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Epsteins Nacht

Epsteins Nacht
drama , deutschland 2002
original
epsteins nacht
regie
urs egger
drehbuch
jens urban
cast
mario adorf,
bruno ganz,
nina hoss,
günter lamprecht, u.a.
spielzeit
85 Minuten
kinostart
7. November 2002
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

Berlin im Jahre 2001. Ein alter Mann spaziert eher ratlos um sich blickend durch die Stadt. Es ist Jochen Epstein (Mario Adorf), der nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Als er dann gerade dabei ist den Hausstand seiner alten Wohnung aufzulösen, steht plötzlich eine ältere Dame mit französischem Akzent im Zimmer. Sie behauptet Ihr Name sei Hannah Liebermann und Epstein habe nach ihr suchen lassen.
Rückblende ins Jahr 1986: Die beiden jüdischen Brüder Adam und Karl Rose schleppen gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund Jochen Epstein einen überdimensionalen Weihnachtsbaum in ihre Wohnung. Die Roses haben zur Weihnachtsfeier eingeladen und werden dabei tatkräftig von ihrer Haushaltshilfe Paula unterstützt, die der verschüchterte Adam immer wieder als "Hannah" anspricht. Jochen und Adam erklären sich schließlich bereit Paulas Tochter zum Singen in der Gemeindekirche zu begleiten. Doch während des Gottesdienstes erstarrt Epstein plötzlich und verlässt dann fluchtartig die Kirche. Zuhause angekommen erklärt er schließlich dem ungläubigen Karl was er gesehen zu haben glaubt: Der Pfarrer der Berliner Gemeinde sei der ehemalige SS-Hauptsturmführer Giesser, der die drei Freunde vor Jahrzehnten grausam gequält hatte, sie an Hinrichtungen teilnehmen ließ und auch für Adams anhaltende geistige Verwirrung verantwortlich ist, denn dieser befindet sich seit dieser Zeit auf der verzweifelten Suche nach seiner im Lager verschollenen großen Jugendliebe Hannah. Am nächsten Morgen kommt es dann schließlich zur Gegenüberstellung mit dem vermeintlichen Kriegsverbrecher, doch der behauptet sein Name sei Groll und er habe mit dem verhassten Giesser nichts zu tun.

Genau, es kommt am MORGEN zur finalen Konfrontation, die das Leben aller Beteiligten einschneidend verändern wird, aber "Epsteins Morgen" hörte sich in den Ohren der Macher wohl nicht so toll an. Und auch bei den für die Geschichte nicht ganz unbedeutenden Jahreszahlen kommt es leider manchmal zu Widersprüchen, denn mal war Epstein zehn Jahre hinter Gittern und dann wieder 15. Das ist aber natürlich nicht das entscheidende Bewertungskriterium für diesen Film. Diesen Anspruch erhebt nämlich die Umsetzung der selbst gestellten Aufgabe, die großen Themen Schuld, Freundschaft und Verantwortung im Kontext einer Aufarbeitung der Nazi-Zeit zu behandeln. Und da liefert "Epsteins Nacht" ein zwiespältiges Ergebnis.
Die Figur des Groll/Giesser bleibt einfach zu eindimensional um mehr als das Abziehbild eines typischen Nazi-Schurken zu bieten. Wobei dies keinesfalls an der Darstellung des großartigen Günter Lamprecht liegt - aber wer ihm Klischeesätze wie "Ich bin immer anständig geblieben" oder "Ich hab das doch alles längst wieder gut gemacht" in den Mund legt, unterbindet damit leider die ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Charakter schon im Ansatz.
Die Leistungen der hier versammelten Schauspielerriege sind aber in der Tat eine der Stärken des Films. Der in viel zu vielen immer gleichen Fernsehrollen mittlerweile arg verschlissene Mario Adorf hat nämlich endlich mal wieder die Gelegenheit, eine wirklich interessante Figur darzustellen. Einen Charakter voller Widersprüche, Emotionen und Unsicherheit hinter einer rauen Fassade. Denn auch Epsteins Vergangenheit und sein damaliges Verhalten im Lager bieten durchaus Ansätze zur Kritik und seine Freunde erfahren Dinge, die sie vielleicht nie wissen wollten. Aber auch hier eben nur "Ansätze" einer ambivalenten Charakterzeichnung, denn viel zu schnell erfolgt die Rechtfertigung und wird alles Fragwürdige wieder zur Seite gewischt.

Während es also "Epsteins Nacht" nicht gelingt, sein schwieriges Thema adäquat anzugehen, so bleibt doch eine weitere positive Feststellung zu machen: Die über eine halbe Stunde in Anspruch nehmende Konfrontation der Beteiligten in der Kirche ist einfach ungemein spannend in Szene gesetzt, auch wenn der Zuschauer aufgrund der Eröffnungssequenz ja schon ahnen kann worauf das Ganze letztendlich hinauslaufen wird. Überraschend spannend sogar, angesichts dessen was das Publikum wohl von einem derartigen Film erwartet.
Wo dieser also auf einem Gebiet letztendlich doch eher scheitert, überzeugt er auf anderem Terrain. Und dass der Verleih Constantin-Film sich zudem entschloss, eine eigentlich typische Fernsehproduktion wie "Epsteins Nacht" - trotz eher mäßiger Erfolgsaussichten - auf die große Leinwand zu bringen ist dann ebenfalls noch eine positive Erwähnung wert.

Volker Robrahn

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