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Fliegende Liebende

Fliegende Liebende
anarcho-komödie , spanien 2013
original
los amantes pasajeros
regie
pedro almodovar
drehbuch
pedro almodovar
cast
javier camara,
lola duenas,
guillermo toledo,
cecilia roth,
carlos areces,
raul arévola, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
4. Juli 2013
homepage
http://www.almodovar.de/
bewertung

6 von 10 Augen
fliegende liebende

rollfeldSie sind die größten spanischen Filmstars ihrer Generation und haben dennoch noch nie zusammen gespielt, bis jetzt. Es ist Pedro Almodovar zu verdanken, dass wir nun Antonio Banderas und Penelopé Cruz erstmals zusammen auf der Leinwand sehen. Auch wenn das Ganze nur ein sehr kurzes Vergnügen ist, denn die beiden haben nur einen kleinen Cameoauftritt als Flughafenpersonal zu Beginn von „Fliegende Liebende“, allerdings einen mit großen Folgen. Denn als Ergebnis ihres kleinen Scharmützels auf dem Rollfeld hat ein Flug von Spanien nach Mexiko Probleme. Was genau die sind, überlassen wir dem Film selbst, aber sagen wir mal so: Piloten und Crew haben guten Grund, nervös zu sein. Die Stewards Joserra (Javier Camara), Fajas (Carlos Areces) und Ulloa (Raul Arevola) – alle drei übrigens auch sehr schwul – versuchen ihre Nervösität in Alkohol zu ertränken (und Fajas mit allerlei Gebeten zu seinem Altar im Handkoffer). Die Piloten Alex (Antonio de la Torre) und Benito (Hugo Silva) haben nicht nur mit den technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, sondern auch mit ihren eigenen sexuellen Identitäten. Und in der Business Class werden die Passagiere allmählich unruhig, da Fernsehen und Telefone ausgefallen sind. Unter ihnen: die „Seherin“ Bruna (Lola Duenas), die alternde Edelprostituierte Norma (Cecilia Roth), Schauspieler Galan (Guillermo Toledo), Geschäftsmann Mas (Jose Luis Torrijo) und der Mexikaner Infante (José Maria Yazpik). Für alle wird es ein Trip, den sie nie vergessen werden...

Aha, was haben wir denn hier? "Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug" Marke Almodovar? Hat auch der heilige San Pedro jetzt etwa genug von der Düsternis und rundherum Abgefucktheit, in der er sich für seinen letzten Film, "Die Haut, in der ich wohne" suhlte? Man möchte es fast meinen, denn nun fliegt Almodovar mit Überschall zurück in die andere Richtung, zur hysterischen Farce, mit der er einst seinen Ruhm begründete. Wem der Almodovar von "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" gefiel, der darf auch das Ticket für "Fliegende Liebende" buchen.

Farce macht aber das Leben des Filmrezensenten nicht leichter, denn die üblichen Faktoren, auf die sich eine Rezension gerne stützt, finden in diesem Genre nur schlecht Anwendung. Charaktere sind grelle Stereotypen, Dialoge befinden sich im Gagaland, dramatische castEntwicklung ist wenig bis gar nicht vorhanden, der emotionale Eindruck auf den Zuschauer ist oftmals nicht vorhanden. All dies trifft mal mehr, mal weniger deutlich auch auf "Fliegende Liebende" zu. Was jetzt nicht zwangsläufig als Kritik gemeint ist. Sondern einfach beschreibt, dass dies nach den schweren und düsteren und auch ernsthafteren Filmen Almodovars ein ulkiges Nichts ist, ein amüsantes und bonbonbuntes Filmchen, das dem Thema entsprechend ein so dramatisches Leichtgewicht ist, dass man hier mal wirklich von Eskapismus reden kann - wenn denn die Idee des Entkommens stockschwule und betrunkene Stewards, hellseherische Jungfrauen, paranoide Edelprostituierte, heimlich romantische Auftragskiller oder emotional fragile junge Freundinnen von älteren Schauspielern beinhaltet.

