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Mit der Einführung des Tonfilms in
den späten 1920er Jahren wurde seinerzeit auch gleich ein neues
Genre geboren. Das Musical. Schon der erste vertonte Film "The
Jazz Singer" (1927) von Al Jolson hatte vornehmlich gesungene
Passagen. Das Musical-Genre entwickelte sich fortan zu einer der
großen und immer wiederkehrenden Traditionen Hollywoods, mit
Klassikern wie "Singin' in the Rain" (1952), "The
Sound of Music" (1965) oder "Cabaret" (1972). Dank
des enormen Erfolgs von "Moulin
Rouge" und "Chicago"
erlebt das Musical zurzeit seine neueste Renaissance, wobei man
sich
gern auf die Verfilmung bereits erfolgserprobter Stoffe verlässt.
So kommt auch "Dreamgirls" als "erfolgreichstes Musical
aller Zeiten" daher - ein Etikett, was wohl jeder einigermaßen
gut laufenden Broadway-Revue angeheftet wird - von der Bühne
ins Kino, unter der Regie von Bill Condon, der bereits mit dem Drehbuch
zu "Chicago" den jüngsten Musical-Trend mit ausgelöst
hat.
Die Geschichte von "Dreamgirls" basiert lose auf der
Karriere der "Supremes", jenem mega-erfolgreichen Soul-Trio,
deren Leadsängerin Diana Ross später eine Weltkarriere
als Solo-Sängerin startete. Im Film heißt sie Deena Jones
und wird passenderweise von Beyoncé Knowles gespielt (selbst
ja ehemalige Girlgroup-Frontfrau und jetzt Solo-Superstar). Als
ihre Gruppe "The Dreamettes" von dem ambitionierten Musikmanager
Curtis Taylor jr. (Jamie Foxx) entdeckt wird, singt Deena allerdings
noch in zweiter Reihe neben Lorrell Robinson (Anika Noni Rose),
die Leadsängerin ist ihre gesanglich viel begabtere Freundin
Effie White (Jennifer Hudson). Curtis verschafft dem Trio erste
Engagements als Backgroundsängerinnen des berühmten Soulstars
James "Thunder" Early (Eddie Murphy) und Effie wird zu
seiner Geliebten. Als die Gruppe jedoch als eigenständiger
Act groß raus kommen soll, entscheidet sich Curtis für
die besser aussehende und leichter zu vermarktende Deena als Frontfrau
und Leadsängerin, womit er Effie tief verletzt. Während
die Band kommerziell durchstartet, werden die Konflikte und Streitereien
hinter den Kulissen immer größer.
"Dreamgirls" ist bravourös inszeniert. Das Setting,
die Kostüme sind bis ins kleinste Detail auf die Zeit der später
60er und frühen 70er Jahre angepasst. Der Film ist auch wunderbar
geschnitten, so dass die Musikeinlagen oft einen zusätzlichen,
durch scharfe und schnelle Schnitttechnik ausgelösten Rhythmus
bekommen. Dazu kommt ein oft beeindruckendes Spiel mit Licht und
Schatten, dass die besondere visuelle Stilistik des Films ausmacht.
Aber das Beste an "Dreamgirls" ist die Besetzung, ein
wirklich großartiges Ensemble. Jamie Foxx hat zwar in "Ray"
nachhaltig bewiesen, wie gut er singen kann, überlässt
dies hier aber hauptsächlich den anderen und brilliert wunderbar
als musikalisch untalentierter aber profitgieriger Manager . Beyoncé
Knowles hat als Popstar schon fast alles erreicht, als Schauspielerin
konnte sie bisher allerdings noch nicht wirklich überzeugen.
Das ändert sich hier mit einer erstaunlich überzeugenden
Vorstellung.
Doch
es sind zwei andere Darsteller, die "Dreamgirls" mit ihrer
Präsenz dominieren. Zum einen ist das die Newcomerin und ehemalige
"American Idol"-Kandidatin Jennifer Hudson in ihrer ersten
Filmrolle, deren grandiose ausdrucksstarke Stimme Vergleiche mit
der jungen Whitney Huston nicht zu scheuen braucht und die hier
allen anderen spätestens mit der herzzerreißenden Ballade
"And I'm telling you I'm not going" die Show stiehlt.
