Berlinale-Tagebuch 2011

von Patrick Wellinski / 24. Februar 2011

Special: Das Filmszene-Tagebuch zu den 61. Internationalen Filmfestspielen von Berlin

Vom 10. bis zum 20. Februar wird die deutsche Hauptstadt auch zum Zentrum der Filmwelt, denn in diesen Tagen findet zum 61. Mal die Berlinale statt. Unser Redakteur Patrick Wellinski ist mit dabei und berichtet täglich von den neuesten Ereignissen und wichtigsten Filmen des Festivals.

Sonntag, 20.02.2011: Das Kino bleibt stumm

Man muss es hart sagen: Die Berlinale ist längst nicht mehr der Ort für die exklusive und einzigartige Seherfahrung. Selten war das so deutlich wie dieses Jahr.

Es sind Stimmen, die diesmal bleiben, und keine Bilder. Stimmen von Kollegen: "Ich freu mich schon seit Jahren auf keine Wettbewerbsfilme in Berlin mehr." (Josh von der Variety); "Das ist hier ein lokales Festival mit internationalem Filmmarkt" (Ein Händler vom "European Film Market"); "Bloß keine Wettbewerbsfilme gucken" (Juliette, Radiojournalistin aus Los Angeles); "Berlin ist weiterhin ein großes Festival. Nur die Filme sind klein geworden." (Shane Danielsen vom indieWIRE-Magazin); Und leider muss man dem Schwanengesang zustimmen. Die Qualität und das Niveau der meisten Beiträge war fast schon unterirdisch schlecht. Am Ende blieben nur drei Filme, die eine weitere Diskussion wert waren. Alle drei haben zu recht Preise gewonnen.

Es konnte nur einen geben
Der große Gewinner (und das völlig zu recht) war der Film des Iraners Ashgar Farhadi. "Nader und Simin. Eine Trennung" war seit seiner ersten Vorführung der einzige Favorit des Fachpublikums. Farhadi erzählt äußerst differenziert und leise von den gesellschaftlichen Lügen im heutigen Iran. Er entlarvt durch eine clevere, aber unaufdringliche Montage den manipulierenden Gestus des Mullah-Regimes, der jeden Bürger (ob Ober- oder Unterschicht) in seinem Alltag beschränkt. Das geschieht vor allem anhand einer sorgfältigen und sehr klar strukturierten Figurenzeichnung. Da war es auch nur gerecht, dass die Jury um Isabella Rossellini sowohl die weiblichen Mitglieder des Darsteller-Ensembles als auch ihre männlichen Kollegen jeweils als Gruppe mit den beiden Schauspieler-Bären auszeichnete.
Die moralischen Implikationen, die der Film dezent aber effektiv als Kernkonflikte konstruiert, sind schonungslos politisch. Auch wenn Farhadi das natürlich nicht zugibt. "I am not a hero. I am a filmmaker", sagte der Sieger bei der Pressekonferenz nach der Verleihung. "Nader und Simin. Eine Trennung" wurde bereits in 40 Länder verkauft und sollte ohne Weiteres ein gewisses Arthouse-Publikum erreichen. Und Farhadi dürfte sich nun endlich als guter (wenn auch kein meisterhafter) Regisseur auf der internationalen Landkarte etabliert haben.

Der große Preis der Jury ging - dies auch hochverdient - an den ungarischen Filmemacher Béla Tarr. "Das Turiner Pferd" war die extremste Seherfahrung im Wettbewerb, ein monströses Bild der Hölle und des Todes. Tarr behauptet, dies sei sein letzter Film. Mit diesem Werk ende das Kino.
Die vielleicht positivste Überraschung war vielleicht der Regiepreis für Ulrich Köhler. "Schlafkrankheit" ist nämlich ein sehr feiner Film, der beweist, dass auch deutsches Kino das Fremde und Andere entdecken kann und nicht immer in seinem großbürgerlichen Muff hausieren gehen muss. Die Doppelauszeichnung für die Kamera und die Ausstattung in "El Premio" kann man hinnehmen. Ebenso wie den Drehbuch-Preis für den Amerikaner Joshua Marston und sein albanisches Blutrachedrama "The Forgiveness of Blood". Aber was sich die Jury dabei gedacht hat, Andres Veiels RAF-Drama "Wer wenn nicht wir" mit dem Alfred Bauer-Preis auszuzeichnen - dies muss man dem entsetzten Berichterstatter erstmal erklären. Die "neuen Perspektiven", die dieses Werk der Kinokunst angeblich eröffnen soll, sieht man dieser gut gemeinten Fernsehproduktion absolut nicht an.

Ein "Weiter so" kann es nicht geben
Béla Tarr hat das Ende des Kinos gefilmt. In seinem 148-minütigen Film wird kaum gesprochen. Es gibt nur 28 Schnitte. Am Ende erlischt die Bewegung. Der Wind verstummt. Das Licht geht aus. Es bleibt die Stille und eine gruselige Taubheit. Mit einem Gefühl der Taubheit und Leere - aber etwas anderer Natur - verließ man dann auch fast jede Wettbewerbsvorstellung dieses Jahr. Inhaltlich gaben viele Filme vor, die wichtigsten gesellschaftlichen Probleme der Welt zu verhandeln. Doch fast alle (Farhadis, Tarrs und Köhlers Werke ausgenommen) scheiterten daran, eine Form zu finden. Sie waren gut gemeint, aber meistens wagten sie nichts. Man sah viele Ideen, aber keine wirklich durchexerziert. Ein Kollege bezeichnete solche Werke als "konzeptionelle Totgeburten", wobei man ihm heute nicht widersprechen möchte.
Und da, wo es mal wirklich interessant wurde, flüchteten sich die Filmemacher ins Private und blieben damit stumm gegenüber den Problemen der Welt. Wer viel redet hat noch lange nicht etwas zu sagen. Auf der Berlinale wurde ein stummes und oft belangloses Kino gezeigt. Man hat es gesehen und keine fünf Minuten später wieder vergessen. Es gab so gut wie keinen Film, dessen Bilder das Festival dominiert hätten. Filme, die einen Großteil der Fachbesucher völlig uninspiriert gelassen haben. Filme, die stets einen unfertigen und unausgegorenen Eindruck machten. Ein bisschen so, als wären sie viel zu früh aus der Schneidekammer gerissen worden. Man muss es so hart sagen: Die Berlinale ist längst nicht mehr der Ort für die exklusive und einzigartige Seherfahrung. Nie war es so deutlich wie dieses Jahr. Was ist da passiert? Wie steht es um einen internationalen Festivalmarkt, wenn ein Festival wie die Berlinale keine passablen Wettbewerbsfilme mehr zeigen kann? Oder sind am Ende die Probleme hausgemacht?

Der oben zitierte Kollege Shane Danielsen schreibt in seinem Abschlussbericht von seinem ersten Berlinalebesuch vor zwanzig Jahren: "The first year I came, I found the following directors represented in competition: Martin Scorsese, Eric Rohmer, Istvan Szabo, David Cronenberg, Gillian Armstrong, Andrei Konchalovsky, Barry Levinson, Paul Schrader, Jan Troell. Among others. To compare that line-up to this year's, where the ranking names were Bela Tarr (with a film reportedly passed over for competition slots by both Cannes and Venice) and Miranda July (with a work that had already world-premiered at Sundance), is to apprehend, at a single glance, the true scale of Berlin's decline."
Natürlich sind die Begründungen schnell parat: Der Festivalkalender ist zu voll, die Oscars kommen immer näher, Berlin ist für viele Produzenten einfach nicht mehr attraktiv genug etc. Aber ist denn die einzige Lösung, die das Auswahlkomitee gefunden hat, einen Wettbewerb auf die Beine zu stellen, der weit über 80 Prozent an Filmen beinhaltete, die von deutschen Fördertöpfen mitfinanziert worden sind? Und was da nicht alles für wertvolles deutsches Geld verschwendet wurde! Warum gibt es für tödliche Leere wie im Beitrag "El Mundo Misterioso" Förderung? Es ist dann natürlich auch ein Schlag ins Gesicht, wenn mit "Nadar und Simin" eines der wenigen ohne deutsche Subvention gedrehten Werke abräumt.

Drei Varianten einer Zukunfts-Berlinale
Anderes Thema: Man wollte dieses Jahr jungen Talenten eine Bühne geben. Aber sind halbgare Werke wie "Yelling to the sky", "V Subbotu" oder "El Premio" eines Wettbewerbs würdig? Die Zukunft der Berlinale wirkt düster. Eines steht fest: Es muss sich was ändern. Solange nur deutsche Journalisten meckerten, war die Welt ja noch in Ordnung. Aber dieses Jahr sind die internationalen Kollegen mit auf den Zug gesprungen und spätestens jetzt wird es unappetitlich. Da wir aber nicht nur nörgeln wollen, entwerfen wir zum Abschluss der 61. Berlinale drei mögliche Szenarien, wie man sich als Festival neu erfinden könnte.

1.) Die radikale Variante:
Man verabschiedet sich vom A-Festival-Status, schafft den Wettbewerb ab, macht einige schöne Gala-Vorstellungen und mit den anderen Sektionen zusammen ein wirklich voluminöses, lokales Filmfest, das alle - Publikum und Kritiker (weil man ja nicht mehr im Wettbewerb sitzen muss) - gleichermaßen glücklich macht. Man müsste auch nicht fürchten, dass keine Stars kommen. Schließlich kamen Colin Firth, Harry Belafonte und Helena Bonham Carter auch zu den Berlinale-Special-Vorführungen jenseits des Wettbewerbs.

2.) Die Risikovariante:
Man versucht tatsächlich einen neuen Platz im Festivalkalender zu finden. Kollegen meinen den Dezember als idealen Platz ausgemacht zu haben. Die Berlinale wäre somit das letzte große Festival des Jahres und könnte noch zeitig ins Oscar-Rennen eingreifen. Ein anderes - wenn auch eher unkonventionelles - Datum wäre Anfang Januar. Die Berlinale als Neujahrsfestival. Alle Stars feiern Sylvester in Berlin. Sundance guckt doof aus der Wäsche, auch Rotterdam muss einstecken. Einen Versuch wäre es wert.

3.) Die Alles-bleibt-fast-so-wie-es-ist-Variante:
Man bleibt bei der Struktur und beim Datum. Man darf dann auch gerne nur 16 Wettbewerbsfilme zeigen. Allerdings sollte man dann bitte (bitte, bitte!) von der ungerechtfertigten Verteilung des Wettbewerbsplätze absehen. Es geht nicht, dass "Come rain, come shine" als einziger asiatischer Beitrag das vielleicht kreativste Dreieck des Weltkinos (Japan, Südkorea, China) repräsentiert, dafür aber jedes Jahr mindestens zwei deutsche Filme im Wettbewerb laufen (die manchmal nicht hingehören). Man sollte keine Quoten erfüllen, sondern rein nach Qualität gehen. Mut wäre noch ein anderer Maßstab. Wie wäre es mit einem 4,5 Beitrag aus Japan (wie "Heavens Story" von Takahasi Zeze), neben einer Doku über Mikhail Chodorkovski ("Khodorkovsky") und einem James Benning ("Twenty Cigarettes") im Wettbewerb? Es ist ja nicht so, dass die Berlinale dieses Jahr nichts Aufregendes zu bieten hatten - es versteckte sich nur wie so oft in den Nebensektionen.
Oder man fängt an, neue Filmlandschaften zu entdecken und lässt vier arabische oder philippinische Beiträge laufen. Dann könnte die Berlinale zum Ort der Entdeckung werden. Man könnte verschiedene Formen und Genres (Genrekino! Das gibt es im Wettbewerb eigentlich gar nicht mehr) nebeneinander platzieren, ohne sich immer um diese konstruierten Grundthemen zu scheren. Das schließt große Star-Vehikel wie "Margin Call" und "Corelianus" natürlich nicht aus.

Alle drei Vorschläge zielen auf eines: Die Berlinale soll wieder ein Festival werden, das seinen "politischen" Anspruch nicht nur behauptet. So gut und löblich die Free-Jafar-Panahi-Stimmung war, so hat man mit dem leeren Stuhl für den Regisseur trotzdem kein anderes oder besseres Zeichen gesetzt als schon das Festival von Cannes vor einem Jahr. Wenn man es recht betrachtet, war die Berlinale da einfach mal auch zu spät dran. Aber Kino in Berlin darf nicht zu spät kommen. Es muss ein Seismograph einer Welt sein, die sich in einigen Teilen gerade neu erfindet. Und es gibt ein Kino, das uns darauf schon seit geraumer Zeit aufmerksam gemacht hat. Leider lief es nicht hier. Fürs nächste Jahr wünschen wir uns daher viel mehr Courage und Wagemut. Wir wollen ins Kino gehen und danach etwas fühlen. Das kann Wut sein, Freude oder Trauer. Aber es darf auf keinen Fall mehr dieses stumme Gefühl der Gleichgültigkeit sein.

