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Dass
dies keine altbekannte, x-mal schon so oder ähnlich gesehene
Liebesgeschichte ist, ist bereits nach der Eröffnungsszene
klar. Darin versieht die titelgebende Sekretärin Lee (Maggie
Gyllenhaal) die üblichen Bürotätigkeiten - Kaffee
kochen, Akten kopieren, Briefe sortieren, das Übliche halt
- während (und jetzt wird es unüblich) Kopf und Hände
in einer S&M-Bondage-Apparatur stecken. Diese ungewöhnliche,
leicht surreal wirkende Eröffnung gibt den Ton für den
ganzen Film vor und schützt die Geschichte um zwei neurotische
Menschen, die nur in einer Sado-Maso-Beziehung vollkommen sie selbst
sein können, vor potentieller Lächerlichkeit oder unangenehmem
Sensationalismus.
Lee ist Selbstverstümmlerin. Seit ihrer Kindheit finden Unsicherheit
und seelischer Schmerz Ausdruck im selbstzugefügten, körperlichen
Schmerz. Nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik (einmal
gingen die Schnitte zu tief), versucht die junge Frau, ihr Leben
neu zu ordnen. Und dazu gehört nun mal ein Job. Auf ein Stellengesuch
als Sekretärin hin stellt Lee sich in der Kanzlei von E. Edward
Grey (James Spader) vor, einem Neurotiker, der neue Maßstäbe
setzt. Zu gleichen Teilen pedantisch und dominant, verstört
und sanft, braucht Grey ständig neue Sekretärinnen (und
hat in einem köstlichen Sidegag ein Neonschild an der Straße,
das aufblinkt, wenn er gerade wieder
mal eine neue Assistentin braucht). Lee aber bleibt. Es besteht
eine seltsame Chemie, ein Gefühl der Verbundenheit zwischen
diesen beiden Außenseitern. Die sich nach einem Tippfehler
Lees darin entlädt, dass Grey ihr kurzerhand den Hintern versohlt.
Instinktiv erkennt er Lees geheime Wünsche und Nöte, die
der so niedlich-unbeholfen wie erfolglos um sie werbende Jugendfreund
Peter (Jeremy Davies) niemals erfüllen oder auch nur erkennen
könnte. Und so nimmt eine erstaunlich sanfte, sehr vorsichtige
Liebesgeschichte zwischen Masochistin und Sadist ihren Lauf.
Die
Geschichte von "Secretary" klingt in dieser Zusammenfassung
nach allem möglichem, nur nicht dem, was der Film wirklich
ist: Eine ungewöhnliche, aber auf ihre abstruse Weise ganz
und gar romantische Liebesgeschichte, die Variante von holdem Fräulein
und Märchenprinz in der, ähm, Erwachsenenversion.
Das ist genau das richtige Stichwort. Dies ist ein Film von Erwachsenen
für Erwachsene und über Erwachsene. Ein kicherndes Teeniepublikum
ist hier ebenso falsch wie der Pornoladenstammkunde oder die aufgebrachte
Frauenrechtlerin (Jeder Vorwurf in diese Richtung wäre sowieso
absurd, da sowohl Vorlage als auch Drehbuch von Frauen stammen).
Stil- und humorvoll umschifft "Secretary" ale möglichen
Fallstricke, die das Thema bei zu platter Behandlung durchaus hergibt.
Heraus kommt eine Liebesgeschichte die sowohl überrascht als
auch überzeugt.
Gerade letztere Leistung kann gar nicht hoch genug bewertet werden,
denn bei aller Offenheit für, naja, Neues ist man bei der ein
oder anderen Szene schon ein wenig unsicher, was man davon jetzt
eigentlich halten soll. Aber das Drehbuch arbeitet beide Charaktere
so gut aus, dass auch ihre bisweilen sehr neurotischen Verhaltensweisen
zwar befremden aber die Figuren selbst dabei nie fremd werden lassen.
Einzig die Lee plötzlich in ihrem eigenwilligen Liebesbeweis
für Grey unterstützende Meute aus Freunden, Fans, Medienvertretern
etc. kurz vor Ende des Films ist erstens unglaubwürdig und
zweitens unnötig. Aber auch dieser kleinere Fehlgriff kann
nicht den Eindruck dieses charmanten Independentfilms schmälern.
Der
Film funktioniert vor allem wegen Maggie Gyllenhaal, die spätestens
nach diesem Film wie ihr Bruder Jake ("Moonlight Mile")
zu Hollywoods hoffnungsvollstem Nachwuchs gezählt werden kann
und genau wie dieser oder der frühe Tobey Maguire eine leicht
in sich versunkene, außerweltliche Ausstrahlung hat. James
Spader scheint mittlerweile auf die Rolle eines sexuell extrem unorthodoxen
Menschen abonniert zu sein (vergleiche "Crash" und "Sex,
Lügen und Video"), sieht als neurotischer Anwalt ein bisschen
aus wie Richard Fish aus "Ally McBeal" (dabei allerdings
mit den Neurosen der kompletten Kanzlei versehen) und gibt seiner
Figur eine charmant sanfte Seite, ohne die die Filmbeziehung und
damit auch der Film selbst nicht funktionieren würde.
Das erstaunlichste an einem so radikal anderem Film, als der "Secretary"
auf den ersten Blick erscheint, ist, wie konventionell und fast
bieder die Botschaft ist: Jeder Mensch kann einen passenden Partner
finden. Und auch die andere, fast noch wichtigere Botschaft - nämlich
dass wenn beide Partner diese Ausdrucksform bevorzugen, es keine
falsche oder perverse Beziehung gibt, sondern nur eine sehr spezielle,
auf Individuen zugeschnittene - ist nicht unbedingt neu und fast
ein wenig simpel. Aber "Secretary" will ja auch nicht
predigen, sondern so intelligent unterhalten, dass man sich auch
nach dem Abspann noch mit diesem Film beschäftigt. Das schafft
dieser intelligente, kunstvoll inszenierte und gespielte Film vorzüglichst.
Denn auch wenn wir hier im Grunde "nur" eine simple kleine
Romanze mit zugegebenermaßen interessant unorthodoxen Ideen
haben, so ist dies doch eindeutig das Gegenstück zur handelsüblichen
RomCom. Romanze? Ja. Komödiantische Elemente? Ja, bittersüß
allerdings. Völlige Ideenarmut? Ganz im Gegenteil. Und damit
versohlt "Secretary" der (Quasi-) Konkurrenz mächtig
den Hintern.
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