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Happy Birthday, Wim Wenders - Eine Retrospektive zum 60. Geburtstag

Dani Levy ("Alles auf Zucker") sagte in einem Interview, wenn er an Wim Wenders denke, dann denke er "an den nüchternsten Träumer, den deutschesten Spinner diesseits von Hollywood" und daran, "ob dieser Mensch wirklich 60 Jahre alt oder nicht doch ein Junge geblieben ist".

Die Anfänge: Wenders und der Neue Deutsche Film

Dass Wenders Filmemacher werden würde, erschien am Anfang seines Lebens sehr unwahrscheinlich. Seine erste Begegnung mit dem Kino verlief höchst dramatisch und löste jahrelang Albträume aus. Seine Großmutter wollte den damals vielleicht Siebenjährigen zu einem "Laurel und Hardy"-Film mitnehmen, allerdings landeten sie stattdessen, weil es ein Doppelprogramm war, in einem brutalen Horrorfilm.

Ein Vierteljahr nach dem Kriegsende wird Wim (Wilhelm Ernst) Wenders am 14. August 1945 in ein katholisches und konservatives Elternhaus in Düsseldorf geboren. Als er vier Jahre alt und sein Bruder Klaus gerade geboren ist, wird sein Vater Chefarzt in Oberhausen-Sterkrade, wo der kleine Wim nun in der Nachkriegszeit aufwächst. Geprägt von seinem Elternhaus will er bis zum 16. Lebensjahr eigentlich katholischer Priester werden, doch kommt etwas dazwischen: Der Rock'n'Roll. Er entdeckt den Mythos Amerika, der in seinem späteren filmischen Schaffen eine bedeutende Rolle spielen wird.
Nach dem Abitur 1963 geht Wenders an die Uni und kann bald als Vorbild für jeden Studienabbrecher fungieren: Zwei Semester Medizin in München (Papa ist ja auch Arzt), ein Semester Philosophie in Freiburg, ein Semester Soziologie in Düsseldorf - dann brach er erst einmal komplett ab und vertiefte sich in das, womit er sich sowieso während seiner Studien statt des Lernens beschäftigt hatte: Aquarellmalerei. Immerhin fand Wenders während seiner Unizeit einen Freund, der später zu seinem Erfolg einiges beisteuern sollte: den österreichischen Autor Peter Handke.
1966 zieht Wenders nach Paris, um sich dort an der angesehenen Filmhochschule IDHEC (Institut des Hautes Etudes Cinématographiques) zu bewerben. Er hat jedoch überhaupt keine Chance. Einsam lebt er ein Jahr in einer eiskalten Wohnung, fühlt sich unwohl, aber entdeckt immerhin einen Ort, an dem er im Warmen sitzen und seine Einsamkeit vergessen kann: die von Henri Langlois (dem Wenders' Film "Der Amerikanische Freund" gewidmet ist) geleitete Cinémathèque Francaise, in der er bis zu fünf Filme am Tag sehen kann. In nur einem Jahr sieht er über eintausend Titel der Filmgeschichte, darunter die Meisterwerke von Fritz Lang, Nicholas Ray, Raoul Walsh, John Ford und Howard Hawks. Dieses autodidaktische Filmstudium formt seine Vorlieben und zeigt ihm, was alles möglich ist mit dem Medium Film.

Aus Paris zurückgekommen, macht Wenders ein dreimonatiges Praktikum bei United Artists in Düsseldorf, was den jungen Mann aber statt zu inspirieren arg entnervt. Er schreibt sich seinen Frust mit dem Kurzessay "Verachten was verkauft wird" von der Leber und beklagt darin zum Beispiel die lieblose Behandlung von Bildern, Ton und Sprache und das rücksichtslose Kürzen von Filmen.
Nach diesem Praktikum landet Wenders endlich an dem Ort, der für ihn zum Sprungbrett wurde: Die neu gegründete Hochschule für Film und Fernsehen in München. Diese handwerkliche Ausbildung unterscheidet ihn von den anderen großen Namen des Neuen Deutschen Films: Rainer Werner Fassbinder ("Die verlorene Ehre der Katharina Blum") hatte die Aufnahmeprüfung in München nicht geschafft, und Volker Schlöndorff hatte das Filmemachen als Regieassistent gelernt.

