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Pearl Harbor

Pearl Harbor
action-melodrama , usa 2001
original
pearl harbor
regie
michael bay
drehbuch
randall wallace
cast
ben affleck,
josh hartnett,
kate beckinsale,
alec baldwin,
jon voight,
cuba gooding jr., u.a.
spielzeit
176 Minuten
kinostart
7. Juni 2001
homepage
bewertung

6 von 10 Augen

Jerry Bruckheimer muß 1998 ganz schön sauer gewesen sein. Als dieser blöde James Cameron ankam und einen Film machte, für den doch eigentlich er, der Megamillionen-Produzent, prädestiniert gewesen wäre: Die erste erfolgreiche Verschmelzung von Actionfeuerwerk und Melodrama, im teuersten Film aller Zeiten, ein Machwerk von epochaler Breite und, vor allem, nie dagewesenem Umsatzrekord. Aber Cameron war schneller, mischte in Perfektion historisches Drama mit bedingungslos aufwendigem Action-Spektakel und hievte mit "Titanic" einen Film auf die Leinwand, der sehr viele Filmschaffende sehr neidisch gemacht hat. Ganz besonders wahrscheinlich Jerry Bruckheimer. Schon seit den ersten Gerüchten um "Pearl Harbor" haftete diesem Projekt der schnöde Geruch eines Nachdrehs an, zu nah war das Konzept einfach Cameron's Eisberg-Epos. Keine Punkte für Innovation soweit, aber das war noch nie Bruckheimer's Ding. Nein, die Herausforderung lag woanders: Zum ersten Mal wagte sich die Produzenten-Legende mit seinem Regie-Liebling Michael Bay vom reinen Spaß-Kino weg und wollte etwas Größeres schaffen. Den schwierigen Sprung, den Cameron gemeistert hatte, hin zu einem Film, bei dem die Story nicht mehr das Alibi für die Action ist, sondern die Action essentielle

Die Japaner kommen! Hunderte von Kampffliegern im Anflug auf den
hawaiianischen Hafen Pearl Harbor, wo die Amis ruhig schlafen ...

Notwendigkeit der Story. Cameron gelang es, seine Liebesgeschichte vor den Eisberg zu schieben, und verhalf seinem Film erst damit zum ganz großen Durchbruch. Bruckheimer und Bay versuchen nun das selbe, scheitern jedoch an ihren eigenen Ansprüchen und Unzulänglichkeiten, und liefern somit ein Machwerk ab, das mehr "Armageddon" ist als "Titanic", obwohl es genau umgekehrt beabsichtigt war.

Allerdings kann man niemandem vorwerfen, sie hätten sich keine Mühe gegeben: Stolze 135 Millionen Dollar hat "Pearl Harbor" etwa gekostet, ein Budget, das nur erreicht werden konnte, weil alle beteiligten Stars auf ihre hohen Gagen verzichteten, zugunsten einer Gewinnbeteiligung. Anderswo wurde nicht gespart: Von der ersten Minute an wird geklotzt und nicht gekleckert, in

"Will you still love me tomorrow?" Interessante Frage
für Rafe (Ben Affleck) und Evelyn (Kate Beckinsale)