Die obige Inhaltsangabe ist bewusst vage gehalten, weil es eines der Vergnügen dieses Films ist, seine kleinen Überraschungen zu entdecken, auch weil es letztlich keine 'große' Geschichte gibt. Absurdität wird hier groß geschrieben, bis hin zum puren Klamauk, Realismus oder Subtilität fallen dagegen denkbar klein aus. Und einzig die Episode um die von Galan zurückgelassenen Frauen, mit denen er – halb zufällig, halb schicksalhaft – telefoniert, bringt ein wenig echte, wenn auch elliptische Emotionalität in den Film, wirkt aber dadurch und durch ihre Einzelposition als Storyline außerhalb des Flugzeugs und auf festem Erdboden ein wenig verloren inmitten des kunterbunten Chaos über den Wolken. Immerhin gibt diese Episode dem Ausdruck emotional baggage eine schöne Visualisierung, was ja auch etwas ist.

Ganz lässt es sich Almodovar allerdings nicht nehmen, ernsthaften Kommentar zur Lage seines Mutterlandes beizutragen. Die Story um Mas (Jose Luis Torijo) und den La Mancha Flughafen, der am Ende des Films eine zentrale Rolle spielt, ist ein wenig verschleierter Verweis auf die verwaisten Flughäfen in Spanien, die als Sinnbild für die absurde Geldverschwendung zu Boomzeiten stehen, während das Land dieser Tage in Finanzkrise und Rezension versinkt. Wer über das Berliner Flughafendebakel spottet (und das völlig zurecht), hat noch nicht gesehen, zu welch Schildbürgerstreichen man anderswo fähig ist, so dass Spanien nun auch als Friedhof der verwaisten Flughäfen bekannt ist. Und als Absage an Spektakelkino wird ein zentrales Ereignis des Finales geschickt nur per Soundkulisse umgesetzt und von Bildern eines verwaisten Flughafens (dem geschlossenen Real Ciudad-Flughafen, einem dieser Millionengräber) begleitet. Aber diese kleinen Diversionen sind dann auch das einzige, was den ernsten Zeiten in Spanien geschuldet ist, der Rest ist dann – wenn man es ganz genau nimmt – eine recht alberne Sexkomödie.

Das ist dann auch alles ganz unterhaltsam, wenn auch nicht besonders tiefsinnig, und wird beizeiten auch ein Stück zu albern. Almodovar wird hier seinem Ruf als enfant terrible durchaus gerecht, denn seine katholische Heimat bekommt hier wieder gehörig auf die Rosenkranzumwundenen Hände: Almodovars Spanien ist jamusical immer auch eines der Spinner und Spanner, der Perversen und Psychisch Labilen, der Gott- und Gedankenlosen. Und so geht es hier dann bei Mescalin-geförderten Sexorgien fröhlich-frivol zu. Allerdings bleibt Almodovar da ganz, naja, sagen wir halb Gentleman, denn nackte Haut gibt es hier keine zu sehen, aber ansonsten lässt er wenig Spielraum für Zweifel, wenn die Fluggäste nach einem Glas Agua de Valencia alle Hemmungen fallen lassen. Wenigstens hat er sich bei der musikalischen Revue, die die drei schwulen Stewards aufführen, für "I'm so Excited" von den Pointer Sisters entschieden, die nur drittschlimmste Wahl nach "I Will Survive" und "It's Raining Men". Aber diese Sequenz verdeutlicht auch: von Filmen, die das Absurde mit echter Emotion und Tiefgang verbinden wie "Sprich mit ihr", "Alles über meine Mutter" oder "Volver" ist "Fliegende Liebende" nicht nur ein paar Flugmeilen entfernt.

Ob man "Fliegende Liebende" buchen sollte, hängt demnach auch ganz stark von der eigenen Befindlichkeit ab. Wer schon immer das frivol-absurde an Almodovars Werk bevorzugte, kann sich zum Abflugterminal, Verzeihung: der Kinokasse bewegen, alle anderen sollten zumindest kurzzeitig übers Stornieren nachdenken. Denn mit Alomodovras besten, ausgewogensten Werken kann sein neuer Streich nicht mithalten, auch wenn er eine komödiantische Bruchlandung vermieden hat. Und wir sind immerhin gespannt, auf welche Route ihn seine Muse das nächste Mal verschlägt.

Simon Staake

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