Die Preisträger im Überblick

Goldener Bär - Bester Film: "Nader And Simin, A Separation" von Asghar Farhadi
Silberner Bär - Großer Preis der Jury: "A Torinói ló" von Béla Tarr
Silberner Bär - Beste Regie: Ulrich Köhler für "Schlafkrankheit"
Silberner Bär - Herausragende künstlerische Leistung: Wojciech Staron für die Kamera in "El premio" von Paula Markovitch, ex aequo: Barbara Enriquez für das Production Design in "El premio" von Paula Markovitch
Silberner Bär - Bestes Drehbuch: Joshua Marston und Andamion Murataj für "The Forgiveness Of Blood" von Joshua Marston
Silberner Bär - Beste Darstellerin: Das Schauspielerinnen-Ensemble in "Nader And Simin, A Separation" von Asghar Farhadi
Silberner Bär - Bester Darsteller: Das Schauspieler-Ensemble in "Nader And Simin, A Separation" von Asghar Farhadi
Alfred-Bauer-Preis: "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel

Mehr Informationen auf der offiziellen Website www.berlinale.de

 

Freitag, 18.02.2011: Ein Ende mit Schrecken

Mit einem albanischen Blutrachedrama endet der wirklich schlechte Wettbewerb der 61. Berlinale immerhin auf einer positiven Note. Wer wird ihn gewinnen? Bevor wir anfangen zu spekulieren noch ein Blick auf kleine Überraschungen in den Nebensektionen.

Einer der überzeugendsten Filme des Festivals lief im Panorama. Es handelt sich dabei um den spanischen Oscarkandidaten "Even the rain" von Iciar Bollain. Mit Gael Garcia Bernal ("Babel") hat der Film sogar ein gewisses Starpotential vor der Kamera. Bernal spielt einen Regisseur, der in Bolivien ein Biopic über den spanischen Mönch Bartolome de las Casas dreht. Es soll ein gewaltiges Werk werden und ein Film, der die Kolonialisierung der indigenen Stämme Südamerikas anprangert. Doch gleichzeitig kämpfen die angeheuerten Statisten gegen die geplante Wassersteuer der lokalen Regierung. Ihr Protest gefährdet auch die Dreharbeiten.
"Even the rain" hat ein Drehbuch von Ken Loach-Stammschreiber Paul Laverty, der schon lange zu den interessantesten Drehbuchautoren Europas gehört. Vor allem die erste Hälfte seines Skripts zu "Even the rain" ist ein ambitionierter Versuch die (spät-)koloniale Ausbeutung der indigenen Stämme mit der des Apparates einer Filmproduktion in Verbindung zu bringen. So mutiert das Set zu einem kleinen Paralleluniversum, in dem die Statisten auch nichts weiter sind als billig unterworfene Arbeitskräfte. Eine kraftvolle Szene gibt es, wenn die Crew beim Bürgermeister eingeladen ist und draußen die Demonstranten beginnen zu randalieren (ein Krieg ums Wasser, der auf wahren Begebenheiten beruht). Daraufhin wendet sich der Regisseur an den Bürgermeister und fragt leicht naiv: "Ich will mich ja nicht einmischen. Aber wenn jemand zwei Dollar am Tag verdient, dann ist die Erhöhung der Wassersteuer um 300% doch nicht fair." Worauf der Bürgermeister süffisant antwortet: "Sind zwei Dollar nicht genau die Summe, die sie ihren Statisten zahlen?" Man merkt, dass sich Laverty die Sache nicht leicht macht. Das Thema behandelt er mit großer Sorgfalt und sehr behutsam. Bis er dann in der zweiten Hälfte zu seinem gewohnten melodramatischen Ton wiederkehrt. Das muss man dann auch mögen, sonst könnte einem "Even the rain" nicht gefallen. Allerdings wird die zweite Hälfte vom Regisseur wiederum sehr behutsam und zurückhaltend inszeniert, so dass am Ende zwar immer noch der Humanismus gewinnt (gut), dies allerdings nicht mit dem dramaturgischen Knüppel erreicht wird (auch gut).

Der berühmteste Häftling Russlands
Eine andere Art von Ausbeutung thematisiert der Dokumentarfilm "Khodorkovsky" des Deutsch-Russen Cyril Tuschi (Panorama). Vor Beginn des Festivals war es schon laut um den Film, da die Original-Filmspulen aus der Wohnung des Regisseurs gestohlen worden sind (die Ermittlungen laufen noch). Natürlich wird gemutmaßt, es könnten - wegen des Themas - Putins Schergen ihre Finger im Spiel haben. Doch Tuschi hat glücklicherweise zwei Stunden vor dem Diebstahl noch eine Kopie an das Festival geschickt. Dementsprechend groß war natürlich auch der Andrang beim Screening (es wurden sogar zwei Sondervorstellungen für die Presse organisiert) von "Khodokovsky". Der Film selbst ist eine sehr spannende Recherche geworden, die den Regisseur auf seiner Suche nach der Ursache für die Verurteilung des russischen Oligarchen und Putin-Intimfeind Michael Chodorkowski begleitet.
Tuschi enthüllt zwar wenig Neues, versteht es aber, seine Gesprächspartner gekonnt in seine Erzählung zu verweben. Besonders angenehm ist das im ersten Drittel, wo die "talking heads" (u.a. Weggefährten, Partner und Familie Chodorkowskis) nur punktuell, dafür aber sehr effektiv eingesetzt werden. Er mischt Voice-Over-Narration mit Interviews, Animationsszenen und tritt selbst vor die Kamera. Besonders letzteres wirkt manchmal etwas unnötig und stört den sonst sehr ausgewogenen Film. Den Höhepunkt stellt dann das Chodorkowski-Interview am Ende dar. Ein paar Fragen durch eine verglaste Zelle. Natürlich ist der Film einigen russischen Herren ein Dorn im Auge. Schließlich äußern sich in ihm einige Menschen, die nochmal mit einem blauen Auge davongekommen sind (z.B. Chodorkowskis ehemaliger Geschäftspartner). Sie sind mit ihrer Putin-Kritik manchmal recht offenherzig. Das Tuschi sie trotz einer möglichen Gefahr zum Reden gebracht hat, ist die größte Leistung seines Films.

Auf eine Zigarette mit James Benning
"Twenty Cigarettes" (Forum) heißt der neue Experimentalfilm des Amerikaners James Benning, der auf der Berlinale schon mit "RR" und "13 Lakes" zu Gast war. Wie es der Titel verrät, werden zwanzig Menschen gezeigt, die jeweils eine Zigarette rauchen. Benning filmt ihre Gesichter ohne Schnitte in einer starren Einstellung. Es wird nicht gesprochen, nur geraucht. James Benning geht es um die Untersuchung unterschiedlicher Entspannungsprozesse. Wir sehen alt, jung, männlich, weiblich, reich, arm, schön, hässlich, schwarz und weiß. Wir beobachten die Gesichter, studieren die Mimik und Gestik. Wir versuchen uns die Geschichten zu den Gesichtern vorzustellen, suchen nach Zeichen, nach Eheringen und Narben. "Twenty Cigarettes" ist auch für absolute Nichtraucher ein Vergnügen (oder nur für diese?) und auf diesem mauen Festival ein Moment wahrer Entspannung. Oder genauer gesagt: 20.

Ein Tag und eine ganze Welt in 90 Minuten
Beste Chancen auf den Publikumspreis der Panorama-Sektion hat der außergewöhnliche Film "Life in a Day". Das Kooperations-Projekt zwischen YouTube und der Produktionsfirma Scott Free der Regie-Brüder Tony und Ridley Scott rief im letzten Sommer alle YouTube-Nutzer weltweit dazu auf, beliebiges Videomaterial als dokumentarischer Ausschnitt aus ihrem Leben (oder dem von jemand anders) einzuschicken. Einzige Bedingung: Das Material musste am 24. Juli 2010 gedreht werden.
Aus über 4500 Stunden eingesendetem Material aus aller Herren Länder wurde dann in monatelanger Sichtungs- und Kürzungs-Arbeit 90 Minuten destilliert, die ihre Zuschauer einmal um die ganze Welt und durch alle Aspekte des Alltags und des Lebens mitnehmen. Aufstehen, Zähneputzen, Frühstücken, Arbeiten und Feierabend genießen. Geburt, Krankheit, Tod. Liebe mit Happy End und ohne. Wahrhaft großartige (und oft auch großartig komische) Momente stehen direkt neben Montagen alltäglicher Banalitäten, die aber gerade durch ihre Aneinanderreihung ihre eigene poetische Schönheit entwickeln und dem Film immer wieder einen neuen Rhythmus geben. Eine Bravourleistung in Sachen Filmschnitt.
Vom ersten bis zum letzten Moment ist "Life in a Day" so faszinierend, abwechslungsreich, unterhaltsam und berührend, dass man sich bereitwillig auch noch 90 weitere Minuten angesehen hätte. Ein außergewöhnliches und besonderes Erlebnis, auf dessen geplanten Kinolauf (Starttermin: 24.07.2011, natürlich) man sich jetzt schon freuen darf.

Blut muss fließen
"The Forgiveness of Blood" ist der neue Spielfilm des US-Amerikaners Joshua Marston, der mit "Maria voll der Gnade" einen Überraschungserfolg feierte (und dafür auf der Berlinale ausgezeichnet worden ist). Sein neuer Film ist nicht in Kolumbien angesiedelt, sondern in einem nicht weiter benannten albanischen Dorf. Zunächst skizziert die Kamera äußerst schön den Alltag des Teenagers Nik (eine Entdeckung: Tristan Halilaj) und seiner Familie. Sein Vater verkauft Brot. Nik flirtet und bastelt an dem Moped seines Kumpels herum. Dann passiert etwas, dass nicht gezeigt wird. Aber es gibt Streit zwischen einem Grundstückbesitzer und Niks Vater und Onkel. Der Besitzer will den alten Weg für den Brot-Wagen des Vaters nicht freimachen. Daraufhin wird er wohl von Niks Onkel erstochen, während sein Vater das Opfer festhielt.
Es wird brenzlig für Nik und seine Familie, weil hier in Albanien in einigen Gegenden noch die archaische Tradition der Blutrache als gerechte Strafjustiz betrachtet wird. Der Vater flüchtet und die Familie darf nicht mehr aus dem Haus, sonst könnte sie ohne Weiteres erschossen werden. Für den Teenager Nik, der sich gerade verliebt hat und am liebsten seiner Liebe hinterherlaufen würde, ist dieser erzwungene Hausarrest eine reine Qual.
Marston hat einen sehr schönen Erzählfilm gedreht, in dem vor allem der großartige Hauptdarsteller überzeugt. Auch das Thema der Blutrache wird nicht überdramatisiert. Der Regisseur hält sich an die Fakten und kommt daher auch nicht in Versuchung, einen Strafender-Zeigefinger-artigen Blick auf diese Art der Strafjustiz zu richten. Durch Niks Leiden allein wird deutlich, wie verachtenswert sie ist. Im Wettbewerb ist der Film eine kleine Wohltat. Er gehört sicherlich zu den zwei, drei Überraschungen, die man hier erleben konnte. Auch deshalb würde es nicht wundern, wenn es für diese zärtliche Coming-of-Age-Geschichte (mehr ist es dann doch nicht geworden) einen Preis gibt.

