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Erbarmungslos

Erbarmungslos
western , usa 1992
original
unforgiven
regie
clint eastwood
drehbuch
david webb peoples
cast
clint eastwood,
morgan freeman,
gene hackman,
richard harris, u.a.
spielzeit
131 Minuten
kinostart
homepage
Mit "Unforgiven", wie Clint Eastwoods Meisterstück im Original wesentlich aussagekräftiger und gleichzeitig ambivalenter (wem wird was nicht vergeben?) heißt, gelang dem großen alten Mann des Westerns eine Hommage an den Film, der seine Karriere begründete, und gleichzeitig ein fabulöser Abgesang. "Unforgiven" ist ein Film, der die hohlen Stereotypen, durch die das Westerngenre nach und nach von einem Massenfilm zu einem Randphänomen verdrängt wurde, endgültig zu Grabe trägt, und dies in so perfekter Form, dass es danach eigentlich keine weiteren Western mehr geben dürfte. Dies ist der letzte Western, der letzte Ritt für ein Genre, das seit den 70ern scheintot dahinvegetierte. Seine vorerst letzten kreativen Zuckungen hatte der Western eben in dieser Zeit, in Filmen, die in gewisser Weise Vorgänger von Eastwoods mehrfach Oscar-prämiertem Streifen waren. Revisionist Western waren im Rahmen des ambitionierten New Hollywood und den Erfolgen des Jugendkultfilms für eine kurze Zeit Antriebsräder einer kleinen Renaissance des in den Jahrzehnten davor immer formelhafter und lächerlich gewordenen Genres. Ausgehend von Peckinpahs legendärer Gewaltoper "The Wild Bunch", schrieben Filme wie Arthur Penns "Little Big Man" oder Robert Altmans "McCabe & Mrs. Miller" die altbekannten Mythen in realistischere, glaubwürdigere Idiome um. 20 Jahre später krönte Eastwood diese illustre Reihe großartiger Filme mit "Unforgiven".

Dieser Film ist anders als übliche Genrevertreter. Da wäre zum einen die Dramaturgie des Films. Im Gegensatz zu den - sagen wir mal pragmatisch orientierten - Scripts des Formelkinos Hollywoods lässt sich dieser Film viel Zeit für seine Charaktere und seine Geschichte, geht nicht von einem präsentierten Problem sofort zur Lösung über. Die Geschichte selbst ordnet sich dabei - in diesem Genre eine absolute Rarität - den Charakteren unter. Und so wird die eigentlich recht schnörkellose Geschichte um einen jungen und zwei alte Revolverhelden, die ausziehen, um im Auftrag einiger misshandelter Huren deren Peiniger zu erschießen und postwendend mit dem Gesetz in Form eines selbstgerechten Sheriffs in Konflikt kommen, zu einer Meditation über den Mythos des Revolverhelden, das Motiv der Rache und die dünne Linie zwischen Leben und Tod. Der Aufbau ist dabei gemächlich, Regisseur Eastwood lässt sich wie in vielen seiner Filme Zeit, Figuren einzuführen und Atmosphäre aufzubauen. Während dies in Einzelfällen aber auch total in die Hose ging (man denke da an das zweieinhalbstündige Schnarchfest "Um Mitternacht im Garten von Gut und Böse"), ist das Timing hier zwar Hollywood-untypisch, aber dennoch präzise wie ein Uhrwerk. So verwendet der Film seinen Mittelteil nahezu komplett für die Episode um English Bob (Richard Harris), seinen Biographen (Saul Rubinek) und ihr Aufeinandertreffen mit Little Bill Daggett (Gene Hackman in Oscar-gekrönter Nebenrolle), dem Sheriff von Big Whiskey. Diese Episode ist genau dies, sie hat mit der Storyline um Eastwoods Figur William Munny eigentlich nichts zu tun. Aber sie entlarvt Legende und Lüge im Wilden Westen, zeichnet zudem ein psychologisch genaues Porträt von Hackmans ambivalenter Gesetzeshüterfigur.

