Berlinale 2010

von Patrick Wellinski / 6. September 2010

 

Special: Das Filmszene-Tagebuch zu den 60. Internationalen Filmfestspielen von Berlin

Vom 11. bis zum 21. Februar wird die deutsche Hauptstadt auch zum Zentrum der Filmwelt, denn in diesen Tagen findet zum 60. Mal die Berlinale statt. Unser Redakteur Patrick Wellinski ist mit dabei und berichtet täglich von den neuesten Ereignissen und wichtigsten Filmen des Festivals.

Sonntag, 21.2.2010: Alle Stimmen dieser Welt

Die Preise sind vergeben und keiner dürfte über die Entscheidungen so richtig enttäuscht sein. Auf der 60. Berlinale dominierte ein Kino des spirituellen Realismus, das zwar nicht die einprägsamsten Bilder lieferte, aber dennoch überzeugen konnte. Wie immer muss man sich Ende aber auch die Frage nach der Zukunft des Festivals stellen und wie immer darf der Name des größten Hauptkonkurrenten dabei nicht fehlen.

Es ist Nacht. Die Leinwand ist fast komplett in Schwarz gehüllt. Ein kleiner Junge steht an einem Holzfass, das bis zum Rand mit Wasser gefüllt ist. Der Vollmond spiegelt sich auf der Wasseroberfläche. Dann versetzt der kleine Junge dem Fass einen Stoß. Das Wasser beginnt zu schwingen und der Mond springt wie ein Flummi durch das Bild. Das ist eine Szene aus dem zauberhaften Film "Bal" des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu. Sein Film ist der mehr als verdiente Sieger der 60. Berlinale. Der Film ist die Geschichte eines kleinen türkischen Jungen und der sensiblen Beziehung zu seinem Vater. 
In "Bal" verschwinden die Bienen aus dem Wald. Yusufs Vater, ein Imker, muss weiterziehen, um neuen Honig zu bekommen. Der Vater geht, das Kind bleibt. Der Vater wird einen schweren Unfall erleiden, ohne dass jemand davon zunächst erfährt. Wir sehen, wie Yusuf durch die wuchtigen Wälder Anatoliens streift. Er ist allein. Doch wir erkennen erstaunt, dass dieser kleine unschuldige Junge nicht einen Hauch von Angst im Schatten der düsteren Bäume verspürt. Er läuft die Wege seines Vaters entlang. Mitten an einem riesengroßen Baumstumpf schläft er ein. Er liegt da, als würde sein Vater bei ihm sein. Das Bild wird zur überragenden Metapher einer Kinderliebe zum Vater, die man so im Kino noch nicht empfunden hat. "Bal" ist Kino der Atmosphäre und Verdichtung. Die Zeit und das Empfinden von Zeit spielen hier keine unwesentliche Rolle. Jede Einstellung ist der Perfektion ihres Schöpfers geschuldet.

Filme der konstruierten Stille

Ganz ähnlich ist das bei Alexeis Popogrebskis Film "How I ended this summer", den die Jury neben dem Preis für eine herausragende künstlerische Leistung (für den Kameramann Pavel Kostomarov) auch noch - zu recht - den Preis für den besten Darsteller zu gleichen Teilen an die beiden Akteure Sergiej Puskepalis und Grigorij Dobrygin verlieh. Ebenfalls zwei Preise räumte das hervorragende Regiedebüt des Rumänen Florin Serban "If I want to whistle, I whistle" ab. Neben dem Alfred Bauer Preis gab es auch den großen Preis der Jury. Werner Herzog und seine Mitjuroren entschieden sich für Filme, die es vermocht haben ein gewisses Geheimnis in ihren Bildern zu tragen, ohne es unerträglich politisieren zu müssen, wie der immer noch in schlechter Erinnerung gebliebene Beitrag von Rafi Pitts "Sherkatchi". Die Filme von Kaplanoglu, Popogrebski und auch Serban sind getragen von einem sicheren Gespür im Bezug auf ihre Erzählung, wie auch den Mut zur stillen Innovation. 
Ein Beispiel aus dem rumänischen Film soll das hier kurz verdeutlichen: In "If I want to whistle, I whistle" gibt es eine Sequenz, in der ein Morgenappell gezeigt wird. Die Stimme des Wärters liest laut die Namen der Häftlinge vor. Die Kamera zeigt indessen die Gesichter einzelner junger Männer. Interessant ist folgendes: nie wird uns derjenige gezeigt, der auch aufgerufen wird. Serban weiß, dass es in Gefängnissen und Haftanstalten vor allem um die Anonymisierung geht, um die Gleichmachung und das Unterdrücken der jeweiligen Individualität. Ein unvergesslicher Moment, aber auch ein Beweis für die Intelligenz und den konsequent politischen Ansatz des rumänischen Kinos. Diese Art von Kino gab es im Wettbewerb der diesjährigen Berliner Filmfestspiele nicht oft, aber es gab es und das macht die Qualität gegenüber den letzten fünf Jahrgängen deutlich.

Verdiente Preisträger und wenige Enttäuschungen

Wir haben uns zum Beginn des Festivals optische Oasen versprochen und gewünscht. Tatsächlich war das Aushängeschild der Berlinale, der internationale Wettbewerb, dieses Jahr wesentlich besser als in den letzten fünf Jahren. Die Ärgernisse ("Jud Süss" und "Sherkatchi") waren eher rar gesät. Man begab sich jedenfalls immer wieder interessiert in die Wettbewerbsfilme, weil man nicht wirklich wusste was einen erwarten wird. Leider gab es auch keinen Film, der das Kino revolutionieren wird. Es war auch nicht das Festival der großen Bilder, die alles andere überlagert hätten. Es freut einen daher noch mehr, dass auch Koji Wakamatsu, dessen Hauptdarstellerin Shinobu Terajima für ihre außergewöhnliche Leistung in "Caterpillar" geehrt worden ist, indirekt zu der längst verdienten Ehrung kam. Auf den zweiten Blick macht der Drehbuchpreis für Wang Quan'an auch Sinn. Es ist nämlich die wahre Kunst des Drehbuchs zu "Apart Together", eine historisch komplexe Geschichte im gewöhnlichen Alltag zu verorten. 
Auch der Regiepreis für Roman Polanski ist alles andere als eine Überraschung. Und alle die jetzt darin ein explizit politisches Zeichen sehen, müssen doch auch zugeben, dass "The Ghost Writer" einfach tadellos inszeniertes Unterhaltungskino ist. Warum nicht mal die gute Unterhaltung auszeichnen? Da muss nicht immer sofort eine Linie zur aktuellen Situation des Regisseurs gezogen werden. Dass Polanski ein hervorragender Filmemacher ist, steht doch außer Frage. 
Schade nur, dass Benjamin Heisenbergs toller Film "Der Räuber" keinen Preis bei der offiziellen Preisverleihung im mit 1600 Gästen gefüllten Berlinalepalast gewann. An dieser Stelle sei mal darauf hingewiesen, dass es fast schon ärmlich ist, dass bei der Preisverleihung, von den 1600 Gästen vielleicht 400 überhaupt die ausgezeichneten Filme gesehen haben. Für ein Festival, welches sich selbstbewusst als großes Publikumsfestival rühmt, hat das eher einen faden Beigeschmack.

Keine Zweitverwertung mehr: Berlin muss zum Ort der filmischen Entdeckung werden

Für die Macher stand der Erfolg des Festivals schon vor der Preisverleihung am Samstag fest. Die Pressemitteilung im E-Mailkasten verkündigte laut, dass man mit 300.000 verkauften Tickets bis Sonntag rechne. Das wäre im Vergleich zum Vorjahr fast eine Steigerung um 25.000 Karten. Kein Wunder, wenn man das Programm "Berlinale goes Kiez" ansieht, welches die kleinen Kiez-Kinos mit in das Festivalgeschehen eingebunden hat. Eine nette, fast schon putzige Idee, die man doch bitte nächstes lieber nicht wieder aufnehmen sollte. Die ständige Expansion des Festivals nimmt nämlich fast schon babylonische Ausmaße an. Wer weiß, wie lange die festivalinterne Infrastruktur das tragen kann. Zudem geben wir uns als Filmkritiker mal nicht damit zufrieden die Qualität und damit auch den Erfolg des Festivals allein durch seine Besucherzahlen zu definieren. Der Teufel liegt hier nämlich wieder im Detail. 
Warum erwischt man sich immer wieder auf der Berlinale dabei, in einer Nebensektion zu sitzen und sich nach einem Film erstaunt zu fragen: Warum läuft dieses Werk nicht im Wettbewerb? Ist das wundervolle Debüt des Australiers Patrick Hughes "Red Hill" (Panorama) etwa des Berlinale-Palastes nicht würdig? Ganz und gar nicht. Diesem kleinen schmutzigen Western wohnt die zynische Bosheit eines frühen Tarantino oder Rodriguez inne, ohne dabei einfach nur Kopie zu sein. "Red Hill" hat - neben seinem bombastischen Finale - auch noch ganz andere Schauwerte und hat sich jetzt schon in die ganze Welt verkauft (der deutsche Starttermin steht noch nicht fest, ist aber im Herbst 2010 geplant). Glück für den Regisseur, der für dieses Werk sein eigenes Haus verpfändet hat. 
So manche Durchschnittsware im Wettbewerb wäre mit "Red Hill" wesentlich besser ersetzt gewesen. Das Beispiel macht deutlich, was eines der vielen Probleme der Berlinale ist. Viel zu oft sitzt man in einem Wettbewerbsfilm, der aber genauso gut im Forum oder im Panorama laufen könnte. Die Trennschärfe zwischen den Sektionen ist verschwommen. Sicherlich ein Effekt von Dieter Kosslicks "Wir alle sind Freunde"-Politik. Doch nur wo Reibung entsteht, können die sprichwörtlichen filmischen Funken fliegen. Und trotz seines im diesem Jahr guten Programms, könnte das Programm der Berlinale ein wenig mehr Wagemut vertragen. Es ist zwar löblich, dass ein rumänischer und ein russischer Film hier Preise abstauben, doch man hat damit nur noch einen Trend bestätigt, der schon seit Jahren kein Geheimnis mehr ist.

Wenn Filmfestivals in einer Zeit, in der große Produzenten ganz offen von einer Zukunft träumen, in der Filme gleichzeitig im Kino, Fernsehen und auf DVD erscheinen, eine Funktion haben wollen, dann die eines Seismographen der weltweiten Filmszene. Die innovativsten und mutigsten Stimmen der Kinowelt müssen sich hier versammeln. Dazu sollten allerdings die Auswahlkommissionen viel intensiver und genauer mit Filmemachern zusammenarbeiten. Man muss Filmländer auch mal entdecken. Dazu braucht man Geld. Das steht außer Frage. Man darf aber auch ein Gebiet wie Osteuropa nicht nur mit einem Mitarbeiter abkanzeln. Wenn die Politik und Planung der einzelnen Sektionen transparenter wäre, würde das ganze Festival mehr Konturen bekommen und sein Profil deutlich schärfen. Der Goldene Bär würde damit wieder an Relevanz gewinnen, den er spätestens mit der Auszeichnung an das Township-Musical "U-Carmen" schmerzhaft eingebüßt hatte. Der Film, der die Berlinale gewinnt, muss die Aufmerksamkeit der ganzen Filmindustrie auf sich ziehen. Der Bär auf den Plakaten muss den gleichen Effekt erzielen, wie es die Goldenen Palme bereits tut.

Auf dem richtigen Weg

Wenn man genauer hinsieht, ist die Berlinale (zwar noch zögerlich) genau auf diesem Weg. Letztes Jahr riss die Jury um die grandiose Tilda Swinton (das eigentliche Maskottchen des Festivals) das Ruder rum. Claudia Llosas peruanisches Drama "La Teta Austada" ist zur Zeit für den Oscar nominiert. "Die Fälscher" von Stefan Rutzowitzky erlebte hier ebenfalls seine Weltpremiere und holte sich dann den Academy Award. Auch "Bal" wird - alles andere kann man sich nicht vorstellen - seinen Siegeszug durch noch zahlreiche Festivals und Arthousekinos dieser Welt machen. Und sein Regisseur Kaplanoglu wird sich nun endgültig neben Nuri Bilge Ceylan als der führende türkische Autorenfilmer etablieren. Damit eröffnet sich der allgemeinen Festivalpolitik eine fast einmalige Möglichkeit: Die Berlinale kann sich zum Nachwuchsfestival Nummer 1 mausern. Was sich für die Ohren eines A-Festivals zunächst vielleicht wie der reine Alptraum anhört, ist aber die tolle Chance sich einen Einmaligkeitsstatus neben dem Hauptkonkurrenten in Cannes zu erarbeiten.

Da darf man sich schon über die vielen Unkenrufe der Kollegen wundern, die der Berlinale nahezu Jahr für Jahr den Totenschein ausstellen. Man muss sich mal vor Augen führen, dass die meist negative und oftmals fast schon beleidigte Haltung gegenüber des Niveaus der Berlinale eine rein nationale ist. Spricht man mit Kollegen aus dem Ausland oder liest deren Festivalberichte, dann spürt man einen ganz anderen Blick auf das Festival. Für die deutsche Presse muss die Berlinale Cannes sein. Sie muss sogar besser sein. Eine Erwartungshaltung, die scheitern muss, wenn man den Festivalstaubsauger Cannes als Maßstab nimmt. Berlin ist nicht Cannes und das ist auch gut so. 
Zbanic, Quan'an, Serban und Popogrebski - keiner kann vorhersagen, ob diese Regisseure nicht schon sehr bald die neuen Almodovars, Coens oder Kusturicas werden. Es gibt jedenfalls keinen Grund nicht davon auszugehen. Sie sind die Kinder dieses Festivals. Man tut gut daran weiter intensiven Kontakt mit diesen Künstlern zu halten. Schließlich liegt der Erfolg der größten Berlinale-Konkurrenten genau in dieser simplen Idee, der aufwändigen Künstlerpflege. Wir erwarten daher schon die nächsten Filme dieser Regisseure. Am besten auf der nächsten Berlinale.

Alles Preisträger der 60. Berlinale auf einen Blick:

Der Goldene Bär geht an den Film "Bal" (Honey) von Regisseur Semih Kaplanoglu, Produzent Johannes Rexin (Türkei / Deutschland 2009)

Silberner Bär / Großer Preis der Jury: "Eu cand vreau sa fluier, fluier" (If I Want To Whistle, I Whistle)
Regie: Florin Serban, Rumänien / Schweden, 2009

Silberner Bär für die Beste Regie: Roman Polanski für "The Ghost Writer"
Frankreich, Deutschland, Großbritannien, 2009

Silberner Bär für die Beste Darstellerin: Shinobu Terajima für ihre Rolle in dem Film "Caterpillar"

Silberner Bär für den Besten Darsteller: Grigori Dobrygin und Sergei Puskepalis für "Kak ya provel etim letom" (How I Ended This Summer)

Silberner Bär für das Beste Drehbuch: "Tuan Qu'an" (Apart Together) von Wang Quan´n

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: Pavel Kostomarov 
für die Kamera im Film "Kak ya provel etim letom" (How I Ended This Summer) von Regisseur Alexej Popogrebski, Russische Föderation 2010

Alfred-Bauer-Preis: "Eu cand vreau sa fluier, fluier" (If I Want To Whistle, I Whistle)
Regie: Florin Serban, Rumänien / Schweden, 2009

First Feature Award: Regisseur Babak Najafi für den Film "Sebbe"

Mehr Informationen auf der offiziellen Website www.berlinale.de

Freitag, 19.2.2010: Im Zeichen der Bären

Der Wettbewerb ist nun offiziell abgeschlossen. Alle relevanten Beiträge wurden gezeigt. Am Schluss gab es dann noch viele positive Überraschungen aber auch die ersten Buhrufe. Nun liegt es an der Jury zu entscheiden.

