doch noch einmal überdenken sollte.

Nun ist das ja mit über 2000 Jahre alten historischen Ereignissen so eine Sache. Was damals im Teutoburger Wald wirklich wie und warum genau passiert ist, lässt sich nur noch bedingt ermitteln. Noch heute ist man sich ja sogar über den genauen Standort der legendären Schlacht unsicher. Eines ist aber sicher: der gute Arminius hat damals aus bescheidenen Mitteln das Maximum herausgeholt und mit einem losen Verbund germanischer Stämme mal eben ein Achtel der kompletten römischen Armee vernichtet.  

Im Vergleich zu großen Hollywood-Produktionen hat "Barbaren", was das Budget angeht, ebenfalls eine Underdog-Rolle inne. Schlachtspektakel a la "Gladiator" ist hier natürlich einfach nicht drin. Aber dieses Nachteils ist sich die Serie durchaus bewusst und so fokussiert man sich auf wenige Locations, stellt eher persönliche Beziehungen und auch mehr die Ereignisse vor der Schlacht in den Vordergrund. Mit anderen Worten, man hält die Geschichte erst mal eher klein und intim. Viel Zeit verbringen wir deswegen entweder im römischen Lager oder im Dorf der Cherusker, wobei vor allem letzteres mit ziemlich viel Liebe fürs Detail in Punkto Sets und Kostümen umgesetzt wurde. Überhaupt ist die Serie optisch durchaus stimmungsvoll und schön anzuschauen. Man merkt, dass die Macher sich wirklich Mühe geben wollten, trotz Budgetrestriktionen die Zuschauer auch optisch erfolgreich in die damalige Zeit zu transportieren.

Es steckt also jede Menge Herzblut in der Ausstattung und auch die eher spärlichen Computeranimationen sind durchaus ordentlich umgesetzt. Die Macher geben sich auch die Mühe immer wieder ein paar nette Einblicke in die Bräuche der Barbaren zu vermitteln, wohingegen man über die Römer eher weniger interessantes erfährt – bei dem Namen der Serie aber durchaus nachvollziehbar und verschmerzbar. Auch an die entscheidenden Eckdaten rund um die Schlacht hält man sich, nimmt sich aber natürlich jede Menge dramaturgischer Freiheiten was das Figurenkarussell angeht.

So wird die Motivation hinter Arminius' Entscheidung, den eigenen römischen Ziehvater zu verraten weniger als Konsequenz eines strategischen Plans, sondern viel mehr als eine emotionale Reaktion auf alte Gefühle dargestellt. Insbesondere die alte Freundschaft mit Thusnelda und Folkwin wird in der Serie für Arminius' Entscheidungen verantwortlich gemacht, was der ganzen Angelegenheit etwas sehr Persönliches gibt. Damit wird man zwar als Zuschauer enger an die zentralen Figuren gebunden, doch so ein bisschen raubt es der Schlacht auch an Größe und Bedeutung, wenn der zentrale Auslöser dafür hier nun eher als persönliche Laune denn großer strategischer Plan präsentiert wird.

Die Serie braust dabei mit relativ hohem Erzähltempo durch ihre sechs Folgen, was Segen und Fluch zugleich ist. Für manche Passagen hätte man sich nämlich durchaus mehr Zeit und Kreativität nehmen sollen. So gibt es in der ersten Folge gleich einmal den obligatorischen Raub der römischen Standarte durch Thusnelda und Folkwin zu sehen – ein in dem Genre schon sehr oft genutzter Storystrang. Leider ist der Plan der zwei für den Raub nicht gerade einfallsreich. Trotzdem funktioniert er erstaunlich einfach, was wiederum die Römer nicht unbedingt in ruhmreichem Licht erscheinen lässt. Was eine mitreißende Angelegenheit hätte werden können wird so zu einem eher unspektakulären fünfminütigen Mini-Abenteuer, das den Zuschauer nur bedingt begeistert. Das hat man schon deutlich besser umgesetzt gesehen.

Genau das lässt sich über die meisten Handlungsstränge der Serie sagen. Es gibt den üblichen Verrat, natürlich ein emotionales Liebesdreieck und der gute Arminius hat Visionen von Wölfen, die ihn an die eigene Herkunft erinnern. Alles sehr vertraute Bilder und Storyelemente aus dem Genre und leider sind diese jetzt nicht so packend umgesetzt, um diese Vertrautheit komplett in den Hintergrund treten zu lassen. 

Gemischt fällt auch das Urteil über die Darsteller aus. Laurence Rupp macht als Arminius einen wirklich guten Job und wirkt dabei ein bisschen wie ein junger Gabriel Byrne (ein bisschen bezeichnend, schließlich ist der ein "Vikings"-Veteran). Auch die restlichen Darsteller werfen sich hochmotiviert ins Zeug, allerdings merkt man dann eben schon, dass es in Deutschland deutlich schwieriger ist auch die zweite Garde mit erstklassigen Darstellern zu besetzen. Stellenweise wirken die Auftritte wie die Proben der örtlichen Theatergruppe, was durch die teilweise etwas zu gestelzt und steif wirkenden Dialoge nur noch verstärkt wird. Und ob es dem Realismus zuträgt, dass Folkwin so klingt als ob er gerade aus einer Berliner Kneipe kommt, ist auch eher zweifelhaft.  

Am Einsatzwillen der Darsteller mangelt es aber wie gesagt nicht und auch die Inszenierung ist durchaus gelungen. Und so gibt es am Ende immer noch genug Interessantes auf dem Bildschirm zu sehen, um auch diese Schwächen zumindest teilweise kulant zur Seite schieben zu können. Aber es gelingt "Barbaren" eben nie so richtig packende Unterhaltung abzuliefern. Für pures Entertainment wirkt die Serie manchmal zu verkrampft und für eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der damaligen Zeit mangelt es an der nötigen Tiefe und Kreativität. So bleibt die zentrale Stärke die gelungene Optik und das hohe Tempo, das "Barbaren" bis zum Ende durchzieht.

Womit wir dann auch bei der großen Schlacht ankommen, die natürlich den Höhepunkt der Serie bildet. Und hier dürfen wir dann doch noch einmal loben, denn man hat sich durchaus erfolgreich Gedanken gemacht, wie man auch mit kleineren Mitteln ein ordentliches Ergebnis einfahren kann. Das Ganze ist zwar weit davon entfernt episch zu wirken, dramaturgisch aber dann doch durchaus überzeugend. Man bekommt auf jeden Fall ein gutes Gefühl dafür, wie Arminius eventuell die übermächtigen Römer aufs Kreuz gelegt haben könnte. 

Interessanterweise hat das Produktionsteam wohl aber sehr großen Respekt vor dieser Folge gehabt, weswegen man für das Finale der Serie extra den erfahrenen "Vikings"-Regisseur Steve Saint Leger anheuerte (womit das Vorbild der Serie noch einmal deutlich wird). So ganz traut man sich hierzulande dann vielleicht ja doch noch nicht alles zu. Und so wirkt die Serie dann eben doch ein wenig so, als ob man sich noch ein bisschen in der Experimentierphase in diesem für die hiesige Produktionslandschaft so ungewohntem Genre befindet.

Und auch wenn wir aufgrund der deutlichen Schwächen die Serie hier nicht wirklich empfehlen können, ist es doch schön zu sehen, mit wieviel Herzblut und Einsatz die Macher diese schwierige Herausforderung angenommen haben. Und die Geschichte des Arminius ist ja mit der Varusschlacht noch lange nicht fertig erzählt...

Bilder: Copyright

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