bester Bruckheimer-Manier gibt es keine halben Sachen in puncto Inszenierung. Und dabei dauert es über eine Dreiviertelstunde bis zum ersten Action-Ansatz. Denn zu Beginn des Films herrscht zwar Krieg, aber nicht für die USA: Im Januar 1941 ist Europa längst ein erbittertes Schlachtfeld, doch die Großmacht hält sich noch aus allem raus, unterstützt Briten und Russen nur mit Materialspenden. Eine der ersten Hilfen militärischer Art ist die Übersendung von Piloten, die für die britische Royal Air Force gegen die deutschen Nazis fliegen. Zu ihnen gehört Rafe McCawley (Ben Affleck), der für diesen Einsatz nicht nur seinen besten Freund und Flieger-Kollegen Danny Walker (Josh Hartnett) zurückläßt, sondern auch seine neue Liebe Evelyn (Kate Beckinsale), mit der ihn eine typische Soldat-Krankenschwester-Eil-Beziehung verbindet, wie es sie in diesen Kriegstagen Tausende gab. Rafe geht also nach England - und wird über dem Ärmelkanal abgeschossen. Danny und Evelyn teilen erst die Trauer, und bald darauf eine gewisse Zuneigung. Doch als sie ihr Glück endlich gefunden zu haben glauben, taucht unverhofft Rafe wieder auf: Seit Monaten im besetzten Frankreich gestrandet, war es ihm nicht gelungen, ein Lebenszeichen zu übermitteln. Dem nun im Raum stehenden Problem kommen indes die Japaner in

Die Pflicht geht vor: Danny (Josh Hartnett, li.) und
Rafe raufen sich notgedrungen zusammen. Der
Commander (Alec Baldwin, mi.) findet's gut.

die Quere: Rafe und Danny haben sich gerade erst geprügelt, da überraschen rund 350 japanische Kampfflugzeuge die amerikanische Pazifikflotte mit runter gelassenen Hosen. Es ist der 7. Dezember 1941, Tag des legendären Angriffs auf Pearl Harbor, offizieller Beginn des zweiten Weltkriegs für alle Amerikaner, und das historische Setup für Jerry Bruckheimer's Opus Magnum.

Daß dies sich nicht würde mit "Titanic" messen lassen können, war zu erwarten. Doch der Anfang lässt auf mehr hoffen: Die ersten zwanzig Minuten haben einen hervorragenden Rhythmus, unterhalten mit Schwung und wirklich gutem Witz und zeigen, daß mit Randall Wallace ein durchaus begabter Schreiberling hier die Feder führte. Diese Anfangsoffensive verläuft sich jedoch bald in einem recht gemächlichen Erzähltempo, Tribut an den Versuch, große Gefühle aufzubauen. Daß dies scheitert und "Pearl Harbor" eben nicht zur größten Love Story seit "Titanic" wird (ein Vergleich, den sogar das begleitende Pressematerial wortwörtlich herauf beschwört), liegt nicht nur an dem wenig einfallsreichen "Zwei Freunde lieben das selbe Mädchen"-Plot, sondern auch daran, daß Regisseur Michael Bay schlichtweg nicht für Romantisches geboren ist. Wie schon bei "Armageddon" versaubeutelt er den emotionalen Wendepunkt und sorgt ungewollt für Lacher im Kinosaal, wenn Ben Affleck mit versteinerter Miene ein Gefühlschaos wiedergeben soll, das so kaum einzufangen ist.
Spätestens hier wird klar, daß es "Pearl Harbor" nicht gelingt, eine eigenständig funktionierende Geschichte zu entwickeln - womit der Film seinen größten Eigenanspruch bereits verfehlt hätte. Der Plot bleibt ein Gimmick, der mehr schlecht als recht über die 85 Minuten hinweg tröstet, die bis zur ersten japanischen Bombe vergehen.
Was dann folgt, ist wohl für die meisten Besucher der eigentliche Grund für den Erwerb einer Eintrittskarte, und enttäuscht in dieser Beziehung keinesfalls: Für knapp 40 Minuten wird gebombt und geballert, was Spezialeffekte und Digitalton hergeben. Was hier jedoch ein wenig ausbleibt, ist das große Whoah-Erlebnis, der richtige Kracher von Szene, der einen zumindest kurz im Kinosessel hochfahren lässt, mit zur Leinwand geballter Faust und einem begeisterten "Yes!" auf den Lippen. Dennoch: Dieser Mittelteil ist aufwendigstes Action-Kino, wie man es sehen wollte, und hier liefert "Pearl Harbor" ohne Grund zur Beanstandung.