Werner Herzogs Weisheiten kann man hier täglich abrufen. Nicht per Handy, sondern mit einem Blick in das internationale Branchenblatt "Screen international". Dort veröffentlicht der Jury-Präsident täglich eine kontroverse Aussage. Heute heißt es: "Ich habe Deutschland nie vergessen, aber irgendwie hat Deutschland mich vergessen". Gestern dagegen schrieb Herzog: "Ich habe letztes Jahr nur zwei Kinofilme gesehen. Sie waren so schlecht, dass ich ihre Titel nicht nennen möchte." Da fällt es natürlich schwer zu vermuten, was er über die bisherigen Wettbewerbsfilme hier auf der Berlinale denkt. Wird ihm die kontemplative Exzellenz von "Bal" beeindrucken oder dann doch eher die Radikalität eines "Wakamtsu"?

Atomar geräucherter Fisch in der Arktis

Was die Jury zum russischen Wettbewerbsbeitrag "How I ended this summer" sagen wird, kann man noch nicht sagen, man möchte nur hoffen, dass sie ihn nicht vergessen wird. Denn nach den ganzen relativ belanglosen und pseudo-engagierten Männerfilmen macht der Spielfilm des Russen Alexei Popogrebski sehr viel Spaß. In diesem Film sitzen zwei Männer auf einer Wetterstation irgendwo auf einer nordsibirischen Insel fest. Sie notieren Daten, deren Bedeutung uns verborgen bleibt. Sie funken gelegentlich mit dem Festland und ansonsten bleiben die beiden ziemlich einsam. Sergei ist schon erfahren und hat auf dem Festland eine Frau und eine Tochter. Pavel ist Student und macht hier das vielleicht außergewöhnlichste Praktikum seines Lebens. In den nächsten fünf Tagen soll ein Schiff kommen und die beiden wieder abholen. An einem Tag fährt Sergei raus zum Fischen. Währenddessen erhält Pavel einen Funkspruch in dem es heißt, dass Sergeis Frau und Tochter bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Nun beginnt Popogrebskis Film erst wirklich interessant zu werden. Denn Pavel traut sich zunächst nicht, Sergei diese Nachricht zu überbringen. Als es dann doch passiert, wird Sergei verrückt und eine wilde Jagd durch die kargen Landschaften beginnt. 
Im Grunde lässt sich sagen, dass "How I ended this summer" all das geworden ist, was Rafi Pitts fürchterlicher Film "Sherkachi" hätte sein sollen. Auch hier wird der Jäger im Laufe des Films zum Gejagten. Auch hinter dieser exzellent fotografierten Geschichte verbirgt sich im Kern eine existenzialistische Metapher. Doch in Popogrebskis Film macht es einfach nur Spaß diesen beiden Männern dabei zu zusehen, wie sie ihr Leben in dieser einsamen Einöde leben. Wunderschön ist es z.B. wie Pavel mit Walkman durch das Bild läuft, sich an einem Radargerät festhält und quasi durch die Luft gleitet. Später kommt noch eine hoch mysteriöse atomare Quelle hinzu. Was das bedeutet wird leider nicht vollständig ersichtlich, aber das stört nicht weiter. Der Film überzeugt vor allem, weil er in seiner Kargheit nicht den geringsten Ansatz eines politischen Anspruchs verfolgt. Nur der Mensch und die alles überragende Macht der Natur. Auch das macht ihn so viel ansehnlicher als "Sherkachi".

Puzzletante legt sich ihren Weg zum Glück

Gestern stand an dieser Stelle eine Beschwerde, dass wir noch keine tollen Frauenrollen im Wettbewerb gesehen hätten. Das hat sich nun schlagartig mit dem argentinischen Beitrag "Puzzle" geändert. In dieser herrlichen Komödie steht eine gerade 50 Jahre alt gewordene Hausfrau und Mutter von zwei Söhnen im Mittelpunkt. Maria ist so beschäftigt, dass sie ihre eigene Geburtstagsfeier eigentlich durcharbeitet. Sie macht den Kuchen, serviert das Essen und sorgt für die Getränke. Man bekommt den Eindruck, dass nicht sie der Ehrengast dieser Feier ist. Als sie am Abend das Haus aufräumt, schaut sie sich die Geschenke an. Ein Puzzlespiel weckt ihre Aufmerksamkeit. Das ist der Beginn einer wahren Leidenschaft. Schon kurze Zeit später verabredet sie sich mit dem Puzzle-Fanatiker Roberto. Sie wollen an den Puzzleweltmeisterschaften in Deutschland teilnehmen, Doch Maria kann ihre Leidenschaft gegenüber ihrem Mann und ihrer Familie nicht so richtig vermitteln. 
"Puzzle" ist ein Film über eine Obsession geworden, ohne dabei je obsessiv zu sein. Die Regisseurin Natalia Smirnoff erzählt in ihrem Film auch vom Aufblühen einer Frau, die ihr Leben lang eigentlich keine besondere Leidenschaft hatte. Doch das Puzzlen lässt in ihr so langsam wieder die Lust am Leben und an der Liebe erwachsen. Sie entwickelt eine neue Beziehung zu ihrem Mann, ihren Söhnen, wird selbstbewusster und durchsetzungsfähiger. Dieser federleichte Film über eine Frau, die endlich durchstarten möchte, ohne gleich alle Brücken hinter sich einzureißen, ist eine kurzer Hauch einer frischen Brise im Wettbewerb. Nicht revolutionär, aber dennoch erheiternd und amüsant ist der Debütfilm von Smirnoff. Keine überbordenden Metaphern, keine politischen Absichten - nur Maria und das Puzzeln. Und natürlich ist die wunderbare Maria Onetto in der Hauptrolle die einzige, die wirklich würdig ist hier als beste Darstellerin ausgezeichnet zu werden. 
Eins noch: Ja, "Puzzle" ist auch ein Film übers Puzzeln geworden, und wer hätte gedacht, dass Close-up-Einstellungen von Händen, die Puzzelteile aneinanderreihen dermaßen mitreißend und erheiternd sein können. Brettspieler dieser Welt, nehmt euch in Acht! Wer weiß, vielleicht sehen wir demnächst einen Film über Halma oder Backgammon. Dann sicherlich wieder im Wettbewerb der Berlinale.

Geschichtsfälschung mit Fremdschämgarantie

Katastrophal und vollkommen beschämend ist der zweite offizielle deutsche Beitrag im Wettbewerb. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" bekam auch sofort nach seiner Vorführung die geballte Ladung Wut der Journalisten ab. Es waren die ersten Buhrufe in diesem Jahr. Einige streckten ihre Mittelfinger in Richtung der Leinwand aus. Oscar Roehler schildert in seinem neuen Film die Geschichte des Schauspielers Ferdinand Marian (ausdruckslos: Tobias Moretti), der in Veit Harlans berüchtigtem NS-Propaganda-Film "Jud Süß" die Hauptrolle gespielt hat. Vor allem wird er vielmehr in diese Rolle von Reichspropagandaminister Goebbels (fürchterlich: Moritz Bleibtreu) gedrängt. Für ihn sieht Marian aus wie ein Jude, ohne offiziell einer zu sein, und schon hat der keine Wahl mehr. Schließlich hat Goebbels noch ein Druckmittel, denn er hat herausgefunden, dass Marians Frau (mit nur einem Gesichtsausdruck gesegnet: Martina Gedeck) zu einem Viertel Jüdin ist (was nicht den historischen Tatsachen entspricht; Marians Motivation wird so bagatellisiert, Roehler nennt das "künstlerische Freiheit"). 
Und so weiter und so fort. Es ist ja auch völlig egal. "Jud Süß - Film ohne Gewissen" könnte genauso gut "Der Untergang", "Napola", "John Rabe", "Anonyma" oder "Berlin 36" heißen. Die gleichen Kulissen, die gleichen Darsteller und die gleichen Bilder. Doch dieser Film ist übel auf seine ganz eigene Art. Da braucht man gar nicht lang darüber reden, dass das Drehbuch furchtbar auffällig historische Tatsachen ignoriert, es ist es der Tenor dieses unerträglichen Films, der nervt. Natürlich wird da lauthals die erste Strophe der deutschen Nationalhymne gesungen. Das ist lästig, soll wohl aber historische Korrektheit versprühen. Es ist die Grundsatzformel, nach der die meisten deutschen Filme verfahren, die den Nationalsozialismus behandeln. Aber keiner braucht diesen Film, der nichts zu erzählen hat. Der zudem noch auf eine sehr bedenkliche Weise viele Personen viel zu gut wegkommen lässt. Man möchte würgen, ob der fehlenden Haltung dieses Films. 
Was hat er zu sagen über den Nationalsozialismus? Die ernüchternde und damit auch schockierende Antwort muss lauten: Nichts. Keine Reflektion, kein Ansatz einer Filmsprache, die der Thematik würdig wäre. Es ist lächerlich. Man schämt sich, dass dieser Film einer Weltöffentlichkeit gezeigt wird. Das erste, was man nach "Jud Süß - Film ohne Gewissen" machen möchte, ist duschen. Das ist Kino von der allerschlimmsten Sorte. Außerdem sollte es jedem Kinogänger so langsam zu denken geben, dass der Nationalsozialismus im deutschen Kino nur noch Kulisse für belanglose Geschichten geworden ist. Ein gefährlicher Trend. In Oscar Roehlers Film zeigt sich das in einer Szene, in der Marian eine heimliche Verehrerin während der Bombardierung Berlins am Fenster vögelt (anders kann man das nicht nennen). Während sie johlend "Fick mich, Jude!" brüllt, sehen wir eine schockierend schlechte Animation der bombardierten Stadt. Es sieht fast so aus, als würde im Hintergrund Roland Emmerich einen neuen Weltuntergangsfilm drehen. 
Quentin Tarantino hat erst kürzlich mit seinem Meisterwerk "Inglorious Basterds" den Nazifilm von seinen Verfehlungen befreit und allen Filmemachern die Möglichkeit aufgezeigt, endlich mal anders mit dem Thema umzugehen. Tarantino ist aber nicht hier auf der Berlinale. Hier ist nur "Jud Süß - Film ohne Gewissen". Das tut weh. Wenn es einen gerechten Kinogott gibt, wird Roehlers Machwerk hier keinen Preis bekommen.

Ein Sheriff schlägt sich durch

Ebenfalls mit einigen Buhrufen garniert wurde der Film von Michael Winterbottom "The Killer inside me". Doch die Entrüstung kann man nicht so recht nachvollziehen. Winterbottom verfilmt den gleichnamigen Roman von Jim Thompson, der bereits 1976 von Burt Kennedy verfilmt worden ist. Diese Südstaatengeschichte erzählt vom korrupten Deputy Lou Ford (Casey Affleck), der in seiner Stadt zwar respektiert wird, doch eigentlich vor einer Wand aus Problemen steht. Er ist ein sadistischer Psychopath, der gerade erst eine Prostituierte und ihren Freund umgebracht hat. Alle Spuren deuten auf ihn. Doch Ford gelingt es mit einer guten Portion Glück, ständig den Ermittlern nicht genügend Gründe zu bieten um ihn festzunehmen. 
Winterbottom erweist sich mit "The Killer inside me" wieder einmal sehr wandlungsfähig, was den Filmstil angeht. Diesmal hat er einen klassischen Neo-Noir gedreht, bei dem der Rhythmus und die Umgebung in Perfektion ausgearbeitet sind. Karg und lakonisch sind die Dialoge, die von allen Darstellern mit einem wunderbar trockenen Südstaatenslang vorgebracht werden. Casey Affleck überzeugt restlos als psychopathischer Killer, in dessen Augen sich permanent der gestörte Wahnsinn eines Mörders widerspiegelt. Die Morde inszeniert Winterbottom kaltblütig. Immer wieder prügelt Ford auf seine Opfer mit seinen schmalen Händen ein, bis sie vollkommen entstellt sind. Man spürt in diesem Film den Willen, der Romanvorlage gerecht zu werden. Jedenfalls könnte er den Wettbewerb noch mal von hinten aufrollen. Zwar ist "The Killer inside me" nicht ganz so extrem in seiner Zurschaustellung des Wahns wie Werner Herzogs eigene letzten beiden Filme, doch der Jury-Präsident wird hier sicherlich seinen Spaß haben.

Dänisches Depressionskino, die Zweite: Eine Familie findet wieder zusammen

Weniger Spaß gibt es in dem zweiten dänischen Beitrag von Penille Fischer Christensen. "En Familie" ist skandinavisches Depressionskino-light, wenn man den Film mit Vinterbergs "Submarino" vergleicht. Die junge Galleristin Ditte (Lene Mari Christensen) will mit ihrem Freund nach New York ziehen und dort richtig durchstarten. Das Angebot steht schon länger aus, doch hat Ditte abgesagt, weil sie sich um ihren krebskranken Vater Richard (Jesper Christensen) kümmern wollte. Doch der hat, wie es scheint, den Krebs besiegt und arbeitet wieder in der familieneigenen Bäckerei, so dass Ditte und Peter entscheiden nun nach New York zu fahren. Kurz vor der Abfahrt stellen die Ärzte aber fest, dass Richard einen gestreuten Hirntumor hat und diesmal ganz sicher nicht behandelt werden kann. Er muss sterben. Das ist der Punkt, ab dem Fischer Christensens Film den langsamen Tod dieses Mannes und die schwere Entscheidung seiner Tochter verhandelt. Richard will, dass Ditte bleibt und die Familienbäckerei weiterführt. Die hadert mit ihrer Entscheidung und riskiert ihre Beziehung zu Peter. Und ja, es gibt auch noch eine Abtreibung in diesem Film. 
Man darf sich echt mal fragen, wie die dänischen Filmemacher eigentlich ticken. Wieso versuchen sie sich konsequent in ihrer depressiven Weltsicht zu übertreffen? Doch die Regisseurin hat einige lichte Momente in ihrem Film, dessen gute Absichten man wirklich zu schätzen weiß. Man spürt Dittes Kampf. Man sieht "En Familie" als einen Film über den Wert der Familie. Ein Drama über das Loslassen und Erwachsenwerden. 
Richard stirbt am Ende dieses Films. Es ist eine schmerzhafte Tortur, weil er nicht im Krankenhaus liegen will, sondern zu Hause, wo ihm aber seine Schmerzen nicht gerade gelindert werden. Als er seinen letzten Atemzug ausstößt, sitzt die ganze Familie beisammen. Der Tod wird plötzlich zum natürlichen Teil im Zyklus eines familiären Stammbaums. Kein Abschieben in ein Hospiz, kein einsamer, kein anonymer Tod. Richard sagt zu Ditte kurz bevor er stirbt: "Bei meiner Beerdigung soll sich bitte keiner aufspielen. Sagt was gesagt werden muss und sprecht übers Brotbacken." Ein bisschen sentimental das Ganze, und trotzdem vermag der Film zu berühren.

Fred Feuerstein auf Dope

Der letzte Film, der ins Rennen um den Goldenen Bären geschickt wird, ist der französische Film "Mammuth" vom Regieduo Benoit Delépine und Gustave de Kervern. Und was ist das denn bitte für ein genialer Ausstieg aus dem Festival! Mit einem echten Knall schließt der einzige französische Beitrag den Wettbewerb, in dem natürlich niemand Geringeres die Hauptrolle spielt als der vielleicht bekannteste französische Darsteller Gérard Depardieu. Er spielt einen ehemaligen Schlachter, der nun in den Ruhestandgeschickt wird. Als seine Frau (genial und proletenhaft: Yolande Moreau) ihm sagt, dass er noch Arbeitsnachweise braucht, die die Pensionskasse irgendwie verschlampt hat, macht sich der langhaarige Grobian auf seinem alten Mammuth-Motorrad auf den Weg zu seinen alten Arbeitsstätten, um die nötigen Nachweise zu besorgen. 
"Mammuth" ist ein Road Movie, welches rein vom Inhalt zunächst sehr stark an "About Schmidt" erinnert. Doch schon mit den ersten groben Bilden wird klar, dieser Film geht in eine ganz andere Richtung. Es ist eine burleske Hippie-Fantasie geworden. Eine Freakshow, die frei von jeglichen ausgeklügelten Psychologien Figuren zeigt, die reine Karikaturen sind. Bescheuerte Schatzsucher am Strand, gestörte Totengräber, diebische Prostituierte, mordlüsterne Fischverkäufer, um nur einige zu nennen. Sie alle treiben auf der Leinwand ihr Unwesen. Und im Mittelpunkt steht immer Gérard Depardieu, der allen bisher auf der Berlinale gesehenen männlichen Hauptfiguren den Mittelfinger entgegen streckt: er prügelt sich, vögelt, kifft, ist fett, alt, trägt Ponchos und fährt Motorrad. Man muss das gesehen haben, um es wirklich zu glauben. 
In "Mammuth" ist Depardieu so eine Art Fred Feuerstein auf Dope. Die Regisseure haben das alles fast in Super-8-Qualität aufgenommen. Surreale und psychedelische Szenen fließen direkt in die Haupthandlung, die eigentlich auch nichts weiter ist als ein vollkommen durchgeknallter Kommentar auf das Leben nach der Arbeit. Und nur die Franzosen schaffen es dabei noch ganz nebenbei - quasi im Unterstrom der Erzählung - von einer traurigen Liebe zu erzählen, die ihr Ende bei einem Unfall nahm. Es ist ein Film, bei dem man den Mund nicht mehr zu bekommt vor lauter Staunen. Da hat Dieter Kosslick mal ein wirklich tolles Glanzlicht ans Ende des Festivals versteckt.

