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Play your own thing

Play your own thing
dokumentation , deutschland 2006
original
regie
julian benedikt
drehbuch
julian benedikt
cast
dee dee bridgewater,
paul kuhn,
stefano bollani,
till brönner, u.a.
spielzeit
89 Minuten
kinostart
2. November 2006
homepage
bewertung

3 von 10 Augen

Julian Benedikt liebt den Jazz. Er hört und spielt ihn nicht nur oft, sondern macht auch viele Dokumentarfilme über seine Lieblingsmusik. Nach "Blue Note und "Jazz seen" heißt der neuste "Play your own thing" und ist eine Geschichte über den Jazz in Europa.
Die Herkunft des Jazz ist so vielseitig und kompliziert wie die eigentliche Musik. Der Stil mit seinen zahlreichen Wurzeln und Entwicklungen ist so weit verzweigt, dass es schwer ist, noch von einem einzigen Genre zu sprechen. Julian Benedikt, selbst ausgebildeter Jazzmusiker, möchte mit seiner Dokumentation über den Jazz als europäisches Phänomen und gesamteuropäische Identität sprechen. Dabei lässt er insgesamt 45 Musiker aus acht Ländern zu Wort kommen und zeigt Ausschnitte aus Fernsehaufnahmen und Konzerten aus den 50er, 60er und 70er Jahren.

Die Geschichte des europäischen Jazz begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Amerikanische GIs brachten die Musik in die ehemaligen Kriegsschauplätze, und mit dem Aufbruch in eine neue politische Ära änderte sich auch das Bedürfnis nach Unterhaltung und Freizeit. Nach den Jahren der Entbehrungen im Krieg und der totalitären Verhältnisse in Deutschland und Österreich läutete der Jazz ein neues und leichteres Lebensgefühl in Europa ein.
Die ersten Jazzbands kopierten die amerikanische Musik, und so fanden in den alten und baufälligen Clubs der Großstädte die ersten Jazzkonzerte statt, mit amerikanischen und europäischen Künstlern. Erst in den 60er Jahren entwickelten sich dann allmählich eigene Stilrichtungen und die verschiedenen Künstler versuchten ihren Songs eine eigene und unverwechselbare Stimme zu geben. In den Jazzszenen trafen sich Schriftsteller, Maler und andere Intellektuelle, die nach kultureller Vielfalt und neuer Lebensfreude strebten. So bekam der Jazz in jeder Stadt einen anderen, individuellen Charakter.

Nach und nach erzählen Jazzmusiker wie Dee Dee Bridgewater, Paul Kuhn, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Stefano Bollani und Coco Schumann von ihren ersten Begegnungen mit dem Jazz, ihrem Leben in der Szene und ihrem persönlichen Bezug zur Musik. Doch leider ließ Julian Benedikt zu viele Künstler zu Wort kommen, und die einzelnen Sätze und Erzählfragmente, die zu der Musik und den Konzertausschnitten eingeblendet werden, bleiben zusammenhangslos im Raum stehen. Weder erfährt der Zuschauer von dem Werk, dem Einfluss und den Erfahrungen der vorkommenden Personen, noch wird ihm ein Zugang zu ihnen gewährt, zu schnell geht es mit dem nächsten Musiker weiter. Wer den Film nicht als schon komplett vorgebildeter Szenekenner sieht, hat hier kaum eine Chance, mitzukommen.
Zudem hat sich der Regisseur und Produzent das hohe Ziel gesetzt, die Länder England, Deutschland, Italien, Frankreich, Dänemark, Ungarn und die DDR einzeln vorzustellen, und kann dabei nur vorsichtige Außenansichten abliefern, statt die Szene in ihrer Vielfalt wirklich klar vorzustellen. So berichtet die Französin Juliette Gréco lediglich, sie sei in den 60er Jahren so verliebt gewesen, dazu wird ein Liebespaar im Sonnenuntergang eingeblendet. Noch während man sich fragt, wo denn da der Zusammenhang bleibt, vergleicht Gianluigi Trovesi aus Italien den Jazz mit einer Pizza: Auch wenn man andere Zutaten nimmt, bleibt die Definition erhalten.

Benedikt hatte das ohne Zweifel lobenswerte Anliegen, den Jazz aus einer persönlichen Perspektive zu erzählen, und dieser Ansatz ist gerade für eine so eigene und vielschichtige Musikrichtung wie den Jazz gut gewählt. Doch anstatt die Zitate und Interviews zu Informationen zu ordnen, verirrt sich der Zuschauer bald in den vielen Eindrücken und oft widersprüchlichen Aussagen. Weder die Personen, noch die von ihnen beschworenen Emotionen schaffen den Sprung über die Leinwand, zu blass und zu angedeutet bleibt alles im Raum stehen. Während betont wird, dass der Jazz eine starke Musik ist, für die jeder seine eigene Stimme finden muss, bedauert man, dass der Film dies nicht schafft.

Falls Julian Benedikt für den Jazz werben wollte, ist ihm dies nicht gelungen, eher gewinnt man den Eindruck, einen Film über eine veraltete und untergegangene Musik zu sehen. Lediglich Musikhistoriker mit Spezialisierung auf Jazz werden die Dokumentation zu schätzen wissen, für eine breite Gruppe interessierter Zuschauer tut sich ein Rätsel auf.
Juliette Gréco redet davon, dass die Jazzszene eine eingeschworene Gruppe mit eigener Sprache und eigenen Idealen war. Diese Einschätzung überträgt sich leider auch in den Kinosaal: Selten hat man sich als Nicht-Experte in einer Dokumentation so ausgeschlossen und fehl am Platz gefühlt.

Sandra Hertel

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