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Vergissmeinnicht

Vergissmeinnicht
komödie , frankreich 2010
original
l'age de raison
regie
yann samuell
drehbuch
yann samuell
cast
sophie marceau,
marton csokas,
jonathan zaccai,
michel duchaussoy, u.a.
spielzeit
97 Minuten
kinostart
23. Dezember 2010
homepage
http://www.vergissmeinnicht-derfilm.de
bewertung

3 von 10 Augen

Im Jahre 2001 verzauberte eine gewisse "Amélie Poulain" Kinobesucher auf der ganzen Welt. Kann ja nicht so schwer sein, so eine fabelhafte Welt knapp zehn Jahre später noch einmal aus dem Hut zu zaubern, dachte sich wohl ihr Landsmann, der französische Regisseur und Autor Yann Samuell. Doch trotz ähnlicher Zutaten ist dessen neuer Film "Vergissmichnicht" ein geradezu abschreckendes Beispiel dafür geworden, wie man genau das Gegenteil von dem erreicht, was man eigentlich beabsichtigt hatte. Hölzerne Charaktere und überbordender Kitsch machen den Ausflug in dessen "fabelhafte Welt" nämlich zu einem richtigen Ärgernis.

Zu einem gewissen Teil liegen die Probleme dabei auch schon in der Grundidee des Films begraben. Am vierzigsten Geburtstag der karriereorientierten Geschäftsfrau Margaret (Sophie Marceau) überbringt ihr der Notar Mérignac (Michel Duchaussoy, "Der kleine Nick"), der aus ihrem Heimatdorf stammt, einen Stapel alter Briefe. Margaret selbst hat diese dort im Kindesalter verfasst und einst an Mérignac übergeben, und zwar mit einer ganz bestimmten Absicht: sicherzustellen, dass ihr älteres Ich sich seine einstigen Kindheitsträume erfüllt hat und nicht zu einem langweiligen Erwachsenen herangereift ist. Mit solch "kindischen Briefen" möchte sich die heutige, inzwischen emotional verkümmerte Margaret aber eigentlich nicht beschäftigen, und so landen diese erst einmal unbeachtet in einer Ecke. Schließlich gewinnt dann aber doch die Neugier die Oberhand und so stellt sich schon bald die Frage, ob das junge Ich seine ältere Version wieder auf den rechten Pfad zurückbringen kann.

Kann es natürlich, aber ein vorhersehbares Ende ist in diesem Fall ja nun wirklich nicht tragisch, schließlich ist ja bekanntermaßen der Weg das Ziel. Tragisch ist aber, dass genau dieser Weg stellenweise schon fast als eine Qual für den Zuschauer bezeichnet werden kann. Um die ja schon sehr konstruiert wirkende Ausgangsidee des Films überzeugend zum Leben erwecken zu können, benötigt dieser nämlich vor allem jede Menge Charme, und genau der fehlt "Vergissmichnicht" nun wirklich an allen Ecken und Enden. Die Regie wirkt ungelenk, die Schauspieler uninspiriert und das Drehbuch klischeeüberladen, voller oberflächlicher und eindimensionaler Figuren. Hier läuft einiges falsch, was sich am Besten am Hauptproblem des Films verdeutlichen lässt: der vollkommen misslungenen Protagonistin.
Die gute Margaret wird uns zu Beginn als eindimensionale Karrierefrau präsentiert, die entweder am Handy Businessdeals diskutiert oder ihre Mitmenschen eiskalt herumkommandiert. Alles halb so schlimm, sollte man denken, denn hier kommen ja jetzt die Briefe ins Spiel. Doch wer glaubt, dass sich Margaret nun wirklich ändern würde, der sieht sich getäuscht. Selbst nach über der Hälfte des Films glänzt diese immer noch durch ein ziemlich unsympathisches Auftreten und macht es so quasi unmöglich, so etwas wie Sympathie beim Zuschauer hervorzurufen. Noch schlimmer: Was sie sagt, denkt und macht passt überhaupt nicht zur restlichen Filmhandlung und ergibt auch für sich genommen relativ wenig Sinn.
So entschließt sich Margaret zum Beispiel dazu, nachdem sie das Lesen mehrere Briefe scheinbar tief berührt hat, in ihr altes Heimatdörfchen zu fahren, um dort Mérignac zu treffen. Dort angekommen, wedelt sie dann auf einmal gänzlich entnervt, ja richtig aggressiv mit einem Bündel Geldscheine und möchte den armen alten Notar so dazu überreden, sie nicht weiter mit Briefen zu behelligen und aus ihrem Leben zu verschwinden. Das macht zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Films nun wirklich keinen Sinn und ist dazu auch noch vollkommen kontraproduktiv, schließlich sollte man langsam mal mit der Hauptfigur sympathisieren. Wenige Augenblicke später ist sie dann aber auf einmal ein Herz und eine Seele mit Mérignac, was dann ebenfalls wieder komplett unglaubwürdig erscheint.

Eine unverständlich agierende und vor allem so unsympathisch wirkende Hauptfigur ist natürlich insbesondere in diesem Genre schon mal ein dickes Minus, verschlimmert wird das alles aber auch noch durch die Rückblenden in Margarets Jugend. Hier werden dann auch die Ähnlichkeiten zu einer gewissen Amélie Poulain allzu offensichtlich. Ein tragischer Schicksalsschlag, ein unglaublich phantasievolles Mädchen und Träumereien, die dem Regisseur die Chance geben mit jeder Menge niedlicher Effekte um sich zu werfen. Allerdings fehlt hier jeglicher Witz und jegliches Gespür für das richtige Timing, stattdessen wird das arme Kind relativ lieblos durch eine klischeebeladene Szene nach der nächsten gejagt. Das wirkt insgesamt dann alles ziemlich aufgesetzt und einfach falsch, als ob versucht wird mit billigen Mitteln möglichst viele Emotionen zu schüren.
Ganz offensichtlich wird der Mangel an Feingefühl dann in einer Szene, in der die alte Margaret schließlich auf ihre ehemalige Jugendliebe trifft. Was eigentlich zu einem emotionalen Höhepunkt des Films werden müsste, wird zu einer unglaublich langweiligen Angelegenheit. Aufgesetzte Dialoge, eine uninspirierte Regie und ebenso unmotiviert wirkende Schauspieler schaffen es tatsächlich, diese so wichtige Szene vollkommen an die Wand zu fahren. Da darf man dann auch mal die ansonsten so gerne gesehene Sophie Marceau (hier mit Audrey-Tautou-Gedächtnis-Frisur ausgestattet) an den Pranger stellen. So schlimm deren Figur auch geschrieben ist, das fehlende Charisma von Margaret muss auch ihr mit angekreidet werden.

Wenn es überhaupt so etwas wie einen Lichtblick gibt, dann ist es die wirklich gute Kameraarbeit von Antoine Roch. Aber was hilft der optische Zuckerguss, wenn der Rest des Films derart berechnend klischeehaft daherkommt. Das unterstreicht dann auch auf grausame Weise das Ende, dessen kitschige Moralbotschaft einem wie eine Extra-Portion Sahne auf einer Schwarzwälder-Kirschtorte vorkommt - einfach unverdaulich. So bleibt zu hoffen, dass sich nur wenige Menschen von dieser lieblosen Angelegenheit ins Kino locken lassen und stattdessen lieber noch einmal zu einer altbekannten DVD greifen. Il existe seulement une Amélie.

Matthias Kastl

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