Wer räumt ab?
Glaubt man einer größeren Berliner Zeitung, ist dem Jurymitglied Amir Khan während einer Vorstellung der Satz entfleucht: "Wer wählt diese Filme aus? Ich bin geschockt." Das nährt die Hoffnungen, dass auch die Jury das schlechte Grundniveau des Wettbewerbs erkannt hat und vielleicht eine extreme Entscheidung fällen wird. Seit seiner Premiere gilt - da sind sich alle Kritiker einig - Ashgar Farhadis herrlicher "Nader and Simin. A Seperation" als einzig würdiger Gewinner. Inklusive der starken "Free Jafar Panahi"-Stimmung führt auch eigentlich kein Weg daran vorbei. Doch die Jury müsste weiter gehen. Sie müsste dem Auswahlkomitee der Berlinale deutlich machen, wie schwach - mitunter sogar peinlich - der Wettbewerb war. Man müsste sich drei Filme nehmen und alle Preise unter diesen drei aufteilen. Oder man gibt sie alle an Farhadi. Das denkbar schlimmste wäre eine total gleichgültige Verteilung der Preise auf möglichst viele Wettbewerbsfilme. Doch Isabella Rossellini und die Jury sind hoffentlich mutiger. Es gab ja schließlich auch Zeiten, wo kein Goldener Bär verlieren wurde. Auch der Reporter ist nochmal in sich gegangen und hat sich für diese Tipps entschieden:

den Goldenen Bären für den besten Film: NADER AND SIMIN. A SEPERATION
den Großen Preis der Jury: THE TURIN HORSE
den Preis für die Beste Regie: BELA TARR
den Preis für die Beste Darstellerin: MIRANDA JULY (oder eine Katze)
den Preis für den Besten Darsteller: TRISTAN HALILAJ
den Preis für das Beste Drehbuch: SCHLAFKRANKHEIT
den Preis für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design: KAMERA IN TURIN HORSE
den Alfred-Bauer-Preis, (für einen Spielfilm, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet): LES CONTES DE LA NUIT / THE FUTURE

 

Donnerstag, 17.02.2011: Der ganz private Terror
Es geht weiter mit dem Wettbewerb. Filme aus Südkorea und Israel versuchen sich am Gefühlsterror einer scheiternden Beziehung. Und Anders Veiel zeigt seinen ersten Spielfilm über die Beziehung zweier Terroristen.

Gegen Ende des Festivals kristallisiert sich das dominierende Motiv der Wettbewerbsfilme immer deutlicher heraus: Es sind private Trennungsgeschichten, die auf der Leinwand in äußerst vielfältigen Formen dargestellt werden. Die Filme von Asghar Farhadi, Miranda July, Rodrigo Moreno, Seyfi Teoman, Alexander Mindadze, Ulrich Köhler oder Victoria Mahony haben wir schon besprochen. Nun reihen sich auch Beiträge aus Israel und Südkorea in diese Reihe.

Die Stille muss man aushalten
Der südkoreanische Regisseur Lee Yoon-Ki ist ein alter Bekannter hier auf der Berlinale. Seine letzten drei Filme liefen im Forum. Zuletzt war er vor zwei Jahren mit der wunderbaren Komödie "My Dear Enemy" zu sehen. Mit seinem neusten Film "Come rain, come shine" hat er sich allerdings vom Komödienfach abgewandt. Am Anfang sehen wir ein junges Paar im Auto. Er bringt sie zum Flughafen. Lange und ohne Schnitt blicken wir durch die Windschutzscheibe des Autos und hören einen seltsam verklemmten Dialog. Sie eröffnet ihm, dass sie Schluss macht. Dann gibt es eine Blende. Einige Zeit später sind beide zu Hause. Sie packt ihre Sachen. Es ist der letzte Tag des Paares. Doch ein Sturm verhindert, dass sie das Haus verlassen kann. Und so müssen die beiden noch länger zusammen bleiben.
Kims Film ist eine beeindruckende Minimalismus-Übung geworden. Ein Film, der so sauber und aufgeräumt ist wie die wunderschöne Wohnung der beiden. Sie schleichen durchs Haus, wollen sich nicht begegnen, wollen sich verstecken. Dann kommt es immer wieder zu kurzen Dialogen. Kleine Wortwechsel, in denen aber alle Konflikte der Beziehung anklingen. Dann kommt eine junge Katze ins Haus (es ist ja die Tier-Berlinale) und ein unangekündigter Besuch. Werden die beiden doch zusammenbleiben?
Man hat "Come rain, come shine" keinen Gefallen getan, ihn so spät im Festival (und da noch als 9-Uhr-Pressevorführung) im Wettbewerb zu zeigen. Der Film hat mehr Aufmerksamkeit verdient, als man ihm beim besten Willen schenken konnte. Denn Kim ist hoch konsequent im Durchsetzen seines Minimalismus. Selbst das Pasta-Gericht, das sich die beiden machen, besteht nur aus vier Knoblauchzehen, drei Pilzen, vier halben Zucchinischeiben und drei Tomatenhälften. Am Ende ist der Sturm vorbei. Ob auch die Beziehung gerettet ist, lässt der Film offen. Das überzeugendste an Kims Werk ist der Eindruck, dass er dem tauben Gefühl der Trennung näher kommt als es die verspielte Miranda July oder der gelangweilte Rodrigo Moreno geschafft haben.

Das stumme Leiden der Liebe
Um eine Liebesbeziehung zweier Frauen geht es im neuen Film von Jonathan Sagall. Sein Debüt wurde 1999 im Wettbewerb gezeigt. Zwölf Jahre später zeigt man nun seinen zweiten Spielfilm. In "Odem" steht das Schicksal zweier palästinensischer Frauen im Vordergrund. Beide kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Beide sind durch eine schicksalhafte Nacht verbunden, die das Leben beider Frauen bis in die Gegenwart bestimmt. Beide sind mittlerweile nach England ausgewandert. Beide sind verheiratet, doch nur eine hat ein Kind. Plötzlich treffen sie sich wieder. Es ist der Moment, in dem der Film eine stark verdichtete Kette von Ereignissen und Emotionen loslöst.
"Odem" ist mit Abstand einer der stärksten Filme des Wettbewerbs. Vor allem weil er uns erzählerisch überrascht. Es wird viel mit Rückblenden gearbeitet. Doch es fehlen konkrete Zeitangaben, was die Orientierung und chronologische Einordnung erschwert. Das ist kein Defizit, sondern die Stärke von "Odem". Ein Film, der ein äußerst feines Gespür für die tiefen Verletzungen seiner beiden Hauptfiguren hat. Es passieren schlimme Dinge. Schuld und Vergebung durchziehen als Leitmotive diese Geschichte. Am Ende wirft uns der Film genauso plötzlich raus, wie er uns in seine Welt hineingelassen hat. Er hat eine Kraft, die man sich von vielen anderen Wettbewerbsfilmen gewünscht hätte.

Der Muff der Zeit
Mit "Wer wenn nicht wir" von Anders Veiel wurde am vorletzten Wettbewerbstag der zweite deutsche Beitrag ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt. Veiel wollte, wie er auf der Pressekonferenz nach dem Film erklärte, diesen Film machen, weil es - seiner Ansicht nach - noch keinen Film gibt, der die Entstehungsgeschichte der RAF thematisiert. Deshalb erzählt er in "Wer wenn nicht wir", wie das Paar Bernward Vesper (August Diehl) und Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) zusammenkommt und wie sie langsam zu wesentlichen Figuren des deutschen Terrorismus werden. Veiel zeichnet dabei zunächst ein sehr genaues Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft, in der die Nazizeit alles andere als vergessen ist. Deshalb ist die erste halbe Stunde von seinem Film sehr interessant und vielversprechend. Bernwards Vater war Schriftsteller im Dritten Reich und zeigt sich alles andere als reumütig. Seinem kleinen Sohn sagt er schon ganz am Anfang: "Katzen, mein Junge, sind die Juden unter den Tieren."
Doch dann wird "Wer wenn nicht wir" erstaunlich konventionell. Das liegt auch daran, dass im zweiten Teil Gudrun Ensslin in den Fokus rückt und man - anders als bei Bernward - nie eine direkte Erklärung für ihre Handlungen bekommt. Ihre Radikalisierung kann Veiel nicht mal auf der Pressekonferenz erklären, dabei wäre das zwingend notwendig, um dem Film den gewünschten Mehrwert zu entlocken.
Veiel hat hiermit seinen ersten Spielfilm vorgestellt. Davor war er für einige der wichtigsten deutschen Dokumentarfilme der letzten Jahre verantwortlich (wie "Black Box BRD" oder "Die Spielwütigen"). Große inszenatorische Schwächen kann man ihm nicht zur Last legen. Die Ausstattung ist hervorragend und die Schauspieler machen ihre Sache mehr als ordentlich. Lena Lauzemis wird mit ihrer Ensslin-Darstellung mit aller Sicherheit ihren Durchbruch schaffen. August Diehl ist stets überzeugend, auch wenn er am Ende das Overacting marginal streift. Und Alexander Fehling gibt einen wesentlich interessanteren Andreas Baader ab als Moritz Bleibtreu in "Der Baader-Meinhof-Komplex". Er trägt sogar Kajal und lässt eine gewisse bisexuelle Seite erkennen.
Das alles kann den Film allerdings nicht wirklich retten. Am Ende muss man ehrlich sein, dass "Wer wenn nicht wir" sich nicht großartig von "Der Baader-Meinhof-Komplex" unterscheidet. Narrativ ist er wie Uli Edels Werk ein abgefilmter Zeitstrahl, der geradlinig abläuft und jede ästhetische Konfrontation scheut. Es ein Geschichtslehrerfilm, den sicherlich viele Schulklassen sehen werden, weil er niemanden überfordert und sich brav und artig an die Fakten hält.
Deshalb kann man ruhig die Frage stellen, ob so ein Film überhaupt nötig ist. Dies war dann auch die am häufigsten gestellte Frage während der erwähnten Pressekonferenz. Eine Antwort blieb Veiel leider schuldig. "Wer wenn nicht wir" ist ein Fernsehfilm, der sicherlich auch als solcher gut im Ersten laufen wird (gerne mit anschließender Anne Will-Sondersendung). Er braucht die große Leinwand nicht, weil er nichts wagt. Auch im Wettbewerb der Berlinale wirkt er wie ein Fremdkörper, da er so hermetisch und ohne Gegenwartsbezüge arbeitet, dass er sein internationales Publikum eher gelangweilt hat. Das ist vielleicht sein größtes Problem.

 

Mittwoch, 16.02.2011: Ein tierisches Vergnügen

Da das Halbzeitzeugnis des Wettbewerbs alles andere als gut ausgefallen ist, konnte man nur auf Besserung hoffen. Und in der Tat: Endlich werden Filme gezeigt, die eines A-Festivals würdig sind. Darunter auch endlich die ersten ernstzunehmenden Bärenkandidaten.

Es ist die Tier-Berlinale. Das steht jetzt schon fest. Kein Film ohne Tier. In "True Grit" wird ein schwarzer Hengst eiskalt erschossen. Kevin Spacey vergräbt in "Margin Call" seinen Hund im Garten seiner Ex-Frau. Das kleine Mädchen aus "El Premio" hat einen schwarzen Hund als treuen Gefährten. Und in Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" wird Jagd auf ein legendenbehaftetes Nilpferd gemacht. Heute haben zwei weitere Wettbewerbsfilme gezeigt, wie man mehr oder weniger effektiv ein Tier in die filmische Erzählung integriert

Sprechende Katze
In Miranda Julys zweitem Spielfilm "The Future" zum Beispiel wird eine sprechende Katze ganz selbstverständlich zum Erzähler gemacht. "Pfötchen" wartet darauf, dass Sophie (Miranda July) und ihr Freund Jason (Hamish Linklater) sie aus dem Tierheim abholen. Dafür nehmen sich die beiden etwas lethargischen Mittdreißiger einen Monat Zeit. Bevor sie die Katze aufnehmen und damit ein neues Kapitel ihrer Beziehung beginnen, möchten sie noch einmal ihr Leben umkrempeln. Jason schmeißt seinen Job als Callcenter-Agent und zieht ehrenamtlich als Klimaretter von Tür zu Tür. Sophie lässt ihre Arbeit als Tanzlehrerin sausen und will endlich via Youtube einen ganz skurrilen Tanzerfolg erreichen. Der Umschwung wird langsam zum Tod für die Beziehung.
"The Future" ist ein Film für July-Fans. Ihr Erstling "Du und ich und alle die wir kennen" war für die Autorin, Videokünstlerin, Fotografin und Filmemacherin ein großer Erfolg. Danach wollte July keinen Film mehr machen. Doch jetzt hat sie sich umstimmen lassen. Im Vergleich zum Debüt ist "The Future" (lief als Weltpremiere schon in Sundance) wesentlich pessimistischer. July erzählt gewohnt in grellem und bittersüßem Ton vom Scheitern einer Beziehung. Da wird aber schon mal die Zeit angehalten, mit dem Mond gesprochen oder komplett in einem T-Shirt verschwunden. Die Amerikaner sagen dazu "quirky", was sich ins Deutsche nur sehr unzutreffend mit "schrullig" übersetzen lässt. Das muss man mögen, sonst kann man schnell den Eindruck bekommen, Miranda July wäre nur eine weitere langweilige US-Indiefilmemacherin. Das ist sie nicht. Es stecken nämlich viele kleine Weisheiten in ihrem Werk. Momente, die versuchen eine gewisse Orientierungslosigkeit einer Generation zu thematisieren. Ob man sich davon gefangen nehmen kann, hängt wohl auch von der eigenen Nähe zu der Situation der Hauptfiguren ab.

