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Die Welt ist nicht genug

Die Welt ist nicht genug
action , großbritannien 1999
original
the world is not enough
regie
michael apted
drehbuch
robert wade, neil purvis
cast
pierce brosnan,
robert carlyle,
denise richards,
sophie marceau, u.a.
spielzeit
128 Minuten
kinostart
15. Dezember 1999
homepage
bewertung

8 von 10 Augen
 

Here we go again: Im inzwischen gewohnten Zwei-Jahres-Turnus dürfen sich die Agenten-Freunde weltweit endlich wieder an einem neuen Abenteuer des Gentleman-Spions schlechthin erfreuen. Wie auch im Abspann des letzten Films (genauso wie in diesem) angekündigt: James Bond ist zurückgekehrt. 
Generell geht man davon aus, daß hinlänglich bekannt ist, was man von diesem Film zu erwarten hat. Letztendlich ist es schließlich „nur“ der 19. Bond-Film (wie immer ausgenommen ist der „unauthorisierte“ Feuerball-Aufguss „Sag niemals nie“), aus Erfahrung weiß jeder, was in so einen Film gehört, und was nicht. Aufbau, Charaktere und Handlung sind sowieso immer gleich. Das ist zwar nicht sehr einfallsreich, aber wir haben uns an dieses Konzept gewöhnt, und schließlich ist es halt Bond, so und nicht anders. Weit gefehlt. Frei nach der Devise „Nichts ist so langweilig wie unsere Klischees von gestern“ geht dieser neue Bond hin und variiert fröhlich drauflos, daß man zwar immer noch einen Bond klassischen Designs vor sich hat, aber mit einer völlig neuen Lackierung. Alles neu macht die Neunzehn. Das geht schon los mit dem traditionellen Teaser-Teil: Ungefähr doppelt so lang wie seine Vorgänger, gibt es hier nicht nur eine Action-Sequenz, sondern gleich zwei. Am Anfang ist Bond damit beschäftigt, den Killer eines anderen 00-Agenten zu identifizieren (was nicht gelingt), sowie währenddessen einen mächtigen Haufen Bargeld sicher zu stellen, wobei er unerwartete Hilfe eines unbekannten Scharfschützen erhält. Nach der Rückkehr ins Hauptquartier von MI6, dem britischen Geheimdienst, geht es gleich weiter, denn besagtes Geld war fies präpariert, was zu einer mächtigen Explosion führt und anschließend zu einer High-Speed-Verfolgungsjagd auf der Themse, die sich ohne weiteres mit dem legendären Rennen durch die Sümpfe Louisianas in „Leben und sterben lassen“ messen kann. Und am Ende haben wir ein Novum: Bond hat keinen Erfolg. Die Attentäterin kann nicht gefasst werden, sondern bringt sich vorher um (schon mal einen Selbstmord bei Bond gesehen?), und unser Superheld knackst sich die Schulter an. Ja, auch James Bond ist verletzlich.
Ein Attentat mitten im MI6, das ist schon unerhört genug, aber dabei ist auch noch ein sehr guter Freund von M umgekommen, der Öl-Magnat Robert King. Der war gerade dabei, eine mächtig lange Pipeline von Aserbaidschan nach Europa zu bauen, und ganz offensichtlich hat da jemand etwas dagegen. So wird Bond ausgeschickt, um Kings Tochter Elektra (Sophie Marceau) zu beschützen, das potentiell nächste Ziel der Terroristen. Deren Anführer ist ein gewisser Renard. Dem muß man keine Kugel in den Kopf schießen, weil schon eine drin ist, das Ergebnis eines Attentat-Versuchs von 009. Renard stirbt langsam an dieser Kugel, aber was viel wichtiger ist, sie blockiert seine Sinneswahrnehmung. Der Mann verspürt keinen Schmerz. Und er ist sowieso so gut wie tot, also was kann er überhaupt wollen?
Und schon haben wir die nächsten Neuerungen: Denn im Gegensatz zu früheren Bond-Filmen tappt der Zuschauer extrem lange im Dunkeln, was das tatsächliche Motiv des Schurken betrifft, und als es dann letztlich gelüftet wird, ist es so Bond-atypisch, das man es erst kaum glauben mag. Dies hängt vor allem mit dem Charakter Renard zusammen, der so ziemlich der vielschichtigste Bösewicht ist, den die Bond-Reihe je gesehen hat, eine schon fast tragische Figur mit ordentlich herausgearbeiteter Hintergrundgeschichte.
Und dann wäre da noch Elektra. Sie wird allseits umjubelt als die erste komplexe Frauenrolle in der Bond-Geschichte, und das ist keine Übertreibung. Zum ersten Mal sieht sich der Ober-Macho mit einer Frau konfrontiert, die nicht nur eigenständig denkt, sondern dies auch noch besser tut als er.