"Summer in the City" (1970) war Wenders' Abschlussfilm an der HFFM und handelte von einem Mann, der aus dem Gefängnis entlassen wird und - als eine der typischen einsamen Gestalten aus Wenders' Filmen - seinen Platz in der Gesellschaft nicht mehr findet. Es war untypisch, dass dieser Abschlussfilm Spielfilmlänge hatte, aber Wenders benutzte statt des teureren 35mm-Farbfilms 16mm Schwarz-Weiß und drehte jede Szene nur einmal. Hier begann auch seine Zusammenarbeit mit dem Kameramann Robby Müller, die bis heute andauert.
In der ersten Rohfassung war der Film allerdings über drei Stunden lang. An dieser Stelle half Wenders ein Bekannter, der fast ohne professionelle Edit-Erfahrung den Film auf 125 Minuten kürzte: Peter Przygodda, der später unter anderem auch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter", "Paris, Texas", "Der Himmel über Berlin" und das neueste Wenders-Werk "Don't Come Knocking" schneiden würde. Das war allerdings bei weitem nicht die einzige Komplikation bei diesem ersten Spielfilm von Wenders. Der Tonmann baute Mist, seine Aufnahmen waren nicht zu gebrauchen, weshalb Wenders seine Darsteller alle ihre Sätze noch einmal aus dem Off im Konjunktiv nacherzählen ließ - was einem ohnehin schon sehr künstlichen Werk eine weitere Note der Irrealität gab. Vielleicht war dies auch ein Segen, denn der junge Regisseur musste erstmals mit Ton experimentieren, was schließlich in den mehrsprachigen Tonebenen von "Der Himmel über Berlin", seinem ersten in Dolby Stereo gedrehten Film, gipfelte. Der junge und begeisterte Wenders hinterlegt "Summer in the City" auch noch mit einem Soundtrack seiner musikalischen Helden, hat sich dafür aber nie um die Rechte gekümmert. Bis heute kann der Film deshalb nicht im Kino gezeigt werden.

Wim Wenders betritt nun als frischer Hochschul-Absolvent die Bühne des deutschen Films. Er initiiert 1971 neben Fassbinder als eines der zwölf Gründungsmitglieder den Filmverlag der Autoren, der als Selbsthilfeorganisation der jungen Filmemacher geplant ist und dann auch sofort Wenders' ersten großen Film "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk finanziert.
Mit diesen Autoren (Hauptvertreter waren neben Wenders Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog) bildet das Trüppchen die zweite Generation des Neuen Deutschen Films, der mit dem Oberhausener Manifest 1962 begonnen hatte. Das Manifest mit dem schönen Titel "Papas Kino ist tot" war von 26 Kurz- und Dokumentarfilmern auf den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen verkündet worden und sollte die desolaten Zustände in der westdeutschen Filmproduktion ändern, um endlich einen neuen deutschen Spielfilm zu schaffen. Seit Kriegsende hatte man nicht viel mehr als Heimatschnulzen, Karl May-Verfilmungen und Schlager-Vehikel zustande gebracht. Der deutsche Film sollte endlich wieder politisch werden. Zwanzig Jahre später bekam diese Bewegung, nun Oberhausener Gruppe genannt, den Deutschen Filmpreis verliehen. Dass der Neue Deutsche Film auch international bedeutsam sein könnte, zeigte sich allerdings erst nun, mit der zweiten Generation.

Da dies auch die Zeit der 68er Studentenbewegung ist, demonstriert Wenders bald gegen den Vietnamkrieg, schaut aber gleichzeitig jeden Abend Western, was ihm natürlich bei den Revoluzzern die Glaubwürdigkeit raubt.
Doch Wenders hat ganz andere Sorgen: Sein erster großer Spielfilm "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1971, nach dem gleichnamigen Roman seines Studien-Freundes Peter Handke) über einen Torwart, der nach einem Platzverweis einen Mord begeht und daraufhin durch die Gegend irrt, floppt gewaltig. Der Umgang mit Bildern des Alltäglichen und der extreme Unterschied zu dem, was man sonst im Fernsehen sieht, stoßen Publikum und Kritiker gleichermaßen vor den Kopf.
Trotz dieser Blamage lobt ihn der WDR für seine Leistung und verpflichtet Wenders als Regisseur für eine Verfilmung von Nathaniel Hawthornes "Der Scharlachrote Buchstabe", einem amerikanischen Literaturklassiker aus dem Jahre 1850. Gefilmt wird in Portugal, aber der mit dieser Ehre betraute Filmemacher hasst jeden Tag der Produktion. Über "Der Scharlachrote Buchstabe" (1972) sagt er später, er wolle nie wieder einen Film machen, in dem nicht wenigstens ein Auto, eine Tankstelle, ein Fernseher oder eine Jukebox vorkommen. Auch dieser Film wurde verrissen.

