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Rum Diary

Rum Diary
drama , usa 2011
original
the rum diary
regie
bruce robinson
drehbuch
bruce robinson
cast
johnny depp,
aaron eckhart,
amber heard,
richard jenkins,
michael rispoli, u.a.
spielzeit
120 Minuten
kinostart
2. August 2012
homepage
bewertung

5 von 10 Augen
Rum Diary - Poster

Hunter S. Thompson war die wohl schillerndste Gestalt des amerikanischen Journalismus im 20. Jahrhundert. Ein Reporter, der mit seinem Hang zum Exzess und seiner Nichtachtung für jedwede Form von Ordnung und Autorität nicht nur furchtlos genug war über Milieus zu berichten, vor denen die meisten anderen Kollegen ängstlich davongelaufen wären – 

The Rum DiaryThompsons Durchbruch war eine große Reportage über die Hell’s Angels, mit denen er Mitte der1960er ein ganzes Jahr verbrachte – sondern es sich mit seinem faszinierend-entgrenzten Lebensstil auch leisten konnte, sich oft genug selbst zum Protagonist seiner eigenen Reportagen zu machen. Berühmtestes Beispiel ist seine in Romanform gegossene Drogentrip-Selbsterfahrung „Fear & Loathing in Las Vegas“, die fast 30 Jahre nach ihrem Erscheinen unter der Regie von Terry Gilliam und mit Johnny Depp in der Hauptrolle zu einem Kultfilm der späten 90er Jahre avancierte.

Dieser Film war nicht nur Ursprung der Freundschaft zwischen Thompson und Johnny Depp, er führte auch dazu, dass mit 40-jähriger Verspätung Thompsons erster Roman endlich publiziert wurde – denn bis dahin hatte sich seit 1960 niemand gefunden, der „The Rum Diary“ veröffentlichen wollte.

Thompson nahm sich im Februar 2005 das Leben, ausgebrannt und gelangweilt von seinem Dasein, und es ist wiederum einzig seiner Freundschaft mit Johnny Depp zu verdanken, dass vier Jahre später tatsächlich eine Verfilmung von Thompsons Erstlingswerk angeschoben wurde. Ein Film, den es ohne Depp – dem dies als eine Art letzte Würdigung von Hunter S. Thompson ein echtes Herzensprojekt war – sicher nicht gegeben hätte. Denn warum sollte jemand ohne solch ein prominentes Zugpferd das Risiko eingehen, einen mittelprächtigen Roman über eine Zeit und einen Ort zu verfilmen, für die sich heutzutage wirklich niemand mehr interessiert?
 

The Rum Diary„The Rum Diary“ war Thompsons Verarbeitung seiner Erlebnisse auf einer frühen Station seiner Karriere, als er eine zeitlang als Journalist auf Puerto Rico arbeitete, jener Karibikinsel, die 1898 von den USA besetzt wurde und seitdem zum amerikanischen Staatsgebiet gehört, ohne die Rechte eines eigenständigen Bundesstaats zu genießen. Faktisch ist Puerto Rico eine Kolonie, und als solche erlebt sie auch der Protagonist von „Rum Diary“, der Journalist Paul Kemp (Johnny Depp), der als nichtsnutziger Alkoholiker auf die Insel kommt und bei der Lokalzeitung für amerikanische Besatzer und Touristen anheuert, weil er nirgendwo sonst noch einen Job bekommt. Kemp reibt sich mit seinem jähzornigen Chefredakteur (Richard Jenkins), freundet sich mit seinem ebenfalls trinkfreudigen Kollegen Sala (Michael Rispoli) an und macht die Bekanntschaft des Unternehmers Sanderson (Aaron Eckhart), der nicht nur eine verführerisch-schöne Freundin (Amber Heard) hat, sondern auch ein ausbeuterisches Immobilien-Projekt plant, in das er Kemp alsbald als willfährigen PR-Gehilfen einspannen will. Doch Kemp dämmert zusehends, dass hier einige geldgierige Amerikaner rücksichtslos zum Leidwesen der lokalen Bevölkerung fetten Profit machen wollen.
 

