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Gewalt. Bei Kim Ki-Duk geht es meistens um Gewalt. Sie ist in seinem
filmischen Werk allgegenwärtig. Mal obszön-pervers, mal
befreiend-unschuldig und manchmal auch sinnlos-gelangweilt. Aber
letztendlich ist es immer wieder das Symptom der Gewalt, das seine
meist verzweifelt umherirrenden Protagonisten als einzigen Ausweg
aus ihren inneren (manchmal auch äußeren) Isolationen
begreifen. Die Ursachen sind wahrscheinlich in der Vergangenheit
des Regisseurs zu suchen: "Ich wurde sehr militärisch
aufgezogen. Schläge gehörten zur Tagesordnung",
sagt Kim. Dabei will der Südkoreaner gar nicht provozieren,
sondern nutzt diese Darstellung geschickt als Mittel der Reduktion.
Seine Figuren bringt er damit zurück zu den Ursprüngen
des menschlichen Verhaltens. Also, wenn man so will, zu ihren natürlichen
Instinkten. Gesprochen wird in Ki-Duks Filmen daher eher selten.
Und auch in seinem neusten Werk "Hwal - Der Bogen" konfrontiert
uns der 45-jährige mit zwei stummen und namenlosen Figuren.
Da ist der alte Mann (schätzen wir ihn mal auf 60), der mit
dem 16-jährigen Mädchen auf einem kleinen, einsam auf
hoher See treibenden Fischerboot wohnt. Er, das wird mit der Zeit
ersichtlich, liebt das Mädchen, dass er gefunden und bei sich
aufgenommen hat. Nervös zählt er im Kalender die Tage
bis zu ihrem 17. Geburtstag, dann wird er sie heiraten. Den Lebensunterhalt
verdienen sich die beiden, indem sie ab und zu ein paar Angler vom
Festland holen und auf ihrem Boot angeln lassen. Eines Tages kommt
mit den Anglern auch ein junger Student mit. Er verliebt sich in
das junge Mädchen und will es aus dem schwimmenden Exil befreien.
Dabei stößt er, wie nicht anders zu erwarten war, auf
den Unmut des verzweifelten alten Mannes.
Die Konflikte die Kim Ki-Duk nun aufkochen lässt, löst
er immer wieder in kleineren oder größeren Exzessen der
Gewalt auf. Hierbei spielt der titelgebende Bogen eine gewichtige
Rolle als ambivalente Metapher. Er dient dem alten Mann als Musikinstrument.
Er ist natürlich auch eine exzellente Verteidigungswaffe, um
das Mädchen vor sexuellen Übergriffen der stürmischen
Angler zu schützen. Und zum Angriff eignet er sich ebenfalls
vorzüglich. Dann benutzen ihn beide noch zum Wahrsagen. Bei
diesem Prozess fungiert der Bogen als Damoklesschwert.
Die
äußere Ästhetik von "Hwal" ist gewohnt
spartanisch. Der Regisseur kehrt nach seinem grandiosen Ausflug
"Bin-Jip" zu gestochen
scharfen Cinemascope-Aufnahmen wieder zurück zu den verwackelten,
kalten Bildern der Handkamera. Alles in allem ist sein neuer Film
überhaupt eher ein "old-school"-Ki-Duk. Die verstörende
Ruhe des Meeres, auf dem das Fischerboot sich fast gar nicht zu
bewegen scheint, mit dem sich darauf abspielenden Drama erinnert
stark an seinen internationalen Durchbruch "The Isle"
aus dem Jahr 2000. Auch damals lies er die Liebenden nicht in klischeehafter
Zärtlichkeit zueinander finden, sondern in zunächst unverständlicher
Brutalität. Das Bild des Angelhakens, der sich in den Mündern
oder Geschlechtsorganen verkeilt, bleibt einem im Gedächtnis.
In "Der Bogen" kommt der Angelhaken wieder zum Einsatz,
wenn auch in einer weitaus "menschlicheren" Variante.
Es ist bestimmt die Ausweglosigkeit seiner Protagonisten, die Verlorenheit
und ihre tiefe Hilflosigkeit, die dadurch wohl ihr deutlichstes
Ausdrucksmittel findet. Es ist schockierend, weil Ki-Duk Bilder
für menschliche Seelenzustände findet, die wir als Zuschauer
bewusst oder
unbewusst verdrängen. Indem er schmerzlich genau die Gewalt
- die aus dem Inneren seiner Figuren kommt - porträtiert, bekommen
seine Kino-Geschichten auf eine ganz spezielle Art einen äußerst
wahrhaftigen Eindruck. Der Regisseur meint dazu selbst: "Es
geht mir dabei um eine Art von Magie. Um die Beziehung zwischen
zwei Menschen, um die Magie der Liebe oder der Zuneigung, die allein
in der Gewalt ihr adäquates Ausdrucksmittel findet."
Nun sind aber seine Filme mit all ihrer Härte alles andere
als "nicht sehbar". Die schönste Szene in "Hwal
- Der Bogen" ist die, wenn der alte Mann alleine bei Sonnenuntergang
auf seinem Boot sitzt. Den Bogen hat er mal wieder zum Musikinstrument
umfunktioniert. Er spielt eine leise tieftraurige Melodie. Und als
sich die Musik langsam über das stille Wasser ausbreitet, schaltet
Kim Ki-Duk in die Totale. Das Bild erstrahlt im trüben Blau
und es legt sich eine Melancholie über diese Situation, die
uns der Regisseur so noch nie gezeigt hat. Genau in diesem Moment
lässt Ki-Duk eine Magie entstehen, die mit der, die er oben
erwähnt, nichts mehr zu tun hat. Die Gewalt ist nicht mehr
anwesend. Was bleibt, ist ein zutiefst erschreckender Eindruck von
Einsamkeit.
Die Schönheit dieser Einstellung konkurriert nicht mit dem
wieder einmal brachial ekelhaften Ende des Films. Sie ist nur eine
weitere Seite dieser Geschichte. Eine Seite, die dem Zuschauer bei
Kims Filmen so noch nicht bekannt war. Bei der Gefühlspalette,
die der Regisseur bisher verarbeitet hat, war die Melancholie nie
so direkt spürbar. Die Fragen, ob der alte Mann nun wirklich
das Mädchen heiraten wird, oder ob der Student sie zurück
aufs Festland mitnimmt, sind in Ki-Duks Augen nicht essentiell.
Dabei ist sein verstörend salomonisches Urteil in diesem märchenhaften
Stück Kino ganz banal und einfach: Es geht auch beides.
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