Nun kann sich Wenders wieder einem selbst gewählten Thema widmen. Er zieht nach New York, um "Alice in den Städten" zu entwickeln. Dort sieht er leider in einer Pressevorführung Peter Bogdanovichs "Paper Moon", der dummerweise die gleiche Handlung hat, die "Alice" haben sollte. Nach diesem Dauerpech will Wenders frustriert aufgeben, doch der amerikanische Regisseur Samuel Fuller, den er in Deutschland kennen gelernt hatte, hilft ihm bei der Überarbeitung des Drehbuchs. "Alice in den Städten" (1974) wird der erste Teil von Wenders' Reise-Trilogie (zu der noch "Falsche Bewegung" [1975] und "Im Lauf der Zeit" [1976] gehören). Die Kritiker hatten nichts mehr zu meckern und der Film gilt bis heute als sein erstes Meisterwerk.
"Alice" handelt von dem Münchner Journalisten Philip Winter (Rüdiger Vogler), der in Amerika eine Reportage schreiben will, aber stattdessen nur Fotos macht und vor dem Rückflug am Flughafen in New York Lisa (Lisa Kreuzer) und ihre neunjährige Tochter Alice (Yella Rottländer) trifft. Am nächsten Morgen, nach gemeinsamer Nacht, ist Lisa verschwunden und taucht auch nicht mehr auf. So fährt Philip mit der kleinen Alice ins Ruhrgebiet auf der Suche nach ihrer Oma, was allerdings durch die Unkenntnis von Name und Wohnort der Dame erschwert wird.

Nach Abschluss der Reisetrilogie, die ihn immerhin schon einmal in Cannes bekannt werden ließ, bekam Wenders für seinen nächsten Film "Der amerikanische Freund" den Topf voll Gold zur Verfügung gestellt: drei Millionen Mark konnte er nun in sein nächstes Projekt stecken. Der ging zwar als offizieller deutscher Beitrag in Cannes leer aus, begann aber dafür ein neues Kapitel der Wenderschen Filmreise.

Wenders und Amerika

Wim Wenders, der bis heute insgesamt 15 Jahre seines Lebens in den USA verbracht hat, integriert seine frühe Faszination für die Neue Welt schon in seine ersten Werke. Er hat zwar nicht die finanziellen Möglichkeiten dort zu drehen, aber kann immerhin seine Charaktere in "Summer and the City" und "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" über das Land reden lassen. Doch mit "Der Amerikanische Freund" erfüllt sich für Wenders ein Wunschtraum: Er zieht mit diesem Film das Interesse einer Hollywood-Größe auf sich, und zwar von keinem geringeren als Francis Ford Coppola (nach dem Erfolg der beiden ersten "Der Pate"-Teile gerade ungekrönter König der Traumfabrik). Daraufhin tritt Wenders eine Reise an, nach der er ein anderer sein wird.

"Der Amerikanische Freund" basiert auf dem dritten Teil der Ripley-Trilogie "Ripley's Game" der von Wenders bewunderten Autorin Patricia Highsmith. Doch er hat zuerst Pech: Für alle von ihr erschienenen Bücher sind die Filmrechte schon verkauft. Also kauft er schließlich die Rechte für ein noch nicht erschienenes Buch. Wie es Wenders' Art ist, gerät das Werk ziemlich anders als die Literaturvorlage: Anstelle der eigentlichen Kriminalgeschichte erzählt Wenders eher über Männerfreundschaften und ihr Gewissen.

Der Protagonist des Films, Jonathan (Bruno Ganz), ist ein eher unscheinbarer Mann, der an Leukämie leidet und von dem zwielichtigen Amerikaner Tom Ripley (Dennis Hopper) dazu überredet wird, einen Auftragsmord auszuführen. Doch irgendwann bekommt Ripley ein schlechtes Gewissen und will Jonathan retten. Die Hauptdarsteller Bruno Ganz und Dennis Hopper können sich überhaupt nicht ausstehen, als sie sich das erste Mal begegnen. Der frisch vom Dreh von "Apocalypse Now" eingeflogene Hopper ist, wie damals so häufig, völlig dicht, während der sorgfältige Bruno Ganz sich schon bis ins Detail in seine Rolle versetzt hat. Nach dem ersten Dreh, der erstaunlich gute Ergebnisse auch von Hopper bringt, kommt es zum Eklat: Ganz greift Hopper an, doch Hopper ist nicht unerfahren mit den Fäusten. Sie prügeln sich windelweich. Am nächsten Morgen kommen sie zwar Arm in Arm zum Set, aber dafür sind sie diesmal beide jenseits der Promillegrenze. Trotzdem ergibt sich eine besondere Beziehung zwischen Hopper und Ganz, die eines der Highlights des Films ausmacht.

