Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen

MOH (7): 1. Oscars 1929 - "Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen"

In unserer Serie "Matthias' Oscar History" (MOH) bespricht Matthias in jeder Folge jeweils einen der zwischen den Jahren 1929 und 2000 nominierten Oscar-Beiträge aus der Kategorie "Bester Film".

von Matthias Kastl / 7. Oktober 2023

Entsprechend der einmaligen Aufteilung der Kategorie “Bester Film“ in “Outstanding Picture“ und “Unique Artistic Picture“ bei den ersten Academy Awards 1929 (von uns hier ausführlicher erläutert) haben wir uns in den letzten Folgen Stück für Stück bereits durch fünf der insgesamt sechs nominierten Filme (je drei pro Kategorie) durchgearbeitet. Nach “Chang“ und dem wundervollen “Ein Mensch der Masse“ kommen wir nun mit “Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ zum letzten Vertreter und Sieger der Kategorie “Unique Artistic Picture“.

Dass diese Kategorie nur ein Jahr später bereits wieder eingedampft wurde, und kurzerhand der Sieger von “Outstanding Picture“ (“Flügel aus Stahl“) nachträglich zum einzig wahren Gewinner gekürt wurde, hat dabei schon etwas tragisches. Schließlich war es die deutsche Regielegende F.W. Murnau, der sich mit seinem Film wenige Jahre vor seinem tragischen Tod die Trophäe hatte sichern können, in den offiziellen Oscar-Geschichtsbüchern dann aber sozusagen vom Thron gestoßen wurde.

Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen

Originaltitel
Sunrise: A Song of Two Humans
Land
Jahr
1927
Laufzeit
106 min
Genre
Regie
Release Date
Oscar
Gewinner "Unique and Artistic Picture"
Bewertung
8
8/10

Anfang der 1920er Jahre erlebte der deutsche Film seine Hochzeit. Mitverantwortlich dafür und stilprägend für das Aufkommen des sogenannten deutschen Expressionismus im Kino war der Regisseur F.W. Murnau. Dessen Werke, wie “Nosferatu“ und “Der letzte Mann“, hinterließen im aufstrebenden Hollywood ganz schön Eindruck und so lockte man Murnau mit dem Versprechen totaler künstlerischer Freiheit (und dem einen oder anderen Geldschein) erfolgreich über den großen Teich.

Mit “Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen“ widmete sich Murnau dann in seiner ersten amerikanischen Produktion den dramatischen Irrungen und Wirrungen eines Ehepaares, das zusammen mit ihrem Kind auf einer kleinen Insel lebt. Angestiftet von einer verführerischen Besucherin aus der Stadt plant der bis dato friedliebende Ehemann (George O'Brien) sich eines Tages aber seiner Frau (Janet Gaynor) mit Gewalt zu entledigen. Aufgrund von Gewissensbissen stoppt der Mann allerdings seinen Plan und auf einmal findet sich das Ehepaar in der großen Stadt wieder, wo die Liebe der beiden scheinbar eine neue Chance erhält.
 


Wie man es von einem Wegbereiter des Expressionismus erwarten kann, ist “Sonnenaufgang“ vor allem visuell und atmosphärisch einfach großartig. Gerade bei den Szenen auf der Insel am Anfang und Ende des Films liegt über allem ein faszinierender Schleier düsterer Vorahnung, der vor allem durch die gekonnte Kameraarbeit, bedrohlich wirkende Sets und fast mystische Lichtgebung erreicht wird. Hinzu kommen im Film zahlreiche kleinere faszinierende visuelle Spielereien. So bedient sich Murnau hin und wieder dem Stilmittel der Bildüberlagerung. So multipliziert er mit diesem Trick zum Beispiel die Verführerin aus der Stadt mehrfach in die gleiche Einstellung, um so ihren Versuch, dem Ehemann ihre hinterlistige Botschaft einzuflüstern, noch intensiver wirken zu lassen.

Murnau hat aber noch mehr zu bieten, war er schließlich auch dafür bekannt die Kamera immer wieder aus ihrer damals oft starren Position zu befreien. So finden sich auch hier einige für die damalige Zeit ziemlich eindrucksvolle Tracking-Shots. Gekonnt gelingt dem Film so gerade in den Passagen auf der Insel ein großartiger Spannungsaufbau und ein ziemlich intensives Filmerlebnis.

