Das 38. Filmfest München 2021

von Maximilian Schröter / 14. Juli 2021

Nachdem es 2020 Corona-bedingt ausfallen musste, fand das Filmfest München in diesem Jahr wieder statt. In verkleinerter Form zwar, mit „nur“ 70 Filmen und nicht nur in klassischen Kinosälen, sondern zu einem großen Teil auch an verschiedenen Open Air-Spielstätten. Filmfans durften sich aber trotzdem über neun Tage Festivalatomsphäre freuen und viele von ihnen ließen sich auch von einigen verregneten Abenden den Spaß am (Freiluft-)Kino nicht vermiesen. Tatsächlich hatte sich das Team hinter dem Festival in diesem Jahr bewusst dazu entschieden, eben keine Filme per Online-Streaming fürs allgemeine Publikum zugänglich zu machen, sondern allein auf die „echte“ Begegnung vor Ort zu setzen – mit Abstand, Masken und allen sonstigen Sicherheitsvorkehrungen natürlich.

Echte Begegnungen gab es, wann immer möglich, auch mit Filmschaffenden. Insbesondere deutsche Schauspieler und Regisseure stellten ihre Werke persönlich vor, aber auch einige internationale Gäste nahmen trotz zum Teil ja immer noch erschwerter Bedingungen den Weg nach München auf sich. So zum Beispiel der Regisseur Federico Veiroj, der extra aus Uruguay angereist kam und für die Einreise nach Deutschland zunächst zwei Wochen im europäischen Ausland in Quarantäne verbringen musste. Er stellte seinen Film „AsÍ Habló El Cambista“ („Moneychanger“) vor, der wie einige andere Filme auch noch ein willkommenes Überbleibsel aus dem eigentlich für 2020 geplanten Programm war.

"Filmfest München 2021 - Plakat"

Eine der diesjährigen Preisträgerinnen des Cinemerit Awards, die US-Schauspielerin Robin Wright („House of Cards“), blieb zwar zuhause und stand somit nicht für das traditionelle „Filmmakers Live“-Gespräch vor Publikum zur Verfügung. Immerhin online schaute sie aber vorbei und stellte ihr Regiedebüt „Abseits des Lebens“ vor. Als zweite Preisträgerin hatte man sich praktischerweise die deutsch-österreichische Schauspiellegende Senta Berger ausgesucht, die keine allzu lange oder komplizierte Anreise gehabt haben dürfte.

Aber neben Begegnungen zwischen Filmschaffenden, Filmfans und Filmjournalisten sind bei einem Filmfestival selbstverständlich immer die Filme das Wichtigste. Und da gab es wie es sich gehört ein ganz unterschiedliches Potpourri an Genres und Herkunftsländern. Am ersten Festivalwochenende wurde etwa der sommerlich-nostalgische „Sommer 85“ von François Ozon gezeigt (während wenige Tage später schon wieder ein ganz neuer Film des umtriebigen Regisseurs in Cannes seine Premiere feierte). Ein weiter Beitrag aus Frankreich war die großartige Romanverfilmung „Die Verschwundene“ von Dominik Moll, die am 29. Juli deutschlandweit im Kino startet (eine ausführliche Rezension folgt).

"A Nuvem Rosa"

Noch einmal müssen wir hier kurz auf die weltweite Pandemie zu sprechen kommen: Die junge Regisseurin Iuli Garbase drehte 2019 mit „A Nuvem Rosa“ („The Pink Cloud“) nämlichen einen Film, den die Realität seitdem überholt hat. In ihrem ersten Langfilm erzählt die Brasilianerin von einer rosafarbenen Wolke, die plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, sich über die ganze Welt verteilt und jeden Menschen bei Kontakt sofort tötet. Den Überlebenden bleibt nichts anderes übrig, als drinnen zu bleiben und die Fenster und Türen gut abzudichten. So findet sich etwa Giovana (Renata de Lélis) auf einmal mit ihrem One-Night-Stand Yago (Eduardo Mendonça) in ihrer (zum Glück äußerst geräumigen) Wohnung gefangen. Ein Lockdown also – wenn auch wesentlich strenger, als wir das seit dem Frühjahr 2020 erdulden mussten. Im Film können die Figuren nicht einmal zum Einkaufen die Wohnung verlassen oder auch nur ein Fenster öffnen. Und, soviel sei verraten, der Lockdown dauert dort auch wesentlich länger als die Pandemiemaßnahmen in unserer Realität.

Gerade weil man dieses unfreiwillige Zuhausebleiben inklusive Skype-Gesprächen mit Freunden und Familie aber eben nun schon zur Genüge aus dem eigenen Leben kennt, geht man als Zuschauer über viele Ereignisse im Film relativ uninteressiert bis abwehrend hinweg. Abgesehen vom nicht beabsichtigten Realitätsbezug wirkt „A Nuvem Rosa“ wie eine mittelmäßige Folge von „Black Mirror“ – ein Gedankenspiel über eine mögliche Zukunft, die dann in dem Ausmaß wie im Film zum Glück doch nicht Realität geworden ist.