Fliehendes Pferd
Das Tier packt der ungarische Autorenfilmer Bela Tarr bereits in den Titel seines neuen Films. "Das Turiner Pferd" nimmt sich einer Überlieferung aus dem Jahr 1889 an. In Turin soll der Philosoph Friedrich Nietzsche ein Pferd gesehen haben, das von seinem Kutscher bösartig ausgepeitscht wurde. Nietzsche empfand sofort ein tiefes Mitleid für das Tier und umarmte es. Das weitere Schicksal des Philosophen ist bekannt. Kurz darauf wurde er verrückt. Aber - fragt Bela Tarr - was wissen wir über das Pferd? Dies erzählt uns eine Stimme aus dem Off, dann beginnt etwas, was man eigentlich nicht als Spielfilm klassifizieren kann.
Tarr ist im wahrsten Sinne des Wortes ein filmisches Kunstwerk gelungen. "Das Turiner Pferd" ist ein 146-minütiges Kino der Handlungsdokumentation geworden. In exquisiten Schwarz-weiß-Bildern legt Tarr den Fokus auf den Besitzer des Pferdes und seine Tochter. Dabei erzählt der Regisseur nichts. In langen und fast ungeschnittenen Sequenzen folgt er dem eintönigen und sich ständig wiederholenden Alltag der beiden. Vater, Tochter, Pferd, Haus, Wagen, Kartoffeln und der Wind. Es herrscht nämlich ein großer Sturm, der die Tonspur fast über die gesamte Laufzeit dominiert.
Diesem Werk muss man sich aussetzen. Wer dies wagt, der wird in eine filmische Hypnose versetzt, der man dann nicht widerstehen kann. "Das Turiner Pferd" ist der Beweis für die involvierende Kraft der Form. Hier gibt es kein Suchen nach der richtigen Einstellung. Hier ist alles ein Teil einer großen (Autoren)Vision. Es ist ein episches Sterblichkeitsportrait, das in der letzten Szene seinen ungeahnten Höhepunkt erreicht. Vater und Tochter sind nur noch leblose Masken. Ihre Gesichter flackern im schwachen Licht. Die Kartoffel (das einzige Nahrungsmittel, welches die beiden zu sich nehmen) liegt auf dem Teller. "Iss!", sagt der Vater. "Wir müssen essen", sagt er. Dann nimmt er die Kartoffel in die Hand und beißt rein. Sie ist roh.
Bela Tarrs Film ist ein Bild des Todes. Ein Blick in den Abgrund, ein inszeniertes Ende der Welt - sprich: die Apokalypse. In der Pressekonferenz sagt der Filmemacher, nicht nur sein Kino, nein, jedes Kino wird beim "Turiner Pferd" enden, ob es das will oder nicht. Wenn man ehrlich ist und ein Filmfestival als Ort der Kinokunst begreift, führt eigentlich kein Weg daran vorbei "Das Turiner Pferd" mit dem Hauptpreis auszuzeichnen. Es wäre eine mutige und sicherlich von vielen nicht verstandene Entscheidung - aber es wäre die einzig richtige. Mit Guy Maddin und Isabella Rossellini sind mindestens zwei Künstler in der Jury, die dies nachvollziehen könnten.

Iranisches Ibsenstück
Ebenfalls erfreulich, wenn auch weniger überraschend, wäre die Auszeichnung des neuen Films des Iraners Asghar Farhadi mit dem Titel "Nader and Simin, a Speration". Simin will sich von ihrem Ehemann Nader scheiden lassen. Sie will mit der Tochter ins Ausland. Doch Nader willigt nicht ein. Er will seinen Alzheimer kranken Vater nicht zurücklassen. Simin zieht erstmal zu ihren Eltern und lässt ihre Tochter bei Nader. Der stellt ein Hausmädchen ein, damit die sich um den Vater kümmert, solange er in der Arbeit ist. Ein Unfall führt dazu, dass Nader das Hausmädchen feuert und wütend aus der Tür schubst. Ein Stoß, der eine Kette von Lügen und Missverständnissen auslöst, die alle Figuren der Gefahr aussetzt, entehrt zu werden und ins Gefängnis zu kommen.
"Nader and Simin" glänzt vor allem durch sein sehr genaues Drehbuch. Farhadi hat seine Abschlussarbeit über die Theaterstücke Ibsens geschrieben und der Dramatiker scheint hier in jedem Dialog durch. Wie auch schon in seinen früheren Filmen "Fireworks Wednesday" und "About Elly" ist Farhadi an den Lügen der iranischen Gesellschaft interessiert. Er beobachtet, wie seine Figuren versuchen, dem Mullah-System zu entgehen, ohne dabei ihren Individualismus einzubüßen. Keiner sagt die Wahrheit, aber jeder steht für seine Sache ein. Über vieles muss geschwiegen werden, einiges darf nicht zur Sprache kommen. Das Ausmaß der Verunsicherung wird deutlich, wenn z.B. das Hausmädchen bei einer Art Religionswächter-Hotline anruft um zu fragen, ob es eine Sünde sei, wenn sie den Alzheimer kranken Vater umzieht. "Nader und Simin" ist doppelbödig, hintergründig und wahnsinnig vereinnahmend. Gepaart mit Jafar Panahis Schicksal ist es eigentlich kaum vorstellbar, dass dieser Film hier nicht irgendwie ausgezeichnet wird.

Im Namen der Freundschaft
Neben Miranda Julys ätherisch verträumter Beziehungskomödie läuft mit "Our Grand Despair" des Türken Seyfi Teoman eine hoch amüsante und sehr schöne Variation des Beziehungsthemas. Die beiden Männer Ender und Cetin sind schon seit der Schulzeit befreundet. In Ankara teilen sich die beiden Singles eine Wohnung. Sie benehmen sich auch ein wenig wie ein altes Ehepaar. Nachdem die Schwester eines Freundes ihre Eltern bei einem Autounfall verliert, nehmen die beiden Männer das Mädchen Nahil bei sich auf.
Filme, die das Thema Freundschaft verhandeln, haben schon immer eine Stärke in sich, die man in Liebesgeschichten vermisst. Teoman schafft es auch dem Freundschaftsfilm eine interessante narrative Facette abzugewinnen. In Ellipsen zeigt er, wie die beiden Männer sich in Nahil verlieben. Doch das alles wird ohne dramatisierten Konflikt dargestellt. Beide wissen, dass sie sich eigentlich nicht darauf einlassen sollten, und dennoch macht beide diese Situation fertig. "Our Grand Dispair" bleibt ständig bei dieser knuddeligen Männerfreundschaft. Dinge, die passieren oder passiert sind, werden nur durch die Gespräche der beiden bekannt. Wie verführerisch wäre es da gewesen, den Plot entweder implizit oder explizit mit einem homoerotischen Überbau zu versehen. Glücklicherweise macht Teoman das nicht. Zwei Männer in Ankara, die eigentlich längst verheiratet sein müssten. Zwei Verlierer, die sich manchmal etwas jungenhaft verhalten aber gut für sich selbst sorgen können. Das Glück hat häufig schon einen Bogen um die beiden gemacht. Auch Nahil wird niemanden der beiden erlösen. Und so bleiben Ender und Centin am Ende wieder unter sich. Sie werden kochen, streiten, herumalbern und Fußball spielen. Manchmal werden sie ans Meer fahren und melancholisch auf das türkis leuchtende Wasser blicken. Die gelegentlichen Anfälle der Einsamkeit werden sie mit Raki herunter spülen - das alles werden sie tun. Zusammen. Nicht allein.

 

Dienstag, 15.02.2011: Erleuchtung garantiert

Während Filmfestivals Retrospektiven zu besuchen hat etwas Konservatives. Nicht das Aktuelle, nicht das Neue interessiert hier, sondern das was war. Und früher war ja bekanntlich alles besser. Dieses Jahr werden auf der Berlinale die Werke eines der größten und wichtigsten Regisseure Europas gezeigt, Ingmar Bergman. Es ist seit der Bunuel-Retrospektive vor fünf Jahren endlich wieder eine, die den Namen auch verdient.

Der Kollege vom Cargo-Filmmagazin macht schnell deutlich, was er von Bergman-Filmen hält: "Um das zu mögen, muss man eine gewisse Disposition mitbringen." Schon klar, man muss das Kino von Ingmar Bergman nicht lieben. Aber was sollten das denn für Voraussetzungen sein, die man mitbringen muss, um diese Filme groß zu finden? Muss man besonders religiös sein? Ein Misantroph vielleicht? Oder depressiv? Sicher nicht.

Beichten bei Bergman
Das interessante an Bergmans Werk ist die Quelle seiner Inspiration. Es stimmt zwar, dass das Theater und in erster Linie das Werk des schwedischen Dramaturgen Strindberg einen großen Einfluss auf Bergman hatte - allerdings ist die wesentliche Quelle immer er selbst gewesen. Daher haben alle seine Filme etwas streng Hermetisches, etwas Abgeschlossenes und sind dadurch hoch privat.
Von welchem Regisseur haben wir mehr erfahren als von Bergman? Von seiner harten Kindheit, seinen missglückten Ehen, von seinen vielen Seitensprüngen, oder von der gestörten Beziehung zu seinen Kindern? Und das alles nicht durch das kreischende Raster der Boulevardpresse, sondern einzig und allein durch seine Filme. Und darin geht er mit seinen Eltern aber vor allem mit sich selbst stets hart ins Gericht. In seinen Filmen ist immer jemand anwesend, der den Streit der Eltern, die Wut der Verfolger, oder die Einsamkeit des Reisenden zu spüren bekommt. Ein stummer Leidtragender.
Unter den vielen Klassikern, die Bergman geschaffen hat wie zum Beispiel "Wilde Erdbeeren", "Das siebte Siegel", "Szenen einer Ehe" oder aber auch "Persona" bietet die umfassende Retrospektive auf der Berlinale auch einen Blick auf Bergmans einzigen deutschen Film. Den hat der Schwede im Exil gedreht. Wegen Steuerhinterziehung musste Bergman Schweden verlassen und ging nach Deutschland. In den Münchner Bavaria-Studios entstand "Aus dem Leben der Marionetten".

Ein trostloser Mord
Der Film handelt von Peter Egerman. Egerman ermordet gleich zu Beginn des Films die junge Prostituierte Katharina Kafft, die von allen Freiern allerdings nur Ka genannt wird. Nach dem Mord beginnen die Rückblenden. Der Film kreist nun vor allem um die entscheidende Frage: Was hat Egerman zu dieser Tat gebracht. Was machte ihn zum Mörder? Die Rückblenden offenbaren eine perfekte Ehe mit seiner Frau Katharina. Sie ist die aufopfernde Gutmütigkeit in Person. Doch Egermann kann oder will das nicht akzeptieren. Aus vollkommen unerfindlichen Gründen schürt sich in ihm der Hass. Er entwickelt Mordphantasien, die er letztlich an Ka auslässt, die eine sehr große Ähnlichkeit mit Egermans Frau Katharina hat. Ein Stellvertretermord und in einer gewissen Hinsicht ist "Aus dem Leben der Marionette" auch ein Stellvertreterfilm geworden.
In seiner puritanischen Analyse eines trostlosen Mörders, der nicht anders konnte und fast völlig gottverlassen die schlimmste aller Taten vollbringt, hält sich Bergman den Spiegel vor. Er verarbeitet seine Straftat, die ihn aus seiner Heimat verbannte. Er tut Buße und lässt keinen Zweifel daran, dass er es nicht anders verdient hat. Aber "Aus dem Leben der Marionetten" beweist auch, dass Bergmans Filmwelt ohne Weiteres auch jenseits der skandinavischen funktioniert. Die großartigen Darsteller, wie Robert Atzorn, Christine Buchegger und Rita Russek passen in sein Universum, so wie auch Liv Ullman und Bibi Andersson.