Obwohl "Der Amerikanische Freund" hauptsächlich in Europa gedreht wird, kommt in der Bildästhetik ein deutliches amerikanisches Moment hinein: Wenders und Robby Müller entscheiden sich, die Einstellungen wie Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper zu komponieren. Hoppers kühle, melancholische Momentaufnahmen von Städten und den einsamen Menschen darin gehören wohl zu den bekanntesten Darstellungen des amerikanischen Alltags- (und Nacht-)Lebens, wo alle auf etwas zu warten scheinen, aber man nicht sicher ist, ob und wann es eigentlich passieren wird. Hoppers Bilder werden die Filme von Wenders weiterhin prägen, bis hin zu den aufgrund ihres Hopperschen Charmes ausgesuchten Locations von "Don't Come Knocking". Wie Wolfgang Niedecken von BAP erzählt, tackerte Wenders jahrelang Edward Hopper-Bilder an alle Wände, um seinem Team klarzumachen, dass dies das visuelle Ziel sei.

Als Francis Ford Coppola den fertigen Film sieht, engagiert er den jungen deutschen Regisseur vom Fleck weg. Coppola will zu diesem Zeitpunkt mit seinen neu gegründeten Zoetrope Studios ein Mogul der Branche werden. Er beauftragt Wenders mit der Verfilmung von "Hammett", einer Art fiktionalisierter Biographie über den legendären Krimi-Autor Dashiell Hammett (auf dessen Romanen Film Noir-Klassiker wie "Die Spur des Falken" basieren), der im Film wie seine eigenen Antihelden zu einem abgehalfterten Detektiv wird. Wenders ist von dem Projekt hellauf begeistert und gespannt auf alles, was da kommen mag.

Doch es kommt nichts Gutes. Der zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren in Planung befindliche Film wird vier weitere Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung brauchen, dauernd gibt es Probleme mit dem Drehbuch und nicht enden wollende Querelen mit dem Produzenten - Coppola, Coppola und immer wieder Coppola ist es, der die Produktion zwischenzeitlich zum Erliegen bringt. Am Ende ist der deutsche Regisseur an nur einem Drittel der letztendlich veröffentlichten Schnittfassung überhaupt noch beteiligt. "Hammett" sieht aus wie ein Coppola-Film, ist zwar von seiner Film Noir-Ästhetik wunderschön, begeistert aber schließlich niemanden wirklich. Die Produktion dauert so lange, dass Wenders zwischendurch sogar eine komplette Ehe inklusive Scheidung hinter sich bringt.
Auch die Produktionsbedingungen des Studiosystems hasst Wenders. Er muss wegen der Gewerkschaften auf seine deutschen Mitarbeiter verzichten, und weil bei solchen Großproduktionen niemand Doppelfunktionen übernehmen darf, darf er nicht einmal selbst ins Studio fahren: dafür gibt es einen vertraglich verpflichteten Chauffeur.

Entnervt von diesem Warten auf Godot macht Wenders in dieser Zeit andere Filme, zwar schnell und preiswert, aber auch sehr erfolgreich. "Der Stand der Dinge" wird zu seinem traurigen Manifest über die Ausnutzung und Abnutzung des kleinen Autorenfilmers durch die Studiobosse. Dieser Film, der mit den Produktionsbedingungen von "Hammett" abrechnet, handelt von einer Filmcrew in Portugal, die sich beim Drehen plötzlich ohne Produzenten, ohne Budget und ohne Filmmaterial wieder findet, und in sinnloser Warterei auf die Fortsetzung der Dreharbeiten in Lethargie verfällt. Als der Regisseur Fritz Munro (von Wenders benannt nach den deutschen Regie-Legenden Fritz Lang und F.W. Murnau) nach L.A. fährt, um den Produzenten ausfindig zu machen, beginnt eine fast detektivische Suche, die blutig endet.
Wenders kam die Idee zu diesem Film, als er in einer der vielen Produktionspausen von "Hammett" nach Portugal zu Raoul Ruiz fuhr, der gerade "Le Territoire" drehte und dem das Filmmaterial ausging. Wenders beschaffte ihm Nachschub aus seinem Kühlschrank in Berlin. Die Kamera bei "Der Stand der Dinge" wurde von Henry Alekan übernommen, der schon Cocteaus "Die Schöne und das Biest" (1946) gefilmt hatte und von dem Wenders erstaunt war, dass er überhaupt noch lebte. Alekan führte später auch die brillante Kamera beim "Himmel über Berlin".
Während "Hammett" 1982 erwartungsgemäß floppt, gewinnt "Der Stand der Dinge" in Venedig einen Goldenen Löwen und lässt Wenders wieder Hoffnung schöpfen. Beim Dreh von "Hammett" hatte Wenders den Schauspieler Sam Shepard kennen gelernt, der ihm später das Drehbuch für die gemeinsame Idee zu "Paris, Texas" schreibt. Das Ende des Films (eine ausgedehnte Dialogszene) will Wenders zwar selbst gestalten, doch ruft er schließlich verzweifelt bei Shepard an und lässt sich seine Textvorschläge durchgeben (ausführliche Inhaltsangabe und Kritik zu "Paris, Texas" in unserer gesonderten >>> Gold-Rezension).

