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Water

Water
drama , indien/kanada 2005
original
water
regie
deepa mehta
drehbuch
deepa mehta
cast
lisa ray,
sarala,
john abraham,
manorama, u.a.
spielzeit
118 Minuten
kinostart
7. September 2006
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

An ihre Hochzeit kann sich die achtjährige Chuyia (Sarala) nicht mehr erinnern. Sie kauert müde und gelangweilt neben ihrem todkranken Ehemann und seinen Pflegern auf einem Ochsenkarren, kitzelt ihm die Füße und kriegt dafür eins auf die Nase. Als Chuyia am nächsten Morgen aufwacht, ist sie Witwe. "Wie lange denn?" fragt sie ihren Vater. Sein Schweigen bedeutet: Für immer.
Chuyias lange Haare werden geschoren, die roten Armreifen, die in Indien nur verheiratete Frauen tragen, werden ihr abgenommen, und als einziges Kleidungsstück dient ihr von nun an ein weißes Tuch, zum Sari gewickelt. Auf Chuyia wartet ein karges Leben in Enthaltsamkeit, Armut und Frömmigkeit, wie es vor 2000 Jahren in den heiligen Texten der Hindus festgelegt wurde. Sie soll für das schlechte Karma büßen, das zum Tod ihres Mannes geführt hat. Chuyias Eltern bringen sie zu einem Witwenheim, in dem ein gutes Dutzend greiser, aber auch junger Witwen ihr Dasein fristen. Die fette Madhumati (Manorama) ist Herrscherin über das Elend, raucht Marihuana und lässt die schöne, junge Kalyani (Lisa Ray) anschaffen gehen, um ihre Sucht zu finanzieren. Chuyia sorgt für Wirbel in diesem Mikrokosmos der Heuchelei und des Leidens. Ihre Unbefangenheit und ihr Temperament erschüttern die verknöcherten Ansichten der Frauen, die sich in ihr Schicksal gefügt haben. Chuyia freundet sich mit Kalyani an, die von den anderen gemieden wird. Gemeinsam begegnen sie dem jungen Rechtsanwalt Narayan (John Abraham), der sich in Kalyani verliebt und sie trotz ihrer gesellschaftlichen Ächtung heiraten will. Doch auf das Paar wartet ein erschütternder Moment der Erkenntnis, und auch Chuyia gerät in Gefahr.

Der Film spielt im Jahr 1938, vor dem Hintergrund der Freilassung Gandhis aus dem Gefängnis und der wachsenden Zustimmung zu seiner freiheitlichen Philosophie. Die Regisseurin Deepa Mehta zitiert die Vergangenheit und meint die Gegenwart: In Indien, das liberale Gesetze, aber zugleich archaische Traditionen pflegt, gibt es auch heute 34 Millionen Witwen, deren gesellschaftlicher Status erschreckend niedrig ist. Ihnen werden Unterhalt, Respekt und Eigenständigkeit abgesprochen, damit sie vom Erbe und nicht zuletzt den mühsam verdienten Mahlzeiten ausgeschlossen werden können. Überdeckt wird diese knallharte Praxis von religiösen Floskeln, in denen Vorstellungen des "Reinen" und des "Unreinen" jegliche Ungerechtigkeit zementieren. Rituelle Waschungen sind Teil dieser Vorstellungen.
Auf die Naturgewalt des Wassers, auf den Ganges und den Monsun kann jedoch niemand alleinigen Anspruch erheben. Diese Quintessenz des Films zeigt Mehta in berückend schönen und poetischen Bildern, die Kameramann Giles Nuttgens kongenial erfasst hat. Die Regisseurin vertraut ihren Darstellern, allen voran dem Wunderkind Sarala. Liebevoll folgt sie den Geschichten der Protagonisten, ohne die Sozialkritik in den Vordergrund zu stellen, was den Film spannend und bewegend macht. Die Dialoge sind sparsam und präzise, während die Songs von Bollywoods zu Recht berühmtesten Komponisten A.R. Rahman dem Film eine zusätzliche Dimension jenseits des Mainstream-Bollywood-Kitsches verleihen.

In dieser kanadisch-indischen Produktion sind westliche und asiatische Konventionen des Kinos zu einer erfrischenden Ästhetik verschmolzen, die jedem Cineasten guten Grund geben, sich diesen Film anzuschauen. Der Sehgenuss tröstet auch über einige Längen von "Water" hinweg. Es ist nicht nur ein anderes, sondern auch mutiges Kino, das hier präsentiert wird. Die Produktion des Films musste 2000 abgebrochen und fünf Jahre später unter Geheimhaltung in Sri Lanka wieder aufgenommen werden, da hinduistische Fundamentalisten die Dreharbeiten in Varanasi massiv behindert hatten. Deepa Mehtas Bild wurde auf den Straßen verbrannt, und Demonstranten zerstörten das Set. Der Frische, Unterhaltsamkeit und geistigen Beweglichkeit von Mehtas berührendem Film hat das - Allah, Shiva und Gott sei dank - keinen Abbruch getan.

Paula Deubner

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