Bergmans Kino rührt an etwas Essentiellem. Nach seinem Tod versuchten Kritiker wie Jonathan Rosenbaum ihm jedwede Innovation abzusprechen. Mittlerweile wurden sie z.B. vom Filmanalyse-Guru David Bordwell argumentativ in die Schranken gewiesen. Im Kino zu sitzen und einen Bergman-Film zu sehen, kommt einer Beichte gleich. Es gibt nichts was ablenkt. Es ist nur der harte und mitunter quälende Dialog zwischen Zuschauer und Leinwand. Das mag nicht jeder mitmachen, weil man bereit sein muss in diesen Spiegel zu blicken. Aber man muss anerkennen, dass Bergmans Werk immer noch nichts von seinem Gewicht und seiner Tragweite verloren hat. Und in Zeiten von 3D-Bombast ist es immer wieder erstaunlich, wie Involvierend und wahrhaftig ein formal puristisches Kino sein kann. Denn viel mehr als einen Stuhl, einen Tisch und ein Bett braucht es nicht, um das wirklich wichtige zu verhandeln.

Bergman ist tot, es lebt sein Geheimnis.

 

Montag, 14.02.2011: Enttäuschung in drei Akten

Die Nerven liegen blank. Der Wettbewerb ist unterirdisch schlecht. Mittlerweile überträgt sich die Stimmung auch auf das Miteinander unter den Kollegen. Alle haben das Gefühl: Es muss sich was ändern. Bessere Filme, und zwar pronto!

Die Atmosphäre ist giftig und die Laune schlecht. Das gilt vor allem für die Journalisten auf dieser Berlinale. Aber was ist hier eigentlich los? Warum wird fast schon gewalttätig in der Schlange zum Wettbewerbsfilm "Yelling to the sky" (davon später mehr) gedrängelt? Warum wird das Kinopersonal als "assholes" beschimpft, wenn es doch nach Kräften versucht einen Zeitplan einzuhalten? Und seit wann gehört es zum guten Ton mit einer ausgewachsenen Grippe im Kino zu sitzen und alle Kollegen selbstsüchtig und rücksichtslos anzustecken? Der Reporter erinnert sich an ein anderes, ja fast schon solidarisches Klima unter den Kollegen. Liegt es daran, dass kein Schnee liegt? Dass man nicht auf glatten Eismassen ins Kino schlittert und ab und zu eine stützende Hand gut gebrauchen kann? Immerhin gibt es einen Grund sich wirklich aufzuregen, und zwar den äußerst enttäuschenden Wettbewerb. Bis auf Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" sind die offiziellen Beiträge allesamt enttäuschend (die Filme außerhalb der Konkurrenz wie "True Grit" oder "Pina" sind hier natürlich ausgenommen). Ein Radiokollege hat nicht unrecht, wenn er behauptet, dass mit solch einem niedrigen Niveau die Berlinale sich auf absehbare Zeit nicht mehr als A-Festival behaupten kann.

Enttäuschung I
Der US-Indie "Yelling to the sky" von Vicotria Mahony ist ein Beispiel für dieses klägliche Niveau. Eine depressive Geschichte eines afroamerikanischen Teenagers, die aus armen und gewalttätigen Familienverhältnissen kommt (Mutter geisteskrank, Vater Alkoholiker, Schwester schwanger und weg). Den Ausbruch versucht sie, indem sie zur größten Drogenhändlerin ihrer Highschool aufsteigt.
Mahonys Film erinnert sehr stark an Andrea Arnolds Sozialdrama "Fish Tank". Auch dort versucht ein Mädchen aus ihren Verhältnissen zu fliehen. Doch wo Arnold sich ausschließlich auf ihre Protagonistin verlässt und immer nah bei ihr ist, lässt Mahony ihre Heldin etwas hilflos im Raum stehen. Da hilft es wenig, dass die Hauptrolle von Lenny Kravitz' Tochter Zoe gespielt wird. Auch "Precious"-Darstellerin Gabourey Sidibe hat eine kleine Rolle, die dem Film allerdings wenig bringt. Insgesamt bleibt "Yelling to the Sky" eher eine Art "work in progress", viele Ideen werden nicht ausdekliniert. Vieles bleibt in der Peripherie stecken. Die positive Schlusspointe, die das Werk am Ende setzt, wirkt dadurch auch nicht besonders glaubwürdig.

Enttäuschung II
Das gleiche Problem hat der russische Wettbewerbsbeitrag "An innocent Saturday" (V Subbotu) von Alexander Mindadze. Dabei beginnt er sehr stark. Er wirft uns mitten in die Nacht des tragischen Reaktorunglücks in Tschernobyl. Ein Parteiangehöriger will den Unfall nicht wahr haben, wirft den jungen Techniker Valery in sein Auto und fährt mit ihm raus zum Reaktor. Im Auto lässt Valery den Geigerzähler mitlaufen. Als der Apparat 600 anzeigt, springt der Junge aus dem Auto und flieht. Er hat die drohende Katastrophe erkannt. Valery will seine Freundin holen und möglichst schnell aus der Stadt verschwinden. Doch seine Vergangenheit und eine Hochzeit kommen ihm dazwischen.
Der Film verliert nach 20 Minuten schlagartig an Geschwindigkeit. Auf der Hochzeit trifft Valery ehemalige Freunde, mit denen er in einer Band spielte und sie damals beim KGB anschwärzte. Doch die drohende Reaktorkatastrophe geht völlig verloren. Mindadze hat keine Vorstellung davon, wie er mit seinem Stoff umgehen soll. Er versucht sehr nah bei Valery zu bleiben und nutzt dazu eine äußerst nervige Handkamera. "An innocent Saturday" hätte mit ein paar Ideen und einem Konzept sicherlich ein wirklich guter Film werden können. So ist es leider nur eine weitere Enttäuschung.

Enttäuschung III
Ebenfalls enttäuschend - wenn auch nicht ganz so schrecklich wie die oberen beiden Beiträge - ist Ralph Fiennes' Regiedebüt "Coriolanus". Fiennes verfilmt die gleichnamige Shakespeare-Tragödie mit original Dialogen aber im modernen Kriegssetting. Irgendwo an einem Ort, der hier Rom heißt aber mehr nach Belgrad aussieht, soll der tapfere Soldat Cajus Marcuis Coriolanus (Fiennes) zum Konsul gewählt werden. Doch seine Kälte und Widerspenstigkeit kommt beim Volk nicht gut an. Angestachelt von zwei populistischen Senatoren wird Coriolanus verbannt. Daraufhin schließt er sich mit dem Feind zusammen und wendet sich gegen seine einstige Heimat.
Fiennes inszeniert ohne jegliche Probleme einen Streifen, der an Paul Greengrass erinnert aber dessen Effektivität vollkommen vermissen lässt. Klar, Fiennes, Vanessa Redgrave, Brian Cox und Gerard Butler spielen solide, können den vollkommen orientierungslosen Film aber auch nicht retten. "Coriolanus" taugt weder als Irak- noch als Afghanistanmetapher. Er genügt sich selbst und ist daher luft- und blutleer (obwohl das Blut hier in Strömen fließt). Shakespeare in Tarnanzügen zu präsentieren hat etwas von Brandenburger Dorftheater und mit großem Kino herzlich wenig am Hut. Shakespeare in einen anderen zeitlichen oder kulturellen Kontext zu versetzen, hat sich in der Geschichte des Kinos desöfteren als sehr ertragreich erwiesen. Man erinnere sich nur an Kurosawas "Ran". Fiennes' Idee - sollte er eine gehabt haben - verliert sich irgendwann in der zwanzigsten Maschinengewehrsalve.

Die Gretchenfrage

Ohne Technik kein Kino. Das gilt schon seit den Anfängen dieser Kunst. Doch mit welchen Mitteln werden uns zukünftig die Filmemacher ihre Vision näher bringen? Auch diesen Fragen ging die Berlinale am Sonntag nach. Darum nochmal ein Blick zurück auf den gestrigen Tag.

3D-Tag auf der Berlinale. Das heißt zunächst, dass die netten Frauen an den Eingängen des Berlinale-Palastes mit schmutzigen 3D-Brillen auf die Journalisten warten. Zu einer Brille gibt es wenigstens gleich noch ein Putztuch dazu. Dann darf der erste 3D-Wettbewerbsfilm beginnen.

Es ist "Les Contes de la Nuit" des Franzosen Michel Ozelot, der sich schon seit Jahren an der heutzutage nur noch sehr selten genutzten Scherenschnittanimation versucht. Sein Film ist eine nett verwobene Episodengeschichte. Ein Junge, ein Mädchen und ein älterer Mann verbringen eine Nacht in einem Kinosaal mit wundersamen Maschinen damit, sich Märchen und Sagen auszudenken und diese dann auch gleich selbst zu spielen. Ihre Geschichten siedeln sie in allen möglichen Epochen und Kulturkreisen an, deren jeweilige Lebenswelt, Kunst und Architektur die bunten und detailreichen Hintergründe für die agierenden Schattengestalten bilden.
"Les Contes de la Nuit" hat trotz seiner eintönigen Struktur (im Kino werden die Grundzüge der neuen Geschichte geplant, dann folgt die Darbietung des eigentlichen Märchens - und von vorn, das Ganze sechsmal) durchaus seinen Charme, der hält nur nicht sehr lange. Die Animation ist oft etwas grobschlächtig, Ocelots Silhouetten-Tricks sind manchmal etwas behäbig und die 3D-Technik fügt dem Film nur marginal eine qualitativ neue Ebene hinzu: Bei der Scherenschnittanimation sind die Akteure naturgemäß nur zweidimensional, der Tiefeneffekt entsteht einzig zwischen den Figuren und den Hintergründen - das ist zwar hübsch anzusehen, abwechslungsreich ist es aber nicht. Der besondere Reiz, dass der Film die neueste Kinotechnik (3D) mit einer Rückbesinnung auf die fern zurückliegenden Ursprünge sowohl der filmischen Animation (Scherenschnitt) als auch des Geschichtenerzählens (Sagen und Märchen) kombiniert, nutzt sich jedenfalls schnell ab.
Bei aller Liebe für Märchen wären diese sympathischen Gutenacht-Geschichten ein schöner Beitrag für das Generation-Programm (sprich: die Kinderfilmsektion der Berlinale). Doch leider läuft Ocelots Film im Wettbewerb und da - muss man ehrlicherweise sagen - passt er absolut nicht hin. Im Berlinale Palast geniert man sich ein wenig dafür, dass man in der Auswahlkommission tatsächlich glaubte, dies hier wäre ein würdiger Kandidat für das Rennen um den Goldenen Bären.

Wenders ist gut ...
Anders sieht es da schon bei Wim Wenders' erstem 3D-Werk aus. "Pina" ist eine Hommage an die 2008 plötzlich verstorbene Ikone des modernen Tanztheaters, die Choreographin Pina Bausch, mit der Wenders eng befreundet war und mit der er diesen Film ursprünglich gemeinsam umsetzen wollte. Bausch hat zu Lebzeiten mit ihrer Tanztruppe in Wuppertal das Tanztheater auf ein völlig neues Level gehoben. Wenders will genau das zeigen. Der Film besteht daher zu großen Teilen aus Tanzszenen, die Wenders mit dem Bausch-Ensemble bravourös inszeniert. Dabei beschränkt er sich nicht allein auf das Theater als Bühne, sondern geht mit den Tänzern auch raus in die Stadt, fährt mit der Schwebebahn, geht ins Schwimmbad oder in einen Wuppertaler Park. Es sind kleine Dankeschön-Tänze des Ensembles, dessen Mitglieder immer wieder aus dem Off erzählen, was Pina Bausch ihnen bedeutet hat.
Wim Wenders hat die 3D-Technik sehr effektiv eingesetzt und man darf es getrost sagen: Er hat großartige Momente geschaffen. Die Rhythmik des Tanzes, die Bewegungen der Körper, das Zucken, Klopfen und Trampeln der Tänzer bekommt hier eine Unmittelbarkeit, die den Film absolut besonders macht. Vielleicht gefällt der Film, weil hier mehr Pina als Wim drin ist. Wenders nimmt sich ganz zurück und bringt die professionellen Tänzer, die mit viel Herzblut bei der Sache sind, in den Fokus des Werks. "Pina" wird aber nicht alle glücklich machen. Wer sich weder für Tanztheater noch für Pina Bauch interessiert oder wer sich nicht von den einzelnen Tänzen hinreißen lassen kann, der wird spätestens nach einer Stunde das Weite suchen.

