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Secretary

Secretary
romantik-komödie , usa 2002
original
secretary
regie
steven shainberg
drehbuch
erin cressida wilson
cast
maggie gyllenhaal,
james spader,
jeremy davies,
leslie ann warren, u.a.
spielzeit
104 Minuten
kinostart
25. September 2003
homepage
http://www.arsenalfilm.de/
bewertung

8 von 10 Augen

 

Dass dies keine altbekannte, x-mal schon so oder ähnlich gesehene Liebesgeschichte ist, ist bereits nach der Eröffnungsszene klar. Darin versieht die titelgebende Sekretärin Lee (Maggie Gyllenhaal) die üblichen Bürotätigkeiten - Kaffee kochen, Akten kopieren, Briefe sortieren, das Übliche halt - während (und jetzt wird es unüblich) Kopf und Hände in einer S&M-Bondage-Apparatur stecken. Diese ungewöhnliche, leicht surreal wirkende Eröffnung gibt den Ton für den ganzen Film vor und schützt die Geschichte um zwei neurotische Menschen, die nur in einer Sado-Maso-Beziehung vollkommen sie selbst sein können, vor potentieller Lächerlichkeit oder unangenehmem Sensationalismus.

Lee ist Selbstverstümmlerin. Seit ihrer Kindheit finden Unsicherheit und seelischer Schmerz Ausdruck im selbstzugefügten, körperlichen Schmerz. Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik (einmal gingen die Schnitte zu tief), versucht die junge Frau, ihr Leben neu zu ordnen. Und dazu gehört nun mal ein Job. Auf ein Stellengesuch als Sekretärin hin stellt Lee sich in der Kanzlei von E. Edward Grey (James Spader) vor, einem Neurotiker, der neue Maßstäbe setzt. Zu gleichen Teilen pedantisch und dominant, verstört und sanft, braucht Grey ständig neue Sekretärinnen (und hat in einem köstlichen Sidegag ein Neonschild an der Straße, das aufblinkt, wenn er gerade wieder mal eine neue Assistentin braucht). Lee aber bleibt. Es besteht eine seltsame Chemie, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen diesen beiden Außenseitern. Die sich nach einem Tippfehler Lees darin entlädt, dass Grey ihr kurzerhand den Hintern versohlt. Instinktiv erkennt er Lees geheime Wünsche und Nöte, die der so niedlich-unbeholfen wie erfolglos um sie werbende Jugendfreund Peter (Jeremy Davies) niemals erfüllen oder auch nur erkennen könnte. Und so nimmt eine erstaunlich sanfte, sehr vorsichtige Liebesgeschichte zwischen Masochistin und Sadist ihren Lauf.

Die Geschichte von "Secretary" klingt in dieser Zusammenfassung nach allem möglichem, nur nicht dem, was der Film wirklich ist: Eine ungewöhnliche, aber auf ihre abstruse Weise ganz und gar romantische Liebesgeschichte, die Variante von holdem Fräulein und Märchenprinz in der, ähm, Erwachsenenversion.
Das ist genau das richtige Stichwort. Dies ist ein Film von Erwachsenen für Erwachsene und über Erwachsene. Ein kicherndes Teeniepublikum ist hier ebenso falsch wie der Pornoladenstammkunde oder die aufgebrachte Frauenrechtlerin (Jeder Vorwurf in diese Richtung wäre sowieso absurd, da sowohl Vorlage als auch Drehbuch von Frauen stammen). Stil- und humorvoll umschifft "Secretary" ale möglichen Fallstricke, die das Thema bei zu platter Behandlung durchaus hergibt. Heraus kommt eine Liebesgeschichte die sowohl überrascht als auch überzeugt.
Gerade letztere Leistung kann gar nicht hoch genug bewertet werden, denn bei aller Offenheit für, naja, Neues ist man bei der ein oder anderen Szene schon ein wenig unsicher, was man davon jetzt eigentlich halten soll. Aber das Drehbuch arbeitet beide Charaktere so gut aus, dass auch ihre bisweilen sehr neurotischen Verhaltensweisen zwar befremden aber die Figuren selbst dabei nie fremd werden lassen. Einzig die Lee plötzlich in ihrem eigenwilligen Liebesbeweis für Grey unterstützende Meute aus Freunden, Fans, Medienvertretern etc. kurz vor Ende des Films ist erstens unglaubwürdig und zweitens unnötig. Aber auch dieser kleinere Fehlgriff kann nicht den Eindruck dieses charmanten Independentfilms schmälern.

Der Film funktioniert vor allem wegen Maggie Gyllenhaal, die spätestens nach diesem Film wie ihr Bruder Jake ("Moonlight Mile") zu Hollywoods hoffnungsvollstem Nachwuchs gezählt werden kann und genau wie dieser oder der frühe Tobey Maguire eine leicht in sich versunkene, außerweltliche Ausstrahlung hat. James Spader scheint mittlerweile auf die Rolle eines sexuell extrem unorthodoxen Menschen abonniert zu sein (vergleiche "Crash" und "Sex, Lügen und Video"), sieht als neurotischer Anwalt ein bisschen aus wie Richard Fish aus "Ally McBeal" (dabei allerdings mit den Neurosen der kompletten Kanzlei versehen) und gibt seiner Figur eine charmant sanfte Seite, ohne die die Filmbeziehung und damit auch der Film selbst nicht funktionieren würde.

Das erstaunlichste an einem so radikal anderem Film, als der "Secretary" auf den ersten Blick erscheint, ist, wie konventionell und fast bieder die Botschaft ist: Jeder Mensch kann einen passenden Partner finden. Und auch die andere, fast noch wichtigere Botschaft - nämlich dass wenn beide Partner diese Ausdrucksform bevorzugen, es keine falsche oder perverse Beziehung gibt, sondern nur eine sehr spezielle, auf Individuen zugeschnittene - ist nicht unbedingt neu und fast ein wenig simpel. Aber "Secretary" will ja auch nicht predigen, sondern so intelligent unterhalten, dass man sich auch nach dem Abspann noch mit diesem Film beschäftigt. Das schafft dieser intelligente, kunstvoll inszenierte und gespielte Film vorzüglichst. Denn auch wenn wir hier im Grunde "nur" eine simple kleine Romanze mit zugegebenermaßen interessant unorthodoxen Ideen haben, so ist dies doch eindeutig das Gegenstück zur handelsüblichen RomCom. Romanze? Ja. Komödiantische Elemente? Ja, bittersüß allerdings. Völlige Ideenarmut? Ganz im Gegenteil. Und damit versohlt "Secretary" der (Quasi-) Konkurrenz mächtig den Hintern.

Simon Staake

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