And the winner will be ...

Damit wurden alle Filme, die hier um die Bären kämpfen, der Öffentlichkeit gezeigt. Morgen beschließt Yamadas Film "About her Brother" das Festival. Die einzige Frage, die hier unter den noch wenigen verbliebenen Kollegen kreist, ist: Wer wird gewinnen? Wie immer ist es wenig sinnvoll zu versuchen, Juryentscheidungen vorherzusagen. Wendet man die übliche Berlinale-Regel an, nach der hier immer die Filme ausgezeichnet werden, die der Presse an den ersten fünf Tagen um 9 Uhr morgens gezeigt wurden, dann gewinnt hier morgen entweder "Howl", "If I want to whistle, I whistle", "A woman, a gun and a Noodleshop", "Der Räuber" oder "Bal". Die Kritikerspiegel zeigen sich ebenfalls sehr gespalten, was klare Favoriten angeht. So führen je nach Medium Roman Polanskis "Ghost Writer", Semih Kaplanoglus "Bal" oder auch Alexei Popogrebskis "How I ended this summer". Alle drei Filme hätten Preise verdient, und doch bleibt bei einer Jury unter dem Vorsitz Werner Herzogs alles möglich. Aber weil wir das Tippen natürlich nicht sein lassen können, hier unsere Favoriten. Wer gewinnen wird, entscheidet sich dann morgen:

Bester Film (Goldener Bär): "Bal" von Semih Kaplanoglu
Preis der Jury (Silberner Bär): "Caterpillar" Koji Wakamatsu 
Bester Darsteller: George Pistereanu ("When I want to Whistle, I whistle")
Beste Darstellerin: Maria Onetto ("Puzzle")
Bestes Drehbuch: "The Ghost Writer"
Beste Regie: Alexei Popogrebski ("How I ended this summer")
Preis für die herausragende künstlerische Leistung: Die Kamera in "A woman, a gun and a noodleshop"
Alfred Bauer Preis - Für einen Film der neue künstlerische Perspektiven eröffnet: "Mammuth"

Mittwoch, 17.2.2010: Junges deutsches Kino im Land des Genrekinos

Das junge deutsche Kino entdeckt den Genrefilm. Regisseure, wie Thomas Arslan und Benjamin Heisenberg dekonstruieren und entschleunigen ihre Gangster- und Thrillergeschichten bis zum nackten Kern. Und Angela Schanelec hat ein philosophisches Meisterwerk geschaffen.

Deutsches Kino und die Berlinale, das ist eine Beziehung basierend auf einer Art Hassliebe. Wer fühlte sich hier nicht schon alles verraten und belogen? Andererseits bietet seit gut sechs Jahren die Berlinale auch jungen und unbekannten deutschen Regietalenten die große Weltbühne an, um ihre Werke zu präsentieren. Es ist fast schon eine Tradition, dass jedes Jahr ein etwas mainstreamiger deutscher Film neben einem Film der so genannten Berliner Schule gezeigt wird. So erlebten im Wettbewerb in den letzten Jahren Filme von Valeska Grisebach ("Sehnsucht"), Christian Petzold ("Yella") oder auch Maren Ade ("Alle Anderen") hier ihre Weltpremiere. Viele gewannen sogar Preise.

Lauf, Räuber, lauf

So verwundert es nicht, dass neben Oscar Roehlers Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen" - der hier, mal ganz nebenbei bemerkt, mit einer seltsamen Mischung aus Angst und Aufregung erwartet wird - auch Benjamin Heisenbergs neuster Film "Der Räuber" seine Weltpremiere hier feiert. Heisenberg ("Schläfer") hat sich für seinen wunderbar elegischen Film die Geschichte eines einigermaßen berüchtigten Österreichers ausgesucht. Johann Rettenberger wurde schlagartig bekannt, als er den Wiener Marathon als Amateur mit Landesrekord absolvierte. Niemand hatte diesen Mann auf der Rechnung. Zur gleichen Zeit erschütterte das Land eine Serie von Banküberfällen, für die sich ein maskierter Mann samt Pumpgun zu verantworten hatte. Niemand hatte damals geahnt, dass Johann Rettenberger der Bankräuber war. 
Heisenberg nimmt alles, was in dieser Geschichte unnötig überdramatisiert werden könnte, raus. Rettenbergs Motivation bleibt vollkommen im Unklaren. Doch wir erschließen sie uns durch die genaue Beobachtung seines Körpers beim Laufen. Einmal erzählt Rettenberger im Film von einem Traum: "Ich bin tot. Liege im Grab. Doch ich bin noch so voller Energie, dass ich einfach wieder aufstehe." Die sparsam konzentrierten Dialogzeilen wie diese zeigen, wie stark sich der Regisseur mit seinem Thema beschäftigt hat. Heisenberg geht es darum, die Essenz einer solchen öffentlichen Persönlichkeit zu zeigen. Da sind große psychologische Überbauten überflüssig und fehl am Platz. "Der Räuber" überzeugt durch seine kalte und frostige Atmosphäre. "Das was ich mache, hat mit dem was du Leben nennst, nichts zu tun", sagt Rettenberger einmal. Wie kann man bei solch messerscharfen Sätzen behaupten der Film offenbare nichts vom Antrieb dieses Mannes? "Der Räuber" ist junges deutsches Kino von seiner stärksten und überzeugendsten Seite. Licht, Bild und Ton werden mit einer Könnerschaft eingesetzt, die alle überbordenden Millionen-Euro-Produktionen eines Bernd Eichinger in den Schatten stellen.

Existenzialistische Gangsterfilme

Das setzt sich bei den neuen Filmen von Angela Schanelec und Thomas Arslan (in der Sektion Forum) fort. Arslan bedient sich, wie sein Kollege Heisenberg, in seinem herausragenden Film "Im Schatten" beim Thriller- und Gangstergenre. Dabei dekonstruiert er die üblichen Spannungsbögen. Er befreit den Gangsterfilm gewissermaßen von seinen Übertreibungen, inszeniert den kalten Kern eines Thrillers und erhält so das nackte Gerüst eines Genrefilms. Die enorme Wirkung, die diese Filme entfalten, gibt dieser Methode recht. 
"Im Schatten" beobachtet den Ex-Sträfling Trojan, der in Berlin einen Geldtransport ausraubt und sich dann auf die Flucht begibt. Neben grandiosen Schauspielern wie Hanns Zischler und Peter Kurth ist es wieder die Machart, die hier begeistert. Allein schon die Eröffnungssequenz fährt tief ins Mark. Dabei sieht man nur eine verregnete Berliner Straße. Doch der tiefe Bass der Musik kündigt das Unheil bereits an. Sie wird nur noch einmal erneut Auftauchen und das am Ende des Films. Es ist genial, wie Arslan Berlin nicht nur als Kulisse nutzt, sondern geschickt einige Orte gemeinsam zu einer düsteren Stadt montiert. Die Stadt wird zum bewussten Stimmungsmacher in dieser Geschichte, die sonst konsequent die großen Spannungsbögen vermeidet. Schön ist es auch, dass wenn in diesem Film geschossen wird (und das wird es) es sehr genaue Schüsse sind. Wahnsinnige Shootouts werden vermieden. "Im Schatten" ist pragmatisch für den Ansatz den Heisenberg, Arslan oder auch Petzold in ihren Filmen anwenden. Sie nehmen sich die eng gefassten Regeln eines Genres und lassen sie im Laufe des Films immer weiter aufbrechen, so dass eine Offenheit und Leere entsteht, die dem Zuschauer ein ziemlich ungutes Gefühl der allgegenwärtigen Bedrohung vermittelt. Es ist eine Betroffenheit, die die Belanglosigkeit jedes "Tatorts" bei weitem übertrifft.

Kein Deutscher, aber auch ein Fan des Genrekinos ist der litauische Autorenfilmer Sharunas Batras, der schon Ende der 90er Jahre in den Nebensektionen von Cannes seine Filme zeigte und sein Können eindringlich unter Beweis stellte. Der Andrang für seinen neusten Film ist daher bei der Pressevorstellung hier auf der Berlinale sehr groß. "Eastern Drift" schildert die Odyssee eines litauischen Gangsters. Batras spielt den Helden seiner Geschichte selber. Elegant und sehr ruhig kündigt der Gangster schon zu Beginn des Filmes an, dass er eine getriebene und geschundene Seele ohne Heimat ist. Er schuldet jemandem Geld, der dann einige Männer auf ihn ansetzt. Dann beginnt diese Reise, die kein Ziel kennt. Von Vilnius, nach Moskau, über Warschau und dann nach Paris. Es gibt nur ein Ende, das die Helden ereilen kann. Sein Tod ist essentiell und kein Geheimnis in diesem Film. Genau deshalb ist dieser entschleunigte Thriller so brillant. Batras, Arslan und Heisenberg weisen eine neue Richtung für den Thriller als Filmgenre. Wenn die Berlinale nur eine filmpolitische Aussage in diesem Jahr macht, dann ist es die: Es gibt eine neue, spannende und hochkomplexe Art, Gangstergeschichten zu erzählen.

Der Zufall, möglicherweise

Angela Schanlec hat keinen Thriller gedreht. Nach "Nachmittag", den auch ihre treusten Fans nicht so richtig erklären und lieben konnten, ist sie mit ihrem Flughafen-Film "Orly" wieder zurück im Forum der Berlinale. Ums mal kurz zu machen: Es ist ein Meisterwerk geworden. Schanelecs Episodenfilm, der auf dem Pariser Flughafen Orly spielt, beobachtet aus einer gewissen Distanz heraus ein paar fast zufällig ausgesuchte Personen. Wie die Frau, die nach Montreal fliegt und ihren Mantel am Flughafen verliert. Sie unterhält sich mit einem Mann, der zwar in San Francisco lebt, aber nun wieder zurück nach Paris ziehen will. Sie reden so, wie Fremde nun mal miteinander reden. Small-Talk halt. Doch immer wieder gibt es in solchen Gesprächen Fragen, die über das Offensichtliche und Triviale herausreichen. Beispielsweise: "Es ist bestimmt schwer seinem Neugeborenen einen Namen zu geben?", fragt die Frau den Mann. 
Eine zweite Episode zeigt eine Mutter mit ihrem Sohn, der ihr in einer nebensächlichen Bemerkung äußerst effektiv eröffnet, dass er mal mit seinem besten Freund geschlafen hat. Die letzte und ohne jeglichen Zweifel am besten inszenierte Episode nimmt ein junges deutsches Pärchen in den Fokus. Sie warten auf ihren Flug. Sie ist in ein Buch vertieft, während er seinen Blick schweifen lässt. Man mag es im ersten Moment nicht merken, aber der Junge sieht eine Frau, die sein Interesse weckt. Er wird sie nie ansprechen, weil der Film das will. 
"Orly" ist ein philosophisches Poem über die Ignoranz und Blindheit der Menschen geworden. In Transiträumen wie einem Flughafen verlieren die Figuren in diesem Film den Blick füreinander. Im Trubel verpassen sie Chancen - vielleicht sogar lebensverändernde Möglichkeiten. "Orly" ist also auch ein Theorem, ein Film über das "Was wäre wenn"-Prinzip im Leben. Was wäre also, wenn der Junge sich getraut hätte, diese Frau anzusprechen? Was wäre passiert? Wie wäre sein Leben wohl weiter gelaufen. Natürlich bildet sich der Film nicht ein, eine Antwort auf diese Fragen zu haben. 
Die Kamera durchmisst die Räume des Flughafens mit einer messerscharfen Präzision. Wenn Krzysztof Kieslowski heute noch leben und Filme machen würde, dann würde er Werke wie "Orly" machen. Filme über den Zufall und die Menschen, die in seinem Sog gefangen sind. Am Ende von "Orly" wird der Flughafen geräumt. Alle Flüge werden abgebrochen. Und als sich der volle Flughafen leert, erklingt aus dem Off eine Geschichte. Eine Geschichte über Gott und eine ewige Liebe. "Gott handelt nicht, er beobachtet nur und zeichnet auf", heißt es darin. Genau das macht Schanelec. Das ist betörend. Das ist Kino, das einen intelligenten und profunden Dialog mit dem Zuschauer führt, ihn ernst nimmt und unseren Blick für die Wirklichkeit schärft. Wer "Orly" sieht und sich auf ihn einlässt, der wird durch eine kostbare Schule des Sehens gehen. Eine in jeder Hinsicht bereichernde Erfahrung.

Dienstag, 16.2.2010: Männer im Knast und Männer im Wald

Halbzeit auf der Berlinale. Der Wettbewerb zeigt Filme aus Japan, Norwegen, USA, Türkei und dem Iran. Darunter sind auch erste Werke, die es würdig wären den Goldenen Bären zu gewinnen. Leider versteckt sich hier auch das erste komplette Desaster.

Die folgenden Zeilen richten sich an all jene Filmemacher, die es dieses Jahr nicht mit ihren Filmen auf die Berlinale geschafft haben. Dabei wäre es doch ein Leichtes gewesen. Schließlich funktioniert der Großteil der Wettbewerbsfilme nach dem selben Prinzip: Zunächst einmal muss man einen Mann in das Zentrum der Geschichte stellen ("Der Räuber", "Greenberg", "Bal", "En ganske snill mann", "Shekarchi", "If I want to whistle ...", "Submarino"). Ein schweigsames Raubein, aber mit genug sanften Zügen, dass man ihn nicht ganz verabscheut ("Snill mann", "der Räuber", "If I want to ..."). Er muss gerade aus einer Irrenanstalt ("Greenberg", "Shutter Island") oder Gefängnis entlassen werden, in einem stecken ("Submarino") oder wahlweise ein verstümmelter Kriegsveteran ("Caterpillar") sein. Wenn er raus darf, dann wohnt unser schweigsamer Held in einer heruntergekommenen Bude und schläft gelegentlich mit der Nachbarin oder Vermieterin ("Snill mann", "Submarino"). Natürlich hat unsere Hauptfigur vor seiner Inhaftierung oder Einberufung eine schwangere Frau ("Tuan Yuan", "En snill mann", "Shekarchi") oder zumindest seine große Liebe zurückgelassen. Wieder in der Freiheit muss er sich rächen oder versuchen sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, was allerdings immer wieder misslingen muss. Außerdem wichtig: Eine Szene in der unser Held durch einen Wald rennt, schlendert oder schleicht (bis auf "Caterpillar": alle oben genannten Filme). Es ist fast schon absurd in welch einer Konsequenz die Wettbewerbsfilme diese Formeln durchspielen, da kann auch wirklich keiner meckern, dass man beim nächsten "Männer allein im Wald"-Film in höhnisches Gelächter ausbricht. Schließlich wird man in der Tat ungnädig, wenn man zum fünften Mal die gleiche Geschichte vorgekocht bekommt.