... aber Herzog ist besser
So professionell und innovativ Wenders mit der 3D-Technik umgeht, so muss man sagen, dass Werner Herzog noch eine Schippe drauflegt. Sein Dokumentarfilm "Cave of forgotten Dreams" nimmt uns mit nach Südfrankreich in die Chauvet-Höhlen. Als erstes und bisher einziges Filmteam durfte Herzog mit seinen Mannen die einzigartigen 32.000 Jahre alten Höhlenmalereien betrachten, die sich dort befinden. Es sind wohl die ältesten Erzeugnisse von Menschenhand, die wir kennen. Diesen Aufhänger nutzt Herzog für eine seiner essayistischen Anthropologie-Dokus. Er klettert mit seinen Führern in die Höhlen. Mit einer (!) kleinen Kamera und drei flachen Lichtpanelen ist das Drehen sehr beschwerlich. Doch Herzog entwirft einen unglaublich poetischen und einnehmenden Blick auf dieses Zeugnis unserer Vorfahren. 3D erschien selten angebrachter als hier. Herzog konfrontiert die eine Bildtechnik (Höhlenmalerei) mit einer anderen (3D-Kino) und versucht Beziehungen und Spannungen zwischen ihnen herauszuarbeiten. Das funktioniert auf der inhaltlichen Ebene durch Herzogs intelligenten und literarischen Off-Kommentar. Den liest der deutsche Regisseur auf englisch mit seinem unverkennbaren deutschen Akzent. Er stellt - sichtlich begeistert von den Malereien - die alles entscheidenden Fragen: Wer sind wir? Woher kommen wir? Und was sehen wir, wenn wir an diese Höhlenwände gucken?
Es gibt oft Momente in denen man sich fragt: Wie mach Herzog das? Wenn die Kamera die Landschaft um die Höhle herum fotografiert, dann ist sie ganz nah an diesen großen Felsenwänden dran und schwebt über wunderbare Seen und französische Landschaften. Zwar sind die 3D-Kameras nicht mehr so starr wie früher, doch solch eine Agilität hat man selbst bei Camerons "Avatar" nicht gesehen. Und Herzog wäre nicht Herzog, wenn er nicht am Ende zeigen würde wie er das gemacht hat. Die Kamera war nämlich auf einer kleinen Drohne montiert, die dann - wie ein kleines Flugzeug - auf den Regisseur (mit Fernbedienung in der Hand) zufliegt. Nach dem Ende gibt es noch einen Epilog, den so auch nur Herzog hinbekommt. Nur ihm gelingt es, die Höhlenmalereien mit Albino-Krokodilen in Beziehung zu setzen und damit eine unvergesslich philosophische Metapher zu erzeugen. Respekt, Herr Herzog!

Der Handyfilm: die Zukunft ?
Nach drei 3D-Filmen hintereinander tun jedem Kritiker der Kopf und/oder die Augen weh. Also sucht man Entspannung in den Kurzfilmen. Dieses Jahr gelten die Berlinale-Shorts als Geheimtipp unter den Fachbesuchern. Hier wird nämlich unter anderem auch der erste komplett mit dem iPhone gedrehte Film gezeigt. Es wäre vielleicht kein großes Ereignis, wenn sich nicht "OldBoy"-Regisseur Park Chan-Wook daran gewagt hätte. "Night Fishing" ist dann auch erstaunlich sauber und wenig experimentell geworden. Die Bilder sind klar, wenn sie klar sein sollen und düster, wenn sie düster sein sollen. Es ist wohltuend, dass Park hier nicht herumspielen will - was der kuriose Anfang noch nahe legt - sondern seine Geschichte in den Vordergrund stellt. Es ist eine tieftraurige und gleichzeitig groteske Trauergeschichte, die - wie für Park üblich - auch nette Horrorcomedy-Elemente parat hat.

Am Ende des Tages stellt sich die Frage: 3D und Handyfilm - kann das die Zukunft des Kinos sein? Was wird sich künstlerisch weiterentwickeln und was die Kassen klingeln lassen? Die Antwort ist nicht klar. Die Berlinalefilme zeigen, was möglich sein kann. Aber sie drängen auch noch einen anderen Gedanken auf: Besonders Herzog und Park vermitteln das Gefühl, dass die Technik, mit der man erzählt nicht essentiell ist. Wichtig ist, dass man überhaupt etwas zu erzählen hat. In diesem Sinne ist es egal, ob nun 3D oder Youtube oder iPhone oder halt eine elegante Büffelzeichnung in einer Höhle im Süden Frankreichs: The story matters!

 

Sonntag, 13.02.2011: Geschichtenerzählen für Fortgeschrittene

Filme aus Deutschland und Japan zeigen eindrücklich, welche Kraft und Magie in der Kunst des Erzählens liegt. Dabei pfeifen sich auf konventionelle Muster und wagen erfrischend Neues.

Wie kann man eine Geschichte erzählen? Welche Möglichkeiten gibt es, die Grenzen der herkömmlichen Erzählmuster zu durchbrechen? Oft sind Filme, die sich genau an diese Fragen wagen, besonders interessant. Auf der Berlinale gibt es zwei sehr gelungene Beispiele zu sehen.

Der erste Film läuft im Wettbewerb, heißt "Schlafkrankheit" und wurde von Ulrich Köhler ("Am Montag kommen die Fenster", "Bungalow") gedreht. Sein Film erzählt zunächst die Geschichte eines deutschen Entwicklungshelfers in Kamerun. Seine Tochter kommt ihn besuchen und auch seine Frau ist da. Wir erfahren, dass er seine Arbeit als Arzt in Kamerun beendet und wieder nach Wetzlar zurückkommen wird. Doch der Abschied fällt ihm sichtlich schwer. Afrika ist ihm nah gekommen. Seine eigene Familie dagegen ist ihm etwas fremd. Seine Frau sagt ihm einmal, als er sich über die pubertierende Tochter beschwert: "Was erwartest du eigentlich, wenn du sie für drei Jahre ins Internat gesteckt hast?" Alle Zeichen stehen auf Abschied und Übergang. Da ist einer, der nicht loslassen kann, der aber seine Beweggründe ebenso geheimnisvoll unterdrückt, wie es der dichte und dunkle Urwald Kameruns macht. Dann zeigt Köhler nur noch schwarz. Und nach einer kleinen Pause beginnt ein scheinbar anderer Film, mit einem anderen Hauptdarsteller.
Ein Franzose kongolesischer Herkunft arbeitet als Arzt in Paris. Er fährt nach Kamerun um eine Studie über die Schlafkrankheit zu verfassen. Vor Ort begegnet er einem deutschen Kollegen. Es ist der Entwicklungshelfer aus dem ersten Teil des Films. Köhler lässt uns im Unklaren darüber, ob das nun ein Zeitsprung vorwärts oder zurück ist, ob sich der Deutsche entschieden hat in Afrika zu bleiben oder nicht. Ist es überhaupt der gleiche Arzt wie im ersten Teil? Die Vorzeichen scheinen umgedreht. Es verstärkt sich der Eindruck eines narrativen Mysteriums. Im zweiten Teil hat der deutsche Entwicklungshelfer nämlich eine afrikanische Frau. Sie ist schwanger. Es dauert eine Weile, bis endlich chronologische Klarheit zwischen den Erzählsträngen entsteht.

"Schlafkrankheit" hat hier auf der Berlinale viele überfordert. Die Buh-Rufe einiger Pressevertreter waren verlogen und Kommentare wie "Mit Afrika bin ich durch" oder "Man braucht doch einen Konflikt", bezeugen das nur. Köhler schlägt einen - für das deutsche Kino - neuen Weg des Erzählens ein. Er gibt dem Mysterium den Vorrang. Inhaltlich, in dem er jegliche klassische Erzählmuster unterwandert, und formal, indem er sich an keine Chronologie hält. "Schlafkrankheit" ist ein spröder, aber sehr subtiler und souveräner Film, der seine Unklarheit nicht ausstellt, sondern zum Grundthema macht. So wie die Figuren hier hadern, ob sie bleiben oder gehen sollen, so haderte auch Köhler, der mehrere Jahre in Afrika lebte. In diesem Sinne ist das Werk auch stark biographisch zu verstehen.
Zudem erinnert "Schlafkrankheit" nicht nur vom Titel an Apichtapong Weerasethakuls Meisterstück "Tropical Malady". Auch hier bricht der erste Film in der Mitte ab. Auch hier beginnt im zweiten Teil eine neue Geschichte. Doch Köhler hat keine Kopie geschaffen. Seine Bilder sind wesentlich dunkler, zeigen nicht selten die afrikanische Nacht, die nicht mal die schwachen Taschenlampen der Figuren durchbrechen können. In diesen Momenten bleibt einem nur die Tonspur, die in unseren Köpfen den ganzen Urwald erzeugt. "Schlafkrankheit" kultiviert während seiner Laufzeit einen Ton der Sage und Legende. So einen Ton haben wir im deutschen Kino noch nicht vernommen.

Erzählen XXL
Ein anderes eindrückliches Beispiel der filmischen Erzählkunst liefert der Japaner Zeze Takahise mit seinem viereinhalbstündigen Epos "Heaven's Story" (Forum). Er erzählt die Geschichte von zwölf Protagonisten über einen Zeitraum von neun Jahren. Alle sind mehr oder weniger durch große Verluste und Gewalt miteinander verbunden. Es ist eine monumentale Gewaltparabel. "Heaven's Story" gelingt etwas, was bei Episodenfilmen wie "Babel", "Amores Perros" oder "LA Crash" leider nicht immer funktioniert. Die Geschichte und die Reaktionen seiner Figuren sind in jeder Minute absolut glaubwürdig. Die Crux am multiperspektivischen Erzählen ist ja der Umstand, dass man möglichst glaubhaft die Verstrickungen seiner Protagonisten in 90 oder 120 Minuten erzählen muss. Das führt oft dazu, dass es Momente gibt an dem sich ganz schicksalhaft alle irgendwo begegnen. Das ist in den meisten Fällen rein zeitökonomisch gedacht und nicht narrativ.
Takahisa nimmt sich aber die Zeit für jede Figur. Erzählt ihre Geschichte zunächst komplett losgelöst von allen möglichen Verbindungen zu anderen Charakteren. Chronologisch und in klar strukturierten Episoden (die übrigens unglaublich poetische Titel tragen wie "Kirschblüten und Schneemann" oder "Fallende Blätter und Puppen") wird hier erzählt. Erst langsam kreuzen sich die Episoden. Eine Szene, die wir vor einer Stunde sahen, spielt sich später im Hintergrund ab. Das geschieht ruhig und sehr souverän, so dass man nach dem Film das Gefühl hat, man hätte einen richtig tollen Roman gelesen. In diesem Sinne zahlt sich der inszenatorische Mut des Regisseurs gleich doppelt und dreifach aus.
Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass hier Mörder, Auftragskiller aber auch die Hinterbliebenen dieser Morde nebeneinander stehen. Damit wirft "Heaven's Story" auch gewichtige Fragen auf. Kann man einem Mörder vergeben, der die ganze Familie ausgelöscht hat? Ist Rache die richtige Lösung? Welchen Preis haben beide Taten? Auch hier begeht der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasst hat, keine Fehler. Die Taten werden hier nicht bewertet. Mord bleibt Mord. Doch das Leben geht weiter. Menschen ändern sich oder auch nicht, manche versuchen es, andere nicht. Den ganzen Film durchfließt eine Art der Weisheit und Ruhe, die noch durch eigentümliche japanische Puppenspiele unterbrochen wird.

"Heaven's Story" ist also - wie es der Titel sagt - eine Geschichte des Himmels (oder eine, die vom Himmel aus erzählt wird). Alle Figuren gucken nach oben. Sie suchen etwas. Erlösung? Frieden? Glück? Sicher ist nur, dass sich Takahasi nicht in leichte Gott-Metaphern flüchtet. Er hat die ganze Metaphysik der japanischen Kultur, die mit einem Blick in den Himmel zahlreiche Deutungsmöglichkeiten zulässt. Am Ende löst sich das Werk fast auf. Doch anders hätte man diesen Jumbojet von einem Film sicherlich nicht zur Landung bringen können. Man hat am Ende jedenfalls den Eindruck, dass man nicht nur etwas sehr langes, sondern auch etwas sehr großes gesehen hat. Ein Meisterstück von einem Film, der jetzt schon das ganze Festival mit seinen Bildern überstrahlt. Das wird sicherlich schwer zu toppen sein. Und das sind nur die ersten losen Gedanken zu einem Film, über den man noch lange schreiben und nachdenken kann.

"Schlafkrankheit" und "Heaven's Story" demonstrieren eindrücklich, welche Kraft das filmische Erzählen haben kann, wenn man sich über bekannte Muster hinaus wagt. Köhler schafft das, indem er Form und Inhalt den Gesetzen der Sage und des Geheimnisses unterwirft. Takahisa, in dem er die Länge seiner Erzählung zur Grundstruktur seines Films macht. Das ist in beiden Fällen mehr als gelungen und ermöglicht eine Erfahrung, die auf der diesjährigen Berlinale bisher nicht geboten wurde.