All das macht „Sunrise“ bereits zu einem Pflichtprogramm für Filmliebhaber und es verwundert darum nicht, dass der Film immer wieder weit vorne auf Listen der besten Filme aller Zeiten auftaucht. Komplett in den Jubelchor einstimmen möchte ich hier aber nicht, denn was die Story angeht, hat der Film im Mittelteil doch auch ein paar deutliche Schwächen. Zumindest aus der Sicht eines heutigen Publikums.
 


Das beginnt mit der Frage der Glaubwürdigkeit, denn so ganz leicht fällt es nicht zu akzeptieren, dass die Ehefrau trotz der offensichtlichen Mordgedanken des Mannes diesem so schnell wieder eine neue Chance gibt. Vor allem aber zieht sich der Mittelteil, in dem das Ehepaar gemeinsam die große Stadt erkundet und dabei unter anderem auf einem Rummel landet, doch deutlich. Die dortigen Abenteuer der beiden wirken etwas forciert und wir treffen auch hier wieder auf ein für die damalige Zeit typisches Phänomen: selbst in den ernsthaftesten Geschichten ist immer noch Raum für eher unpassend wirkende Slapstick-Momente. In diesem Fall zum Beispiel die zwar niedliche, aber eben irgendwie auch irritierend deplatziert wirkende Jagd auf ein kleines Ferkel. Auch die Frauenrollen sind im Film nach klassischem altem Muster gestrickt. Auf der einen Seite steht die unterwürfige Ehefrau, auf der anderen die böse Verführerin.

Einige dieser Kritikpunkte sind natürlich vor allem durch das Alter des Films und die damalige Gesellschaftskultur zu erklären. Aber sie sorgen eben auch dafür, dass der Film in einigen Momenten bei einem modernen Publikum an emotionaler Überzeugungskraft einbüßt. Glücklicherweise gibt es aber Janet Gaynor, die auf wundervolle Art die Verletzlichkeit der Ehefrau transportiert und zu so etwas wie dem emotionalen Anker des Publikums avanciert. Gaynor war in diesem Jahr ja auch schon ein kleines Highlight im ebenfalls nominierten "Im siebenten Himmel". Sie erhielt dann auch verdientermaßen die Auszeichnung für die beste Schauspielerin in dem Jahr (und zwar übergreifend für die Leistungen in mehreren Filmen, zu “Sonnenaufgang“ und "Im siebenten Himmel" gesellt sich noch das Drama “Engel der Straße“). Dank ihr und der tollen Inszenierung Murnaus bleibt der Film selbst in seinen inhaltlichen Schwächephasen trotzdem noch interessant, wenn auch auf einem deutlich niedrigeren Niveau.

Insgesamt gelingt Murnau aber trotz der Schwächen im Mittelteil ein überzeugender Film, dem aber leider nur der künstlerische Erfolg vergönnt war. Finanziell entpuppte sich das Werk eher als Flop – ein Tiefschlag, von dem sich die Karriere Murnaus nie so richtig erholen sollte. Seine kreativen Freiheiten wurden ihm von seinem amerikanischen Studio wieder beschnitten und sein Versuch, wieder in Deutschland Fuß zu fassen, kam durch seinen tragischen Tod bei einem Autounfall 1931 zu einem jähen Ende. Uns bleibt heute zumindest die faszinierende Filmografie eines der begnadetsten deutschen Regisseure und mit “Sonnenaufgang“ einer der wohl filmtechnisch interessantesten Oscar-Gewinner aller Zeiten.

"Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen" ist als DVD und Bluray aktuell in verschiedenen Versionen auf Amazon erhältlich (zum Beispiel hier). Alternativ ist der Film aber auch auf YouTube zu finden (Suche nach “Sunrise 1927“).


Überblick 1. Academy Awards
Und nun noch einmal alle nominierten Filme in den Kategorien "Outstanding Picture" und "Unique and Artistic Picture“ der ersten Academy Awards 1929 auf einen Blick:

Outstanding Picture

Unique and Artistic Picture


Ausblick
In der nächsten Folge wenden wir uns den zweiten Academy Awards im Jahr 1930 zu, deren nominierten Filme zum Großteil mit der Einführung der neuen Tontechnik zu kämpfen hatten. 


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