Frauen, die nicht Einparken können, gehören in den Container

Wenn man sich rückblickend nochmals Thomas Vinterbergs erfolgreichen Versuch in Erinnerung ruft, den deprimierendsten Film der Kinogeschichte zu drehen, dann wirkt der norwegische Wettbewerbsbeitrag "En ganske snill man", wie die absurd lustige Version dieser Geschichte. Es ist sozusagen die Positivschablone zu "Submarino". Ulrik (Stellan Skarsgard) wird nach zwölf Jahren Gefängnis (siehe oben) entlassen. Er hat einen Mann erschossen und kaum ist er raus, wird er von seinen Gangsterkumpels angehalten sich an dem zu rächen, der ihn damals verpfiffen hat. Doch Ulrik will nicht so recht und versucht lieber seinem mittlerweile erwachsenen Sohn näher zu kommen. 
Zynisch und schwarz ist der Humor, den der norwegische Regisseur in diesem Film zelebriert. Ein Beispiel: Als eine Frau mit ihrem Auto rückwärts aus einer Lücke fahren will, stößt sie gegen die Karre eines Gangsters. Der steigt ohne mit der Wimper zu zucken aus dem Auto, zerrt die Frau an den Haaren aus ihrem Wagen und wirft sie unumwunden in einen Müllcontainer. Man lacht auch, wenn Ulrik bei einer furchtbar aussehenden Frau unterkommt. Sie bringt ihm immer wieder Essen. Kaum hat er angefangen zu essen, liegt die unappetitliche Frau auf dem Bett und spreizt die Beine. Wir sehen Ulrik sehr oft beim Sex. Er kaut dabei. Er will essen, die Frauen wollen vögeln. Das ist das Schicksal dieses Mechanikers, der immer wieder zu scheitern droht, doch am Ende noch die Kurve kriegt. Der skandinavische Humor ist wirklich herrlich. Doch wo sich beispielsweise in den Filmen eines Aki Kaurismäki hinter der lakonischen Schwarzhumorigkeit immer auch eine ganze Weltsicht verbirgt, weiß man nicht so recht, was "En ganske snill man" eigentlich will. Deshalb bleibt dieser Kandidat im Rennen um die Goldenen und Silbernen Bären eigentlich belanglos.

Die Raupe als brutale Antikriegsmetapher

"En ganske snill man" hat sich schnell unter den Kritikern den Titel eines "Eat, fuck & die"-Films erworben. Da wussten wir allerdings noch nicht was uns beim Film "Caterpillar" des 78-jährigen Koji Wakamatsu erwartet. Der Japaner schickt seinen mittlerweile 100. (!) Film in den Wettbewerb der Berlinale und gelangt damit zu viel zu später Ehre. Der Film beginnt mit einer wirklich hoch interessanten Montage aus Kriegsaufnahmen der japanischen Armee während des Zweiten Weltkrieges. Dann wird in stark entsättigten Bildern die Vergewaltigung von chinesischen Frauen durch japanische Soldaten gezeigt. Währenddessen flackern die Flammen bedrohlich über die Szenerie. Bereits mit diesem elektrisierenden Beginn legt der Film die Weichen für den Subtext seiner Geschichte. "Caterpillar" ist nämlich die vielleicht eigenwilligste filmische Antikriegsvision geworden, die man je im Kino gesehen hat. 
Anders als sein Beginn ist die nun folgende Geschichte von fast schon träger Langsamkeit geprägt. Ein Kriegsveteran kehrt in sein Heimatdorf und zu seiner Frau zurück. Doch Leutnant Kurokawa (unbeschreiblich: Shima Ohnishi) ist schwer behindert. In Wirklichkeit ist er nur noch ein taubstummer Torso. Seine Frau Shigeko kümmert sich dennoch um ihn. Schließlich wird der tapfere Mut dieses Kriegshelden vom Dorf, den Zeitungen, dem Militär und dem Kaiser selbst ge- und verehrt. Doch auch Shigeko gerät schnell an ihre Grenzen. 
Der Film ist in vielen Momenten ziemlich heftig - aber auf eine gute Weise. Wenn zum Beispiel immer wieder gezeigt wird, wie Shigeko mit ihrem Ehemann schläft, wirkt das seltsam abstoßend und ist doch furchtbar tragisch zugleich. Kurokawa definiert sich nur noch übers Essen und den Geschlechtsverkehr mit seiner Frau. Das wirkt befremdlich und schockierend, doch ist dieser Film eine brutale Metapher der Folgen jedes Krieges und verweist in einer erschütternden und unvergesslichen Weise auf das Leid, die Folgen und die Absurdität des Kampfes auf die menschliche Seele. Wakamatsus Film unterscheidet sich von allen anderen Wettbewerbsbeiträgen bisher durch seinen Mut zu einer neuen und innovativen Bildsprache. Ein Meisterstück des antimilitaristischen Kinos.

Honigsüßes Traumwandeln

Auf eine völlig andere Art überragend ist der neue Film des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu. Sein Streifen "Bal" (Honig) ist der letzte Teil seiner Yusuf-Trilogie, deren zweiter Teil ("Süt - Milch") gerade erst in den deutschen Kinos angelaufen ist und zu dem noch der Erstlingsfilm "Yumutra" (Ei) gehört. "Ei", "Milch" und "Honig" erzählen das Leben des Dichters und Schriftstellers Yusuf rückwärts. In "Ei" kommt er als erwachsener Mann zurück aufs Land zu seiner alten Mutter. In "Milch" sehen wir den 18-jährigen Jungen, wie er versucht sich von seiner Mutter zu lösen und sein Leben als Dichter zu beginnen. "Honig" wirft uns zurück in Yusufs Leben als er gerade die erste Klasse besucht. Er hat ziemliche Probleme beim Lesen, obwohl ihm sein liebevoller Vater jeden Tag die Kalenderblätter des Wandkalenders lesen lässt. Wenn ein Kind in der Klasse eine Geschichte aus dem Märchenbuch flüssig lesen kann, dann darf es nach vorne kommen und bekommt vom Lehrer einen roten Anstecker angeheftet. Yusuf will so einen Anstecker schon allein deshalb, weil er bisher der einzige ist, der keinen hat. Auf der anderen Seite ist "Honig" die einfühlsame und zarte Beschreibung des Vater-Sohn-Verhältnisses. Yusuf und sein Vater machen viel zusammen. Sein Vater sammelt Honig und bringt seinem Sohn alles bei, was er wissen muss. Er schreit sein Kind nie an. Im Gegenteil, wenn sich Vater und Sohn unterhalten, dann flüstern sie. Unvergesslich der Moment, als Yusuf seinem Vater aufgeregt von seinem Traum erzählen möchte, winkt der gelassen ab und sagt: "Träume darf man nicht erzählen, wenn überhaupt muss man sie flüstern, sonst verlieren sie ihre Bedeutung." 
Wie in einem Traum bewegt sich auch die Kamera in diesem Film. Kaplanoglu etabliert sich spätestens mit diesem Film als Autorenfilmer ersten Ranges. Jede Einstellung offenbart die Perfektion seiner Inszenierung. Die Landschaften und Wälder sind eine präzise Reflektion von Yusufs Seelenzustand und natürlich erkennt man die vielen Parallelen und Kontinuitäten, die auf die zwei anderen Teile der Trilogie verweisen. Doch "Bal" funktioniert auch, ohne dass man "Milch" und "Ei" gesehen hat. Kaplanoglus Kino steht in würdiger Tradition zur Kinovision von Andrei Trakowski und Robert Bresson. Und natürlich hat der Film das Zeug und das Anrecht auf mindestens einen, wenn nicht sogar auf den Hauptpreis dieses Festivals. Es wäre nach "Trockener Sommer" der erste Goldene Bär für die Türkei seit 1964. Eine Entscheidung, mit der man mehr als zu frieden wäre.

Der Wald, dein Freund

Ein wahrer Weltuntergang wäre es allerdings, wenn Rafi Pitts Machwerk "Shekarchi" irgendeinen Preis mitnehmen würde. Der iranische Regisseur war bereits 2006 mit "It's winter" im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Sein aktueller Film ist ein schockierender Schlag ins Gesicht. Eine wahre Enttäuschung, weil man mit dem iranischen Kino auf der Berlinale ansonsten immer sehr zufrieden war. "Shekrachi" zeigt einen Mann (Pitt spielt ihn selber), der (genau!) aus dem Gefängnis entlassen wird, zu seiner Familie zurückkehrt und eine Arbeit als Nachtwächter antritt. Seine Frau wird bei einer Auseinandersetzung auf der Straße erschossen. Seine Tochter ist ebenfalls unauffindbar. Da sitzt der Mann plötzlich an einer iranischen Autobahn und erschießt mit einem Sniper-Gewehr zwei Polizisten. Er flüchtet in einen Wald (wohin denn auch sonst) und wird von zwei Polizisten verfolgt. Irgendwann streiten sich die beiden Polizisten tierisch und der eine verbündet sich zusammen mit dem mittlerweile gefassten Mörder. Irgendwann fallen auch Schüsse, ansonsten wechseln sich Einstellungen vom nebligen oder verregneten Wald ab. Ist ja auch egal. 
Eine Frage: Was soll das? Wer soll diesen Mist erklären? Wir Kritiker? Dieser Film ist maximal eine passable Innenansicht der iranischen Wälderlandschaft durchsetzt mit einem lokalen Wetterbericht. Es ist ein C-Film für ein B-Festival - nur zu erklären mit einem wirklich schlimmen Missverständnis seitens der Auswahlkommission.

Alte Menschen sterben in alten Sesseln

Leider ist Nicole Holofceners Film "Please Give" nur außerhalb der Konkurrenz zu sehen. Wäre dies nicht der Fall, dann würde seine Hauptdarstellerin mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den silbernen Bären für die beste Schauspielerin mit nach Hause nehmen dürfen. Catherine Keener hätte sich diesen Preis mit dem vollkommen ausgeglichenen und coolen Charme ihrer Hauptfigur gekrallt und keiner hätte nur den geringsten Einspruch einlegen dürfen. Vor allem, weil der Wettbewerb bisher schockierend wenig herausragende Darstellerinnen präsentiert hat. In Holofcenersentspannt-vergnüglicher Befindlichkeitsstudie spielt Keener Kate, die mit Alex (hervorragend: Oliver Platt) eine harmonische Ehe führt und eine nervige 15-jährige Tochter (Rebecca Hall) hat, die mitten in der Pubertät steckt. Kate und Alex haben einen Antiquitätenladen. Die Möbelstücke kaufen sie von Hinterbliebenen, die gerade jemanden verloren haben und nicht wissen wohin mit den Möbeln von Oma oder Opa. Neben ihnen wohnt eine 91-jährige Frau, die regelmäßig von ihren beiden Enkelinnen, vor allem von Mary (bezaubernd: Amanda Peel), gepflegt wird. 
Holofceners Film erinnert in seiner Machart stark an Noah Baumbachs "Greenberg". Ihr Drehbuch scheint allerdings noch genauer und zugespitzter zu sein. Ein Film, der sicherlich jedem Woody Allen-Fan gefallen wird. "Please Give" lässt die Menschen das sagen, was man sich nicht unbedingt trauen würde, weil man ja nicht sofort anecken möchte. Die allseits bekannte und oft nervige amerikanische Freundlichkeit wird hier ad absurdum geführt. Was letztlich dazu führt, dass einem alle Figuren, auch wenn sie zum unbändigen Zynismus neigen, schnell ans Herz wachsen. Man umarmt diesen Film mit seiner lockeren Arroganz wegen seiner Genauigkeit, mit der er sich in den Alltag dieser Menschen stürzt, und auch ein bisschen dafür, weil hier niemand aus dem Gefängnis entlassen wird und auch nicht durch einen nebligen Wald läuft.

Montag, 15.2.2010: Minimalistische Experimente

Der anonyme Streetart-Künstler Banksy bringt seinen ersten Dokumentarfilm auf die Berlinale mit, doch er selbst zeigt sich nicht. Filme im Forum und im Panorama durchleuchten die Traumata Iraks und Argentiniens. Und eine Amerikanerin lädt zum Muschelsammeln ein.

Pressekonferenzen sind auf der Berlinale eine ziemlich zähe Angelegenheit. Das liegt zum einen an den Fragen, die dort gestellt werden. Die wenigsten sind filmspezifisch. Viele der Kollegen im Raum haben den Film gar nicht gesehen, um den es geht. Die Räumlichkeiten der Pressekonferenzen sind die Heimat der Boulevardreporter. Leonardo DiCaprio wird gebeten doch bitte zwei drei Sätze auf Deutsch zu sagen, damit man ein paar verwertbare O-Töne hat. Pierce Brosnan und Ewan McGregor sollen tatsächlich die Frage beantworten, ob sie es denn nicht leid sind, andauernd nur anhand ihres Aussehens bewertet zu werden. Zum Glück nehmen es die beiden mit Humor. Man soll sich jedenfalls nicht wundern, wenn eines Tages die Stars vorne am Podium kein Wort mehr sagen, oder gar nicht erst kommen. "Das Beste an den Pressekonferenzen ist die mazedonische Kollegin. Die verteilt immer mal wieder Ananas", konstatiert eine Filmkritikerin aus Dresden, die sich tapfer regelmäßig durch den öden Fragendschungel quält.

Anonyme Straßenkunst

Zum Wettbewerbsfilm (außer Konkurrenz) "Exit through the gift shop" gibt es zum Glück gar keine Pressekonferenz. Der Macher dieser Mockumentary ist nämlich niemand geringeres als der weltbekannte Streetart-Künstler Banksy. Seit vielen Jahren sorgt er mit seinen Aktionen für Aufmerksamkeit, bei denen er übergroße Ratten oder auch küssende Polizisten auf Londons Mauern und Wänden verewigt. Mittlerweile werden seine Kunstwerke aus den Mauern gehauen und für einige hunderttausend Dollar verkauft. Einen Banksy zu besitzen, gilt in der Kunstszene als großes Privileg. Sicherlich ist eine Erklärung für das Phänomen Banksy, dass niemand die Identität dieses Mannes kennt. Seine Kunst bewegt sich immer am Rande der Legalität, so dass ein offener Umgang mit seiner wahren Person für Banksy äußerst problematisch wäre. Da er dann aber wohl doch das Bedürfnis hat sich mitzuteilen, hat er einen Film gedreht. Doch wer große Enthüllungen oder gar einen tiefen Einblick in Banksys Schaffen erwartet, der wird von "Exit through the gift shop" sehr enttäuscht sein. 
Der Dokumentarfilm - jedenfalls gibt er vor einer zu sein - fokussiert sich auf einen in Amerika lebenden Franzosen. Thierry Guetta ist passionierter Amateurfilmer, der zum offiziellen Chronisten der Streetart-Szene wird. Irgendwann lernt er endlich Banksy kennen und reist mit ihm um die Welt. Als Guetta versucht einen Dokumentarfilm aus seinem Material zu schneiden, wird er von Banksy darauf hingewiesen, dass er doch vielleicht kein begabter Filmemacher sei. Dann handelt "Exit through the gift shop" von Guettas wahnwitzigem Versuch, eine riesengroße Ausstellung auf die Beine zu stellen. Mittlerweile stellt er selber Streetart her und verkauft sie mit Erfolg. Die Ausstellung wird jedenfalls ein großer Hit. Mr. Guetta, der sich jetzt Mr. Brainwash nennt, wird zum anerkannten Kunststar. Und dann ist der Film auch schon vorbei. 
Ist das jetzt alles wahr? Gibt es diesen Guetta wirklich? Oder hat sich Banksy da wieder was einfallen lassen, um alle an der Nase herumzuführen? Keiner kann das genau sagen. Bei "Exit ..." fühlt man sich in den wenigen wirklich mitreißenden Momenten an Orson Welles' fabelhaften Filmessay "F for Fake" erinnert. Welles verhandelt darin auf kongeniale Weise die Frage nach dem Sinn von Wahrheit und Lüge in der Kunst und im Medium Film. Wo Welles uns aber immer wieder demonstriert, was Kunst kann, darf, will und soll, bleibt Banksy mit seinem Vorhaben im Reich des Unklaren haften. Er spielt sein eigenes Spiel und hat sichtlich seinen Spaß dabei. Doch es ist wie immer im Leben: Wenn man als Zuschauer die Absichten des Spiels nicht versteht oder erklärt bekommt, steigt man irgendwann einfach aus. Das Zuschauen wird daher eher zu einer zähen Angelegenheit.