"Paris, Texas", 1983 und 1984 in den USA gedreht, wird eine chaotische Independent-Produktion. Die europäischen Darsteller und Crew bleiben länger, als ihre Touristenvisa es zulassen, alles wird an den Gewerkschaften vorbei gedreht und Wenders wird schließlich aus der Director's Guild of America geworfen. Auch in Deutschland gibt es Probleme: Obwohl der Film 1984 die Goldene Palme in Cannes gewinnt, dauert es ein ganzes Jahr, bis er in die deutschen Kinos kommt. Wenders hatte sich mit dem von ihm mit gegründeten Filmverlag der Autoren angelegt, der ihm zwischendurch gerichtlich verbot, den Film mit einem anderen Verleih herauszubringen.

Erst 1997 kehrt Wenders in die USA zurück, um dort "Das Ende der Gewalt" in L.A. zu drehen. Es wird sein erster Film in Cinemascope, ein Format, welches er auch für den neuen Film "Don't Come Knocking" nutzt. "Das Ende der Gewalt" erzählt von einem einzig in seine Arbeit versunkenen Hollywood-Produzenten, der sich von seiner Frau entfremdet hat. Er findet sich in einer Mordgeschichte wieder, die etwas mit einem Bericht des FBI zu tun hat. Ab diesem Zeitpunkt wird der Film verworren und undurchsichtig - woran auch die erneute Edward Hopper-Hommage nichts ändert: In einer Szene stellt Wenders akribisch genau das bekannteste Hopper-Bild "Nighthawks" nach.

Sein Post-9/11-Film "Land of Plenty" (2004) spielt erneut in Los Angeles. Der vom 11. September erschütterte und auf der Suche nach terroristischen Zellen befindliche Vietnam-Veteran Paul (John Diehl) trifft nach Jahren seine Nichte Lana (Michelle Williams) wieder, die nach Aufenthalten in Afrika und im Mittleren Osten nun nach L.A. gekommen ist, um ihm einen Brief von ihrer Mutter zu geben. Lana arbeitet und wohnt dort in einer Mission namens "Brot für das Leben", wo Obdachlose eine tägliche Mahlzeit bekommen können. Dort trifft Paul auf Hassan (Shaun Toub), den er für einen Terroristen hält. Als dieser auf der Straße erschossen wird, unternehmen Lana und Paul mit der Leiche im Kofferraum eine Reise nach Trona, wo Hassans Bruder lebt.
Um diesen Film gab es einen Riesenwirbel in den USA, wo Kritik an der eigenen Politik und besonders an den Vietnam-Veteranen ungern gesehen wird, besonders wenn sie von einem "Ausländer" stammt. Als berührendes Werk gegen Gewalt und Krieg, aber auch über die Komplexität menschlicher Beziehungen ist "Land of Plenty" dennoch Wenders' bester Film in mehr als einem Jahrzehnt, und es ist schade, dass er letztendlich von so wenigen Zuschauern gesehen wurde.

Den Bereich der Politik weit hinter sich lassend, drehte Wenders als nächstes nach einem Drehbuch von Sam Shepard (ihre erste Zusammenarbeit seit "Paris, Texas") mit dem Autor in der Hauptrolle einen Western, der keiner ist. Howard (Shepard), ein vor allem für seine Eskapaden bekannter Western-Darsteller, verlässt einfach seinen Drehort in der Wüste und setzt sich ab. Er fährt zu seiner Mutter, bei der er sich Jahrzehnte nicht gemeldet hat und erfährt von ihr, dass er ein Kind hat, welches mittlerweile aber schon um die 20 Jahre als ist. Howard kann nur raten, welche seiner vielen weiblichen Bekanntschaften die Mutter sein könnte, und fährt nach Butte in Montana - eine Stadt, die aussieht wie ein einziges Hopper-Gemälde. Dort trifft er seinen Sohn Earl (Gabriel Mann), aber auch die junge Sky (Sarah Polley), die mit der Urne ihrer Mutter unterwegs ist. Aus der Suche wird ein Finden, wenn auch erschwert durch den Howard immer an den Fersen haftenden Versicherungsvertreter des Studios, Sutter (Tim Roth). In betörend schönem Cinemascope gedreht, ist schon die Visualisierung von "Don't Come Knocking" allein einen Kinobesuch wert, doch Wenders hat auch hier weit mehr zu geben als nur schöne Bilder.