 

Samstag, 12.02.2011: Seichte Komödienmalerei

Eine deutsch-türkische Komödie sorgt für viele Lacher, bleibt aber reines Oberflächenkratzen. Ein albanisches Werk erforscht subtil die Starre zweier Ehen. Und ein Amerikaner übt sich als eitler Selbstdarsteller.

"Almanya - Willkommen in Deutschland" von Yasemin Samderelli ist ein Beispiel für einen Film, der im Wettbewerb (wenn auch außerhalb der Konkurrenz) eigentlich nichts zu suchen hat, obwohl er gar nicht so schlecht ist. Samderelli, die schon die erfolgreiche TV-Serie "Türkisch für Anfänger" mitkonzipiert hat, betritt mit ihrem Kinodebüt bekanntes Terrain, indem sie den erfrischenden Geist der TV-Serie auf ihren Spielfilm überträgt. "Almanya" ist die in Rückblenden erzählte Geschichte des Einemillionundersten Gastarbeiters in Deutschland. Fast wäre er der Einmillionste geworden, doch dann hat der Türke einen Italiener vorgelassen. Mittlerweile steht er kurz davor mit seiner Frau die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten und eröffnet seiner großen Familie (drei Söhne, eine Tochter, zwei Enkelkinder), dass er ein Haus in der Türkei gekauft hat. Daraufhin macht sich die Familie auf in die Heimat. Eine Reise, nach der nichts mehr so sein wird wie zuvor.
Der Eindruck von "Almanya" ist zwiespältig. Es ist zum einen ein heller, leichtfüßiger Film, der viele witzige narrative Einfälle bereithält. Gegen Ende erscheint er sogar ein bisschen wie die deutsch-türkische Variante von "Little Miss Sunshine". Rein inhaltlich hat er aber nichts Wesentliches zum deutsch-türkischen Verhältnis zu erzählen. Da ist ihm jeder Fatih Akin-Film überlegen. Und an die Spritzigkeit von "Türkisch für Anfänger" kommt er leider auch nicht ran. Diese Komödie wird sicherlich bei ihrem regulären Kinostart ein ordentliches Publikum finden. Und das zu recht. Auf einem A-Festival, das muss man aber deutlich sagen, sollte er nicht im Wettbewerb gezeigt werden. Dazu wirkt er trotz aller Bemühungen zu belanglos.

Ein albanischer Alptraum
Albanien ist ein Schwerpunktland auf dieser Berlinale. Im Wettbewerb wird ein Blutrachedrama laufen und auch der Forumsfilm "Amnesty" von Bujar Alimani verhandelt äußerst effektiv die gesellschaftliche Starre dieses kleinen Balkanstaates. Elsas Mann ist im Gefängnis. Warum, erfahren wir nicht. Die Frau, die mit ihren zwei Söhnen bei ihrem Schwiegervater wohnt, besucht ihn regelmäßig. An diesen Tagen darf ihr Mann mit ihr in den Gefängnisräumen schlafen. Bei diesen "Sexbesuchen" lernt sie einen anderen Mann kennen, der seinerseits seine inhaftierte Frau befriedigt. Beide Wege kreuzen sich. Zufälligerweise werden sie beide Zeugen bei einer Knasthochzeit. Elsas Schwiegervater setzt sie unter Druck: Diese Beziehung muss sofort beendet werden. Elsa flieht. Doch dann steht in der Zeitung, dass alle Gefangenen freigelassen werden. Darunter auch Elsas Mann.
Es ist beeindruckend, wie beiläufig Regisseur Alimani seine Geschichte montiert. Jeglicher narrativer Überbau wird weggelassen. Die Figuren sind ständig zwischen Tür und Angel. Ohne Ankerpunkte schweben sie ihrem Schicksal entgegen. Man mag das abrupte Ende als zu rabiat abtun. Doch in "Amnesty" hat rationale Begründung keinen Platz. Der Griff zum Gewehr liegt da näher.

Mumblecore at its worst
Joe Swanberg gehört zu den führenden Köpfen der Mumblecore-Bewegung in den USA. Blätter wie die New York Times feiern seine Ultra-Low-Budget-Filme schon seit geraumer Zeit. In der Tat ist dem 1981 geborenen Regisseur mit "Nights and Weekends" einer der eindrucksvollsten Mumblecore-Filme gelungen. Nach einer zwei Jahre dauernden Schaffenskrise ist er nun mit einem Douible-Feature wieder da. Im Forum laufen die beiden 70-Minüter "Silver Bullets" und "Art History".
Es sind beides - wie für das Mumblecore-Genre üblich - Beziehungsgeschichten, die Swanberg diesmal ganz selbstreferentiell im Amateurfilm-Milieu ansiedelt. Beide Filme enttäuschen. Sie nerven unerhört mit ihrer unentwegten Eitelkeit und einer pseudo-intellektuellen Attitüde, die jeder noch so schlechte Woody Allen-Film besser drauf hat. In den USA werden schon die ersten Beiträge verfasst über den Tod einer Filmbewegung, die vielleicht niemals wirklich den Status einer "Bewegung" erlangt hat. Swanbergs Filme - sollten sie repräsentativ sein - bestätigen, dass die Luft wohl raus ist.

 

Freitag, 11.02.2011: Der Blick auf die Krise
Der Wettbewerb startet eher mau. Obwohl Kevin Spacey und Paul Bettany nach Berlin gekommen sind. Aus Argentinien gibt es ein Aufarbeitungsdrama und im Forum kämpft sich ein kongolesisches Schlitzohr durch Kinshasa.

In einer Zeitung stand, dass die Filme der diesjährigen Berlinale die Nachkommen der Finanzkrise seien. Viele Regisseure hätten vor zwei Jahren kaum Geld für ihre Projekte erhalten und daher seien ihre neuen Werke davon beeinflusst. Das suggeriert eine gewisse Subtilität, die allerdings in den ersten Wettbewerbsfilmen nicht wirklich zu finden ist.
Aus den USA kommt ein Beitrag, der sich sehr explizit mit dem Beginn der Finanzkrise 2008 beschäftigt. "Margin Call" von J.C. Chandor ist die Innenansicht eines Wall-Street-Unternehmens. Der Film beginnt damit, wie viele Mitarbeiter entlassen werden, darunter auch der Chef des Risikodepartments (Stanley Tucci). Noch bevor er rausgeworfen wird, wirft er einem seiner Analysten einen USB-Stick zu, auf dem er eine beunruhigende Entdeckung gespeichert hat. Es stellt sich heraus, dass die Immobilienblase geplatzt ist und das Unternehmen wohl oder übel eine Krise auslösen wird.
"Margin Call" ist zunächst einmal ziemlich gut besetzt. Mit einem rundlichen Kevin Spacey als Abteilungsleiter, mit einem hervorragenden Paul Battany als Konzernchef und selbst Demi Moore als Vorsitzende der Buchhaltung spielt sehr überzeugend. Doch spielen sie keine Charaktere. Chandor hat seine Figuren eher durchlässig konstruiert. Sie könnten für alle Banker dieser Welt stehen, die mit maroden Fonds ihr Geld verdienen. Das interessanteste an diesem Film ist die Tatsache, dass er an einem Tag und der darauffolgenden Nacht spielt. Die stärkste Szene ist dann auch, wenn die gesamte Chefetage eine Krisensitzung abhält und über das weitere Vorgehen berät. Hier gelingt es dem Regisseur einige Anklänge an Lumets "Die zwölf Geschworenen" anzubringen, was zeigt, was aus "Margin Call" hätte werden können, wenn man sich für eine stärkere Formalisierung entschieden hätte. So plätschert das nette Filmchen ein bisschen behäbig vor sich hin. Und hat uns nicht wirklich etwas Neues zur Finanzkrise zu sagen. Es ist die übliche Leier von viel zu reichen Yuppies und Konzernbossen, die mit aller Kraft und mit allen Tricks sich heil aus der Affäre ziehen wollen.

Die Nachwehen argentinischer Geschichte
Bekannt kommt einem Berlinalegänger die Prämisse des zweiten offiziellen Wettbewerbsfilms vor. "El Premio" von der Debütantin Paula Markovitch erzählt die Geschichte der 9-jährigen Cecilia, die mit ihrer Mutter in einer kleinen Bruchbude am Stadtrand wohnt. Schnell wird klar, dass die beiden auf der Flucht sind. In Argentinien herrscht die Militärdiktatur und Cecilias Vater ist schon der Armee zum Opfer gefallen. Im ersten Drittel lässt der Film die Vorgeschichte offen. Wir sehen nur die ständige Angst der Mutter und das fragende Gesicht der Tochter. Später geht sie zur Schule, lernt eine Freundin kennen und gerät öfter in Erklärungsnot, wenn sie nach ihren Eltern gefragt wird.
Dass sich das südamerikanische Kino mit seiner jüngsten Geschichte auseinandersetzt, ist bekannt. In den letzten Jahren waren mehrere solcher Filme im Berlinale-Wettbewerb zu sehen. Filme aus Peru, Brasilien und Chile. Sie alle erzählen gerne aus der Perspektive der Kinder. Daher ist "El Premio" inhaltlich kaum von diesen Filmen zu unterscheiden. Das Schöne hier ist aber die exquisite Kameraarbeit und die junge Darstellerin. Einmal tanzt Cecilia am Strand und die Tonspur dreht durch. Es scheppert, klirrt und klimpert. Es scheint als verlange etwas Einlass in dieses hermetische Leben, in diesen introvertierten Film. Das geschieht dann auch in Form eines Soldaten und eines Essay-Wettbewerbs. "El Premio" hat dann trotz aller Bemühungen schrecklich wenig Neues über den Horror der Militärdiktatur zu sagen. Doch für die Berlinale stellt er eine Art Kino dar, das hier gerne als "politisch" angesehen wird. Daher sind die Bärenchancen gar nicht so schlecht.

Zwei Seiten des Exzesses
Zwei Forumsfilme beschäftigen sich mit den beiden Enden des Exzesses. Der kongolesische Beitrag "Viva Riva" von Djo Tunda Wa Munga schöpft dabei aus dem Vollen und erzählt eine wilde Sexploitation-Gangster-Parabel aus dem heutigen Kinshasa. Riva hat im benachbarten Angola Benzin geklaut, das im Kongo knapp ist. Mit dem Geld, das er damit verdient, will er um die Häuser ziehen. Dabei verliebt er sich in die Gangsterbraut Nora. Außerdem sind auch schon angolische Gangster hinter ihm her, um ihn für seinen Diebstahl zu bestrafen. Der Regisseur bedient sich gekonnt an bekannten Formeln und Mustern des Gangsterfilms und hat ein schönes Gespür für Aktion und fast schon Tarantino'esken Humor.
Düster ist der Blick, den er auf die kongolesische Gesellschaft wirft. Alle jagen dem Geld hinter her. Alle werden daran zugrunde gehen. Nur das reine Herz eines Kindes kann am Ende noch zwischen Wichtig und Unwichtig unterscheiden. Es sitzt am Steuer eines Landrovers und spielt im wahrsten Sinne des Wortes Brumm-Brumm-Autofahren.
"Swans" von Hugo Vieira da Silva dagegen zelebriert exzessiv die Monotonie der Trauer. Es ist ein ziemlich ödes, semi-nekrophiles Familiendrama geworden, das sich wie ein Werk der Berliner Schule gibt, aber dessen Präzision vermissen lässt. Ein Mann und sein Sohn kommen nach Berlin und besuchen die im Koma liegende, krebskranke Mutter. Dabei ist natürlich viel Platz für den pubertierenden Skaterboy, seine sexuelle Verwirrung kundzutun. Das gipfelt schließlich in einer unappetitlichen Szene, in der der Sohn seine komatöse Mutter befingert. Muss das sein? Nein, muss es nicht.

 

Donnerstag, 10.02.2011: Eröffnung mit viel Mumm

Endlich ein Eröffnungsfilm, der alle glücklich machen müsste: Publikum, Festivalleitung und Kritiker. Mit dem Westernremake "True Grit" von den Coen-Brüdern konnte man aber auch nichts falsch machen. Die beiden Regisseure haben ein Werk geschaffen, das man sicherlich jetzt schon zu den wichtigsten Filmen des Jahres zählen darf.

