Mehr als ein Jahr lag „Lost Souls“ auf einem Regal irgendwo
in Hollywood und wurde von einer Veröffentlichung ferngehalten.
Dafür könnte es zwei Gründe gegeben haben:
Erstens wollten die Produzenten im ohnehin schon mit Teufels-
und Weltuntergangsfilmen wie „Stigmata“ oder „End
of days“ überfrachteten Millenniumswinter 1999 nicht
noch einen Film mit ähnlicher Thematik ins Rennen schicken.
Oder zweitens: Sie wußten genau, wie schlecht dieses
Teil tatsächlich ist. In beiden Fällen ist eine
Veröffentlichung zum jetzigen Zeitpunkt noch dümmer:
Letztes Jahr hätte es für die dämliche Thematik
wenigstens noch eine Entschuldigung gegeben. Und besser ist
der Film durchs Einlagern bestimmt nicht geworden.
Nach
der Eichinger-Produktion „The
Calling“ und der Wiederaufführung von „Der Exorzist“
beschert uns „Lost Souls“ nun die dritte Teufelsaustreibungsgeschichte
binnen weniger Wochen. Im Zentrum steht dabei die fragile
Maya Larkin (Winona Ryder), als Jugendliche selbst einmal
vom Antichristen besessen und seit dem erfolgreichen Exorzismus
treue Dienerin der Kirche und Gehilfin des Exorzisten Father
Lareaux. Nach einem gescheiterten Austreibungsversuch bei
dem Frauenmörder Henry Birdson findet sie in dessen Unterlagen
einen mysteriösen Zahlencode, der nach erfolgreicher
Dechiffrierung den Namen des Dokumentar-Literaten Peter Kelson
freigibt. Was Maya dem überzeugten Atheisten nur nach
und nach beizubringen vermag: Der Teufel will in Menschengestalt
auf die Erde zurückkehren, und Peter Kelson soll der
Gastkörper sein.
Eigentlich
ist damit schon zuviel verraten, dauert es doch über
eine Stunde bis die gute Maya mit dieser Wahrheit endlich
rausrückt. Nur fällt es natürlich schwer, über
einen Film zu reden, ohne auf seine Plotessenz einzugehen,
wenn er sonst nicht viel zu bieten hat. Der Vorteil dieser
Verzögerungstaktik liegt darin, daß sich der Film
eine ganze Weile auf einem relativ neutralen Level bewegt.
Denn so lange die Handlung noch nicht so richtig ins Rollen
kommt, die Ereignisse allesamt nur prophetischen Charakter
haben und man fortlaufend die zittrige, leichenblasse Winona
Ryder beim Rauchen beobachten darf, kann man das Ganze noch
nicht als schlecht abstempeln. Denn noch wurde nichts so richtig
verhunzt.
Das setzt allerdings in dem Moment ein, als die Handlung dann
doch endlich mal ins Rollen kommt. Die
Zweifel
von Kelson an Mayas Prophezeiungen wirken noch durchaus verständlich,
schließlich erweckt die wie ein Junkie auf Entzug dreinblickende
Betschwester mit ihren fanatisch hektischen Zügen nicht
gerade großes Vertrauen. Dennoch wird Kelsons Konflikt
zwischen seinem eigenen Weltbild und den Offenbarungen Mayas
viel zu glatt bearbeitet, Langeweile macht sich breit.
Selbst das wäre noch halbwegs zu verzeihen, was allerdings
in den letzten zehn Minuten passiert, ist schlichtweg bar
jeder Beschreibung: Als hätte die Produzentin Meg Ryan
mit mahnendem Zeigefinger auf der Uhr im Schneideraum gestanden
und Regie-Debütant Kaminski (zweifacher Kamera-Oscarpreisträger
für „Schindler’s Liste“ und „Saving Private Ryan“) zu
etwas mehr Eile genötigt, wird gegen Ende in einem Chaos
aus Verlaufslogik, dramatischer Abfolge und Geheimnislüftung
Material für mindestens fünfzehn Minuten in vielleicht
180 Sekunden gestopft. Da fällt es dann auch nicht mehr
ins Gewicht, daß ein Exorzismus die Beteiligten anscheinend
nur eine knappe Stunde kostet, während man früher
dafür Tage und Wochen
benötigte.
Auflösungen, die eigentlich eine große Überraschung
darstellen sollen, verlieren vollkommen ihre Wirkung, weil
der Zuschauer überhaupt keine Chance mehr hat, mitzukommen.
Wobei einige dieser Schlußwendungen sowieso nur der
unfairen Verschweigung wichtiger Fakten über den ganzen
Film zu verdanken sind, was eine wirklich billige Masche zum
Spannungsaufbau ist.
In völliger Konfusion hasten die Darsteller von Schlüsselszene
zu Schlüsselszene, während proportional mit ihrer
Panik auch die Lächerlichkeit der ganzen Geschichte steigt.
Wahrlich eine Lehrbuch-Leistung in Sachen Pacing: 90 Minuten
Handbremse und dann 10 Minuten mit dreifach überhöhter
Geschwindigkeit. Schlage nach im Kapitel: So sollte man es
nicht machen. Wenn nach einem geradezu peinlich inszenierten
Schluß der Abspann anfängt, hat man wirklich nur
noch einen Gedanken im Kopf: „Was für ein Scheiß!“.
Man hätte besser daran getan, diesen Film im Regal liegen
zu lassen. „Lost Souls“ wäre sicher auch im Millenniumswahn
untergegangen, jetzt ist er nur noch ein Film, den die Welt
wirklich nicht braucht. Und der allerhöchstens bei der
Anti-Raucher-Vereinigung für Aufregung sorgen wird.
kleine Werbepause
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Lost Souls - Verlorene Seelen
Bilder: Copyright Kinowelt

Hab ihn im Fernsehen gesehen. Ein bisschen langatmig, aber ansonsten ganz nett.
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