Das Problem mit „The Rum Diary“ ist, dass dieser Film von vielem ein bisschen, aber nichts davon richtig ist. Die amerikanische Werbezeile zum Film lautete „One part outrage. One part justice. Three parts rum. Mix well.“ und versuchte ihn damit als Quasi-Erweckungserlebnis eines Trinkers zu stilisieren, dessen Moral- und Gerechtigkeitsbewusstsein sich schließlich aus dem Alkoholnebel löst, in dem es ständig gefangen ist. Leider funktioniert das jedoch nur, wenn man „Rum Diary“ als erstes Kapitel im großen Roman über die Karriere und journalistische Selbstfindung von Hunter S. Thompson begreift (dabei geflissentlich ignorierend, dass Thompson nie ein großer investigativer Journalist wurde) und sich die Geschichte, die eigentlich erst nach diesem Film losgeht, selbst weitererzählt.

The Rum DiaryTut man dies nicht (oder kann es schlichtweg nicht, weil man mit Thompson nicht sonderlich vertraut ist – was auf die allermeisten Zuschauer zutreffen dürfte), bleibt „The Rum Diary“ leider eine sehr unausgegorene Mischung aus politischem Drama (Ausbeutung, Korruption und moderner Kolonialismus und das journalistische Aufbegehren dagegen), erotisch aufgeheizter Liebesgeschichte (Kemps Begehren von Sandersons Freundin Chenault) und leidlich absurder Suff-und-Drogen-Episode. Vor allem als letzteres sollte dieser Film verkauft werden, wie ein Blick aufs US-Plakat unmissverständlich klar macht (das einen mächtig derangierten Johnny Depp in einem verwüsteten Hotelzimmer zeigt) – die sehr gewollte Anlehnung an „Fear & Loathing…“ ist hier überdeutlich. Wer sich bei „Rum Diary“ jedoch einen ähnlich durchgeknallten Trip erhofft, wird sehr enttäuscht werden. Denn in dieser Hinsicht liefert der Film ein ebenso wenig überzeugendes Ergebnis wie in jeder anderen auch. Die sonnendurchtränkte Story um einen smart-sauberen Johnny Depp und eine mysteriös-verführerische Blondine, welche das deutsche Plakat nun suggeriert, gibt’s hier jedenfalls ganz bestimmt auch nicht zu sehen.
 

The Rum DiaryMan kann erahnen, was Regisseur und Autor Bruce Robinson (dessen einziger relevanter Film, die in England kultisch verehrte Außenseiter-Komödie „Withnail & I“ auch schon 25 Jahre her ist) und Johnny Depp sich bei diesem Film gedacht haben, wie sie versucht wollten ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sich aus der ständig betrunkenen Ziellosigkeit des frühen Thompson langsam sein journalistisches Bewusstsein herausschälte. Leider ist dabei ein Film heraus gekommen, der sich über seine gesamte Laufzeit ähnlich ziellos anfühlt, mal hierhin und mal dorthin mäandert und wie ein Alki in praller Karibik-Sonne schlicht nicht in der Lage ist, sich auf irgendetwas richtig zu konzentrieren. Und darum auch keines seiner vielen Elemente sauber zu Ende bringt.

Man muss Hunter S. Thompson schon sehr mögen, um in „The Rum Diary“ und seiner Geschichte irgendeinen relevanten Wert zu erkennen. Tut man dies nicht, bleibt leider nur ein holpriges und uninteressantes Machwerk, bei dem sicher viel guter Wille und hehre Absichten im Spiel waren, aber leider zu keinem Zeitpunkt die Basis für einen überzeugenden Film vorhanden.

Frank-Michael Helmke

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