Die Stille nach der Diktatur

Zäh, weil sehr minimalistisch in seiner Ausführung ist auch der Film "The Counting of the Damages" (Sektion Forum) der argentinischen Regisseurin Ines de Oliveira Cezar. Eine Auto fährt eine Straße entlang. Dann geht es kaputt. Ein Mann steigt aus. Er lässt das Licht an und geht. Dann geht die Batterie zu neige und die Lichter des Autos erlöschen. Dadurch kommt es zu einem schrecklichen Unfall. Der Fahrer eines anderen Wagens stirbt dabei. Die Familie ist in Trauer. Die Witwe und ihr Bruder führen eine Fensterscheiben-Fabrik und müssen nun mit einem französischen Insolvenzberater verhandeln. Die Witwe und der junge Insolvenzberater haben schon sehr bald Sex mit einander. Sie ist seine Mutter. Er weiß das aber noch nicht - Ödipus auf Argentinisch.
Man muss über diesen Film so schreiben. In Hauptsätzen. Weil er so aufgebaut ist. In zehn endlos langen Kapiteln sehen wir Räume, Menschen hinter Glas und andere langweilige Dinge. Ja, wir haben es begriffen: Die Tragik der Familien, die Zerstörung der Einheit, soll die Folgen der Militärdiktatur reflektieren. Unscharfe Einstellungen und Ein-Wort-Dialoge nerven aber dennoch gewaltig, weil man einen Film auch zu Tode schweigen kann. Es erwächst nicht Großes aus dieser leeren Erzählung, die sichtlich weit von der Kraft des sonst so vitalen argentinischen Kinos entfernt ist.

Meditatives Muschelnsammeln

Ebenfalls minimalistisch, aber wesentlich konsequenter ist der neue Film der amerikanischen Regisseurin und Künstlerin Sharon Lockhart. "Double Tide" zeigt über 99 Minuten eine Muschelsammlerin aus Maine (USA) beim Muschelnsammeln. Nichts weiter. Die Kamera bewegt sich nicht. Kein Schnitt, kein Schwenk, kein Zoom - nichts. Die Frau zieht ein kleines Boot durch das Watt und stampft durch den Schlamm. Sie bückt sich, greift in die feuchte Erde und wirft die Muscheln in ihre Kiste. Dann wandert sie weiter. In der Zwischenzeit lichtet sich der Nebel. Die Landschaft bekommt Konturen. Möwen schreien, eine Schiffshupe ertönt in der Ferne. Es wird nicht gesprochen in diesem Film. Kein Wort. Nur manchmal stöhnt die Sammlerin bei ihrer harten Arbeit. Nach genau der Hälfte gibt es dann doch einen Schnitt. Wieder sehen wir die Sammlerin bei ihrer Arbeit. Doch jetzt hat die zweite Schicht begonnen. Es ist der Abend desselben Tages. 
Das ist vielleicht die extremste Seherfahrung der diesjährigen Berlinale. Viele von Lockharts Werken drehen sich um das Verhältnis von Natur und Mensch. Die Regisseurin ist im avantgardistischen Film verankert. Ihre Meditation "Double Tide" ist auch nicht ihre stärkste Arbeit, doch ein ganz klarer Ruhepol im ansonsten so stressigen Festivalalltag. Einige Kollegen lachen während der Vorstellung, andere verlassen den Raum fluchtartig, als sie merken wo lang es in dieser Kunstinstallation geht. Ansonsten herrscht Ruhe. Nur vereinzelt hört man gemütliches Schnarchen.

Irak nach Saddam

Anders verhält es sich da mit "Son of Babylon" (Sektion Panorama) des Irakers Mohamed Al Daradji. Der junge Ahmed und seine Oma ziehen aus dem Norden Iraks durch das Land auf der Suche nach dem Vater des Jungen, dem Sohn der alten Frau. Sie kommen nach Bagdad und später sogar ins antike Babylon, doch drei Monate nach Saddams Sturz ist das Land eine feindliche Umgebung für die beiden. Al Daradjis Film ist von erschütternder Schlagkraft. Bietet er doch Einblicke in das Leiden der irakischen Bevölkerung, wie es die üblichen Fernsehbilder nie schaffen. Ahmeds Vater ist natürlich unauffindbar und so werden die beiden von einem Massengrab zum nächsten geschickt um zu sehen, ob eine der Leichen eventuell der verschollene Vater sein könnte. Man sieht die rauchenden Ecken der zerstörten Städte, weinende Frauenmengen, hört chaotisches Rumgeschreie mitten auf der Straße und die Schüsse aus der Ferne, die den Krieg in eine Atmosphäre der Unausweichlichkeit packen. Überwältigend ist natürlich die Leistung des kleinen Jungen, der für seine Oma, die nur kurdisch und kein arabisch spricht, immer übersetzen muss. Was wird er von dieser Reise mitnehmen? Was für einen Einfluss wird der Krieg auf die noch unschuldige Kinderseele haben? Tragisch endet der Film, der sehr an das neorealistische Meisterwerk Roberto Rossellinis "Deutschland im Jahre Null" erinnert.

So lange es genug Leid auf der Welt gibt, wird es genügend Filme für die Berlinale geben, meint ein Kollege etwas resigniert nach der Vorstellung von "Son of Babylon". Das mag in einem gewissen Sinne korrekt sein, doch möchte man entgegnen, dass genau durch solch einen Film die Welt - nicht ihre schöne, sondern ihre zerstörerische Seite - begreifbarer, wenn auch nicht verständlicher wird. Mehr können Filme, mehr sollen einige Filme nicht leisten.

Sonntag, 14.2.2010: Die Coens auf Chinesisch und Kinomagie auf Indisch

Der ehemalige Bärengewinner Zhang Yimou verfilmt ein frühes Werk der Coen-Brüder neu. Ben Stiller brilliert als krisengeplagter Neurotiker und in der Generation-Sektion gibt es eine berührende indische Version von "Cinema Paradiso" zu sehen.

Irgendwie ist dieses Jahr auf der Berlinale so einiges anders. Man strömt in die Pressevorstellungen des Wettbewerbs und verlässt sie anschließend ohne große Gefühlsregungen. Das war früher anders. Da war man nahezu täglich über das schlimme Mittelmaß im Wettbewerb verärgert. Es hatte fast schon Tradition sich mit den gleichen Kollegen an den kleinen Plastiktischen bei den Ausgängen im Berlinale-Palast zu treffen und sich mit zynischen Sprüchen über den Leinwandmist zu beschweren. Nicht so dieses Jahr: Man trifft sich zwar immer noch an den Tischen, doch viel mehr als ein "war doch ganz Okay" hört man nicht. Die bisherigen Wettbewerbsfilme sind alle durch die Bank weg passabel. Selbst die üblichen 9-Uhr-Filme (die meist sehr langsam und behäbig sind und oft Menschen zeigen, die nicht reden und durch endlose Landschaften pilgern) gibt es nicht. Ist es tatsächlich möglich, dass der Wettbewerb der Berlinale das erste mal seit gut fünf Jahren wieder sehenswert ist? Wir warten ab.

High Noon im Nudelsuppenladen

Ein gutes Beispiel für diesen Trend ist Zhang Yimous neuer Film "A Woman, a Gun and a Noodle Shop" der hier seine internationale Premiere feiert und der Presse um 9 Uhr morgens gezeigt wurde. Es ist ein Remake des Coen-Brüder-Debüts "Blood Simple" von 1984. Doch wo die Coens auf eine brutale und eiskalte Inszenierung setzten, begnügt sich Zhang damit die Geschichte um eine Pistole, einen Nudelladenbesitzer und seine geldgeilen Angestellten in die kupferrote Wüstenlandschaft Chinas zu verlegen. "A Woman ..." ist eine schwarze Komödie geworden, die gerne den Showeffekt zelebriert, wie man es von dem Regisseur von "Hero" nicht anders erwartet. Gleich zu Beginn verkauft ein Perser mit einer beeindruckenden Schwertkunst-Show an die Angestellten eines Nudelladens eine Pistole, was dann so langsam - begleitet von einer ganzen Menge an bitterbösen Zufällen - dazu führt, dass am Ende einer nach dem anderen um sein Leben fürchten muss. Dabei verbeugt sich der chinesische Filmemacher sehr vorm amerikanischen Vorbild. Er spitzt jedoch viele Sachen zu und kann damit wirklich absurde und groteske Momente schaffen. Das erinnert dann doch wieder sehr an die Coen-Brüder. 
Egal wie schwungvoll und dynamisch der Film sich versucht vom Vorbild zu distanzieren, kommt er doch immer wieder zu "Blood Simple" zurück. Der Film ist die Version, die man erwartet hätte, wenn sich die Coens dazu entschieden hätten ein Remake ihres eigenen Films zu machen, und das mehr im Sinne von "Burn after Reading" als von "Fargo". Zhang Yimou erlöst die beiden von dieser Aufgabe. Ansonsten ist man auf der Berlinale, die sich ja ständig aufs Neue versucht mit düsteren und schweren Themen selbst zu übertreffen, über jeden Film glücklich, der einen zum Lachen bringt. Auch wenn man über eine Schere lacht, die eine Hand an die Tür nagelt. Man nimmt was man kriegt.

Leukämiekranke Hunde und neurotische Mittvierziger

Amerikanisches Independentkino, von dem es in der nächsten Woche noch mehr zu sehen geben wird, gab heute in Form des Wettbewerbsbeitrages von Noah Baumbach sein Stelldichein. "Greenberg" lief bereits auf dem renommierten Sundance-Filmfestival. Das ist hier in Berlin seit drei Jahren so üblich. Schließlich haben die beiden Festivals eine Kooperation geschlossen, so dass hier auf der Berlinale im Wettbewerb immer mindestens ein Beitrag aus Sundance läuft. Diese Zweitverwertung ist gar nicht mal so schlimm, vor allem wenn man dann tolle Filme wie den vor ein paar Jahren gelaufenen "Ballast" gezeigt bekommt. Baumbach ist zudem seit seinem Oscar-nominierten"Der Tintenfisch und der Wal" kein wirklich unbekannter Filmemacher mehr. Sein zweiter Film "Margot at the Wedding" mit Nicole Kidman und Jack Black war ein beachtlicher Kassenerfolg in den USA, kam aber leider bis heute nicht in die deutschen Kinos. Auch in seinem dritten Film "Greenberg" bleibt der amerikanische Regisseur seinem Grundmotiv treu und erzählt von seltsamen Familienkonstellationen in deren Mittelpunkt diesmal Roger Greenberg (abgemagert und mit grauen Schläfen: Ben Stiller) steht. 
Nach einem Nervenzusammenbruch kommt Roger in Los Angeles an und soll auf den Hund seines Bruders aufpassen. Es ist ein typisch intellektuell-liberales Umfeld, in das sich dieser labile Mann da begibt. Das merkt man spätestens daran, dass der Schäferhund Mahler heißt. Roger fängt an durch den Tag zu ziehen. Er trifft seinen ehemals besten Freund wieder und fängt eine Affäre mit Florance (Greta Gerwig), dem Hausmädchen seines Bruders an. Sie ist die zweite Hauptfigur dieser stillen und zurückhaltenden Beziehungskomödie. 
Wie immer bei Baumbach sind es die geschliffenen Dialoge, die begeistern. "Greenberg" ist die Geschichte eines Mannes in der Midlife-Crisis. Mit 41 hat Roger nichts geschafft. Einst hat er nahezu den Durchbruch als Sänger mit seiner Band erlebt, doch er wollte sich nicht auf die Konditionen der Plattenfirma einlassen. Seine Bandkollegen nehmen ihm das bis heute übel. Roger eckt an, kann sich nicht integrieren und ist ein Außenseiter. Man hält es nicht mit ihm aus. Er beschwert sich ständig und kann nicht umhin seine Abneigung gegen L.A. kundzutun. "Greenberg", das ist vor allem eine Neuerfindung von Ben Stiller. So hat man ihn auch noch nicht gesehen. Abgemagert, ruhig und introvertiert. Eine so sensible Seite hat man fast gar nicht in ihm vermutet. Baumbach gibt ihm den nötigen Freiraum alle Facetten seines anstrengenden Charakters zu porträtieren. 
Roger Greenberg versucht noch einmal den Ausbruch, als in dem Haus seines Bruders eine Party voller 20-jähriger steigt. Er kokst, kifft und lässt sich von jungen Mädels den Rücken massieren. Dann beschließt er mit zwei von ihnen nach Australien zu fliegen. Sofort und ohne Umschweife. Es ist die verzweifelte Tat eines Menschen, der unbedingt nochmal jung sein möchte und die Fehler der Vergangenheit beheben will. Einmal zitiert der Film die bekannte Weisheit: "Youth is wasted on the young." Das mag stimmen und dennoch findet Roger am Schluss einen anderen Weg. Vielleicht nicht der ideale, aber besser als die Schnapsidee mit Australien ist er alle mal.

Kino auf der Straße

Die Berlinale besteht aus vielen Sektionen, die man als einzelner Journalist gar nicht alle besuchen, geschweige denn ihr gesamtes Programm betrachten kann. Doch es ist allgemein bekannt, dass in der "Generation"-Sektion (mit Kinder- und Jugendfilmen) immer wieder die wahren Filmperlen des Festivals lauern. So fand die Eröffnung der Sektion am Freitag im Kino Babylon in Berlin Mitte statt. Man hat sich dazu entschieden den indischen Film "Road, Movie" zu zeigen. Eine wirklich gelungene Entscheidung. Schließlich eigenen sich Filme über das Kino immer wieder gut als Eröffnungsbeiträge. 
Wie es der Titel des indischen Regisseurs Dev Benegal bereits schon andeutet, wird hier die Geschichte eines Wanderkinos erzählt. Der junge Vishnu will nicht wie sein Vater Haaröl verkaufen, sondern etwas anderes mit seinem Leben anfangen. Als er die Möglichkeit bekommt einen heruntergekommen Bus, in dem sich zwei alte deutsche Projektoren befinden, zu einem Jahrmarkt zu fahren, nimmt er diese dankend an. Doch schon bald geht die alte Schrottkiste kaputt und Vishnu muss sich Hilfe holen. Die kommt dann auch in Form eines übergewichtigen Mechanikers, einem rotzfrechen Jungen und einer bildschönen jungen Frau. Gemeinsam fährt diese schräge Schicksalsgemeinschaft durch die indische Wüste, ständig auf der Suche nach dem Jahrmarkt, Wasser und der Erfüllung der eigenen Träume. 
Benegals Film versprüht jene Art sentimentaler Kinoliebe, wie man sie aus "Cinema Paradiso" kennt. Mit seinem einmaligen Sinn für abseitigen Humor feiert "Road, Movie" die Kraft der bewegten Bilder und ihre Bedeutung für ein Land, in dem die Bevölkerung tatsächlich immer noch auf die reisenden Kinos angewiesen ist. Es braucht wirklich nicht viel zur Alltagsflucht: Ein alter Projektor, ein weißes Laken, ein Keaton-Film. Und dann kommt in "Road, Movie" jener unvergessliche Moment, der den Sinn des Kinos besser illustriert und verdeutlicht als jede geschriebene Zeile. Die Kamera zeigt nicht den projizierten Film, sondern die Gesichter der Menschen, die ihn sehen. Es sind von der Hitze und vom harten Leben gezeichnete Gesichter, doch für diesen kurzen Zeitraum wirken die faltigen Augen und die raue Haut entspannt und gelassen. Die Magie, zu der das Kino fähig ist - hier ist sie in ihrer schönsten und wahrsten Form zu sehen.

Samstag, 13.2.2010: Alle Männer dieser Welt

Männerfiguren haben es in Berlinalefilmen nicht leicht. Sie handeln schlecht, werden bestraft und scheitern selbst dann, wenn sie versuchen Gutes zu tun. Sie stehen sehr allein einer Welt gegenüber, der alles Zarte und Leidenschaftliche entwichen ist. Es gibt keine Erfolge, nur Schadensbegrenzung. Außerdem werfen wir einen Blick auf die beiden rumänischen Filme des Festivals.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass Filme aus Rumänien seit ein paar Jahren sicherlich zum interessantesten gehören, was man auf Festivals sehen kann. Regisseure wie Cristian Mungiu, Corneliu Porumboiu und natürlich auch Cristi Puiu haben sich bereits als Autorenfilmer etabliert. Jetzt sind es die Philippinen und Malaysia, die als das neue große Ding im weltweiten Kinozirkus gehandelt werden. Dennoch bleibt die rumänische Kinematographie aufregend, vor allem weil nun auch immer neue Genres bedient werden. Auf der diesjährigen Berlinale gibt es zwei rumänische Filme zu sehen, die allerdings unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch viele Parallelen aufweisen.