Das immanente Problem des Films lauert in vorangegangenem Satz, im Wort "Mittelteil". Nachdem die Rauchschwaden verzogen, die Japaner wieder weg und Präsident Roosevelt's Appelle an die Nation gehalten sind, könnte "Pearl Harbor" durchaus zufriedene Zuschauer entlassen, und über

Haben's eilig, zum heuchlerischen Finale zu gelangen:
Affleck und Hartnett beim Zwischenspurt.

dieser Rezension würden sieben, mit etwas Wohlwollen vielleicht auch acht Augen prangen.
Dem ist nicht so. Denn wie zu erwarten war, konnten Bruckheimer und Bay keinen ehrlichen Film machen. Der Angriff auf Pearl Harbor war, bildlich gesprochen, ein dreister Tritt in Amerikas Hintern. Und wer gerade in den Hintern getreten wurde, kann dabei nicht wirklich gut aussehen. So kann man einen vernünftigen Hollywood-Film natürlich nicht enden lassen. Und drum werden unsere wackeren Piloten auf eine gnadenlos zum moralischen Wendepunkt des Krieges hochstilisierte Himmelfahrts-Mission geschickt, auf das Moral, Pathos und Heldenmut nicht zu kurz kommen mögen und man am Ende voller Stolz die Flagge im Wind zeigen kann. Für diesen heuchlerischen Nachschlag läßt sich Bay fast eine Stunde lang Zeit, ein 60-minütiger Anti-Klimax, arm an Spannung, Action oder Emotionen, den weder die Handlung, noch der Film, noch das Publikum braucht, das mit zunehmender Ungeduld fortwährend auf die Armbanduhr linst.

Man kann sich über so manches an "Pearl Harbor" aufregen: Über den Part von Cuba Gooding jr. zum Beispiel, gerade mal fünf Minuten Leinwandzeit für ein lächerliches Alibi eines Quoten-

Spike Lee dürfte sich mal wieder aufregen:
Cuba Gooding jr.'s Rolle als Alibi-Schwarzer ist
ein schlechter Witz.

Schwarzen. Über die Darstellung der Japaner, die vielleicht neutral und fair ausfallen sollte, jedoch in überästhetisierten Klischees erstickt (Krönung ist ein taktisches Modell im Freien, umgeben von wehenden Fahnen). Über die Unfähigkeit, dem Angriff als historisches Ereignis gerecht zu werden, anstatt ihn nur als Aufhänger für ein Spektakel zu benutzen. Über so viele Dinge, die ein Film hätte tun müssen, der den Ansprüchen gerecht werden wollte, die "Pearl Harbor" sich selbst gestellt hat. Doch am Ende sind es nicht diese verfehlten Ansprüche, die enttäuschen. Man konnte nie wirklich erwarten, daß das Duo Bruckheimer/Bay einen Film hinkriegen würde, der mehr ist als plakative Action, der tatsächlich von einer mitreißenden Liebesgeschichte getragen wird. Was enttäuscht ist die maßlose Selbstüberschätzung dieser Herren, die so sehr auf ihre zweifelsohne vorhandenen Talente vertrauten, daß sie sich alles zumuteten. Und das war einfach zuviel. "Pearl Harbor" ist in den Teilen, wo er feinstes Action-Kino sein soll, sicherlich sein Geld wert. Doch das Drumherum schwankt zwischen nett gemeintem Versuch und ebenso überflüssigem wie ärgerlichem Kriegskitsch. Wenn man bei einem Drei-Stunden-Epos schon nach zwei Dritteln meint, der Film könnte jetzt eigentlich gut aufhören, dann hat irgendwer bei der dramaturgischen Gewichtung Mist gebaut. "Pearl Harbor" ist der Beweis dafür, daß Bay und Bruckheimer für auf pure Unterhaltung fixiertes Popcorn-Kino geboren sind. Aber ganz sicher nicht für mehr. Meister, bleibt bei euren Leisten.

Frank-Michael Helmke

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