Auch in "Don't Come Knocking" wird schließlich erneut die besondere Bedeutung deutlich, die Musik für Wenders und in seinem filmischen Schaffen spielt.

Wenders und Musik

Kaum ein deutscher Filmemacher brachte soviel amerikanische und englische Rockmusik der 60er Jahre in seinen Werken unter wie Wim Wenders - den musikalischen Helden seiner Jugend ist er treu geblieben. Am Anfang ging dies zwar bei seinem Debütfilm "Summer in the City" schief, da er sich die Rechte nicht gesichert hatte und der Film darum nicht veröffentlicht werden konnte - aber immerhin ist der Film bereits der Rockband The Kinks gewidmet, die neben Chuck Berry, den Troggs und Lovin' Spoonful auf dem Soundtrack vorkamen. Wenders sagte später über den Film, dass er mit "Summer in the City" seine persönliche Hitparade auf die Leinwand bringen wollte.
In "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" hört sich der Torwart die ganze Zeit Musik aus der Jukebox an - was ihn jedoch verängstigt, als "Gloria" von Them gespielt wird, denn das ist auch der Name seines Mordopfers. Auch die Reise-Trilogie ist voller Musik, die in die Handlung der Filme integriert wird: Sie kommt aus Jukeboxen, Plattenspielern, Fernsehern oder Kassettenrekordern, später bei "Land of Plenty" schließlich aus Kopfhörern. Wolfgang Niedecken, Frontmann der Band BAP und langjähriger Freund von Wenders, sagt über seinen "großen Bruder", dass für Wenders der schönste Moment beim Filmemachen der ist, wenn Bilder und Musik zusammenkommen.

Wenders ist am Anfang die Musik fast wichtiger als der Film. Er liebt Plattencover, vor allem die, auf denen die Bandmitglieder nebeneinander stehen. Dieses Motiv wird eines seiner typischen filmischen Mittel: Er nimmt seine Charaktere frontal, in starren Einstellungen und mit einem gewissen Abstand auf.
Während es zuvor eher englische und amerikanische Gruppen waren, die er für seine Soundtracks bevorzugte, sucht Wenders für "Der Himmel über Berlin" seine Bands in Berlin zusammen. Crime and the City Solution, Nick Cave and the Bad Seeds, Sprung aus den Wolken, Tuxedomoon und Minimal Compact versammeln sich und liefern einen beeindruckenden Soundtrack für einen Film, der von Engeln handelt. Die Originalmusik stammt hier, wie bei vielen anderen von Wenders' Werken, von Jürgen Knieper, aus dessen Feder auch die Einleitungsmusik zur "Lindenstraße" entsprang.

Der wohl bekannteste Musikfilm von Wenders ist die Dokumentation "Buena Vista Social Club" (1999), deren Protagonist Ibrahim Ferrer leider in der Woche vor Wenders' 60. Geburtstag verstarb. Die kubanische Senioren-Truppe war Wenders erst von Ry Cooder nahe gebracht worden, der mit seinen wunderbaren Gitarrenstücken viel zur bitterherben Atmosphäre von "Paris, Texas" beigetragen hatte: Beim Aufnehmen des Soundtracks für "Das Ende der Gewalt" hatte Cooder dem Regisseur ein Tape der Musiker vorgespielt.

Die Geschichte zu "The Million Dollar Hotel" wiederum stammte von U2-Sänger Bono. Wenders hatte Regie bei einem seiner Videos ("Night and Day") geführt, und bekam dafür kostenlos einen Soundtrack und die Geschichte für diesen tödlich-tragischen Liebesfilm. Mit viel Tamtam als Eröffnungsfilm der Berlinale 2000 uraufgeführt, konnte die etwas fahrige und verworrene Geschichte um die durchgeknallten Bewohner eines heruntergekommenen Hotels und ihre Verwicklung in einen Kriminalfall, der vielleicht gar keiner ist, viele Zuschauer nicht überzeugen. Da halfen auch der prominente Gaststar Mel Gibson in einer tragenden Nebenrolle und das Supermodel Milla Jovovich als weibliche Hauptdarstellerin nicht.
Seitdem hat Wenders noch zwei Musikfilme gemacht: "Viel Passiert - Der BAP-Film" ist eine Dokumentation über die kölsche Mundart-Band seines Freundes Wolfgang Niedecken, und mit einem Beitrag namens "Devil got my Woman" beteiligte er sich an der Dokumentation "The Blues" (2002), für die unter anderem auch Martin Scorsese und Clint Eastwood Beiträge beisteuerten.