Der rumänische Che

Der eine Film heißt "Portait of a fighter as a young man" und stammt von Constantin Popescu, der bereits mit seinem sehr stringenten Kurzfilm "Apartmentul" auf sich aufmerksam gemacht hat. Vom Kurzfilm hat sich der rumänische Regisseur nun aber entfernt und präsentiert ein knapp dreistündiges Partisanenepos im Forum der Berlinale. Historisch begibt sich der Film ins Nachkriegsrumänien, wo sich gerade der Kommunismus etabliert. Nicht alle Rumänen - so die Schrifttafeln am Anfang - wollten sich der neuen Staatsideologie hingeben und leisteten Widerstand. Ganze 250.000 sollen es gewesen sein, die im rumänischen Hinterland gegen die radikalen und gewalttätigen Milizen der Sekuritate (der rumänische Geheimdienst, vergleichbar mit der Stasi) vorgegangen sind, die meisten von ihnen junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. "Portrait of a fighter as a young man" zeigt das Ausharren jener Männer in den dichten Gräser- und Weizenfeldern Rumäniens. Der Film zeigt das Warten, Flüchten und Kämpfen in überwältigenden quasi-dokumentarischen Aufnahmen. Immer wieder sehen wir auch die verzweifelten Versuche der rumänischen Geheimpolizei, die Partisanengruppen zu infiltrieren, was nicht gleich funktioniert, weil auch die Sekuritate zu diesem Zeitpunkt noch kein funktionierender Apparat war. Alles befand sich im Umbruch und daher war ein sofortiges Angreifen nicht möglich.
Popescus große Kunst ist es, eine Alltäglichkeit und eine Präzision in seiner Inszenierung zu demonstrieren, dass man glatt vergisst, dass es sich hier um einen historischen Stoff handelt. Der episodenartige Aufbau des Films zerfällt in viele kleine Mikronarrationen, an deren Endpunkt meist der Tod eines weiteren Partisanen oder die erfolgreiche Flucht der Widerstandkämpfer steht. Das Sounddesign ist so herausragend, dass man es unbedingt gesondert erwähnen muss. Natürlich erinnert der Film sehr stark an die beiden Che Guevara-Filme von Steven Soderbergh, doch vermag es Popescus Film eher ein Gefühl des gejagten und gehetzten Partisanenlebens zu vermitteln als die Filme seines amerikanischen Kollegen. 
In seiner Gesamtheit ist dieses Werk bislang der stärkste Film des Forums und vielleicht auch des ganzen Festivals. Wobei man natürlich auch erwähnen sollte, das "Portrait ..." nicht ganz unproblematisch ist. Genau betrachtet bleiben die politischen Motive der rumänischen Partisanen im Unklaren. Schließlich ist man als Widerstandskämpfer nicht immer gegen ein bestimmtes Regime, sondern man steht auch immer für eine andere Idee, die man für angemessener hält. Die Geschichtswissenschaft ist sich da bei den Motiven der Rumänen nicht ganz sicher. Wahrscheinlich vertraten sie eher rechte - manche behaupten rechtsradikale - Staatsvorstellungen. Dennoch wurden sie als Widerstandskämpfer immer wieder als tapfere Helden verehrt. Eine Heroisierung, die sicherlich zu hinterfragen ist, was der Film aber nicht leistet.

Jugend ohne Jugend

Im Wettbewerb läuft auch ein Beitrag aus Rumänien. Er heißt "When I want to whistle, I whistle". Das Debüt des Regisseurs Florin Serban spielt in einem Jugendgefängnis irgendwo in Inneren des Landes. Der 17-jährige Silviu steht 15 Tage vor seiner Entlassung. Da besucht ihn sein 8-jähriger Bruder, der ihm verkündet die Mutter wolle mit ihm nach Italien. Silviu wird völlig aus der Bahn geworfen. Er kann seine Mutter nicht ausstehen. Sie hat ihn selbst auch immer nach Italien mitgenommen und kaum hatte sie dort einen neuen Mann kennen gelernt, durfte Silviu wieder zurück nach Rumänien fahren. Für ihn trägt sie die Schuld, dass er überhaupt auf die schiefe Bahn geraten ist. Als ihm der Gefängnisvorsteher nicht erlaubt, für einen Tag nach Hause zu fahren, um seine Mutter von ihrem Vorhaben abzubringen, beschließt Silviu eine junge Resozialisierungsbeamtin als Geisel zu nehmen. 
In seiner Ruhe und groben Erzählhaltung erfindet "When I want ..." die typische Form des jungen rumänischen Kinos nicht neu, sondern ist ein überzeugender Vertreter desselben. Getragen wird der Film vor allem von einem in jedem Moment überzeugenden Hauptdarsteller, der es schafft die Härte und das Raue eines kriminellen Jugendlichen, als auch die ängstliche Unschuld eines Kindes zu vermitteln. In diesem Film geschieht nichts Überraschendes. Er weiß wohin er will. Doch das macht die ganze Sache erst aufregend, weil die sehr genau austarierten Bilder mehr Raum und Platz bekommen und so von den Insassen des Gefängnisses erzählen, ohne sie erwähnen zu müssen. Dieser Film ist eine geschickte Verhaltensstudie geworden, die immer wieder zyklisch kleine dramaturgische Höhepunkte inszeniert. Es ist sicherlich nicht der beste rumänische Film. Es wäre angemessener gewesen "Portrait of a young fighter as a young man" im Wettbewerb zu zeigen und "When I want ..." ins Forum oder ins Generation zu stecken. Aber das lässt sich jetzt nicht ändern. Das Wichtige ist einfach, dass nun auch die Berlinale das rumänische Kino anerkannt hat. Besser spät als nie.

Die Insel des Dr. Scorsese

Nach Polanskis "The Ghost Writer" präsentiert auch Martin Scorsese (außerhalb der Wettbewerbs-Konkurrenz) einen Inselfilm. In "Shutter Island" verschlägt es den US-Marschall Ted Daniels (Leonardo DiCaprio) in die psychiatrische Anstalt auf der abgelegenen Insel Shutter Island. Dort ist angeblich eine Patientin entflohen, die er mit seinem Partner Chuck (Mark Ruffalo) finden soll. Doch die Patientin taucht bald wieder auf. Eigentlich verlangt der Leiter der Anstalt (Ben Kingsley) von den beiden Marshalls die Insel nun zu verlassen. Doch ein Sturm verhindert, dass Ted und Chuck von der Insel können. In der Zwischenzeit entdecken die beiden immer mehr Hinweise, dass auf Shutter Island wohl einiges nicht stimmt. Und dass die Patienten hier mit vollkommen fragwürdigen Mitteln "behandelt" werden. Doch das ist erst der Anfang einer viel tragischeren Geschichte….
Die inszenatorischen Fähigkeiten von Martin Scorsese stehen außer Frage. Er inszeniert diesen düsteren Gefängnisfilm mit viel Sinn für kleine Horror- und Schockmomente. Die Erzählung bleibt immer doppelbödig, schlägt im Viertelstundentakt immer wieder eine neue Richtung ein, ohne dass man wüsste wohin das alles steuert. Man lässt sich in diese grauenhaft klaustrophobischen Bilder fallen. Scorsese füllt die Leinwand mit schwarzen Gängen, Fluren und unheimlichen Treppenaufgängen und entwirft so eine Architektur der Ausweglosigkeit. Flucht scheint für die beiden Marshalls unmöglich, und diese Erzählung trägt von den ersten nebligen Einstellungen an ein Mysterium in sich, welches erst am Ende gelüftet wird. 
Und hier ist auch vielleicht das einzige Problem an "Shutter Island" zu finden. Es macht nun mal viel mehr Spaß, wenn er seine Handlung in der Schwebe lässt, wenn wir an der Seite von DiCaprio immer wieder verwundert den Kopf schütteln, ohne zu wissen, was hier eigentlich für ein Spiel gespielt wird. Zudem hält das Drehbuch eine ganze Masse an Einfällen parat, von Wasserstoffbomben, Naziexperimenten bis hin zu reinsten traumatischen Halluzinationen. So lange nichts klar ist, genießt man die vielen an David Lynch erinnernden Sequenzen: Ein Raum, der sich fast schon poetisch mit schwarzer Asche füllt, oder DiCaprio der im gefährlichen Trakt C nur mit Streichhölzern in die Zellen der Insassen leuchtet - das alles offenbart Scorseses Brillanz. Dabei wirkt er hier das erste mal seit langem wieder etwas mutiger, was das narrative Experiment angeht. Es gibt extreme und unvereinbare Momente in diesem Film. Spielereien, die nicht immer glücken und funktionieren. "Shutter Island" ist aber wesentlich interessanter in seinen kantigen Augenblicken als überall da, wo er einfach nur gut erzähltes Kino ist. Doch das alles verliert schlagartig an Wirkung, wenn am Ende alles ausbuchstabiert wird. Alles wird rational bis in seine kleinsten Einzelheiten dargelegt. Keine Fragen bleiben offen - leider. Dennoch ist es ein ansehnlicher Scorsese-Film geworden. Und wer sich das Mysterium erhalten will, der kann ja den Kinosaal einfach 15 Minuten vor Schluss verlassen.

Alles Böse dieser Welt

Dogma-Mitbegründer Thomas Vinterberg verfilmt, wie Scorsese und Polanski auch, einen Roman. Der Film heißt "Submarino"und schildert das Schicksal zweier Brüder, die schon seit ihrer Kindheit nur wenige Momente der Freude und der Zuneigung genießen durften. So sieht man die beiden als Jungs durch eine Wohnung toben und ein kleines Baby füttern. Sie verstecken sich unter einem weißen Laken, wo sie das Baby in Eigenregie taufen wollen. Kaum fragt man sich wo denn hier die Erziehungsberechtigten der drei Minderjährigen sind, stampft das Muttermonster durch die Tür. Betrunken und auf Drogen brüllt sie Nick und seinen Bruder an, dann fällt sie in der heruntergekommenen Küche auf den Boden. Nach einer Blende sehen wir Nick, wie er gerade aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Er ist mittlerweile 33 und hat keinen Kontakt mehr mit seinem Bruder. Er wohnt in einer heruntergekommen Bude, schläft gelegentlich mit seiner Nachbarin und versucht irgendwie wieder ein normales Leben zu führen. 
Vinterberg hat diesmal keinen Dogma-Film gedreht. Das einzige, was auf diese - mittlerweile schon fast historische - Filmbewegung schließen lässt, ist die Konsequenz mit der die Helden einen Schicksalsschlag nach dem nächsten hinnehmen müssen. In "Submarino" geht es wirklich heftig zur Sache. Mord, Inzest, Prostitution, Diebstahl, Hehlerei, Drogenhandel und Alkoholismus wechseln sich ab. Nebenbei liegt am Ende fast jeder Sequenz ein Mann oder eine Frau bewusstlos am Boden und wir können nur raten, ob das nur eine Ohnmacht ist, oder ob diese Figur längst ins Gras gebissen hat. 

Die Welt hat sich gegen alle verschworen. Einen wirklichen Ausweg gibt es nicht. Das ist die Aussage aller drei Wettbewerbsfilme von heute. Egal ob Scorsese, Serban oder Vinterberg, sie alle haben sehr stark an Kafka erinnernde Werke geschaffen. Das einzige was sie unterscheidet ist der Weg, wie sie den Zuschauer in die Wirklichkeit entlassen. Der Oscarpreisträger Scorsese wählt den Weg der Tragödie, an deren Ende ein tränentriefender Schicksalsschlag steckt. Der Rumäne Serba sieht seinen Helden in der Verantwortung für sein Handeln und lässt in der letzten Einstellung einen Polizeiwagen aus dem Bild fahren. Die Kamera bleibt dabei stehen. Wir folgen ihm nicht. Und der Däne Vinterberg traut sich als einziger eine Geste der Hoffnung in seinem ansonsten doch so hoffnungslosen Film einzubinden. Eine erwachsene und eine Kinderhand drücken sich in einer Kirche. Dann wieder ein Zeitsprung und eine Taufe. Die Zeichen stehen auf Neuanfang. Doch das Gute erreicht man nur durch den Verlust. Keine leichte, aber dennoch eine sehr tiefsinnige Botschaft.

 

Freitag, 12.2.2010: Autoren in der Schaffenskrise

Sharuk Khan und der Winter sind die ersten Top-Gesprächsthemen unter den Kritikern. Die ersten Wettbewerbsbeiträge hingegen zeigen Schriftsteller bei der Arbeit. Und die 40. Ausgabe des Forums zeigt zwei Beiträge, die nicht so recht wissen wohin mit ihren Ideen.

Zwei Themen erregen am morgen bei den Kollegen vor der ersten offiziellen Pressevorführung das Gemüt. Das eine ist das fürchterliche Wetter, welches gerade in Berlin herrscht. Kaum haben ganze Menschenkolonnen den Potsdamer Platz von Schneemassen und Eisbergen befreit, schon hat der Schnee das ganze Festivalzentrum wieder mit einem weißen Teppich bedeckt. Erste Folgen in Form von bösen Verletzungen wurden auch schon gemeldet. So entschuldigt sich die junge Regisseurin Carolin Kamyas, dass sie zu spät kommt um ihren Forumsfilm "Imani" (zum Film später mehr) vorzustellen, schließlich habe sie sich erst gestern hier die Schulter verstaucht. Das Berliner Eis war schuld. Das Wetter nutzen die regionalen und überregionalen Zeitungen auch gerne, um damit ihre Berichte zu schmücken. So sind Titel wie "Bibbern für die Berlinale" keine Seltenheit. Wobei man wirklich gestehen muss, dass das Branchenblatt "Variety" mit Abstand den schönsten Einfall hatte. Sie titelte in ihrer ersten Festivalausgabe ganz selbstbewusst: "There is no Biz like snow Biz". 
Das zweite Thema, welches die meisten Mitglieder der internationalen Presse am Freitag die Stimmung vermieste, war der indische Superstar Sharuk Khan. Der präsentiert heute seinen neuen Film "My name is Khan" (der außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft). Da dieses Bollywood-Epos - das wieder mal von Liebe, Tod und Teufel handelt, diesmal allerdings vor dem Hintergrund des 11. September - geschlagene 163 Minuten dauert, beginnt die erste Pressevorführung bereits um 8:30 Uhr. Filmkritiker sind eher keine Frühaufsteher, was den Unmut dann zu einem gewissen Grad verständlich macht. Obwohl das alleinige Sehen der Filme keine außergewöhnlichen Fähigkeiten abverlangt, sieht das beim Verfassen von Rezensionen schon anders aus. Umso besser, dass gleich die ersten Wettbewerbsbeiträge Schriftsteller und Autoren bei deren Arbeit in den Vordergrund rückten.

Ein Gedicht erregt die Gemüter

Für "Howl" zeichnen zwei sehr bekannte amerikanische Dokumentarfilmer verantwortlich. Rob Epstein und Jeffrey Friedman haben für ihre Arbeiten bereits jeweils einen Oscar bekommen. Auch "Howl" ist kein vollkommen fiktionaler Film. Er spielt im Jahr 1957 und beschreibt einen äußerst brisanten Gerichtsfall, in dem über die Obszönität von Allen Ginsbergs Gedichtsopus "Howl"verhandelt wurde. Das Werk erregte damals im prüden und konservativen Teil der amerikanischen Bevölkerung einiges an Aufregung und rief die Sittenpolizei auf den Plan. Ginsbergs Verse wurden als vulgär und beleidigend abgetan. Außerdem sollten sie die Menschen moralisch verderben und zu Unzucht und Sodomie verführen. "Howl" selbst ist eine Art Vers-Film geworden, denn er besteht aus vier sich ständig abwechselnden Erzählsträngen, die alle ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Ästhetik besitzen. Neben dem eigentlichen Gerichtsprozess, bei dem nicht Ginsberg selber, sondern sein Verleger angeklagt worden ist, sehen wir Ginsberg bei einem Interview, in dem er die ganze Situation reflektiert. Durchbrochen werden diese Ebenen von einer in schwarz-weiß gedrehten Sequenz in der Ginsberg sein Werk in einem kleinen Club vorliest. Wobei hin und wieder die vorgelesenen Zeilen mit surrealen und psychedelischen Comicanimationen illustriert werden.