"Topside"

Ein leider weltweit äußerst reales Problem dagegen ist das Thema von „Topside“: Der Spielfilm von Celine Held und Logan George widmet sich einer Gruppe von Obdachlosen, die in einem verlassenen U-Bahn-Tunnel in New York leben. Unter ihnen sind Nikki (Celine Held) und ihre fünfjährige Tochter Little (Zhaila Farmer). Als der Bretterverschlag, in dem die beiden leben, von der Polizei geräumt wird, müssen Mutter und Tochter fliehen. Sie finden sich „topside“ wieder, an der Oberfläche, in der lauten, grell-bunten, feindlichen Metropole. Über weite Strecken aus der Sicht des Kindes erzählt, wirkt „Topside“ wie eine Dokumentation. Die Kamera ist stets nah dran an den Figuren und eine richtige Handlung in dem Sinne gibt es eigentlich gar nicht. Dafür gelingt es dem Film aber hervorragend, die Gefühlswelt seiner beiden Hauptfiguren wiederzugeben. In einer Umgebung, in der die beiden wie Fremdkörper wirken, ist vor allem das Mädchen stark verunsichert. Mit wachen Augen beobachtet Little ihre Umgebung, spricht aber nur wenig und ist ständig auf der Suche nach einem Ausweg aus dem auf sie ein dröhnenden Großstadtchaos.

Nikkis oberste Priorität ist es natürlich, ihre Tochter zu beschützen. Doch auch sie ist häufig verstört, überfordert und gestresst angesichts der Situation. Ohne Wohnsitz werden selbst die alltäglichen Aufgaben und Bedürfnisse oft zu großen Herausforderungen und öffentlich zugängliche Gebäude und Einrichtungen wie Kirchen oder Toiletten sind von unschätzbarem Wert. Dass Nikki und Little aber eben Außenseiter sind, wird immer wieder deutlich, etwa wenn Nikki sich in einer vollen U-Bahn übergibt und die anderen Passagiere nicht nur sofort angeekelt zur Seite springen, sondern sie anschließend nur misstrauisch und abschätzig beäugen. Ständig lebt Nikki zudem in Angst vor Polizei und Behörden. Um jeden Preis versucht sie, nur nicht erwischt und als obdachlos erkennbar zu werden. Wer weiß, was dann passiert und ob man ihr nicht ihre Tochter wegnimmt?

„Topside“ ist ein großartiger Film, der für manche Zuschauer zwar etwas sperrig oder langweilig wirken könnte. Wenn man sich aber auf diese Reise in eine ganz andere Lebenswelt einlässt, zieht der Film einen ganz in diese hinein. Die Kamerarbeit, das natürliche Spiel der beiden Hauptdarstellerinnen und die realistische Geräuschkulisse geben einem einen intensiven und beklemmenden Eindruck davon, was es heißt, in einer Großstadt obdachlos zu sein.

"They Say Nothing Stays The Same"

Eine ganz andere Welt findet man auch in „They Say Nothing Stays The Same“ wieder. Regisseur und Autor Joe Odagiri erzählt hier von einem alten japanischen Fährmann namens Toichi (Akira Emoto), der tagein, tagaus mit seinem Boot Menschen über einen breiten Fluss fährt. Er lebt in einer bescheidenen Hütte am Fluss; etwas weiter liegt das Dorf und irgendwo am anderen Ufer eine größere Stadt. Beides bekommen wir nie zu sehen, dafür aber bekommen wir mit Toichi von den Fahrgästen allerlei Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch erzählt. Ähnlich einem Taxifahrer ist Toichi stets über die neuesten Entwicklungen und Gerüchte im Bilde. Ein Gesprächsthema, welches ihm große Sorgen bereitet, ist die Brücke, die ganz in der Nähe über den Fluss gebaut wird und die ihn arbeitslos machen könnte. Eines Tages findet er plötzlich ein leblos wirkendes Mädchen im Wasser. Er bringt sie an Land, wo sie sich erholt, aber kein Wort von sich gibt. Ist sie die Überlebende eines grausamen Verbrechens, das ein paar Dörfer weiter geschehen sein soll?

Bedächtig und langsam erzählt, betört „They Say Nothing Stays The Same“ mit traumhaften Panoramaaufnahmen des Flusses und der ihn umgebenden Landschaft. Toichis stoische Ruhe und die Freude, mit der er seine doch recht eintönig wirkende Arbeit erledigt, wirken ansteckend. Der ganze Film hat eine angenehm entschleunigende Wirkung und wenn man danach aus dem Kinosaal wieder hinaus in die Großstadt tritt, fühlt man sich angesichts der plötzlichen Reizüberflutung fast ein wenig wie die Protagonisten von „Topside“. Die träumerische Musik von Tigran Hamasyan tut während des Films ihr Übriges, um einen ganz in dessen schlichte, aber wunderschöne Welt hineinzuziehen.