Ambivalenz ist sowieso das Schlüsselwort zu "Unforgiven". Keine der Figuren ist der übliche stock character des Wilden Westens, alle sind vielseitig und mit Ecken und Kanten versehen. Einzig die Konzeption des großmäuligen Schofield Kid (Jaimz Woolvitt), dem jungen, halbblinden Möchtegernrevolverhelden, ist vielleicht etwas durchsichtig angelegt. Aber allein für die Figur des William Munny sollte Eastwood seinem Drehbuchschreiber David Webb Peoples um den Hals fallen. Denn damit trägt er endgültig seine seit "Für ein paar Dollar mehr" und "Zwei glorreiche Halunken" definierte und zum Mythos gewordene Westernfigur zu Grabe. Zugegeben, Eastwood hat in seiner Karriere den Mythos seines Cowboys (und nichts anderes waren viele seiner Nicht-Western-Rollen, von "Dirty Harry" Callahan bis zum "Honky Tonk Man") oft genug angekratzt, selbstironisch unterminiert oder zwiespältig angelegt. Jedoch niemals so sehr wie in "Unforgiven".
Der erste Eindruck spricht Bände: Eastwood ringt mit einem Schwein - und verliert. Der Blick verzweifelt, die Schweinescheiße und Schlamm an den Wangen klebend: Eastwood ist hier nicht mehr der coole Killer. Seine Figur William Munny war dies einmal, wurde von seiner mittlerweile toten Frau zivilisiert, ringt aber immer noch mit den alten Dämonen (Ist Munny deswegen vielleicht unforgiven?). Wie er mit großem Schmerz in den Augen konstatiert, er könne sich bei den meisten Getöteten nicht einmal daran erinnern, was sie ihm getan haben, um ihren Tod zu verdienen - große Klasse.
Das Töten als Beruf, es ist das große Thema von "Unforgiven", bestens aufgezeigt an den drei Revolverhelden. Munny, der diesem Leben abgeschworen hat, aber nach einigen Anfangsschwierigkeiten wieder im Geschäft ist. Töten verlernt man nicht. Im Gegensatz dazu sein alter Kumpel Ned Logan (Morgan Freeman), der hauptsächlich aus Loyalität mit seinem Freund reitet und das Töten eben doch nicht mehr fertig bringt. Und natürlich der junge großmäulige Schofield Kid (Jaimz Woolvitt), der mit seinen Heldentaten prahlt und doch noch nie einen Mensch getötet hat. Wie dieser nach seinem ersten Mord zu einem heulenden, schluchzenden Haufen Elend wird, das ist eine der Schlüsselszenen von "Unforgiven", und sein Monolog fasst eine der vielen Lehren aus diesem Film zusammen: "I can't believe how he ain't never gonna breathe again. Ever. How he's dead. All on account of pullin' a trigger." Der Tod ist hier keine Banalität wie in so vielen anderen Western, er wird so präsentiert, wie auch Gewalt an sich hier präsentiert wird: Realistisch und damit umso erschreckender. "Unforgiven" ist an manchen Stellen ein extrem gewalttätiger Film, gerade weil er Gewalt so darstellt, wie sie ist. Hart, schmutzig, folgenreich. Hier trägt man nach einer Prügelei nicht nur die obligatorische und männlich-markante Heldenschramme davon, hier wird gezeigt, was wirklich passiert, wenn ein Stiefel und ein Gesicht aufeinandertreffen.

"Unforgiven" lebt von seiner Mischung aus Traditionellem und Revisionismus, als Film von einer makellosen Zusammenführung von Inhalt und Form. So rauben einem die famosen Widescreen-Kompositionen von Kameramann Jack Green mehr als einmal den Atem - ob nun mit dem roten Sonnenuntergang auf der Prärie oder den dunklen Schatten der verregneten Nächte in Big Whiskey - Ähnlich bemerkenswert ist Davis Webb Peoples' gelungenes Drehbuch, das dem Film eine realistische Note gibt, die gleichzeitig verblüfft und beeindruckt. Denn dass sich ein ethnisch gemischtes Revolverheldenduo im, nun ja, besten Alter über Vor- und Nachteile der Masturbation unterhält, wann hat es das schon mal gegeben? Eben.
Natürlich steht im Schlussakt von "Unforgiven" bei allen Innovationen und Revisionen doch noch der klassische Showdown an, in dem Eastwood den Bösewichtern den Garaus macht. Aber dem Zuschauer wird es auch hier nicht mit moralischer Eindeutigkeit einfach gemacht. Und so fasst "Unforgiven" seine thematischen roten Fäden in der letzten Konfrontation zwischen Sheriff Bill Daggett und Munny zusammen: Der angeschossene Daggett liegt am Boden, starrt Munny an und sagt halb ungläubig, halb entschlossen: " I don't deserve this. To die like this. I was building a house". Eastwood, sein ganzes Gesicht nur zusammengekniffene Augen und Entschlossenheit, brummt "Deserve's got nothing to do with it" und schießt ihm den Kopf weg. Beide haben Recht, beide haben Unrecht. Little Bill, weil er sich selbst als guten Mann erkennt und nicht versteht, dass seine selbstgerechte Law & Order-Politik ihn längst ins Unrecht geführt hat. Und Munny, weil er nicht nur Daggett seiner gerechten Strafe zuführt und seinen toten Freund rächt, sondern weil er auch nochmals auf die Mechanismen der Gewalt, die dieser Film so sorgsam untersucht, verweist: Menschen sterben, wenn sich die Spirale der Gewalt in Bewegung setzt. Einige haben es mehr verdient, andere weniger. Aber das Gesetz der Waffe und die Macht des Stärkeren kümmern sich nicht um solche Feinheiten und sind - hier passt der deutsche Titel denn doch noch - wahrlich erbarmungslos.

Simon Staake

10

Also ich muß dazu sagen,ich bin überhaupt kein Western-Freund.Ich dachte,Eastwood...schau'ste einfach mal rein.Und siehe da,ich habe gar nicht soooo sehr gemerkt,daß das ein Western ist.Also nicht der typische Western!Clint ist klasse,aber auch Hackman spielt sehr souverän!Einfach Super-dieser Anti-Western!

10

Ein absolut fantastischer Film! Allein die Wandlung Clint Eastwoods von einem gebrechlich gewordenem Farmer und zu einem eiskalten Killer in der Not hebt den Film auf ein sehr hohes Level. Mann konnte das zwar im Laufe des Films erwarten aber der Showdown ist dermaßen fesselnd und eindringlich inszeniert, dass man die Szenerie einfach nur mit aufgerissenen Augen bestaunt. Ganz großer Kinomoment!

10

@andy: Das Gestrüpp, das Du meinst ist Dornlattich, eine Asternart, die als trockenes Buschwerk in Wüsten- und Steppengebieten wächst und vom heftigen Wind abgerissen wird und dann in diesen Ballenformen durch die Wüste oder STeppe "rollt".

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