Friedmann und Epstein verstehen es ziemlich gut, die Person und die Bedeutung von Ginsbergs Werk im zeitgeschichtlichen Kontext zu erklären, ohne dabei ein gewöhnliches Biopic zu zeigen. Doch auch die Person Ginsberg, seine Homosexualität und sein Verhältnis zum anderen weltbekannten Beatnik-Autoren Jack Kerouac werden in "Howl" thematisiert. 
Das Beeindruckende an diesem Wettbewerbsbeitrag ist seine Fähigkeit, im Kern vom Verfassungszustand der USA in den 50er Jahren zu erzählen. Wie Homosexuelle und Andersdenkende gerne in Irrenhäuser eingeliefert worden sind und mit unwürdigen, an Folter grenzenden Methoden gequält wurden. Alles natürlich mit der verlogenen Absicht, sie "heilen" zu wollen. Neben hervorragenden Nebendarstellern wie dem Oscar-nominierten David Strathairn ("Good Night and Good Luck"), als Staatsanwalt ist den beiden Regisseuren vor allem ein wahrer Glücksgriff bei der Besetzung der Hauptfigur gelungen. James Franco, den die meisten aus "Spiderman" kennen, ist ein wahrer Genuss. Er rezitiert die Passagen aus "Howl" mit einer süchtig machenden Leidenschaft und Wucht, die einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Leider stören in diesem Film die animierten Sequenzen, denn sie bebildern die Verse des Gedichts und schwächen die Wirkung der Worte ab. Sie wollen die Worte begreifbar machen. Aber genau das ist die Stärke der Poesie, ihr Widerstand gegenüber dem bedingten Verstehenwollen. An diesem Widerstand scheitert ja letztlich auch die juristische Anklage. "Howl" vermag es daher nicht, die Kraft, die in allen vier Erzählebenen steckt, zu einem großen Ganzen zu verbinden. Es bleibt eine nette Kollage und endlich die Bestätigung, dass James Franco zu den interessanten jungen Darstellern Hollywoods zählt.

Polanski: Die Geister, die ich rief

Auch in Roman Polanskis neustem Film "The Ghostwriter" steht ein Schriftsteller im Vordergrund der Geschichte. Ewan McGregor (endlich wieder einmal in einer überzeugenden Rolle) verkörpert einen englischen Ghostwriter der angeheuert wird, um die Memoiren des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) zu Ende zu schreiben. Ein Manuskript gibt es bereits schon, welches ein anderer Ghostwriter verfasst hat. Doch dessen Leiche wurde gerade an die amerikanische Küste gespült, was letztlich dazu führt, dass McGregors Figur den Job bekommt. Polanski hat, basierend auf einem Buch von Robert Harris, einen lupenreinen Genrefilm gedreht. "Ghostwriter" bedient die klassischen Thriller-Elemente sehr konsequent und wirksam. Die glasklaren Cinemascope-Aufnahmen, die einen ständig bedeckten Himmel zeigen und durch das fürchterlich kalte und leere Anwesen Langs fahren, bauen die bedrohliche Spannung auf, die der Film dann erst in der letzten Filmsekunde wirklich entweichen lässt. McGregors Figur könnte ohne Weiteres aus einem altenHitchcockfilm stammen. Etwas naiv und ohne große Illusionen will er einfach nur seinen Job machen. Dabei gerät er, ohne dass er es wirklich will, zusehends zwischen die Fronten einer großen Verschwörungsgeschichte. Lang wird vorgeworfen, dass er während seiner Amtszeit befohlen haben soll, britische Moslems im Zuge des Irakkriegs foltern zu lassen. Doch so ganz klar ist die Sache dann doch nicht, wie sein Ghostwriter im Laufe des Films erfahren muss. 
Es ist eine Freude diesem Film zu folgen, der fast alles richtig macht und dabei immer den Anschein des Aktuellen erweckt. George Bush, Tony Blair, Waterboarding, geheime Foltergefängnisse im Ausland - das alles spiegelt sich in "Ghostwriter" mal mehr, mal weniger hintergründig wider. Polanski wird in Berlin nicht erscheinen. Die Umstände, weshalb er dies nicht kann, sind hinlänglich bekannt und gingen um die Welt. Doch um seinen Film zu erklären, muss er das auch nicht. Wenn man etwas aus seinen Filmen weiß, dann dass Polanski immer implizit von sich und seinem Leben erzählt. Egal ob direkt, wie in "Der Pianist" oder indirekt, wie in "Tess" und "Wenn Katelbach kommt" (mit dem er 1966 die Berlinale gewann). Und auch "The Ghostwriter", den Polanski in seinem Schweizer Hausarrest zu Ende geschnitten hat, scheint etwas über die Lage des Regisseurs zu sagen. Auch der ehemalige britische Premierminister in "The Ghostwriter" steht in gewisser Weise unter Hausarrest. Er wohnt in einem riesigen Haus, ganz abgelegen auf einer Insel nahe der amerikanischen Ostküste. Hier ist seine Frau Laura und sein ganzer Sicherheits- und Beraterstab stationiert. Hier ist er isoliert von einer ihm feindlich gesinnten Umwelt. Ist er aber wirklich der Schuldige? Ist er vielleicht Opfer eines tiefer reichenden Komplotts? Opfer oder Täter? Schuldig oder unschuldig? Polanski und Lang. Es ist nicht alles so pseudopolitisch, wie es viele Kollegen nach der Pressevorstellung wahrhaben wollen. Polanski erfindet sich mit diesem Film jedenfalls nicht neu, er schließt vielmehr an Filme wie "Frantic" und "Chinatown" an und führt sie weiter. Der Teufel steckt nun mal im Detail, wie die Tatsache, dass die Figur, die Ewan McGregor verkörpert, bis zum Schluss keinen Namen bekommt. Er ist nur ein Geist. Plötzlich da und genauso plötzlich wieder von der Bildfläche verschwunden.

Zwei Forumsfilme zeigen den Wahnsinn der Verzweiflung

Einleitend wurde die junge Regisseurin Carolin Kamyas bereits angesprochen. Sie stellte ihren Film "Imani" im Forum vor. Der Film spielt in Uganda. Es ist ein Episodenfilm, der schon sehr vollmundig mit einem Zitat aus Paul Thomas Andersons Film "Magnolia" beginnt. Ein junger Kindersoldat wird nach seinem Aufenthalt bei einer Organisation, die ehemalige Kindersoldaten betreut, wieder zurück zu seiner Familie gebracht. Ein Dienstmädchen muss auf die Schnelle 50.000 Dollar auftreiben, um ihre Schwester aus dem Gefängnis zu holen, und ein junger Breakdancer begegnet seinem ehemalig besten Freund, der mittlerweile zum kriminellen Mafioso aufgestiegen ist. Die Erzählstränge berühren sich nur selten. "Imani" schwebt allzu gleichgültig um seine Figuren, die alle unscharf bleiben. Der Film verpasst es leider die Konflikte stärker herauszustellen und begnügt sich mit reinster Beobachtung. Das ist für den Grundstoff dann irgendwie doch zu wenig. Es ist klar, dass wir hier die Hintergründe der traumatisierten Geschichte des Landes gezeigt bekommen, aber dazu sind die Figuren, die die Leinwand bevölkern, viel zu schwach. Sie prägen sich nicht ein, ebenso wenig der Film.

Ebenfalls nicht ganz gelungen, aber wesentlich einprägsamer ist das neuste Werk des japanischen Kultregisseurs Sabu. Sein Film "Kanikosen" basiert auf einem sozialistischen Arbeiterroman aus den späten 30ern. Auf einem futuristisch anmutenden Schiff kommt es unter den Arbeitern einer Krebsfleischfabrik zum Aufstand gegen die unwürdige Behandlung durch ihre Vorgesetzten. Zwei von ihnen flüchten und werden von einem russischen Schiff aufgenommen. Dort lernen die beiden Japaner die Freiheit des Sozialismus mit viel Wodka kennen und beschließen, diese Ideale auf dem eigenen Schiff umzusetzen. 
Sabu zeigt wieder mal viel Geschick im Umgang mit Humor. Doch der eigentliche Plot ist ein vollkommenes Artefakt einer vergangenen Zeit. Der blutige Arbeiteraufstand wird hier heroisiert und vollkommen unkommentiert stehen gelassen, ganz so als hätte es die letzten 80 Jahre Weltgeschichte nicht gegeben. Ohne Aktualisierung stellt sich hier tatsächlich die Frage, weshalb man so einen Stoff überhaupt verfilmen sollte. Immerhin gibt es in dem Film eine unvergessliche Massensuizidszene, wenn sich nämlich die gesamten Arbeiter in der Hoffnung auf ein besseres Leben versuchen kollektiv zu erhängen. Sie schaffen es nicht, weil das Schiff beim Wellengang ständig hin und her schwankt. Vielleicht besser so. Viel Sinn macht die Arbeit auf dem Schiff eh nicht. Genauso wenig dieser Film, trotz einiger unterhaltsamer Momente.

Donnerstag, 11.2.2010: Kleiner Film für große Eröffnung

Eigentlich kann die Berlinale mit ihren Eröffnungsfilmen nie so recht punkten. Dieses Jahr überrascht das Programm jedoch mit einer kleinen, intelligenten Perle aus China. Eine riskante, aber richtige Entscheidung.

Der bekannteste und meistgesehene Film der Berlinale kommt von Uli M. Schüppel. Die Musik, die jeden Festivalbesucher im Gedächtnis bleibt, wurde von Johannes Koeniger und Xaver Naudascher komponiert. Das Werk feiert seit 2002 jedes Jahr wieder unzählige Wiederaufführungen und doch bleibt es meist unbenannt. Viele nervt dieser Film sogar. Es handelt sich um den offiziellen Berlinale-Trailer, der traditionell vor jedem Film gezeigt wird. Darin ist eine goldene Kugel zu sehen, die aus vielen Berlinale-Bären besteht. Dann fällt diese Kugel in einen digitales Loch aus dem dann wundersamerweise ein edles Feuerwerk über die ganze Leinwand nieder rieselt. Für die 60. Ausgabe des Festivals wurde der Trailer etwas modifiziert, was man vor allem daran merkt, dass nun eine große leuchtende 60 vor dem Logo prangt und ein paar mehr feuerwerksähnliche Effekte erscheinen.

Genau dieser Trailer lief dann auch vor dem offiziellen Eröffnungsfilm "Tuan Yuan" von Wang Quan'an. Und welch eine mutige und zugleich weise Entscheidung war es, dieses Werk zum Eröffnungsfilm zu machen! Eigentlich erwartet man von einem Eröffnungsfilm Glamour und viele Stars, die dazu über den roten Teppich laufen. Der Eröffnungsfilm soll Lust auf das folgende Festival und auch Lust auf das Kino an sich machen. Leider leidet die Berlinale unter Festivalleiter Dieter Kosslick an einem Eröffnungsfilm-Fluch. In den wenigsten Fällen strömten die Kritiker glücklich aus dem Kino. Was hat man nicht schon alles versucht: "Enemy at the Gates" von Jean-Jacques Annaud, "Chicago" von Rob Marshall, "Shine a light" von Martin Scorsese, "The International" von Tom Tykwer - viel nettes und pompöses, aber so wirklich überzeugen vermochte keines dieser Werke. 
Mit "Tuan Yuan" sieht das gleich mal ganz anders aus. Der chinesische Regisseur (wie im Vorab-Bericht erwähnt ist Wang Gewinner des Goldenen Bären aus dem Jahr 2007) erzählt in seiner Familiengeschichte von einer schicksalhaften Dreiecksbeziehung, die maßgeblich der wechselhaften chinesischen Geschichte geschuldet ist. Der Ursprung liegt in dem innerchinesischen Konflikt zwischen den republikanischen Truppen unter der Führung von Chiang Kai-shek und den Kommunisten unter Mao. Nach der Niederlage gegen Mao zogen sich die republikanischen Truppen zurück nach Taiwan. Viele Anhänger Kai-sheks mussten fluchtartig das Land verlassen. Viele von ihnen führten Beziehungen oder hatten Familien mit Festlandchinesen. Diese Familien wurden getrennt. Die Mitglieder haben über Jahre nicht miteinander gesprochen. Das ist der historische Hintergrund von "Tuan Yuan", der eigentliche Film spielt jedoch im heutigen Schanghai. Die 82-jährige Yu-E (Lisa Lu) bekommt einen Brief von ihrer großen Liebe, einem jener Soldaten, die damals nach Taiwan flüchten mussten. Sein Name: Liu Yangsheng (Ling Feng). Nur schreibt er ihr, dass seine taiwanesische Frau gerade gestorben sei und dass er Yu-E nun endlich wiedersehen möchte. Die alte Frau freut das, doch der Brief wird vor der ganzen Familie vorgelesen, denn Yu-E hat die letzten 50 Jahre nicht einfach nur auf Liu gewartet, sie hat mittlerweile eine Familie gegründet. Sie hat zwei Töchter, aber auch noch einen Sohn, und der ist von Liu. Dem Neuankömmling wird ein festlicher Empfang bereitet, doch schon bald zeigen sich die ersten Konflikte, als Liu eröffnet, Yu-E mit nach Taiwan nehmen zu wollen. 
Oberflächlich betrachtet hat Wang Quan'an einen Liebesfilm gedreht. Ein Film, der die zeitlose Liebe feiert, denn schließlich gibt Yu-E zu, dass Liu immer noch ihr einziges Herzblatt ist. Doch unter der Oberfläche der körnigen Bilder brodeln viel tiefere Konflikte, die unüberbrückbar erscheinen. Alle Figuren in diesem Film sind nicht durch ihr eigenes Handeln in diese Situation gekommen. Vielmehr wurde sie ihnen durch den Bürgerkrieg, die Politik und die Weltgeschichte aufgezwungen. Sie müssen mit dieser Bürde leben. Und doch sind sie alle Menschen, die ihre Gefühle nicht immer kontrollieren können. Auch wenn Yu-E eine Zweckehe eingegangen ist, kann sie ihren jetzigen Mann nicht einfach verlassen. Und ihre Kinder beschimpfen sie zudem als untreu. Und da es in China als skandalös angesehen wird, wenn man sein Gesicht gegenüber der Familie und den Nachbarn verliert, wird Yu-E's Zögern verständlich. 
Wangs Film erinnert mit seinen ruhigen Bildern und den häufigen Essens- und Trinkszenen an die ruhigen Filme des japanischen Altmeisters Yasujiro Ozu. Der politische Hintergrund hingegen erinnert eher an Hou Hsaio Hsiens Meisterwerk "City of Sadness", wo die Trennung zwischen Festlandchinesen und den Taiwanesen ebenfalls thematisiert wird. Das wird in "Tuan Yuan" vor allem im Dialektgewirr deutlich. Shanghai-Chinesisch, Taiwanesisch und Kantonesisch orchestriert sich im wilden Dialogschlachten zu einem Abbild eines ganzen Landes. Und natürlich hat der Regisseur auch die aktuellen Umbrüche Chinas im Blick. Auf der einen Seite die kleine Altstadt und im Hintergrund die Wolkenkratzer, die den Aufbruch der Wirtschaftsmacht China symbolisieren.

"Tuan Yuan" ist ein kleiner Film, der allerdings sehr reich an Details und feinen Nuancen ist. Natürlich kann man erkennen, warum Dieter Kosslick sich diesen Film für die Eröffnung der 60. Berlinale ausgesucht hat. Schließlich ist die rabiate Trennung ganzer Familien durch weltpolitische Begebenheiten auch ein Teil der Geschichte Berlins. Doch ist es ohne Zweifel sehr mutig, dieses unscheinbare Filmchen gleich an den Anfang des Festivals zu setzen. Wie wohl auch viele jener B- und C-Prominenten, die "Tuan Yuan" im Berlinale Palast zur feierlichen Eröffnung zu sehen bekamen mit solcher Kinokost nicht gerechnet haben. Das freut den Fan des jungen chinesischen Kinos, aber auch den eingefleischten Festivalgänger, der im kleinen Abseitigen manchmal mehr Freude findet als im großen Hollywoodglanz.