Doch sollte man bei all diesen musikalischen Aspekten nicht vergessen, womit sich Wenders jederzeit beschäftigte: Mit seinem eigenen Metier.

Wenders und das Medium Film

Wer Wim Wenders nach seinem Vorbild befragt, bekommt als Antwort den japanischen Filmemacher Yasujiro Ozu (1903-1963) genannt, der vor allem dank Wenders und einem anderen leidenschaftlichen Fan - Regisseur Jim Jarmusch - aus der filmhistorischen Vergessenheit befreit und einem breiteren filminteressierten Publikum wieder zu einem Begriff geworden ist, obwohl viele seiner Filme verschollen sind. Wim Wenders sagt, dass Ozu Geschichten auf darstellende Weise erzählt, was ihm selbst auch ein Anliegen ist. Ozus Filme, die sich besonders am Anfang am amerikanischen Kino orientierten, handeln von Familien, die zerbrechen. So wird in "Tokyo Monogatari" ("Tokyo Story", 1963) die Geschichte eines älteren Ehepaars erzählt, das seine erwachsenen Kinder in der Großstadt besuchen kommt. Doch der Nachwuchs will sie gar nicht bei sich haben, und die beiden Eltern kehren zurück nach Hause, wo die Frau stirbt und der Mann allein zurück bleibt.
Wenders schafft sogar eine Hymne für sein Idol: In dem Dokumentarfilm "Tokyo-Ga", den er dreht, als er vom Goethe-Institut in die japanische Hauptstadt eingeladen wird, kombiniert er Ausschnitte aus Ozus Filmen mit den Bildern des modernen Tokio. Der Film endet mit einem Interview mit Yuharu Atsuta, Ozus ehemaligem Kameraassistenten, der am Schluss in Tränen ausbricht.
In dem beklemmenden und schwer zugänglichen "Nick's Film - Lightning Over Water" (1980) dokumentiert Wenders das langsame Sterben des legendären Filmemachers Nicholas Ray (nach fulminanten Erfolgen in den 50er Jahren heruntergekommen zu einem mittellosen, von Drogen- und Alkoholsucht zerfressenen Wrack) bis zu dessen Tod durch Lungenkrebs.
Wenders sorgt sich auch um die Zukunft des Kinos und filmt 1982 beim Filmfestival in Cannes in seinem Zimmer 666 des Hotel Martinez "Chambre 666", in dem er Jean-Luc Godard, Werner Herzog, Steven Spielberg, Rainer Werner Fassbinder und Michelangelo Antonioni befragt, ob das Kino eine aussterbende Kunst sei.

Seine eigenen Filme ordnet Wenders zwei Richtungen zu, die zwei Herzen zu entsprechen scheinen, die in seiner Brust schlagen. Diese Gruppen, A und B, sind im Folgenden der Übersichtlichkeit halber in einer Tabelle dargestellt:

A
B
Schwarz-WeißFarbe
Basierend auf einer eigenen Idee (Traum, Erlebnis, etc.)Basierend auf einer fremden Vorlage
Ohne DrehbuchMit Drehbuch
Lose StrukturDramatisch geschlossen
Chronologisch gedrehtKreuz und quer gedreht wegen Produktionszwängen
Das Ende ist bei Drehbeginn unbekanntDas Ende ist bekannt

Auch wenn dieses Raster auf die meisten Filme von Wenders anwendbar ist, so werden am Anfang seiner Karriere auch Budgetnöte zu Schwarz/Weiß-Filmen geführt haben. Auch war es für Wenders allgemein schwierig, Gelder zu sammeln, da das Drehen ohne Drehbuch und das Fehlen von Drehplänen nicht gerade nach dem Geschmack der Filmförderer war. Daher mag es sich auch aus diesem Grund ergeben haben, dass diese Werke billiger auf Schwarz-Weiß-Filmmaterial gedreht wurden (die klare künstlerische Trennlinie, die Wenders hier behauptet, erscheint jedenfalls nicht konsequent überzeugend).

