kleine Werbepause
Anzeige

Hamlet

Hamlet
drama , usa 2000
original
hamlet
regie
michael almereyda
drehbuch
michael almereyda
cast
ethan hawke,
kyle maclachlan,
julia stiles,
diane venora,
bill murray,
liev schreiber, u.a.
spielzeit
111 Minuten
kinostart
23. November 2000
homepage
bewertung

5 von 10 Augen

Eine moderne Adaption von Shakespeares neben „Romeo und Julia“ wohl größtem und bekanntesten Klassiker „Hamlet“, das war das Vorhaben von Regisseur Michael Almedeyra. Geklappt hat das nicht, was neben darstellerischen Schwächen vor allem daran liegt, dass „Hamlet“ zwar wie in Baz Luhrmanns „William Shakespeare’s Romeo & Juliet“ (1996) den Originaltext behält, ansonsten aber bei dessen herausragender Adaption offenbar nicht richtig aufgepasst hat. Und prompt in die erste Fallgrube stürzt, die sich bei seinem Unterfangen bietet. Den großen Gegensatz zwischen Modernität und altertümlichem Text löste Luhrmanns Kinoknaller auf die bestmöglichste Art. Er überhöhte die Bilder ins Surreale, erschuf mit dem brodelnden Verona Beach eine vollkommen künstliche Welt, in die dann plötzlich auch die alten Worte hereinpassten. Almereyda dagegen versetzte die Geschichte ohne derartige Kunstgriffe und damit leider auch ohne Finesse ins New York der Moderne. 

Die Geschichte ist dabei weitestgehend gleich geblieben: Hamlet (Ethan Hawke) erfährt vom Geist seines Vaters (Sam Shepard), dass dieser vom eigenen Bruder Claudius (Kyle McLachlan) ermordet wurde, der sich prompt dessen Firma „Denmark Corporation“ (!) und dessen Witwe Gertrude (Diane Venora) unter den Nagel gerissen hat. Genauso schwierig ist Hamlets Liebesbeziehung zu Ophelia (Julia Stiles), die weder von deren Vater Polonius (Bill Murray) noch ihrem Bruder Laertes gutgeheißen werden kann. Getrieben von der Rache für seinen Vater löst Hamlet Geschehnisse aus, die getreu den Regeln der Tragödie eine Menge Leute das Leben kosten werden.

Nur 111 Minuten nahm sich Almereyda für seine Adaption, so dass bei der nötigen Straffung des umfangreichen Stoffes vieles unter den Tisch fallen musste, gerade auch die verschiedenen Charakterisierungen wurden entsprechend verknappt. Womit die meisten Figuren eher blass bleiben, auf nötigste Stichworte beschränkt. Was nicht nur verständlich ist, sondern bei der Konzentration auf den Titelhelden und dessen entsprechend starker Charakterisierung durchaus zu kompensieren wäre. Wenn man denn einen starken Titelhelden hätte. Regisseur Almereyda fundamentierte seine Hamletverfilmung dagegen ganz auf seinem Hauptdarsteller Ethan Hawke, und damit hat er definitiv auf Sand gebaut. 
Erstmals hellhörig wird man spätestens, wenn uns der Verleih diesen Hamlet als „sensiblen Generation X-Helden“ ankündigt. Da hat wohl jemand von Herrn Hawkes bisherigem und durchaus erfolgreichen Schaffen in Filmen wie „Reality Bites“ und „Before Sunrise“ auf dieses Werk geschlossen. Leider – und das ist ein großes Leider – liegt er damit näher an der Wahrheit, als einem lieb sein kann. Interessant in diesem Zusammenhang auch Ethan Hawkes Kommentar über seine Figur: „Hamlet ist wie Kurt Cobain: Er hat Probleme mit seinen Eltern, eine Identitätskrise und eine schwierige Freundin. So geht’s doch allen Jungs, oder?“ Leider ist dies nicht nur Hawkes lustigster sondern auch bei weitem bester Beitrag zu seiner Figur. Seine Darstellung ist dagegen der befürchtete Fehlschlag. Wie nahezu alle seine bisherigen Charaktere kennt Hawkes Hamlet scheinbar nur eine Gefühlsregung: Wehleidigkeit, und einen einzigen Gesichtsausdruck: Ausdruckslosigkeit. Sein Hamlet ist eine Variation der ewigen Slackerrolle, Hawkes blasses Gesicht bleibt den ganzen Film über leer und weiß wie eine Projektionsfläche, einzig: es will sich keine einzige wirkliche Emotion darauf widerspiegeln. Unterbricht er mal die phlegmatische Leidensmiene und versucht sich an emotionaler Darstellung, wie bei Hamlets Wutausbruch gegenüber seiner Mutter, so wirkt das erschreckend einstudiert und quälend gekünstelt. 
Aufgrund dieses Mangels an Ausdrucksvermögen gehen sämtliche Differenzierungen der Figur verloren: Der Wandel Hamlets vom gebrochenen Trauernden zum besessenen Aufklärer des Mordes am eigenen Vater wird nie deutlich, findet im Grunde genommen nicht statt. Dafür gibt es fast zwei Stunden traurigen Dackelblick oder leeren Denkerblick. Ein Film wie „Hamlet“ steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller, und in diesem Falle fällt er und zwar tief.