Doch schon morgen wird die allgemeine Strahlkraft von Hollywood sich den roten Teppich in Berlin wieder zurückerobern. Wenn nämlich Roman Polanskis neuster Film "Ghostwriter" hier seine Weltpremiere feiert. Und schon am Samstag zieht dann Martin Scorsese mit "Shutter Island" und Leonardo di Caprio in der Hauptrolle in den Berlinalepalast ein. So ist das halt auf Filmfestivals: Die Halbwertzeit von Filmpremieren dauert nur so lange, bis die nächste ihren Anfang nimmt. Dennoch hat "Tuan Yuan" gute Chancen, als Eröffnungsfilm längerfristig in Erinnerung zu bleiben.

Mittwoch, 10.2.2010: Auf der Suche nach optischen Oasen

Die Berlinale wird 60. Für viele ein Grund zu feiern, zu schwärmen und für einige - wie immer - auch ein Grund zu meckern. Es ist die übliche Mischung aus Lust, Frust, Begeisterung und Verzweiflung, mit der man die 60. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele erwartet. Doch das war schon immer so, wie die Geschichte des Festivals zeigt.

Es begann in Berlin: Von Garbo und Dietrich, über Lubitsch, Murnau und Lang bis hin zu Sternberg und Lorre. Eine unvorstellbare Konzentration von kreativen Filmschaffenden bevölkerte die Stadt in den 1920er Jahren. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, dass Berlin zum kulturellen Zentrum der Welt wurde. Dann kam die Nazidiktatur über das Land, gefolgt vom zerstörerischen Zweiten Weltkrieg - und der einstige Glanz erlosch. 
Nach 1945 kam dem in Berlin stationierten amerikanischen Filmoffizier Oscar Martay die Idee ein Internationales Filmfestival auf die Beine zu stellen. Vordergründig wollten er und seine Planungskommission die ehemalige Bedeutung Berlins für die Filmgeschichte wiederherstellen. Doch in einer Zeit, in der sich der Kalte Krieg schon langsam abzeichnete, war die Entscheidung eines Filmfestivals im bald schon geteilten Berlin natürlich ein explizit politischer Akt. Die Berliner Filmfestspiele sind ein Produkt aus dem Geist des Marshall-Plans, der die schnelle Demokratisierung auf allen gesellschaftlichen Ebenen in Westdeutschland vorantreiben sollte. Für Martay war ein Filmfestival daher essentiell, denn für ihn war der Film "die demokratischste Kunst von allen". Es war kein Wunder, dass diese Entscheidung bereits im Vorfeld für viel Zündstoff sorgte. Zum einen bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig, die keinen ernstzunehmenden Konkurrenten dulden wollten und prompt jegliche Kooperation mit dem Festival in Berlin und seinem künstlerischen Leiter, Alfred Bauer, verweigerten. Dann beklagte sich die noch stark unorganisierte deutsche Filmindustrie, dass sie kein wettbewerbsfähiges Material bereitstellen könne. 
Wegen dieses Protestes blieb der Leitung der Berlinale nichts weiter übrig, als aus der geplanten internationalen Jury eine nationale zu machen. Schließlich empörte sich auch die sowjetische Besatzungszone darüber, dass das Festival keine Ost-Beiträge zulassen wollte. Dazu kam noch die bewusste Entscheidung, das Festival vom 6. bis zum 16. Juni 1950 stattfinden zu lassen, da zur gleichen Zeit im Ostteil der Stadt die Weltjugend-Festspiele beginnen sollten. Es war klar, dass die "Förderung der Völkerverständigung", die sich das Festival in sein Programm schrieb, nur für einen gewissen - nämlich für den westlichen Teil der Welt - gelten sollte. Der Sommer-Termin hatte aber auch ganz praktische Gründe. Es gab so gut wie keine funktionierenden Kinogebäude in der Stadt. Deshalb wollte man in der Berliner Waldbühne viele Projektionen unter freiem Himmel zeigen. Für den Eröffnungsfilm stellten die Amerikaner das von ihnen besetzte Steglitzer Kino "Titania Palast" mietfrei zur Verfügung.

Das Publikum wollte "Cinderella"

Organisatorisch war die erste Berlinale eine sehr chaotische Veranstaltung. Kein Wunder in einer Stadt, die in Trümmern lag und keine nennenswerte Infrastruktur zu bieten hatte. Der Eröffnungsfilm war dann Alfred Hitchcocks "Rebecca", alles andere als ein neuer Film, denn immerhin war der Streifen damals schon zehn Jahre alt. Aber der berühmte Produzent David O. Selznick kam nach Berlin, inklusive Film und dann wollte man natürlich nicht meckern. Obwohl Berlin auch in den nächsten Jahren kaum eine Stadt war, in die man gern reiste, entwickelten sich die Filmfestspiele schnell zu einem Publikumsfestival. In der ersten Ausgabe verlieh die nationale Jury den Goldenen Bären an den schweizerischen Beitrag "Vier in einem Jeep" von Regisseur Leopold Lindtberg. Ein alles andere als unvergesslicher Film, aber eine ziemlich genaue Betrachtung der sich abzeichnenden Konflikte zwischen Ost und West vor dem Hintergrund des besetzten Wiens. Eine dem Berliner nur allzu bekannte Thematik. Das Publikum favorisierte indes einen anderen Film: Der erste Publikumspreis ging an Walt Disneys "Cinderella". Eskapismus ging damals halt vor Realismus.

Dies ist nur eine von vielen Episoden und Anekdoten aus der Geschichte eines Festivals, das durch die spezifische Geschichte der Stadt immer stark politisiert wurde. Filmhistorisch betrachtet muss man gestehen, dass die Berlinale einige Trends tief und fest verschlafen hat. So eroberte die französische Nouvelle Vague Anfang der 60er Jahre die Welt, aber nicht die Berlinale. Bis heute löst die damalige Entscheidung, Jean Luc Godards brillantem Erstling "Außer Atem" (heute ein unumstrittenes Meisterwerk der Filmgeschichte) nur einen Regiepreis zu geben, erstauntes Kopfschütteln aus. Viele Filme wurden sträflich übergangen, viele Siegerfilme kennt heute keiner mehr.
Immerhin: Der ständige Streit zwischen deutscher Filmindustrie (die sich von der Berlinale immer ungeliebt fühlte) und dem Festival (das immer wieder dazu tendierte, nur nach Hollywood zu schielen) ist in den letzten zehn Jahren unter dem Festivalleiter Dieter Kosslick zum Stillstand gekommen. In den 60er Jahren gab es auch schon mal eine Phase des Friedens zwischen dem deutschen Film und dem größten deutschen Filmfestival. Als Filmemacher wie Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni Opas Kino für Tod erklärten und sich für ein junges, mutiges und extremes Autorenkino stark machten. Das war dann auch die Zeit der ersten Goldenen Bären für deutsche Filmemacher (z.B. "Palermo oder Wolfsburg" von Werner Schroeter oder "Stammheim" von Rainer Hauff).

Enfant terrible: Werner Herzog leitet die Jury

Einer, der in der Tradition dieser Bewegung steht, ist bei den 60.Filmfestspielen nicht nur dabei, er leitet sogar die internationale Jury - Werner Herzog. Herzog, der schon vor langer Zeit Deutschland den Rücken gekehrt hat und sich als eigensinniger Filmemacher in den USA niedergelassen hat, erlebt gerade eine Phase der internationalen Aufmerksamkeit, seitdem er bei den letzten Filmfestspielen von Venedig mit seinem Doppelschlag "Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen" und "My Son, my son, what have ye done" für einiges Aufsehen sorgte. Werner Herzog ist ein Berserker. Ein extremer Filmemacher, der nie die Grenzüberschreitung scheut und sich nicht um Konventionen und Regeln schert. Als Kopf der ansonsten eher mit unbekannten Namen besetzten Jury darf man gespannt sein, wie demokratisch er denn walten wird. Herzogs Filmgeschmack, dies hat er öfter in Interviews anklingen lassen, bewegt sich jenseits von leicht verdaulicher Kinokost. 
Neben der eigentlich nur Festivalgängern bekannten italienischen Regisseurin Francesca Comencini, stehen Herzog noch der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah, der spanische Produzent José Maria Morales, die deutsche Schauspielerin Cornelia Froboess, die chinesische Darstellerin Yu Nan (die die Hauptrolle im Berlinale-Gewinner von 2007 "Tuyas Hochzeit" gespielt hat) und die Oscargewinnerin Renee Zellweger zur Seite. Eine wirklich bunte Mischung, die allerdings wesentlich weniger unberechenbar erscheint als die tolle Jury vom letzten Jahr, wenn da nicht immer noch Werner Herzog wäre. Wir bleiben gespannt.

Besser als sein Ruf: Der Wettbewerb überrascht mit vielen alten Bekannten

Letztes Jahr haben wir in unserem Abschlussbericht darauf gepocht, die Berlinale möge doch bitte eine eigene Generation von jungen Filmemachern hervorbringen. Regisseure, die man nur mit diesem Festival in Verbindung bringt. Blickt man auf die Filme des Wettbewerbs kann man feststellen, dass dies wohl nun versucht wird. So eröffnet nicht Roman Polanskis "Ghostwriter" oder Scorseses "Shutter Island" das Festival, sondern Wang Qu'ans Film "Tuan Yuan". Wang hat vor drei Jahren mit "Tuyas Hochzeit" den Goldenen Bären gewonnen. Es ist nicht nur löblich, sondern auch hoch interessant,dass sein zweiter Film gleich das Festival eröffnen darf. Die Bosnierin Jasmila Žbani? gewann 2006 mit ihrem Drama "Esmas Geheimnis" den Goldenen Bären und präsentiert ihr neustes Werk "Na Putu" im Wettbewerb. Ein Film über die Wirkung des Islams auf eine junge Ehe.Der Chinese Zhang Yimou, dessen Erstling "Das rote Kornfeld" 1988 den Hauptpreis in Berlin gewann, zeigt sein Remake des Coen-Brüder Klassikers "Blood Simple" unter dem Titel "A Woman, A Gun And A Noodle Shop". Der Film lief schon in China, war dort ein beachtlicher Kassenerfolg, wurde von der Kritik aber nur sehr lauwarm aufgenommen. 
Michael Winterbottom - ebenfalls ein Berlinalegewinner - zeigt einen Film Noir basierend auf einem hard-boiled Kriminalroman von Jim Thompson mit dem Titel "The Killer Inside Me" als Weltpremiere, genauso wie Dogma-Mitbegründer Thomas Vinterberg sein neustes Werk "Submarino" nach Berlin mitgebracht hat. Vinterbergs dänische Kollegin Pernille Fischer Christensen (Silberner Bär 2006 für "En Soap") zeigt ihr Familiendrama "En Familie". Aus dem deutschsprachigen Raum erwartet man mit Spannung das neue Werk von Benjamin Heisenberg. "Der Räuber" ist ein Film über einen österreichischen Bankräuber, der auch ein erfolgreicher Marathonläufer war. Der zweite deutsche Beitrag im Wettbewerb kommt von Oskar Roehler, der zuletzt mit "Elementarteilchen" im Wettbewerb des Festivals vertreten war. Sein Beitrag "Jud Süß - Film ohne Gewissen" erzählt die Geschichte des wohl bekanntesten NS-Propagandafilms aus der Sicht des Schauspielers Ferdinand Marian, der damals die Titelrolle verkörperte. 
Aus den USA gibt es eine ganze Ladung an hochinteressanten Indie-Filmen. Einige von ihnen kommen frisch vom Sundance-Filmfestival. Darunter wird Noah Baumbachs neustes Werk "Greenberg" mit sehr viel Aufregung erwartet, schließlich kommt er in Begleitung von Ben Stiller und Jennifer Jason Leigh nach Berlin. Mit Beiträgen aus Russland und Rumänien wird sogar das sonst so vernachlässigte Kino aus Osteuropa bedient. Wie überhaupt der ganze Wettbewerb rein geographisch gesehen die wichtigsten Filmregionen der Welt abdeckt. Am aufregendsten kündigen sich die neusten Filme des Türken Kaplanoglu und des Iraners Pitts an. Doch das bisherige Highlight ist ganz klar der neue Film des japanischen Regiecowboys Koji Wakamatsu, der das erste Mal im Wettbewerb ist und hier seinen Film "Caterpillar" zeigen wird. Ein Film, der extreme Brutalität und Gewalt ankündigt und wohl für einiges an Aufsehen sorgen wird. Komplettiert wird der Wettbewerb mit Beiträgen aus Norwegen, Frankreich und Argentinien.

Gemischte Filme für ein gemischtes Publikum

Insgesamt sind es 17 Weltpremieren und eine ganze Hand voll ehemaliger Berlinalegewinner, die sich im Wettbewerb tummeln, die ganzen Nebensektionen und die Retrospektive (mit dem bisschen doofen Titel "Play it again ...") nicht zu vergessen. Sieht man all das, kann man die Unkenrufe einiger Kollegen nicht nachvollziehen, die meinen, dass der Wettbewerb dieses Jahr wieder mau besetzt sei. Ja, da beginnt wieder das große Meckern und Wehklagen darüber, dass die wirklich namhaften Autorenfilmer nur nach Cannes und Venedig wandern, und dass die Berlinale keine wirkliche Strahlkraft mehr besitzt. Außerdem werden die üblichen Vorwürfe an die Auswahlkommission laut: Warum läuft der neue Eastwood nicht, wieso beginnt man das Festival nicht mit dem Musical "Nine", eigentlich wurde "Up in the Air" für die Berlinale reserviert, jetzt ist der futsch und überhaupt bekommt man wieder dieses belanglose Weltkino zu sehen. 
Bevor man in diesen Schwanengesang mit einstimmt, sollte man sich mal vom Festivalzentrum wegbewegen und in die Potsdamer Platz-Arkaden oder ins Urania-Kino gehen, dort wo sich schon seit Montag die Menschenschlangen gebildet haben, um für die begehrten Karten anzustehen. Einige kamen sogar schon zehn Stunden vor der Kassenöffnung. Blickt man in die Gesichter dieser vorfreudigen Zuschauer, sieht man jedenfalls keine Anzeichen von Skepsis oder Enttäuschung über das Programm. Denn hier schlägt vielleicht das wahre Herz der Berlinale. Der Reiz dieses Publikumsfestivals sind nun mal die Massen, die hier in die Kinos strömen. Ein Publikum, das sich in der Festivalwelt schon in den 50ern und 60ern einen Ruf als hart aber ehrlich erworben hat. Nur auf der Berlinale jubeln einige hundert Menschen der Marzipanfüßchen-Parade der Hollywoodstarlets auf dem roten Teppich vorm Berlinale Palast zu, während zur gleichen Zeit 500 Menschen im Arsenal-Kino mit Naomi Klein über die Folgen der Globalisierung diskutieren oder im ausverkauften Friedrichstadtpalast die Helden des Neorock feiern.

Die ganze Stadt wird cinephil. Die Stars kommen. Die Kritiker sowieso. Sie werden auch wieder murren und den Kopf schütteln - oder einfach auch vor Kälte zittern, was bei diesen Temperaturen nicht ungewöhnlich wäre - aber das gehört dazu. Das ist nun mal die Berlinale und mit der Welturaufführung von Fritz Langs neu restauriertem Meisterwerk "Metropolis" - inklusive Public Viewing - schließt das Festival natürlich wieder die Lücke zu seiner eigenen Geschichte und blickt gleichzeitig auch hoffnungsvoll in die Zukunft des Kinos. Zwar darf man diesmal die 3D-Brille noch zu Hause lassen, dennoch werden wir ab morgen gespannt in unseren Kinosesseln platz nehmen und - um es mit den Worten des legendären Theater- und Filmkritikers Friedrich Luft zu sagen - hoffentlich viele "optische Oasen" vor unseren Augen passieren lassen. Alles andere ist erstmal zweitrangig. Die Spiele mögen beginnen.


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