"A Pure Place"

Wiederum in eine ganz andere, in diesem Fall aber ganz bestimmt nicht entspannende Realität, entführt uns Nikias Chryssos zweiter Spielfilm „A Pure Place“. Im Mittelpunkt des deutschen, in Griechenland gedrehten Films steht der Sektenführer Fust (Sam Louwyck), der Waisenkinder auf eine abgelegene griechische Insel bringt, wo er mit seinen Anhängern lebt. Dort hält er einen kruden Reinheits-Kult aufrecht, demnach die wahrhaft Reinen unsterblich werden, während die Schmutzigen nichts als wertlosen Dreck darstellen. „Rein“ und „schmutzig“ sind dabei durchaus wörtlich zu verstehen: Während Fust mit dem „reinen“, stets in weiß gekleideten Teil seiner Anhängerschaft in einer noblen Villa haust, werden die „schmutzigen“ Kinder in den Kellerräumen zur Herstellung von Seife gezwungen.

Zu diesen Kindern gehört Irina (Greta Bohacek), die eines Tages von Fust die Erlaubnis erhält, in die Welt der Reinen aufzusteigen. Dass Fust ihr eine tragende Rolle in einem seltsamen Ritual zugedacht hat, ahnt sie zunächst nicht. Ihr Bruder Paul (Claude Heinrich) wiederum muss unter den Schmutzigen zurückbleiben und schmiedet eigene Pläne.

Für die mit Fusts Regelwerk aufgewachsenen Kinder mögen dessen Regeln und Weltanschauung zunächst normal wirken. Auf den Zuschauer wirkt diese verquere Sichtweise auf die Welt mit ihrer strikten Trennung zwischen „oben“ und „unten“ sowie dem gottgleich im Mittelpunkt stehenden Anführer von Anfang an gleichzeitig abstoßend und faszinierend. Ohne Zweifel strahlt Sam Louwyck als Fust ein gewisses Charisma aus, trotzdem will man seine Anhänger immer wieder wachrütteln und fragen, ob sie dessen Lügen und Manipulationen nicht durchschauen. Im letzten Drittel des Films leistet sich das Drehbuch schließlich ein paar zu simple Psychologisierungen in der Beleuchtung von Fusts Hintergrundgeschichte. Ein faszinierender Film bleibt „A Pure Place“ aber allemal.

"Open Air Kino beim Filmfest München"

So viel also etwas ausführlicher zu einigen Filmen des Festivals. Weitere interessante Beiträge fanden sich etwa in Bruce LaBruces voller Symbolismus steckender Doppelgänger-Geschichte „Saint Narcisse“ oder Majid Majidis „Sun Children“ über iranische Straßenkinder, die von einem besseren Leben (und einem unter einer Schule vergrabenen Schatz) träumen. Der Publikumspreis ging an „Trans – I Got Life“ von Imogen Kimmel und Doris Metz, für den die beiden Filmemacherinnen mehrere transsexuelle Personen im Alltag begleitet haben und der Einblick in deren Lebenswelt gibt.

Ebenfalls in der Reihe „Neues Deutsches Kino“ feierte „Generation Beziehungsunfähig“ seine Premiere. Die Komödie von Helena Hufnagel versucht das Sex- und Beziehungsleben der Generation Tinder zu porträtieren, dürfte mit ihrem platten Humor aber sicher so manchen Zuschauer vergraulen. Ebenfalls aus Deutschland kam der englischsprachige, bildgewaltige Science-Fiction-Film „Tides“ von Tim Fehlbaum. Wer Eskapismus suchte, lag damit aber falsch: die Dystopie beginnt bereits mit einer Texteinblendung über eine durch Klimawandel und Pandemien unbewohnbar gemachte Erde – ein beeindruckender, aber deprimierender Film.

Mit der Auswahl der Filme auf dem Festival konnte man also im Großen zufrieden sein; vor allem aber zeigten sich die Münchner Filmfans glücklich darüber, dass das Filmfest nach dem unfreiwilligen Aussetzer im letzten Jahr dieses Mal wieder stattfinden konnte. Auch wenn einige der Open Air-Aufführungen unter heftigen Regengüssen litten, stellten die Outdoor-Spielstätten dennoch eine wunderbare Bereicherung dar. An einem lauen Sommerabend mit einem Drink in der Hand im malerischen Garten des französischen Kulturinstituts zu sitzen und in der Dunkelheit nach Filmbeginn von Glühwürmchen umschwirrt zu werden, war jedenfalls eine der schönsten Filmfest-Erfahrungen, die der Autor dieser Zeilen je machen durfte.

Bilder: Copyright

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