Die anderen Darsteller machen ihre Rollen da doch weit besser. Der einzige Totalausfall neben Hawke ist Liev Schreiber als Laertes, der schlicht und einfach eine komplette Fehlbesetzung ist. Die deutlich beste Leistung vollbringt die erfahrene Shakespearedarstellerin Diane Venora, die bereits im Referenzwerk „Romeo & Juliet“ als Mutter bestach und auch hier wieder glänzt. Kyle McLachlan, in den Achtzigern Hawkes Vorgänger in Sachen ausdruckslose Mimik, kann seine unangenehme Glätte in die Rolle des Cornelius einbringen. Julia Stiles, quasi-Shakespare-erfahrene Highschool-Schönheit aus der quasi-Shakespeare-Adaption „10 Dinge die ich an dir hasse“ macht noch das Beste aus ihrer kurzen Leinwandzeit. Und Bill Murray als Polonius sieht man zum nahezu ersten Mal als wirklich menschlichen Charakter ohne Karikaturzüge. Und doch, es nützt alles wenig. Zu sehr stechen die Originalworte aus dem unpassenden Kontext hervor, zu gestelzt wirkt der Versuch, sie dort irgendwie hineinzuzwingen. Gesprochen wird viel, aber die Charaktere reden nicht miteinander, sondern gegeneinander. Vieles wirkt wie reines Rezitieren, auswendig gelerntes Aufsagen der „geheiligten Worte“. Und so verwandelt sich der kraftvolle Text in reine Worthülsen, leblos und seelenlos wie der ganze Film. 

Dabei hat „Hamlet“ interessante Interpretationsansätze zu bieten, die leider unter den eklatanten Schwächen erdrückt werden oder nicht überzeugend weiterentwickelt werden. Hamlet – mit grungig aussehender Stoffmütze als metaphorischer Narrenkappe ausgestattet – ist Jungfilmer und Videofreak, der versucht, in den ihn ständig umflirrenden Filmbildern Rat und Erklärung zu finden. Bezeichnend die Szene, in der er fasziniert den gegen die eigenen Eltern rebellierenden James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ beobachtet. Einzig er ist nicht jener rebel without a cause sondern ein rebel without a clue. Die Innenwelt des Zweiflers und Verzweifelten wird in Videoszenen transportiert: ausnahmslos Actionszenen, laut und mit symbolischem Feuer. Und statt des Theaterstücks im Originaltext will dieser Hamlet seinen Stiefvater mit einem selbst entwickelten Film namens „The Mousetrap“ (Agatha Christie irgendjemand?) überführen, einer brillant geschnittenen Montage verschiedener Filmszenen. Eine hochinteressante Metaphorik, die aber auf dem Weg zum Finale immer weiter aus den Augen verloren wird, bis sie gar nicht mehr auftaucht. Doch wird dies Visualisieren, die Übertechnisierung der modernen Welt auch in anderen Bereichen übernommen. Abhöranlagen oder Anrufbeantworter besiegeln Verrat am Helden, wir verfolgen ihn durch Überwachungskameras. Dies alles soll sozial- bzw. zeitkritisch sein, ist aber letztlich nur bedeutungsloses Gimmick, ein Zugeständnis an offenbar gerade hochaktuelle Spannerthematik und „Big Brotherismus“.

Diese nicht weitergedachten Ideen sind nur ein weiteres Zeichen dafür, dass Almereyda sich nicht ganz für die endgültige Richtung seiner Adaption entscheiden konnte. Modern schon, teilweise sogar mehr als nötig, aber die wirklich modernen Ideen werden von dem konventionellen Material – gerade in der zweiten Hälfte – überdeckt. Wie unsicher sich hier zwischen Konvention und Innovation bewegt wird, wird allein an der Musik deutlich: Moderne Rockmusik wird eingesetzt, aber die dramatischen Schlüsselszenen werden mit furchtbar pompöser, lächerlich überdramatisierter Orchestermusik übergekleistert. Die schizophrene Herangehensweise gebiert haarsträubende Szenen: Für das Duell zwischen Hamlet und Laertes wird eine komplette Fecht-Planche mit Zählmaschine bemüht, nur damit Laertes Hamlet nach zwei Stößen mit der Pistole niederstreckt. So was war bei Indiana Jones ein großartiger Gag, hier ist es einfach nur peinlich und deplaziert.

„Hamlet“ ist ein wohlgemeintes, aber größtenteils fehlgeschlagenes Projekt. Was doch recht traurig stimmt, da man gesehen hat, dass zeitgemäße und rundum gelungene Adaptionen durchaus möglich sind. Aber dieser „Hamlet“ leidet unter seinem klar überforderten Hauptdarsteller, einem nicht schlüssigen Konzept und der Uneinheitlichkeit der verwendeten Ideen. „Da ist was faul im Staate Dänemark“? Schon möglich, leider gilt für diesen Film ähnliches: Da ist einiges faul in dieser unausgegorenen Shakespeareadaption.

Simon Staake

Kommentar hinzufügen

Freiwillige Angabe; die E-Mailadresse wird nicht angezeigt.
 
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
8 + 9 =
Diese einfache Rechenaufgabe ist zu lösen und das Ergebnis einzugeben, z.B. muss für 1+3 der Wert 4 eingegeben werden.