Gerechtigkeit trägt Augenklappe, und zwar rechts. Die Gerechtigkeit schreit dem Gegenüber zu: "Zieh endlich! Du Hurensohn!". Dann nimmt US-Marshall Rooster Cogburn (Jeff Bridges) die Zügel seines Pferdes in den Mund, damit er - weil er allein gegen vier Verbrecher anreitet - mit der einen Hand sein Gewehr und mit der anderen den Revolver halten kann.
Das ist vielleicht die bekannteste Szene aus "True Grit", einem Western, den 1969 Henry Hathaway mit John Wayne in der Hauptrolle drehte. In Deutschland lief der Film unter dem Titel "Der Marshall", und es war die einzige Rolle, für die John Wayne mit einem Oscar ausgezeichnet worden ist. Das ganze basiert auf einem Roman des US-Autors Charles Portis.
Nun nimmt sich das kreativste Brüderpaar der amerikanischen Filmindustrie dieses Stoffs an. Soviel vorne weg: Joel und Ethan Coen haben mit "True Grit" - dem diesjährigen Eröffnungsfilm der Berlinale - wieder einmal bewiesen, dass sie jenseits aller Genregrenzen operieren können und jedem Stoff neue - in diesem Fall auch: politische - Facetten abgewinnen können.
Wenn man zum Vergleich den Hathaway-Film heranzieht, dann ist zunächst auffällig, dass die Coens auf alles Warme und Helle verzichten. Waren in dem Originalfilm die sonnendurchfluteten Canyons und die staubige Prärie prägend für die Inszenierung, so ist es hier der Schnee. Es ist ein kalter Western. Einer, in dem selten oder nie die Sonne scheint.

Die vierzehnjährige Mattie Ross (großartig: Hailee Steinfeld) will Tom Chaney (Josh Brolin), den Mörder ihres Vaters fangen und ihn seiner gerechten Strafe zuführen. Dazu braucht sie aber einen Mann mit wahrem Schneid (also: True Grit). Den findet sie im bereits erwähnten Marshall Cogburn, der dafür bekannt ist, dass er nicht lange fackelt und seine Gefangenen selten lebendig vor den Richter bringt. Cogburn ist ein abgewrackter Westerner. Ein Typ, der - wie es im englischen Original so schön heißt - "does love to pull a cork" (also gerne mal an der Flasche zieht). Obwohl er ein Marshall ist, ist er eher ein daueralkoholisierter Kopfgeldjäger, der im Lagerraum eines Chinaladens wohnt.

"True Grit" lebt inhaltlich vor allem davon, dass mit Mattie ein toughes Mädchen die weibliche Hauptrolle spielt. Und es ist großartig wie pointiert sie feilscht, handelt und dem Saufkopf Rooster immer wieder die Stirn bietet. Hailee Steinfeld spielt dies mit kräftigem Blick und einem herausragenden Timing. Die Coens haben mit ihr einen wahren Besetzungscoup gelandet.
Ähnliches gilt natürlich für Jeff Bridges, der hier nicht einfach nur in John Waynes Fußstapfen tritt, sondern seiner Figur eine politische Nuance abgewinnt. Anders als Wayne trägt er seine Augenklappe rechts. Und anders als Wayne bekommt man nur selten wirklich das Gefühl, dass hier einer zu Matties Ersatzvater werden könnte. Er brabbelt mehr als dass er wirklich sprechen würde. Sein linkes Auge ist nur ein kleiner, langsam erlöschender Schlitz. Hier ist jemand, der nicht mehr an die Zukunft glaubt, der die Welt so wie sie ist nur noch verabscheut. Und selbst ein kleines, selbstbewusstes Mädchen vermag es nur noch einmal, in ihm jene glorreiche Kraft wachzurufen, die sein Leben ausmachte.
Den Unterschied in der Inszenierung der Coens macht man vielleicht an einem kleinen Szenenvergleich deutlich. In Hathaways Verfilmung gibt es einen Moment, in dem Mattie von Cogburn und dem Texas Ranger LaBoef (im neuen Film von Matt Damon verkörpert) abgehängt wird. Die beiden Männer wollen nicht, dass das Mädchen ins gefährliche Indianerterritorium geht. Sie überqueren daraufhin allein einen kleinen aber tiefen Fluss. Dennoch reitet Mattie mit ihrem schwarzen Pferd durch das Wasser zu den beiden Männern. Cogburn guckt sie an und sagt: "Sie erinnert mich an mich." In der Coen-Verfilmung reicht es nicht mehr für diesen Satz. Bridges guckt Mattie mit leicht geöffnetem Mund an, der sowohl komplette Resignation, aber auch Bewunderung ausdrücken könnte.

Es sind genau diese Einzelheiten, die die Coen-Variante von "True Grit" zu so einem hervorragenden Film machen. Jede Einstellung ist von ihrer Leidenschaft fürs Filmemachen geprägt. Und natürlich darf der obligatorische schwarze Humor nicht fehlen. Die Coens verstehen es wie nur wenige Regisseure, ein Genre (egal welches, hier ist es nun mal der Western) von innen heraus zu erneuern. In diesem Falle erreichen sie das durch eine großartige Besetzung und durch ein geschliffenes Drehbuch, das sich eng an der Literaturvorlage von Charles Portis orientiert. Daher wird auch Matties Figur wesentlich stärker in den Mittelpunkt gerückt. Denn sie stellt hier die erzählerische Klammer her, in dem sie die Geschichte aus dem Off einleitet und dann auch beendet.
Als Western kann man "True Grit" eigentlich nur noch mit Robert Altmans Meisterwerk "McCabe and Mrs. Miller" vergleichen. Auch dort fiel der Schnee über einstmalige Helden. Und deshalb ist es nur konsequent, dass am Ende von "True Grit" nicht ein Cowboy in den Horizont reitet. Nein, hier sehen wir eine Frau ganz in Schwarz. Sie blickt auf einen Grabstein, dreht sich um und geht. Ihr linker Arm fehlt.

 

Mittwoch, 09.02.2011: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ein Jahr nach der Jubiläumsausgabe gibt sich die Berlinale dieses Jahr schlanker und lässt die wirklich namhaften Autorenfilmer vermissen. Dafür wird dem 3D-Film ein ganzer Tag eingeräumt. Festivalleiter Dieter Kosslick stößt damit aber auch auf Kritik.

Die Katze ist nun aus dem Sack: Madonna wird kommen. Der Popstar wird allerdings keinen kompletten Film vorstellen, sie wird auch nicht in einer Jury sitzen oder singen. Nein, Madonna wird drei Minuten eines noch unfertigen Projekts im Berlinale-Markt präsentieren. Die Sängerin war bereits vor ein paar Jahren auf der Berlinale und stellte ihre erste Regiearbeit "Filth and Wisdom" vor und brachte Journalisten zum weinen, weil die Pressekonferenz schon lange vor ihrem Eintreffen wegen Überfüllung geschlossen wurde. Szenen, an die sich viele gerne zurückerinnern, vor allem weil dieses Jahr die Starausbeute auf der Berlinale wesentlich schwächer ausfallen soll als bei den letzten Ausgaben.
Dabei kommen gleich zur Eröffnung die Coen-Brüder mit Jeff Bridges, um ihren für zehn Oscars nominierten Western "True Grit" vorzustellen. Und Helena Bonham Carter und Colin Firth bringen den großen Goldjungen-Favoriten "The King's Speech" für eine Gala-Vorstellung nach Berlin. Allerdings sind beide Filme keine Weltpremieren. "True Grit" läuft sogar bereits seit Weihnachten in den USA. Für ein A-Festival sind solche Werke daher eigentlich nur B-Ware. Mit Ralph Fiennes, der hier im Wettbewerb sein Regiedebüt "Coriolanus" vorstellt, und den englischen Darstellergrößen Jeremy Irons und Vanessa Redgrave erschöpft sich schon das internationale Starpotential bei der 61. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele. Eine Kollegin, die auf Interviews mit Stars beruflich angewiesen ist, meinte bereits, sie werde nach dem Eröffnungsfilm abreisen.

Im Wettbewerb: Viele unbekannte Größen

Das klingt allerdings deprimierender als es ist. Das Credo "Festival ohne Stars geht nicht" ist eigentlich keins. Viel schlimmer wäre doch ein Festival ohne gute Filme. Im schlanken Wettbewerb konkurrieren dieses Jahr 16 Filme (davon 13 Weltpremieren) um den Goldenen Bären. Darunter fehlen leider Namen wie Lars von Trier, Terrence Malick oder David Cronenberg. Die werden wohl mit ihren neuen Werken einmal mehr nach Cannes gehen. Außerdem wollte man Alexandr Sukorovs Faust-Projekt zeigen. Der Film sei aber laut Festivalleiter Kosslick nicht rechtzeitig fertig geworden. Und daher muss man sich mit dem ungarischen Autorenfilmer Bela Tarr zufrieden geben. Dessen Filme sind vor allem durch einen ausgefallenen - manche würden sagen: sperrigen - Stilwillen geprägt. So wohl auch sein Film "The Turin Horse", der hier als Weltpremiere gezeigt wird.
Des Weiteren darf man sich auf kleinere Filme freuen. Zum Beispiel den zweiten Film der amerikanischen Künstlerin und Autorin Miranda July. "The Future" lief bereits in Sundance und hat dort viel Lob geerntet. Außerdem sind der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit "Nader And Simin, A Speration", der neue Ulrich Köhler-Film "Schlafkrankheit" und der südkoreanische Komödienmeister Lee Yoon-ki ("Kommt Regen, kommt Sonnenschein") für eine Überraschung gut. Man wird sich dieses Jahr auf eben diese Filme konzentrieren müssen. Man muss hoffen, dass die sich zu großen Überraschungen mausern, ansonsten wird der Wettbewerb eher keine Strahlkraft besitzen. Enttäuschend ist vorab allerdings die Tatsache, dass man dieses Jahr keinen Abschlussfilm gefunden hat. Am Ende der Berlinale soll lediglich noch mal der Siegerfilm gezeigt werden. Von einem A-Festival kennt man das eher nicht.

Am ersten Berlinale-Sonntag soll dann der große 3D-Tag steigen. Mit Wim Wenders' Tanzfilm "Pina", Werner Herzogs Höhlendoku "Cave of Forgotten Dreams" und dem Animationsfilm des Franzosen Michel Ocelot "Tales of the Night" werden gleich drei 3D-Filme am Stück gezeigt. Vielleicht wird sich ja auf der 61. Berlinale zeigen, ob die 3D-Technik dem Autorenfilm eine neue Dimension abgewinnen kann, oder ob sie sich ausschließlich in den kreativen Ausnahme-Universen von Pixar und James Cameron behauptet.

Eine Jury voller Exzentriker

Auch dieses Jahr entscheidet wieder eine internationale Jury über die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären. Von der Vorsitzenden Isabella Rossellini kann man sich sicherlich eine sehr exzentrische Entscheidung erhoffen. Sie war vor einigen Jahren auf der Berlinale mit ihren "Green Pornos"-Kurzfilmen über den Geschlechtsakt von Insekten zu sehen und hat sicherlich das Zeug zur wahren Berlinale-Präsidentin. Ihr zur Seite sitzt die deutsche Schauspielerin und ebenfalls schon Berlinalegewinnerin Nina Hoss ("Yella", "Jerichow"). Der Bollywoodstar Amir Khan wird ebenso über die Filme urteilen wie auch die australische Produzentin Jan Chapman. Komplettiert wird die Jury vom exzentrischen kanadischen Filmemacher Guy Maddin ("My Winnipeg") und der Oscar-prämierten Kostümbildnerin Sandy Powell ("Shakespeare in Love", "Aviator", "Young Victoria").

Der Fall Panahi

Natürlich darf man Jafahr Panahi nicht unterschlagen. Offiziell ist auch er ein Mitglied der Jury. Sein Sitz wird allerdings leer bleiben, denn der Filmemacher wird mit einem Berufsverbot und einer Gefängnisstrafe in seiner Heimat Iran festgehalten. Sein Schicksal beschäftigt die Fachwelt schon seit einem Jahr. Bereits in Cannes 2010 sollte er in der Jury sitzen. Berlinale-Präsident Dieter Kosslick lässt das Schicksal des Regisseurs ebenfalls nicht kalt. Doch die Hoffnung, dass Panahi wirklich aus seiner Haft entlassen wird, ist nur sehr gering. Die Berlinale zeigt zu seinen Ehren quer durch alle Sektionen seine Filme, einige unter ihnen (z.B. "Der Kreis") sind wahre Meisterwerke. Ob dieses Thema dem einzigen iranischen Wettbewerbsbeitrag größere Chancen für einen Sieg einräumt, wird sich noch zeigen. Und sollten sich die Unkenrufe bestätigen und der Wettbewerb erwartungsgemäß mau ausfallen, gibt es in den Nebensektionen sicherlich zahlreiche Entdeckungen zu machen, die dieses große und breite Festival.


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