Das ist schon fast eine Demontage der Bond-Figur, aber in diesem Film werden sowieso Facetten angedeutet, die man dem Wodka-Martini-Trinker gar nicht zugetraut hätte, und da ist die Auseinandersetzung mit der eigensinnigen Elektra nur ein weiterer Aspekt, der Menschlichkeit in diesen Charakter bringt. Bond wirkt verletzlich (die schmerzende Schulter wird noch des öfteren gezielt malträtiert), emotional und verzweifelt (in manchen Augenblicken verliert er vollständig seine Coolness und damit auch den Überblick), und hat hin und wieder die Situation alles andere als unter Kontrolle. An diesem Punkt kommt dann auch das zweite Bond-Girl ins Spiel: Die Nuklearwaffen-Expertin Christmas Jones („Keine Witze! Ich kenne sie alle.“ Wobei ich ihre Vorstellung als Dr. Jones sowieso wesentlich komischer fand), gespielt von Denise Richards, die so ganz nebenbei bei ihrem ersten Auftritt klar macht, wer die einzig wahre Besetzung für Lara Croft in der „Tomb Raider“-Verfilmung wäre. Sie wird alsbald zur ständigen Begleiterin und ist für die Entschärfung (oder auch nicht) der einen oder anderen Kernwaffe zuständig. Da ist mächtig Action angesagt, und das ist einer der wenigen Aspekte, in denen der Film seiner Tradition absolut treu bleibt: Die Action-Sequenzen sind einfallsreich, atemberaubend, packend und von wahnwitzigem Tempo, wie eh und je, und streckenweise sogar besser. Das ist um so erstaunlicher, wenn man weiß, daß Regisseur Michael Apted vorher noch nie einen Action-Film inszeniert hat. Seine bekanntesten Werke sind „Gorillas im Nebel“, „Nell“ und „Extrem“. Das erklärt dann auch, warum die überraschenden Charakter-Vertiefungen so gut gelungen sind. Apted hätte sich mit Klischee-Figuren gewöhnlicher Bond-Filme sicher unterfordert gefühlt, und die Darsteller danken es ihm: Robert Carlyle und Sophie Marceau sind absolut famos, und auch Brosnan liefert seine bis dato beste Vorstellung als Super-Agent ab.
Weitere, entscheidende Variationen des Ur-Schemas betreffen die ewigen Nebenfiguren vom Hauptquartier: „Die Welt ist nicht genug“ erlebt den Abschied von Q, der seit „Liebesgrüße aus Moskau“ für die vielen netten kleinen Gimmicks verantwortlich war. Auf fast rührende Weise inszeniert der alte Haudegen seinen stillen Abgang und stellt gleichzeitig seinen Nachfolger vor, konsequenterweise R genannt. Dieser wird gespielt von John Cleese, der so eine hübsche Prise frischen englischen Humors in die Reihe bringt und in weiteren Filmen sicher noch viel Freude bereiten wird. 
M steigt in diesem Film von einer Kurzerscheinung zu einer plot-immanenten Figur auf. Zwar nach wie vor Nebencharakter, ist die Geheimdienstchefin (wieder von Oscar-Preisträgerin Judi Dench gespielt) fast die gesamte Handlung über präsent und wird zu einem entscheidenden Faktor im großen Finale. Und auch sie zeigt zum ersten Mal mehr als bloßes Chefdasein, denn als Freundin des verstorbenen Robert King fühlt sie sich dem Schutze Elektras persönlich verpflichtet, eine Emotion, die selbstverständlich wesentlich mehr schadet als nutzt. Trotz alledem trägt auch dies dazu bei, etwas in die Bond-Serie einzubringen, was eigentlich immer gefehlt hat: Menschlichkeit.