Die große Ausnahme "Der Himmel über Berlin" enthält die weiteste Reise, die ein Charakter bei Wenders macht: Ein Engel verlässt den Himmel und wird zum Menschen. Die Entwicklung dieses lyrischsten und schönsten Werks von Wenders (siehe dazu auch unsere separate >>> Gold-Rezension) war jedoch von Schwierigkeiten geprägt: Wie sollen Engel aussehen und wie spricht ein Engel eigentlich - mit solcherlei Fragen musste sich Wenders plötzlich auseinandersetzen. Seine Lösungen sind kreativ zu nennen: Die Engel bekamen einen gewissen 80er-Jahre-Charme, indem sie in schwarzen Mänteln und mit Pferdeschwänzchen herum laufen, während ihre Worte von Wenders' altem Freund Peter Handke geschrieben wurden, da Handke laut Wenders die schönste deutsche Sprache schreibt. Zauberhaft ist Peter Falks Rolle als ehemaliger Engel, für die Falk seine Texte selbst schreiben durfte.

Mit diesem "seinen Erzengeln" Yuzujiro (Ozu), Francois (Truffaut) und Andrej (Tarkowskij) gewidmeten Film erntete Wenders nicht nur Lorbeeren auf Filmfestivals, sondern verkaufte auch die Idee an Warner Brothers, die daraus das Hollywood-Remake "Stadt der Engel" (1998) machten - eine durchaus gelungene Konventionalisierung von Wenders' Geschichte. Das Schlimmste, was man diesem Stoff antun konnte, war Wenders' eigene Fortsetzung "In weiter Ferne, so nah", in welchem der ehemalige Engel Cassiel nun dem Alkohol verfällt, den ihm der Teufel (Willem Defoe) schmackhaft gemacht hat. Die Engel sprechen hier alle gleichzeitig, die Sprachvielfalt allgemein ist verwirrend und der Film hat einen pessimistischen Grundton, auf den man durch den ersten Teil nicht vorbereitet war. Als Gaststar tauchte wenigstens Michail Gorbatschow auf, aber auch dies konnte den Film nicht vor seiner eigenen Hölle retten.
Ein anderer Film von Wenders, der von der Kritik verrissen und vom Publikum abgelehnt wurde, war zugleich sein teuerstes Projekt: "Bis ans Ende der Welt" (1991), dessen wilder Plot sich inklusive einer Endzeit-Episode in Australien über alle Kontinente spannt und sich selbst aus den Augen verliert. Dieser im "Director's Cut" 270 Minuten lange "Science-Fiction"-Film (in dieser Fassung erschien der Film jüngst auch auf DVD), der 1999 spielen sollte, musste aufgrund vertraglicher Bedingungen extrem gekürzt werden, wodurch es eine japanische, deutsche und australische Version von 179 Minuten und eine amerikanische von 158 Minuten Länge gibt.

Mit Unterstützung für junge Regisseure ist Wim Wenders nie geizig gewesen. So drehte er 1996 an seiner alten Hochschule in München ein Projekt über die Skladanowsky-Brüder, die gleichzeitig mit den "offiziellen" Filmerfindern Lumière mit Kameraprojektoren experimentiert hatten. Er lehrt außerdem an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg über Digitalfilm, ein Format, dass er selbst bei "Land of Plenty" verwendet hatte.

Wir danken Ihnen, Wim Wenders

Wenders hat so vieles gemacht, auch abgesehen von seinen Filmen, dass er an seinem 60. Geburtstag auf ein reiches Schaffen an Fotos, Musikvideos, Werbung, Spielfilmen, Kurzfilmen und Dokumentationen zurück blicken kann. Dabei hat er Werke geschaffen, die gerne in den Annalen der Filmgeschichte verschwinden können, aber auch Meisterwerke, die von Bestand bleiben werden. Wurde ihm in den 90ern noch vorgeworfen, er hätte seine besten Zeiten hinter sich, beweisen "Land of Plenty" und "Don't Come Knocking" das Gegenteil. Wir wünschen uns mehr und hoffen, dass vielleicht einige unserer Leser jetzt Lust bekommen haben, mal einen Wenders-Film anzuschauen. Die Gelegenheit ist günstig: Seine wichtigsten Werke wie "Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin" kommen gerade in wunderschönen DVD-Special Editions raus, in zwei Wochen läuft "Don't Come Knocking" an und "Land of Plenty" erscheint im Oktober auf DVD.

Während Wim Wenders im Februar 2005 klagte, dass in Deutschland kein Hahn nach ihm kräht, krähen wir fröhlich zurück: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Wim Wenders!"

Margarete Prowe