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Atash - Durst nach Leben

Atash - Durst nach Leben
familien-drama , israel 2004
original
atash
regie
tawfik abu wael
drehbuch
tawfik abu wael
cast
roba blal,
hussein yassin mahajne,
amal bweerat,
jamila abu hussein,
ahmad abed el gani, u.a.
spielzeit
110 Minuten
kinostart
14. April 2005
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Der Film eines in Israel lebenden palästinensischen Regisseurs über das Thema Gewalt, in dem man keinen einzigen Israeli sieht? Gefördert von der israelischen Filmförderung und besetzt mit palästinensischen Laiendarstellern vom Dorf, die noch nie im Kino waren? Das ist kein Witz, sondern "Atash", ein ästhetisch berückend schöner Film des neuen palästinensischen Kinos.

"Atash" bedeutet Durst. Und Durst ist etwas Allgegenwärtiges im Niemandsland, in dem der Familienvater Abu Shukri (Hussein Yassin Mahajne) mit seiner Frau und den drei Kindern lebt. Um ihr Leben dort erträglicher zu machen und sich das mühselige Wasserholen zu sparen, beschließt er eines Tages eine Wasserleitung zu bauen. Doch mit dem Wasser sprudeln auch die lange unterdrückten Gefühle, enttäuschten Hoffnungen und Einsamkeiten einer Familie, die in einer fast hermetisch abgegrenzten Welt lebt, plötzlich wieder an die Oberfläche. Vor Jahren zog Abu Shukri aus dem Dorf weg, weil seine Tochter Gamila durch eine Liebe die Familienehre beschmutzt hatte und in dieser traditionell-patriarchalischen Gesellschaft eigentlich getötet oder fortgejagt werden musste, um die ewige familiäre Schande und gesellschaftliche Ächtung zu beenden. Doch Abu Shukri liebt seine Tochter und rettete sie, indem er sich mit seiner Familie komplett aus dem Dorfverbund heraus löste. Dachten die anderen Familienmitglieder zuerst, diese Isolation sei temporär, so bedeutet der Bau der Wasserleitung für sie jetzt ein lebenslängliches Urteil. Lebenslänglich wird die Tochter Gamila schuld an der Isolation sein, der Bruder kaum zur Schule gehen und Abu Shukris Frau nicht im Dorf einkaufen gehen können.

Diese endlose Einsamkeit und Leere unterstreicht Regisseur Tawfik Abu Wael eindrucksvoll durch die Verwendung des breiten Cinemascope-Bildformats. Die Kamera von Assaf Sudri ist immer nah an den Familienmitgliedern, es wird häufig direkt von oben auf das Geschehen geblickt, was eine Wirkung hat, die den Zuschauer direkt über und doch neben den gezeigten Menschen stellt. Einschusslöcher in den Hauswänden, Hubschrauber oder die Geräusche der Nacht verstärken die Grundstimmung von unterdrückter Gewalt, die über dieser Familie schwebt. 
Als der dem Sohn gestohlene Esel der Familie aus dem Dorf wieder zurück zu ihrem Haus kommt, steht auf ihm geschrieben "Bruder der Hure". Die Tochter Halima bastelt stetig aus Handgranatenzündern ein Windspiel, das mit der wunderbaren einfachen Musik von Wissam M. Jibran beeindruckend für die akustische Untermalung der Geschichte sorgt.

Der 28-jährige Regisseur, bisher bekannt für seinen vielleicht erfolgreichsten arabischen Kurzfilm "Diary of a Male Whore", liefert hier ein überzeugendes Spielfilmdebüt, welches bei den Filmfestspielen in Cannes Weltpremiere feierte und gleich den FIPRESCI-Preis, eine begehrte Kritikerauszeichnung, gewann. Abu Wael bezeichnet sich als Filmemacher der neuen Generation palästinensischer Künstler, die ihre Kunst in den Mittelpunkt rücken wollen und nicht mehr die altbekannten Bilder des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Die Arbeiten dieser Künstler sind zwar politisch, aber dadurch ganz neu geprägt, dass sie sich erst als Künstler und dann als Palästinenser sehen. So will Abu Wael nicht blind auf Gewalt draufschauen, sondern sie aus einem neuen Blickwinkel zeigen, der sie so wieder erfahrbar macht. Wie neu dies ist, zeigt sich auch an der unangenehmen Tatsache, dass westliche Stiftungen die Förderung des Films ablehnten, da er keine Symbole des Konflikts wie Soldaten und Checkpoints präsentiert.
Die Darsteller in "Atash" sind - bis auf die Theaterschauspielerin Roba Blal - allesamt Laien, die der Regisseur in seiner Geburtsstadt Um El-Fahim in Israel nach 18-monatiger Suche schließlich beisammen hatte. Um El-Fahim, die "Mutter der Kohle", ist die zweitgrößte palästinensische Stadt in Israel, ein Ort ohne Entwicklungsmöglichkeiten und auch ohne Kino. Besonders problematisch war es in diesem Umfeld, eine Frau zu finden die eine gefallene Tochter spielen kann, denn die filmische Realität ist hier zu nah dran an der alltäglichen. Eine Frau aus dem Ort wäre hinterher diejenige gewesen, die man im Film als "Hure" gesehen hätte und auch noch mit entblößter Brust. So kam es zu dem Kompromiss, Roba Blal zu engagieren, die außerhalb dieser ländlichen geschlossenen Gesellschaft stand. Doch auch sie befürchtete die Reaktion ihrer Eltern nach dem Betrachten des Films - glücklicherweise eine unnötige Angst, denn Blals Eltern waren voll des Lobes für ihre eindringliche Darstellung der schuldigen Tochter, die doch nur leben und lieben wollte. Ein Lob, dem man sich nur anschließen kann. 
Auch der Bauarbeiter Hussein Yassin Mahajne leistet Großes und erinnert sogar manchmal in seiner Mimik an den älteren Omar Sharif. Die Methode, seinen Schauspielern das letzte Drittel des Drehbuchs vorzuenthalten bis kurz vor Ende der Dreharbeiten, scheint das Gefühlsleben von Abu Waels Cast noch heftiger vor der Kamera wirken zu lassen. 
Auch der Drehort selbst spielt eine eigene Rolle. Die Dorf-Attrappe war früher ein israelischer Truppenübungsplatz für Häuserkampf. Bis 1948 gehörte das Land, auf dem der Übungsplatz gebaut wurde, der Bevölkerung von Um El-Fahim, danach wurde es vom Staat Israel konfisziert. Nach Kämpfen zwischen der israelischen Armee und der Bevölkerung von Um El-Fahim musste die Armee 1998 die Übungen einstellen. Der Ort blieb verlassen zurück.

"Atash" ist ein berührender Film, der sich zwar dem westlichen Publikum mit seiner Vielschichtigkeit der Familienstruktur erst langsam erschließt, aber mit eindringlicher Kamera, gefühlvoller Besetzung, berührender Musik und wenigen Worten einen Blick hinter die Kulissen des Lebens der 20 Prozent Palästinenser in Israel ermöglicht.

Margarete Semenowicz

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