Mit fesselnder Authentizität und einer für eine Newcomerin
unglaublichen Ausdruckskraft ist Hudson Herz, Seele und der wahre
Star von "Dreamgirls". Ein fulminantes Debüt, für
das sie vollkommen zurecht mit Preisen überhäuft wurde,
zuletzt mit dem Golden Globe als beste Nebendarstellerin.
Bei dieser Frauenpower kann nur noch ein Mann mithalten, der "Dreamgirls"
für ein beachtliches Comeback nutzt. Eddie Murphy - der schon
als Esel in der "Shrek"-Reihe sein Gesangstalent präsentierte
- spielt hier vielleicht die Rolle seines Lebens. Nachdem Murphy
in den letzten Jahren fast nur noch in lahmzahmen Familienkomödien
auftauchte (siehe "Der Kindergarten-Daddy",
"Dr. Dolittle" oder "Die
Geistervilla"), hatte man ihn eigentlich schon so gut wie
abgeschrieben. Die Rolle des drogenabhängigen Sängers,
der den Zenit seiner Karriere überschritten hat und sich zugunsten
sicherer Chart-Erfolge nie getraut hat, wirklich aussagekräftige
und relevante Musik zu machen, weist gewisse Ähnlichkeiten
mit Murphys eigener Vita auf. Um so beachtlicher ist nun seine Leistung
hier, die ihm wie Hudson den Golden Globe als bester Nebendarsteller
einbrachte und sich als nachhaltiger Wendepunkt in seiner Karriere
erweisen könnte.
Das ist die eine Seite, die "Dreamgirls"
auszeichnet: Die glamouröse Inszenierung und hervorstechende
schauspielerische Leistungen. Doch hier soll die Geschichte einer
bedeutenden Motown-Band zur Zeiten
der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung (und dem damit einhergehenden,
neuen Selbstbewusstsein in der afro-amerikanischen Musikszene) erzählt
werden.
Es geht also um sehr prägnante und ausdrucksstarke Musikstile
wie Soul, Funk und Rhythm 'n Blues. Doch davon ist in "Dreamgirls"
leider nicht sehr viel zu hören. So paradox das auch sein mag,
aber die Musikeinlagen sind größtenteils kaum mehr als
sterile Popnummern, ganz nett anzuhören, bedingt eingängig
aber nicht mitreißend. Es ist bezeichnend, dass Murphy als
James Early in einer Szene einen ganzen Auftritt hinschmeißt,
um statt seines öden Standard-Programms das wirklich funkige
Stück "Jimmy got Soul" (eine offensichtliche Hommage
an James Brown) zu improvisieren. In diesem Moment ist genau das
zu hören, was man den Rest des Films so schmerzlich vermisst.
Ein anderer Schwachpunkt ist das unausgegorene Drehbuch. In "Dreamgirls"
werden zu viele Handlungsstränge angeschnitten, aber keiner
wird als roter Faden genutzt. Es gibt die interessante Wandlung
von Curtis Taylor hin zum immer skrupelloseren Manager. Die berührende
Geschichte einer nicht dem Schönheitsideal entsprechenden,
grandiosen Sängerin. Eine Schilderung der politischen Situation
der Afroamerikaner in den USA während der Bürgerrechtsbewegung
und der entscheidenden Rolle, welche die Musik darin spielte. Und
natürlich die Mär vom Aufstieg und Fall einer Band im
harten Musikgeschäft. Von all dem will "Dreamgirls"
erzählen, reißt alle Themen an und lässt sie letztendlich
irgendwann zwischen zwei Gesangsakten fallen. Man hätte sich
hier mehr Konsequenz und eine klarere Linie gewünscht.
Und so ist der immerhin auch mit dem Golden Globe als beste Komödie/Musical
ausgezeichnete Film leider nicht mehr als eine zugegebenermaßen
wunderschön anzusehende, toll choreographierte und gespielte
Shownummer geworden, der es vor allem an Herz oder, um bei der Musiksprache
zu bleiben, an Soul fehlt.
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