„To bondly go where no Bond has gone before“ trifft allerdings nicht ganz zu. Denn so ein Versuch wurde schon einmal gestartet. Als Sean Connery die Reihe verlassen wollte, inszenierte man mit dem Australier George Lazenby „Im Geheimdienst ihrer Majestät“, der damals sehr gespalten aufgenommen wurde, unter den Fans hingegen den Status des leisen Klassikers unter den Bond-Filmen genießt, eben weil dort kräftig variiert wurde (Bond hat sogar geheiratet, leider hat seine Ehefrau den Film nicht überlebt). Der neue Bond ist sich dieser seiner Wurzeln durchaus bewußt, und so zitiert der gute James an entscheidender Stelle denn auch den Filmtitel als Leitmotiv seines Clans: „Die Welt ist nicht genug“, auf lateinisch „Orbis non sufficit“ steht als Schriftzug im Familienwappen der Bonds, welches in besagtem „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ in die Kamera gehalten wurde. Bond bekam damals tatsächlich einen menschlichen Background, worauf niemand gefasst war und was letztlich sicher einen großen Anteil daran hatte, daß sowohl George Lazenby als auch dieses neue Konzept keinen weiteren Bond-Film erlebten.
Gut dreißig Jahre später sind sowohl Bond als auch sein Publikum sehr wohl dafür bereit: Gerade, als der Superagent drohte, in ewige Selbstzitate und Schablonen-Inszenierung abzurutschen, wird eine subtile Generalüberholung vorgenommen, die die Serie bereit macht für die nächsten neunzehn Teile. Alle klassischen Elemente sind enthalten, so daß sich kein Fan beschweren kann, aber wo Freiheiten sind, werden diese auch konsequent ausgenutzt. Und das ist erfrischend anders. Es ist nicht so, daß wir hier einen komplett neuen Bond vor uns haben. Die Variationen sind klein, teilweise unauffällig und fallen einzeln sicher nicht ins Gewicht. Aber in der Masse sind sie unübersehbar, und wenn die Produzenten diesen doch recht mutigen Weg weitergehen, dann besteht durchaus die Möglichkeit, daß aus dem ewiggestrigen James Bond tatsächlich noch ein subtiler und facettenreicher Charakter wird. Den Sexismus ist er auf jeden Fall schon erfolgreich los geworden, und die humorigen One-Liner werden wirklich nur noch angebracht, wenn die Stimmung auch entsprechend ist (so ganz ohne Christmas-Gags kommen wir natürlich nicht aus).

Würde die ganze Filmwelt nur aus Bonds bestehen, so würde „Die Welt ist nicht genug“ in die Geschichte eingehen als revolutionärer Meilenstein, der allem eine neue Richtung gab, wenn auch in kleinen Schritten. Die Filmwelt besteht aus mehr als Bonds, und daher kann dieser Film nicht wirklich wichtig sein. In seinem eigenen kleinen Kosmos ist er jedoch einer der besten Filme aller Zeiten (abgesehen von „Goldfinger“ und dem erwähnten „Im Geheimdienst ihrer Majestät“), und mit Sicherheit der beste Bond, den man heutzutage machen kann. Ein größeres Lob kann man diesem Film eigentlich nicht aussprechen.

 

 

Frank-Michael Helmke

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